EHRE
eye)
Ha
Ei Fi ©
in 4
Ai
RNIT
Eu A
Hr IM
Kt:
} ! Han
Ye Hp
Rau
jede
4 .
|
|
|
En
r
nn
His I
E
a
HERE)
ee
5
N H N
Hi
NEE E H
aaa
Hin
A
SL aSa 32 3222 2222725553
ir.
SITaasE
Man!
NE
ID»
7 5_pr:nb 1399 Ki)
Populäre
biologische Vorträge
Von
Dr. Hans Molisch
o. ö. Professor und Direktor des pflanzenphysiologischen Institutes an der Universität Wien
Zweite, durchgesehene und erweiterte Auflage
Mit 71 Abbildungen im Text
LIBRARY
KEW vYoRs
BOTANICAI
BARDEN
Jena
Verlag von Gustav ‚Fischer
1922
LIBKART
NEW YORK
BOTANICAL
GARDEN
‚Klarheit ist die Höflichkeit derer, welche
öffentlich reden.“ Arago.
Vorwort zur ersten Auflage.
Geeignete Kapitel der Biologie und neu gefundene Tatsachen
“nicht bloß in wissenschaftlichen Zeitschriften den Fachgenossen mit-
zuteilen, sondern auch einem größeren, gebildeten Laienpublikum
in volkstümlicher, allgemeinverständlicher Form vorzutragen, hat
mich stets mit Befriedigung erfüllt. So habe ich im Laufe der
letzten zwei Jahrzehnte an verschiedenen Orten zahlreiche populäre
Vorträge zumeist aus dem Gebiete der Biologie der Pflanze ge-
halten, von denen ı7 ausgewählt hier in Buchform der Öffentlich-
keit übergeben werden.
Ich habe mich hierzu entschlossen, weil die meisten zuerst
an Orten gedruckt wurden, wo sie nur einem kleinen Kreis von
Naturfreunden zugänglich waren, und weil einzelne davon ver-
griffen sind und viele Wünsche nach Sonderabdrücken laut wurden,
die ich leider nicht. befriedigen konnte.
Die Vorträge sind alle so gehalten, daß sie jeder gebildete
Laie ohne weiteres verstehen kann. Vieles, was heute in populären
Vorträgen geboten wird, ist in Wirklichkeit gar nicht dem Laien
verständlich, weil es zu viel an speziellen Kenntnissen voraussetzt
und in allzu gelehrter Sprache vorgebracht wird. Auch liebt man
es leider, in volkstümlichen Vorlesungen über das Ziel hinauszu-
schießen, um sensationell zu wirken. Solche Fehler zu vermeiden,
war ich stets eifrig bemüht — zum Besten der Wahrheit und
Klarheit.
Wien, Weihnachten ı919.
Hans Molisch.
NOV4- 101
Eh
Vorwort zur zweiten Auflage.
Wenn diese Vorträge, zwei Jahre nach ihrem Erscheinen,
vergriffen waren, so müssen sie bei einem größeren Leserkreis
Interesse erweckt haben. Dies gab mir den Mut, der Einladung
meines Herrn Verlegers, eine Neuauflage vorzubereiten, Folge
zu leisten.
Ich war ’in der glücklichen Lage, die Vorträge um zwei
neue zu vermehren, die vielleicht dem Leser nicht unwillkommen
sein werden. Der eine bezieht sich auf die letzte botanische
Arbeit Goethes über die Spiraltendenz und ihren Zusammenhang
mit einer von Ch. Darwin geäußerten Idee über die kreisende
Urbewegung in der Pflanze. Der andere Vortrag „das lebende
Reagens“ beschäftigt sich mit der Verwendung des Lebewesens
zum Nachweis bestimmter Stoffe.
Die Zahl der Abbildungen wurde gleichfalls vermehrt, sie
ist von 63 auf 71 gestiegen.
Zum Schlusse kann ich es nicht unterlassen, herzlichen Dank
zu sagen meinen 4 Assistenten, den Herren Doktoren G. Klein,
A. Limberger, J. Kisser und H. Brunswik, desgleichen meinem
Herrn Verleger, der keine Mühe und Kosten gescheut hat,
meinem Buche eine trotz der schweren Zeit vortreffliche Aus-
stattung zu geben.
Wien 1922.
Hans Molisch.
vo, un PB NND le
-
°
. Botanische Paradoxa.
{men BEE Ba „Zee Bau Bee Be
on Nun
19. Das lebende Reagens.
Autorenverzeichnis
. Goethe als Naturforscher.
Das Leuchten der Pflanzen.
. Ultramikroskop und Botanik.
. Das Erfrieren der Pflanzen.
. Über den Ursprung des Lebens. 1911
. Das Radium und die Pflanze. Se ;
. Der Naturmensch als Entdecker auf Koniechen Gebiete
. Der Scheintod der Pflanze. RR : u a
. Die Verwertung des Abnormen und Pathologischen in em en
1919
1921
Inh
1899
. Eine Wanderung durch den javanischen Drbald‘
. Reiseerinnerungen aus China und Japan.
1907
1909
1910
1912
1914
. Die Wärmeentwicklung der Pflanze.
alt.
1901
. Warmbad und Pflanzentreiberei. 1909 .
1917
1900 .
. Biologie des atmosphärischen Staubes (Aöroplankton), 1916
. Über die Herstellung von Photographien in einem Tarot:
. Über die Kunst, das Leben der Pflanze zu verlängern. 1918
1913
1914
. Goethe, Darwin und die Spiraltendenz im Pflanzenreiche. 1920
1915
E
Goethe als Naturforscher’).
Als Alexander v. Humboldt die deutsche Übersetzung: seiner
Ideen zu einer Geographie der Pflanzen nebst einem Naturgemälde
der Tropenländer an Goethe übersandte, fügte er dem Dedikations-
exemplare eine von Thorwaldsens kunstgeübter Hand entworfene
Vignette bei, welche auf die in Goethe vorhandene Vereinigung
von Dichtkunst, Philosophie und Naturkunde anspielen und an-
deuten sollte, daß es auch der Poesie gelingen könne, den Schleier
der Natur aufzuheben. Wenige deutsche Dichter dürfen sich
rühmen, dieses Talent zu besitzen. Albrecht v. Haller und Adalbert
v. Chamisso gehörten dazu und in besonderem Grade Goethe.
Wenn ich es versuchen will, Goethe als Naturforscher in ge-
drängter Kürze zu schildern, geschieht dies nicht etwa in der Ab-
sicht, Neues von wesentlicher Bedeutung über Goethe zu bringen,
denn wer vermöchte dies bei dem großen Weimarer Dichter, der
schon so oft und so glänzend von so vielen Gesichtspunkten aus
beleuchtet wurde? Wenn ich über Goethes naturwissenschaftliches
Talent spreche, so gilt es vornehmlich, den Tribut unserer Ver-
ehrung in dem Jahre, in dem sich sein Wiegenfest zum ı50. Male
jährt, zu zollen und die Erinnerung an den außerordentlichen Mann
rege zu erhalten.
Eine der hervorragendsten Eigenschaften Goethes ist sein
Streben nach universeller Bildung. Rastlos arbeitet er sein langes
Leben lang an seiner harmonischen Ausbildung; wo er darin eine
Lücke bemerkt, sucht er sie zu beseitigen. IJnd eine solche Lücke
war iin dem jungen Goethe vorhanden nach der naturwissenschaft-
lichen Seite hin. Wir verdanken Goethe selbst eine anziehend
!) Vortrag, gehalten in der Lese- und Redehalle der deutschen Studenten in Prag
anläßlich der Feier des 150. Wiegenfestes Goethes 1899; zuerst erschienen in der
Sammlung gemeinnütziger Vorträge, herausgegeben vom Deutschen Vereine zur Ver-
breitung gemeinnütziger Kenntnisse in Prag, 1900.
Molisch, Populäre biologische Vorträge. 2. Aufl. 1
— I} —
geschriebene Geschichte seiner botanischen Studien und in dieser
bekennt er offen: „Von dem hingegen, was eigentlich äußere
Natur heißt, hatte ich keinen Begriff, und von ihren sogenannten
drei Reichen nicht die geringste Kenntnis.“ Und weiter heißt es:
„In das tätige Leben jedoch sowohl als in die Sphäre der Wissen-
schaft trat ich eigentlich zuerst, als der edle Weimarische Kreis
mich günstig aufnahm; wo außer anderen unschätzbaren Vorteilen
mich der Gewinn beglückte, Stuben- und Stadtluft mit Land-,
Wald- und Gartenatmosphäre zu vertaüschen!).“
Der Aufenthalt im Thüringer Wald, die Jagd, der Umgang
mit Forstmännern und Geologen weckten alsbald den schlummern-
den Sinn für Natur und insonderheit die. Lust zur Botanik. Das
artenreiche Geschlecht des Enzians beginnt den Dichter zu fesseln,
Linnes Terminologie begleiten ihn auf seinen Ausflügen und
Linnes Philosophie der Botanik wird Gegenstand seines täglichen
Studiums. In Karlsbad bringt der junge pflanzenkundige F. G
Dietrich ganze Bündel gesammelter Gewächse zu Goethe, noch
bevor dieser seine Becher heim Brunnen geleert hatte, und nennt
ihm unter lebhafter Anteilnahme des Kurpublikums die Namen.
Solche Tätigkeit, die nur aufs Bestimmen und Beschreiben
hinauslief, konnte Goethe nicht auf die Dauer befriedigen. „Trennen
und Zählen“ war nicht seine Sache, und die starre Terminologie
Linnes, welche das Ungleichartigste oft gewaltsam verband, mußte
unseren Dichter, dem die „Mobilität und Biegsamkeit“ der Gewächse
allmählich auffiel, bald mit Widerwillen erfüllen.
Immer mehr sieht er sich gedrängt, dem Grundplan in der
Architektur der höheren Pflanze nachzuspüren, denn merkwürdiger-
weise wußte man von diesem zu einer Zeit, da der innere Bau
der Pflanze beiläufig bekannt war, recht wenig. Die Lehre von
der äußeren Gestalt der Pflanze, die Morphologie als wissenschaft-
liche Disziplin, fehlte; sie als einer der ersten mitbegründet zu
haben, ist das große Verdienst Groethes.
Wie überall zeigt uns die Pflanze in der Ausbildung ihrer
Organe eine überaus große Mannigfaltigkeit. An einer einjährigen
Blütenpflanze unterscheiden wir Wurzel, Stengel, Blätter, Kelch,
Krone, Staubgefäße und Fruchtknoten. Dem gesunden Blick
!) Goethes Werke, herausgegeben im Auftrage der Großherzogin Sophie von
Sachsen-Weimar. II. Abt. 6. Bd. Zur Morphologie. I. T. S. 98.
Alle in diesem Vortrage nach Goethe zitierten Stellen beziehen sich auf diese
Ausgabe.
— 3 _—
Goethes blieb die innere Verwandtschaft zwischen dem Laubblatt
und den Blütenteilen nicht lange verborgen, er erkannte, daß Kelch,
Krone, Staubgefäße und Fruchtknoten metamorphosierte Blatt-
gebilde sind — eine Auffassung, die sich bis auf den heutigen Tag
erhalten hat und die auch von dem großen Morphologen Alexander
Braun im Goetheschen Sinne weiter verwertet wurde.
Das Grundorgan der Pflanze ist nach Goethe das Blatt mit
dem damit verbundenen Stengelknoten; dieses ist gewissermaßen
der Baustein, mit dem die Pflanze operiert und mit dem sie in
beständiger Verwandlung gleichsam „wie auf einer geistigen Leiter“
emporsteigend, ihre Architektur vollendet. Alle diese Veränderungen
der Blätter, von den Kotyledonen bis hinauf zum Fruchtblatt,
machen die Metamorphose der Pflanze aus. Auch heute noch
wird man den Kern der Metamorphosenlehre als richtig aner-
kennen müssen, wenngleich der Dichter die Wurzel und den Stengel
als Grundorgan nicht erkannte und beide beiseite liegen ließ, und
auch über den Grund der fortschreitenden Verwandlung eine un-
haltbare Ansicht aufstellte.
Auf dem Wege der Metamorphosenlehre kam Goethe zu dem
Urblatt und endlich zur Urpflanze, indem er das allen Blüten-
pflanzen Gemeinsame, also den Bauplan .abstrahiert- Nach Goethe
ist die Urpflanze ein Modell, „nach dem man Pflanzen ins Unend-
liche erfinden kann, die alle eine innere Wahrheit besitzen, die
alle, wenn sie auch nicht existieren, doch existieren könnten.“
Die Urpflanze Goethes ist also nichts Reales, sondern, wie
es Schiller ganz richtig bezeichnete, eine Idee. Als Goethe und
Schiller im Frühjahre 1794, bis dahin sich noch immer kalt gegen-
überstehend, nach einem Vortrage des Botanikers Batsch in der
naturforschenden Gesellschaft zu Jena auf dem Heimweg sich über
naturwissenschaftliche Dinge unterhielten, setzte Goethe Schillern
die Metamorphosenlehre auseinander, betrat im Eifer des Zwie-
gesprächs zum ersten Male Schillers Wohnung und entwarf ihm
rasch eine symbolische Zeichnung der Urpflanze. „Das sei keine
Erfahrung, das sei eine Idee,“ bemerkte Schiller, worauf Goethe
erwiderte, „dann könne er Ideen mit Augen sehen?).“ Seit jenem
(Grespräche datiert die Freundschaft der beiden größten deutschen
Dichter, die für das deutsche Volk so herrliche Früchte trug.
Goethes Urpflanze darf demnach, nicht wie manche glauben,
als Urpflanze im deszendenztheoretischen Sinne aufgefaßt werden,
!) Vgl. Goethe-Jahrbuch II, S. 168.
1*
eine solche wäre im Bereiche der Blütenpflanzen, an welche sich
der Dichter bei seinen Studien ausschließlich gehalten hat, nicht
zu suchen gewesen, denn, wenn es eine solche Urpflanze gibt oder
gegeben hat, so ist dieselbe aller Wahrscheinlichkeit nach im Be-
reiche der einzelligen Kryptogamen zu finden. In der Zelle er-
blicken wir heute den Baustein der Pflanze und im einzelligen
J.ebewesen sehen wir die Wurzel, aus welcher Pflanzen- und Tier-
reich entsproß. |
Nach Goethes Rückkehr aus Italien wurde 1790 seine Meta-
morphose der Pflanze der Öffentlichkeit übergeben, doch der Er-
folg, auf den der Verfasser sicher gerechnet hatte, blieb zunächst
vollends aus. „Aus Italien, dem formenreichen, war ich in das
gestaltlose Deutschland zurückgewiesen, heiteren Himmel mit einem
düsteren zu vertauschen; die 'Freunde, statt mich zu trösten und
wieder an sich zu ziehen, brachten mich zur Verzweiflung!).“
Abgesehen davon, daß sein früherer Verleger Göschen die
Schrift nicht annahm, weil er an ihrem Erfolg zweifelte, fand er
auch bei seinen Freunden kein Verständnis, hatte ja sogar einer
seiner römischen Kunstfreunde gemeint, der Verfasser der Meta
morphose habe die Absicht, den Künstler zu lehren, wie sprossende
und rankende Blumenverzierungen zu erfinden sind.
Seinen Freundinnen, die an seiner abstrakten Gärtnerei gleich-
falls keinen Geschmack finden konnten, kommt Goethe, um sie
zur Teilnahme zu bewegen, durch die bekannte Elegie entgegen,
die mit den Versen beginnt:
„Dich verwirret, Geliebte, die tausendfältige Mischung
Dieses Blumengewühls über dem Garten umher;
Viele Namen hörest Du an und immer verdränget
Mit barbarischem Klang einer den andern im Ohr.
Alle Gestalten sind ähnlich und keine gleichet der anderen;
Und so deutet der Chor auf ein geheimes Gesetz,
Auf ein heiliges Rätsel.“ — — —u—
Helmholtz?) hat darauf aufmerksam gemacht, daß genial
veranlagte Personen auf ihre bewundernswerten Leistungen, die
sie kraft ihres Genies gewissermaßen spielend vollbringen, nicht
selten weniger Gewicht legen, als auf ihre geringeren, doch mühe-
volleren. So bemerkte einst Richard Wagner, er schätzte seine
!) Goethes Werke. ].c. Morphologie I. T. S. 131.
2) H. v. Helmholtz, Goethes Vorahnungen kommender naturwissenschaftlicher
Ideen. Deutsche Rundschau. 72. Bd. 1892. S. 118.
— 5 —
Verse höher als seine Musik, und Goethe äußerte gegen Ecker-
mann, er glaube in der Farbenlehre Bedeutenderes geleistet zu
haben als in seinen Gedichten. Auch mit der Metamorphose hatte
sich unser Dichter lange abgemüht, um so mehr schmerzte ihn
daher der anfängliche Mißerfolg.
Nach und nach jedoch begann der Widerspruch der Fach-
gelehrten zu verstummen, und die Metamorphose übte schließlich
einen bedeutenden Einfluß auf die Morphologie — trotzdem
Goethes Schrift in der epochemachenden „Theoria generationis“
Caspar Friedrich Wolffs eine ausgezeichnete Vorläuferin hatte, die
der Dichter aber erst nach der Veröffentlichung seiner Meta-
morphose kennen lernte.
Wie sehr Goethe das Studium der Pflanzengestalt fesselte,
geht auch aus dem kurz vor seinem Tode geschriebenen Essai
„Über die Spiraltendenz der Vegetation“ hervor. Angeregt
durch Don, Lindley, Dutrochet und insbesondere durch einen Vor-
trag Philipp von Martius’ in München (1827) über die Architek-
tonik der Blüten, in welchem der berühmte Reisende und Ver-
fasser der Flora Brasiliensis zeigte, daß die Blütenblätter oft nicht in
Kreisen, sondern in Spiralen angeordnet sind, bemüht sich Goethe,
an der Hand zahlreicher Beispiele zu zeigen, daß in der Pflanze
überhaupt eine Spiraltendenz vorhanden sei. Die spiralige An-
ordnung der Arum-, Mais- und vieler anderer Früchte um eine
Mittelsäule, die schraubige Bewegung des Windlings, die Schrauben
der Ranken der Leidensblume, des Weinstocks, die schrauben-
förmige Anordnung der Blätter bei Pandanus odoratissimus, die
Einrollung junger Farnblätter, die Schraubenwindungen eintrock-
nender Hülsenfrüchte, der weiblichen Blütenstiele von Vallisneria,
die schraubige Drehung vieler Baumstämme, der Holzfasern, die
Spiralgefäße, die Bewegungen der Oszillarien — all das führte
ihn auf die Idee einer Spiraltendenz. Neben dieser sollte auch
eine Vertikaltendenz herrschen. „Diese ist anzusehen wie ein
geistiger Stab, welcher das Dasein begründet und solches auf
lange Zeit zu erhalten fähig ist. Dieses Lebensprinzip manifestiert
sich in den Längenfasern, die wir als biegsame Fäden zu dem
mannigfaltigsten Gebrauch benutzen; es ist dasjenige, was bei den
Bäumen das Holz macht, was die einjährigen, zweijährigen auf-
recht erhält, ja selbst in rankenden kriechenden Gewächsen die
‚Ausdehnung von Knoten zu Knoten bewirkt. Sodann haben wir
die Spiralrichtung zu beobachten, welche sich um jene herum-
u
schlingt!).“ An anderer Stelle betrachtet er, da der männliche
Blütenstiel der Vallisneria gerade bleibt, der weibliche sich aber
schraubig windet, das vertikalstrebende System als das männliche
und das spiralstrebende als das weibliche: „So können wir uns
die ganze Vegetation von der Wurzel auf androgynisch insgeheim
verbunden vorstellen; worauf dann im Verfolg der Wandlungen
des Wachstums die beiden Systeme sich im offenbaren Gegensatz
auseinander sondern, und sich entschieden gegeneinander über-
stellen, um sich in einem höheren Sinne wieder zu vereinigen?).“
Solche Äußerungen beweisen wohl deutlich, daß auch Goethe
im Banne der Naturphilosophie Hegel-Schellings stand. Befreien
wir aber Goethes Abhandlung über die Spiraltendenz ihres einem
nüchternen Naturforscher ungenießbaren Gewandes, so ergibt sich
auch hier ein gesunder Kern, der wie eine Vorahnung jener Auf-
schen erregenden Idee erscheint, die 5o Jahre später Darwin in
seinem „Bewegungsvermögen der Pflanze“ auf breiter induktiver
Basis auszuführen versuchte. Denn nach des großen Briten An-
sicht ist die kreisende Bewegung der windenden Pflanzen nicht
bloß auf diese beschränkt, sondern als eine Urbewegung der
Pflanze überhaupt eigentümlich.
Wie die neueren Forschungen auf Grund des Goethe-Archivs
ergeben haben, trieb Goethe neben Alexander v. Humboldt als
einer der ersten auch pflanzenphysiologische Studien. Über seine
Versuche, betreffend die Einwirkung des Lichtes auf das Wachstum
der Pflanzen, liegen sehr ausführliche und genaue Versuchsproto-
kolle vor. Keimlinge der verschiedensten Art, zum großen Teile
solche, die auch in modernen physiologischen Laboratorien zu be-
liebten Versuchsobjekten gehören, werden im Finstern, in gewöhn-
lichem Lichte und unter farbigen Gläsern gezogen und die Ein-
wirkung geprüft. „Das Licht, indem es auf die Farben der Pflanzen
wirkt, wirkt zugleich auf die Form; die Pflanzen, die im Finstern
wachsen, entwickeln die Stengelglieder länger als billig; keine
Seitenzweige werden erzeugt; die Metamorphose der Pflanzen findet
nicht statt. Das Licht versetzt sie sogleich in tätigen Zustand, die
Pflanze erscheint grün und der Gang der Metamorphose bis zur
Begattung geht unaufhaltsam fort?).“ Die ausführlichen Versuchs-
1) Goethes Werke. I.c. 7. Bd. Morphologie II. T. S. 38.
2) Goethes Werke. ].c. S. 67.
3) Zitiert nach F. Cohn, Die Pflanze. Breslau 1896. II. Aufl. III. Goethe als
Botaniker. S. 106.
— ri —
Ä
protokolle lassen Goethe als einen ausdauernden und eine breite
Basis liebenden Experimentator erkennen, ebenso wie bei seinen
morphologischen, so erscheint er auch bei seinen physiologischen
Arbeiten in Hinsicht der Arbeitsweise als ein Vorläufer moderner
Forscher.
Doch Goethe blieb bei der Pflanze nicht stehen. Schon
früher wußte man und nun weiß man nach Aufschließung des
Goethe-Archivs erst recht, daß unser Dichter nicht bloß dilettantisch
und oberflächlich, sondern zielbewußt und ungemein intensiv
Menschen- und Tieranatomie getrieben hat. Seine künstlerischen
Bestrebungen, die Vorliebe für Zeichnen und Malen und das große
Interesse für Lavaters Physiognomik, zu welchem Werke er selbst
Beiträge lieferte, führten ihn zu Anfang der achtziger Jahre zur
Knochenlehre und zu ernsten Untersuchungen darüber unter An-
leitung des Jenenser Professors Loder. Zahlreiche von Goethes
Hand herrührende Skizzen und Zeichnungen geben Zeugnis davon,
daß er sich bis in die kleinsten Details des Menschen- und Säuge-
tierskeletts vertieft hat. Noch bevor ihm die Idee der Pflanzen-
metamorphose aufgegangen war, suchte er auch im Tierkörper
nach dem einheitlichen Bauplan oder allgemeinen Typus. Auf
diesem Wege wandelnd, entdeckt er den Zwischenkiefer oder das
os intermaxillare, jenen zwischen die rechte und linke Hälfte des
Oberkiefers eingeschobenen Knochen, welcher die Schneidezähne
der Säugetiere trägt. Bis zur Zeit von Goethes Entdeckung hielt
man das Fehlen des Zwischenkiefers beim Menschen für den
einzigen osteologischen Unterschied gegenüber dem Affen. Der
Mensch hat zwar Schneidezähne, sollte aber trotzdem keinen
Zwischenkiefer haben. Das wollte unserem Anatomen nicht in den
Sinn. Überzeugt von dem gemeinsamen Bauplan beim Menschen
und den Säugetieren, deduziert er den Zwischenknochen auch für
den Menschen und sucht nun mit geradezu leidenschaftlichem Eifer
danach. Schädel der verschiedensten Art werden verglichen, von
Sömmering in Cassel erbittet er einen Elefantenschädel und
bei der Nachricht, in Braunschweig befände sich ein Elefanten-
fötus in Spiritus, erwacht das Verlangen, dahin zu fahren, um
„ihm in’s Maul sehen“. Bezeichnend für Goethes Naturell und für
seine Freude am Forschen und Finden ist der Ausruf, den er
nach der Entdeckung an Herder richtet: „Ich habe gefunden —
weder Gold noch Silber, aber was mir unsägliche Freude bereitet,
das os intermaxillare am Menschen.“
ER ee a
1785 gelangte das Manuskript, das in jeder Beziehung auch
strengen modernen Anforderungen genügt, durch Merck an den
berühmten Anatomen Camper. Doch Beifall und Anerkennung
blieben zunächst ebenso wie bei der Metamorphose der Pflanze
aus. Abgesehen von Loder, seinem wissenschaftlichen Beirat, der
von der Arbeit und von der Präzision der anatomischen Beschreibung
ganz entzückt ist und allen Ernstes bedauert, daß Goethe leider
Minister und nicht Professor anatomiae ist, verhielten sich die
Herrn von der „Gilde“ ablehnend. Camper rühmt zwar das ele-
gante Manuskript, die wunderbare Handschrift, die Sauberkeit der
Tafeln, die sorgfältige Untersuchung, kann sich jedoch mit der
Anwesenheit des Zwischenkiefers nicht einverstanden erklären.
Indes die Zustimmung sollte zur Freude des gekränkten
Dichters schließlich nicht ausbleiben, denn als seine Arbeit mit
den Originalzeichnungen in der Leopoldinischen Akademie ver-
öffentlicht worden war, stellten sich die meisten Osteologen auf
seine Seite.
Schon in den aufgefundenen Materialien zur Zwischenkiefer- ,
arbeit finden sich Hinweise darauf, „daß auch andere Knochen des
Schädels, so das das innere Gehörorgan umschließende Felsenbein,
ferner die vor dem Schläfenbeine, an der Basis des Schädels ge-
legenen Flügelbeine in mehrere Elemente aufgelöst werden
müßten — wie es die vergleichende Anatomie und Entwickelungs-
geschichte inzwischen getan hat“!').
Doch die Entdeckung des Zwischenkiefers war nur ein
wichtiges Ergebnis in Goethes groß angelegten Knochenstudien,
das zweite noch wichtigere war die Begründung der Wirbeltheorie
des Schädels. Sowie das Gehirn als eine höhere Entfaltung des
Rückenmarkes angesprochen wird, so erblickt auch unser Forscher
in der Schädelkapsel die Fortsetzung der Wirbelsäule und in den
Knochen des Schädels verwandelte Wirbel. „Es entsteht“ sagt
Goethe, „die Frage, ob man denn wirklich die Schädelknochen
aus Wirbelknochen ableiten und ihre anfängliche Gestalt, ohnge-
achtet so großer und entschiedener Veränderungen, noch aner-
kennen solle und dürfe? Und da bekenne ich denn gerne, daß ich
seit 30 Jahren von dieser geheimen Verwandtschaft überzeugt bin,
auch Betrachtungen darüber immer fortgesetzt habe.“
ı) K. v. Bardeleben, Goethe als Anatom. Goethe-Jahrbuch XIII. Bd. 1892.
S. 165—166.
mn 9 zZ
Goethe nahm 6 Schädelwirbel an, wovon sich 3 bereits am
Gesichtsskelett beteiligen. „Mit Sicherheit kann man“, sagt Virchow,
„nur jene 3 Schädelwirbel aufstellen, welche Goethe, wie es scheint,
bis 1790 der Hauptsache nach erkannt hatte; sehr zweifelhaft ist
es schon, ob man noch einen vierten, rudimentären Wirbel zulassen
darf, der in die Nasenbildung mit eingeht“).
Wie Goethe selbst in einem Brief vom 4. Mai 1790 an Herders
Gattin aus Venedig schreibt, kam er auf die Idee der Schädel-
theorie, als ihm auf einem Friedhofe sein Diener einen Schafs-
schädel vorwies. Der Dichter behielt jedoch vorläufig den Gedanken
bei sich und sprach höchstens mit vertrauten Freunden davon. Es
mußte ihm daher ungelegen kommen, als 1807 der berühmte
Naturforscher Oken bei der Übernahme seiner Jenaer Professur
die Wirbeltheorie des Schädels verkündete — in vielen Punkten
über das Ziel hinausschießend und sich durchaus nicht in jener
maßvollen Weise äußerte, wie dies später Goethe tat. Beiden
Forschern gebührt jedoch das Verdienst, ganz unabhängig von-
einander auf den Gedanken der Wirbeltheorie des Schädels ge-
kommen zu sein, der in der Folgezeit in der vielumstrittenen
Lehre vom Kopfskelett so anregend und fruchtbringend ge-
wirkt hat.
Das große Interesse für Natur und die reiche Veranlagung
seines Geistes brachten Goethe nicht bloß mit den organischen
Naturwissenschaften in Berührung, sondern leiteten ihn auch zur
Meterologie, Mineralogie, Geologie und endlich auf rein physi-
kalisches Gebiet, auf die Farbenlehre. Nicht weniger als drei
stattliche Bände füllen seine Untersuchungen und Erwägungen
über die drei zuerst genannten Wissenszweige und einen noch
größeren Umfang nehmen seine Farbenstudien ein. Auf keines
von seinen naturwissenschaftlichen Werken verwendete er so viel
Mühe und Eifer, wie gerade auf die Farbenlehre. Er schreibt ihre
Geschichte mit rühmenswerter Gründlichkeit, er beweist darin eine
außerordentliche Belesenheit, er ist unerschöpflich in der Anstel-
lung von Versuchen, deren Richtigkeit niemand bestreitet, wenn
auch ihrer Interpretation eine falsche Theorie zugrunde liegt. Be-
kanntlich hat Newton bewiesen, daß das weiße Sonnenlicht sich
aus unzähligen Strahlen von ungleicher Brechbarkeit zusammen-
Dr Viirchow, Rs Goethe als Naturforscher und in besonderer Beziehung auf
Schiller. Berlin 1861. S. 104.
setzt, welche zusammen die Empfindung von Weiß hervorrufen,
hingegen einzeln für sich die Empfindung der Spektralfarben be-
dingen. Von der Richtigkeit dieser Newtonschen Lehre war Goethe
bis an sein Lebensende nicht zu überzeugen, er stellte Hunderte
von optischen Versuchen an, um sie zu widerlegen, ja er tritt so-
gar aus seiner gewohnten olympischen Ruhe heraus, um den großen
britischen Forscher und seine Anhänger mit ätzender Schärfe zu
verhöhnen. Newtons Farbenlehre zu vernichten, wird ihm sozu-
sagen zur Lebensaufgabe. £
„Möget ihr das Licht zerstückeln,
Farb’ um Farbe d’raus entwickeln,
Oder andere Schwänke führen,
Kügelchen polarisieren,
Daß der Höhrer ganz erschrocken
Fühlet Sinn und Sinne stocken.
Nein! Es soll euch nicht gelingen,
Sollt uns nicht beiseite bringen,
Kräftig wie wir’s angefangen,
Wollen wir zum Ziel gelangen !).“
Goethe geht in seiner Farbenlehre von seinem Urphänomen
aus: Jedes trübe, d. h. schwach beleuchtete Medium erscheint vor
dunkel blau, vor hell dagegen gelb bis rot.
So erscheint Wasser in einem Trog, mit etwas Milch oder
Mastix versetzt, vor einem dunkeln Hintergrund gesehen blau, vor
einem hellen gelb.
Ein Blick um Mitternacht gegen den klaren Zenith zeigt den
schwarzen Himmelsraum, bei Tage das Himmelsblau. Ein Blick
gegen die untergehende Sonne läßt uns dieselbe gelb bis rot er-
scheinen. Auch hier haben wir Goethes Urphänomen vor uns;
die trübe Atmosphäre erscheint vor dem dunkeln Weltenraum blau,
vor der hellen Sonne gelbrot.
Goethe kennt daher nur zwei einfache Farben: Gelb, d. h.
Licht durch ein trübes Medium gesehen, und Blau, d.h. Dunkel-
heit durch ein trübes erleuchtetes Medium gesehen.
Die anderen Farben erklärt er aus seinem Prinzip der
„Steigerung“. Durch Abschwächung des Hellen erhält man Gelb-
(relbrot-Rot, durch geringe Aufhellung des Dunkeln entsteht
Violett statt Blau. Rot und Violett sind nur Steigerungen von
(relb und Blau nach dem Dunkeln hin.
l) Goethes Werke. 1.c. II. Abt. 5. Bd. Chromätik, Zur Farbenlehre. S. 228.
Demnach wären die Farben nur etwas „Schattiges“ oder cine
Vermischung von weißem Licht und Dunkel. Allein schon
Johannes Müller, der große Physiologe, hat darauf aufmerksam
gemacht, daß die gegebene Erklärung schon deshalb nicht be-
friedigen könne, weil weder der Schatten noch das Dunkel etwas
Positives ist.
In der Frage nach der Entstehung der prismatischen Farben
hat Goethe entschieden geirrt, es hieße jedoch weit über das Ziel
hinausschießen, wollte man, wie dies häufig geschah, all seine
Untersuchungen über die Farbenlehre als belanglos hinstellen,
denn kein Geringerer als Johannes Müller bemerkte, daß
Goethes Bemühungen in Hinsicht der physiologischen Farben, der
moralischen Wirkungen der Farben und der Geschichte der Farben-
lehre von großer Bedeutung waren.
Die heutige Naturforschung steht im Zeichen der Speziali-
sierung. Fast jeder Forscher erwählt ein abgegrenztes relativ
enges Gebiet, um es nach seinen Kräften zu bearbeiten. So gleicht
das naturwissenschaftliche Feld einem großen, weit verzweigten
Stromsystem, in dem die einzelnen Nebenflüsse, Bäche und Quellen
die Spezialgebiete darstellen, deren Ergebnisse wieder dem Haupt-
strom zugute kommen. Zu Goethes Zeiten war dies noch nicht
in dem Maße der Fall. Goethe war kein Spezialist, sondern, wenn
auch nicht in dem Grade wie Alexander v. Humboldt, ein
Polyhistor.
Bedenken wir nur, daß er auf dem Gebiete der Botanik und
Zoologie als Morpholog und vergleichender Anatom tätig war,
daß er fast mit Leidenschaft Physik betrieb, seiner umfangreichen
Studien über Mineralogie, Geologie und Meteorologie gar nicht
zu gedenken. Wer könnte es ihm da verargen, daß er — der
unübertroffene Dichter, Beamte und Minister bei Verteilung seiner
geistigen Kräfte auf ein so weites Feld der Naturwissenschaften
auf dem Gebiet der Farbenlehre geirtt? Hat denn Newton,
der auf dem Boden mathematisch-naturwissenschaftlicher Forschung
uns wie ein Heros erscheint, nicht auch gefehlt? Hat er nicht,
sich übereilend, die Achromasie geleugnet, nicht über die Wesen-
heit des Lichtes falsche Vorstellungen entwickelt?
(roethe gehört zu den vielseitigsten Naturforschern seiner Zeit,
ein Umstand, der um so höher anzuschlagen ist, weil durch alle
seine Arbeit ein großer gedankenreicher Zug geht.
Er zielt nicht bloß auf Einzelbeobachtungen und begnügt
sich nicht mit der Feststellung der Tatsache — nein, immer drängt
es ihn, in der Vielheit die Einheit zu finden, daher das Suchen
nach der Urpflanze, dem Urtier, dem gemeinsamen Typus und
dem Urphänomen.
Wer die Geschichte der Naturwissenschaften verfolgt, wer
weiß, wie und auf welchen Wegen der Schleier der Natur ge-
hoben wird, um ihr ein Geheimnis abzulauschen, der wird zuge-
stehen müssen, daß die Phantasie hierbei keine geringe Rolle
spiel. Wenn der Physiker darauf sinnt, Mittel und Wege zu
finden, um den Durchmesser eines unsichtbaren Luftmoleküls zu
bestimmen; wenn der Chemiker die Lagerung der Atome im
Molekül einer Verbindung erforscht; wenn der Pflanzenphysiologe
sich ein Bild darüber macht, wie es kommt, daß das von der
Wurzel aufgenommene Wasser bis zu den Gipfeln turmhoher
Bäume emporgehoben wird; wenn der Phylogenetiker aus der
Fülle bestehender und untergegangener Formen sich den Stamm-
baum einer Tier- oder Pflanzenreihe konstruiert — so spielt die
Einbildungskraft hierbei, zumal wenn sie sich von gewagten
Spekulationen fernhält und den Boden der Tatsachen nicht verläßt,
sicherlich eine beachtenswerte fördernde Rolle.
Bei der Lektüre Goethescher naturwissenschaftlicher Schriften
drängte sich mir zu wiederholten Malen der Gedanke auf, daß
die Phantasie, die dem Dichter und Künstler Goethe in so hohem
Grade verliehen war wie selten einem anderen Menschen, den
Charakter seiner Arbeiten, ihre Vorzüge und mitunter ihre Schatten-
seiten bestimmte und ihn unter anderem zu der großen starke
Phantasie erfordernden Aufgabe befähigte, aus der unendlichen
Formenfülle blühender Pflanzen den gemeinsamen Bauplan und
aus dem Knochenbau der höheren Tiere und des Menschen den
einheitlichen Typus zu abstrahieren. ß
Damit soll selbstverständlich nicht gesagt sein, daß der
Dichter auf seine Entdeckungen gewissermaßen spielend, mühelos
und einer momentanen Inspiration folgend kam, denn er erzählt
uns selbst, wie er einen großen Teil seines Lebens „mit Neigung
und Leidenschaft auf Naturstudien“ verwendete, und seine Schriften
geben Zeugnis davon, wie sorgfältig er Beobachtung um Beob-
achtung sammelt und auf wie breiter induktiver Basis er zu seinen
Schlüssen gelangt. Nicht eine flüchtige Umschau, nicht ein bloßes
Tasten, nicht ein momentanes Interesse führten ihn zu seinen Ent-
.— 13 EN
deckungen, sondern eine mühevolle durch Dezennien fortgesetzte,
echt naturwissenschaftliche Arbeit.
Ihm, der menschliches Empfinden und Denken wie selten
‘einer in das herrliche Gewand unserer Sprache zu kleiden wußte,
ihm, dem die deutsche Dichtkunst und Weltliteratur die herrlichsten
Blüten verdankt, ihm verdankt auch die Naturforschung herrliche
Gaben, und daher gilt der Lorbeer, der das olympische Haupt
des unvergleichlichen Mannes schmückt, nicht bloß dem Dichter,
sondern auch dem Naturforscher.
11.
Eine Wanderung durch den javanischen
Urwald’).
Im Winter 1897/98 hatte ich das Glück, auf einem der
schönsten Punkte der Erde, auf der Perle der Sundainseln, auf
Java zu weilen. Etwa ı!/, Eisenbahnstunden von Batavia entfernt
befindet sich Buitenzorg, die „Stadt ohne Sorgen“. In der Nähe
der vom Urwald bedeckten Vulkane Salak und Gede gelegen,
mitten in einer der fruchtbarsten tropischen Landschaften, von
Natur aus mit einem gesunden Klima bedacht, zieht diese Stadt
jeden Besucher Javas an, insbesondere aber den Botaniker, denn
hier haben die Holländer einen botanischen Garten geschaffen,
der, aus kleinen Anfängen (1817) im Laufe der verflossenen letzten
82 Jahre sich nach und nach zu dem großartigsten tropischen
Garten der Welt entwickelt hat. Ich spreche von einem botani-
schen Garten, aber diese Bezeichnung erscheint heute bei genauerer
Betrachtung nicht mehr richtig, denn er ist mehr als das. Ich will
nur daran erinnern, daß sich im Garten mehrere Laboratorien vor-
finden: eines für Kaffeekultur, ein zweites für Tabak, ein drittes
für landwirtschaftlich-zoologische Untersuchungen, ein viertes für
das Studium javanischer Forstgewächse, ein fünftes für Pharma-
kologie und ein sechstes für fremde Gelehrte. Daran reihen sich
ein botanisches Museum mit Sammlungen und großem Herbarium,
ein photographisches Atelier mit den für Zinkographie und Auto-
typie nötigen Apparaten, ein agrikulturchemisches Laboratorium
mit einem Kulturgarten für tropische Nutzpflanzen und endlich ein
in einer Höhe von etwa 1400 m vorhandener, aus Urwald be-
stehender Gebirgsgarten, von dem noch später die Rede sein wird.
!) Vortrag, gehalten im Vereine „Lotos“ in Prag, 1899; zuerst erschienen in der
Sammlung gemeinnütziger Vorträge, herausgegeben vom Deutschen Vereine zur Ver-
breitung gemeinnütziger Kenntnisse in Prag, 1900.
In den angeführten Laboratorien und Abteilungen, in welchen
ungefähr 27 Europäer von namhaftem Ruf beschäftigt sind, wird
gearbeitet und geforscht, genau so wie dies in europäischen Hoch-
schullaboratorien der Fall ist. Das botanische Landesinstitut „s’Lands-
Plantentuin“ zu Buitenzorg, durch die Bemühungen seiner früheren
Leiter, insbesondere aber durch die unermüdliche Tätigkeit und
glänzende Leitung seines damaligen Direktors Dr. M. Treub
in ungeahntem Aufschwung begriffen, umfaßt demnach nicht bloß
einen botanischen Garten, sondern stellt bis zu einem gewissen
Grade eine Art naturwissenschaftliche philosophische Fakultät einer
Universität dar, jedoch ohne Schüler und Vorlesungen.
Lange schon sehnte ich mich, die Tropen zu schauen, und
nun brachte mich ein gütiges Geschick gerade nach dem botanischen
Paradiese von Buitenzorg, wo ich vorzugsweise pflanzenphysio-
logische Untersuchungen trieb, und von wo ich in die nahe und
ferne Umgebung eine Reihe unvergeßlicher Ausflüge machte.
Unter diesen Exkursionen blieb mir eine, die dem heute noch
tätigen, etwa 3000 m sich erhebenden Vulkan Gede und seinen
Urwäldern galt, in besonders lebendiger Erinnerung. Diese will
ich schildern.
Am 7. Januar ı898 bestieg ich bei Tagesanbruch um 6 Uhr
in (Gresellschaft des Direktor Treub eine kleine javanische
Kutsche. Vor uns am Kutschbocke saß, die Zügel führend, ein
kräftiger Chinese. Wir fuhren zunächst durch den botanischen
Grarten, wo die tropische Vegetation von ausgiebigem Tau bedeckt
im Glanze der Morgensonne unsere Blicke anzog. Sobald wir den
Garten verließen, gelangten wir in das chinesische Viertel von
Buitenzorg. Auf der Straße fallen in bestimmten Abständen blatt-
arme Wollbäume (Eriodendron) auf, die als Telegraphenstangen .
dienen. Chinesen stehen vor ihren niedrigen Häusern und Läden,
Kulis (Taglöhner) eilen geschäftig hin und her, und aus den Ver-
kaufsläden dringen, wie dies in chinesischen Ansiedlungen immer
der Fall ist, Gerüche verschiedener, meist unangenehmer Art,
besonders der von trockenen Fischen, dem Reisenden entgegen.
Nun ging es auf der Landstraße an ausgedehnten Kaffee-, Tee-,
Reis- und Manihotplantagen vorbei, in raschem Tempo vorwärts.
Wo solche Plantagen fehlten, zeigten sich kleine Kokoswäldchen
oder Gärtchen, in denen die kleinen, aus Bambusstämmen und
Palmenblättern gebauten Hütten der Eingeborenen standen. Die
Straße war ungemein belebt. Man begegnet fast fortwährend
ee
Malayen, die ihre Waren, zumeist Obst und Gremüse, mittels eines
horizontal auf den Schultern liegenden Bambusstockes gewöhnlich
in raschem Schritte der Stadt zu tragen.
So oft ich auf Java Spaziergänge oder Ausflüge machte, fiel
mir überall die große Zahl von Menschen auf den Straßen auf.
Man darf eben nicht vergessen, daß Java dank der ausgezeichneten
Verwaltung der holländischen Regierung zu den bevölkertsten
Gebieten der Erde gehört. Am Beginn dieses Jahrhunderts hatte
Java etwa 3 Millionen und nun zählt es bereits 25 Millionen Menschen,
ein deutlicher Beweis, welch raschen Aufschwung die Insel in den
letzten go Jahren genommen hat.
Die Straße begann sich mehr und mehr zu erheben und,
nachdem wir eine kleine Ruhepause bei einem in der Nähe einer
Chinabaumplantage befindlichen Gasthause gemacht und die Pferde
gewechselt, fuhren wir vierspännig bis zum Passe Puntjak hinauf,
womit wir eine Höhe von ungefähr ı5oo m erreichten. Von hier
führt zur Linken ein schmaler Steg durch ein mäßig ausgedehntes
Urwäldchen zu einem kleinen, vor einem mächtigen Felsabhange
liegenden See, an dem noch vor 30 Jahren das Nashorn regel-
mäßig zur Tränke erschien. Von der Paßhöhe brachte uns die
Kutsche auf steil abfallender Straße bald nach Sindanglaja (1085 m),
einem reizend gelegenen Ort, der wegen seiner beträchtlichen Höhe
und der kühleren Temperatur besonders Malariakranken zum Aufent-
halte und zur Erholung dient.
In dieser höchst behaglichen „Sommerfrische“ beschlossen wir
zu übernachten. Derjenige, welcher die Tropen nicht kennt, wird
vielleicht der Meinung sein, daß es mit der Unterkunft und dem
Leben in einem javanischen Hotel ziemlich mißlich bestellt sein
. dürfte. Gerade das Gegenteil. Kaum hielten wir vor dem Hotel,
traten malayische Diener an den Wagen heran, um das Gepäck
in Empfang zu nehmen und uns unsere Zimmer anzuweisen. Diese
liegen, wie in fast allen javanischen Hotels ebenerdig, sind außer-
ordentlich rein gehalten, weisen ein gutes Bett mit Mosquitonetz
und ein auch höheren Ansprüchen genügendes Mobiliar auf. Hat
man sich nach holländischer Weise durch ein Duschbad erfrischt —
man gießt einige Kübel voll Wasser über Kopf und Körper: —
so macht man sich’s hierauf im Lehnstuhl auf der Veranda, wo
man gewöhnlich seine Mußestunden zubringt, bequem. Die Bedie-
nung ist wegen der zahlreichen Diener besser als in Europa, die
„Reistafel“ billig und gut.
Den nächsten Morgen ritten wir auf kleinen, aber ausdauernden
javanischen Pferden, von einigen Dienern begleitet, auf mäßig
steilem Pfade durch die Ansiedelung der Eingeborenen unserem
nächsten Ziele zu, nach dem am Abhange des Ged& gelegenen
Tjibodas (Weißenbach). Hier hat die holländische Regierung am
Rande eines großartigen Urwaldes eine Station für wissenschaft-
liche Forschungen eingerichtet, wie sie in so bedeutender Höhe
(1425 m) in den Tropen an keinem Punkte der Erde existiert. Die
Station umfaßt ein geräumiges Laboratorium, ausgerüstet mit 4
Arbeitsplätzen zum Mikroskopieren, mit den wichtigsten Glasge-
räten, mit einem Wohn-, Speise-, 4 Schlaf- und einem kleinen Biblio-
thekszimmer. In unmittelbarer Nähe davon befindet sich das
Häuschen des Grärtners, der die angrenzenden Gartenanlagen und
den hauptsächlich forstlichen Zwecken dienenden Urwaldgebirgs-
garten beaufsichtigt, woran sich gleich die Hütten der inländischen
(rartenarbeiter anschließen. Eine derartige Forschungsstätte am
Rande des tropischen Urwaldes, in einer Höhe, die etwa dem
Gipfel des Sonnwendsteins im Semmeringgebiete entspricht, ver-
sehen mit den Mitteln zu botanisch-wissenschaftlicher Arbeit, —
wo wäre dergleichen noch zu finden?
Seit langer Zeit empfand ich hier wieder eine angenehme, an
Europa mahnende Temperatur. Während unten in Buitenzorg die
Schattemperatur abends und morgens das ganze Jahr hindurch
etwa 24° C beträgt, zeigte das Thermometer hier in Tjibodas abends
17°— 18°, morgens ı5—16° C. Ich fand es zeitlich früh beinahe
kühl und nachts leistete mir mein Wintermantel als Decke gute
Dienste.
| Nie werde ich den Eindruck vergessen, den ich jedesmal von
neuem erhielt, wenn ich aus dem Hause tretend meine Schritte in
den gleich unmittelbar daran gelegenen Urwald lenkte und hier
die Wunder tropischer Vegetation schaute. Eine Wanderung durch
den Urwald bietet so viel des Interessanten, des Belehrenden nd
des (renusses, daß ich den Leser einladen möchte, mir auf einem
solchen Ausflug, der uns bis zum Gipfel des Vulkans Gede führen
soll, zu folgen.
Begleitet von dem Malayen Sapihin, der in der Umgebung
des Laboratoriums die Wege des Waldes in Ordnung zu halten
hatte, und von 3 anderen Eingeborenen, welche den Proviant,
meine Ausrüstung und die gesammelten Pflanzenobjekte zu tragen
hatten, brach ich am ı2. Januar ı898 bei Morgengrauen auf.
Molisch, Populäre biologische Vorträge. 2. Aufl.
MEER, 18 m
Jeder — gleichgültig ob Laie oder Naturforscher — wird,
wenn er zum ersten Male den feuchtwarmen Tropenwald betritt,
überrascht sein von der großen Individuen- und Artenzahl von
Pflanzen und von der außerordentlichen Üppigkeit des Pflanzen-
wuchses. Hier, wo drei das Pflanzenwachstum in hervorragender
Weise fördernde Faktoren zusammentreffen, Wärme, Feuchtigkeit
und nahrhafter Boden, wuchert die Pflanze in zügelloser
Freiheit, auch ist ihre Assimilationstätigkeit durch keinen Winter
unterbrochen, sondern zumeist das ganze Jahr im Gange. Eine der
charakteristischsten Eigentümlichkeiten des einheimischen Waldes
liegt darin, daß man in ihm nach allen Seiten einen weiten
Einblick gewinnt, weil sich im Hochwalde dem Auge nur
die ziemlich weit auseinander stehenden Stämme entgegenstellen
und der Blick unterhalb der Kronen wenig gehemmt erscheint.
Ganz anders im tropischen Urwald. Es ist, als ob derselbe
eineScheu vor dem Leeren hätte und bestrebt wäre,
jedeLückeauszufüllen. Eine Unmasse krautartiger Pflanzen:
Moose, Farne, Begonien, Tradescantien, Springkraut, Piper, Lobelia,
Elettaria, Hedychium, Curculigo, Pilea, Polygonum, Nertera, Sanicula
und Pflanzen vieler anderer Gattungen bedecken den Boden!). Dar-
über erheben sich Musa-Arten, zierliche Baunfarne, einzelne niedrige
Palmen, rankende und klimmende Sprosse verschiedener Kletter-
pflanzen (Lianen), die in Form von Seilen, Tauen und Strängen
gleich Guirlanden den Wald durchflechten, zahlreiche Sträucher
und einen Wald über dem Walde bildend, höhere Bäume, Eichen,
Kastanien, Ahorn, Podocarpus, zwischen deren Kronen endlich
als höchste Spitzen des Urwaldes die berühmten Rasamalahbäume
(Altingia excelsa), die höchsten Bäume Javas, bis zu der bedeu-
tenden Höhe von 30 m emporragen.
Staunend blickte ich zum ersten Male zu diesen mächtigen
Baumriesen, empor von deren Zweigen der Baumbart (Usnea)
reichlich herabhängt, und doch erschienen mir diese Bäume relativ
klein, als ich einige Zeit später in Kalifornien die größten Baum-
riesen der Pflanzenwelt, die weltberühmten Mammuthbäume (Sequoia
gigantea u. S. sempervirens) die manchmal ein mehrtausendjähriges
Alter und einen kolossalen Stammumfang von 35 m und eine
Höhe bis ı44 m erreichen können, sah.
!) Dazwischen traf ich einen alten Bekannten, das Franzosenkraut Galinsoga
parviflora, das, ursprünglich in Peru einheimisch, seinen Weg nach Europa genommen
und, wie ich mich überzeugte, seinen Einzug auch in den javanischen Urwald gehalten hat.
Dieses Urwalddickicht wird noch bedeutend vermehrt, indem
auf Baum und Strauch sich eine Unmasse von sogenannten Über-
pflanzen (Epiphyten) ansiedeln, die die Stämme und Äste fast völlig
überwuchern. Nicht selten findet man im Urwald gestürzte Baum-
riesen quer über einen Bach oder über den Weg liegen und da hat
man die beste Gelegenheit, sich von der Reichhaltigkeit der die
Physiognomie des Urwaldes in so hohem Grade bestimmenden Über-
pflanzen zu überzeugen. .
Noch eine andere hervorstechende Eigentümlichkeit weist der
tropische Urwald auf. Unser heimischer Wald setzt sich
aus einer oder einigen wenigenBaumarten zusammen.
Wenn wir von Eichen-, Buchen- oder Föhrenwald sprechen, so deuten
wir dies schon an. Der Tropenwald hingegen weist eine
Fülleder verschiedenstenBaumartenaufundhatdaher
eine sehr komplizierte Zusammensetzung.
Trotzdieser bedeutenden Artenzahlvon Sträuchern und Bäumen,
trotz der Unzahl krautartiger Gewächse, welche den Boden bedecken
und als Epiphyten die Baumstämme überwuchern, ist man im
Urwaldüberraschtvonder Armutschöner, auffallend
gefärbter Blüten.
In unseren warmen Grewächshäusern, die ja meist Kinder der
Tropen beherbergen, ist man gewöhnt, zumeist Pflanzen mit herr-
lichen, in die Augen fallenden Blüten zu sehen. Allein man darf
nicht vergessen, daß aus den Tropengegenden der ganzen Erde ge-
rade die Pflanzen mit den schönsten Blumen in unsere Gewächshäuser
getragen wurden, und in diesem die Pflanzen aller Erdteile auf kleinem
Raume nebeneinander stehen. Im Urwald muß man längere Zeit
suchen, bis einem eine Pflanze mit besonders schönen Blüten auffällt.
Hie und da eine hübsche Aroidee, eine Medinilla, ein Springkraut,
eine Orchidee und hoch oben in den Kronen der Rasamalahbäume
die leuchtend roten Dolden von Rhododendron javanicum, das ganz
im Gegensatz zu unseren, im Boden wurzelnden alpinen Alpenrosen
in luftiger, feuchtwarmer Höhe als Epiphyt sein Leben fristet. Da-
zu kommt noch ein Umstand, der die Armut schöner Blüten im Ur-
wald erhöht. Bei uns im heimischen Klima, wo die Vegetationszeit
in der Ebene etwa sechs Monate, auf hohen Alpengipfeln sogar nur
drei Monate dauert, haben es die Pflanzen im allgemeinen viel
eiliger mit dem Geschäfte des Blühens und Fruchtens, das Blühen
muß sich in verhältnismäßig kurzer Zeit abspielen
und dies ist der Grund, warum uns unter anderem
2#F
unsere Flora so auffallend blütenreich erscheint im
Gegensatze zu der tropischen. — Im tropischen,
feuchtwarmen Urwald sind die Bedingungen des Pflanzen-
lebens und einer üppigen Vegetation das ganze Jahr hindurch ge-
geben; daher verteiltsichauchdasGeschäftdesBlühens
aufalle Monate eines Jahres und dies wird zweifellos da-
zu beitragen, Blüten von auffallender Größe und Farbe seltener
erscheinen zu lassen, als sie tatsächlich sind. Damen, welche den
Urwald in der Absicht betreten, hier rasch einen schönblumigen
Strauß zu pflücken, dürften eine Enttäuschung erleben und mit
einer gewissen Sehnsucht der blumenreichen Frühlingswiesen
unserer Heimat gedenken.
Auf meiner Wanderung lernte ich bei zahlreichen Lianen
eine Erscheinung kennen, die weiter bekannt zu werden verdient.
Ich habe mich zu wiederholten Malen überzeugt, daß man ge-
wisse Lianen (Cissus, Vitis pubiflora usw.) als Trinkwasser-
quellen benützen kann. Wenn man einen nicht allzudünnen
Stamm einer Liane mittels eines javanischen Hackmessers, wie es
gewöhnlich jeder javanische Gartenarbeiter mit sich führt, rasch
durchschneidet, so fließt in der Regel weder aus der unteren, noch
aus der oberen Schnittfläche Wasser heraus. Sobald man aber in
einer beträchtlichen Entfernung, am besten !/;,m bis 2m über der
oberen Schnittfläche den Stamm neuerdings durchhackt und dann
‘das abgetrennte Stammstück lotrecht hält, so tropft oder strömt
Wasser in mehr oder minder großen Mengen, nicht selten in über-
raschend großen Quantitäten aus der unteren Schnittfläche hervor.
In der ersten Minute relativ viel, dann weniger und nach fünf
Minuten zumeist nichts mehr. So konnte ich bei einer Uncaria
acida Hunter aus cinem 3 m langen und 5,5; cm dicken Zweigstück
im ganzen 590 ccm, also mehr als einen halben Liter Wasser auf-
fangen. Dieses Ausströmen von Wasser ist eine bei zahlreichen,
verschiedenen Familien angehörenden Gattungen zu beobachtende
Erscheinung und kann auch bei einheimischen Lianen (Weinrebe,
Waldrebe), wenn auch in geringerem Maße, konstatiert werden). —
Nach meinen Erfahrungen kann es keinem Zweifel unterliegen,
daß man tatsächlich unsere Lianen dazu benutzen kann, mit dem
daraus sich ergießenden Wasser den Durst zu stillen. Sorgt man
‘!) Näheres darüber in meinen „Botanischen Beobachtungen auf Java“ (II. Ab-
handlung): ‚‚Über das Ausfließen des Saftes aus Stammstücken von Lianen“. Sitzungsber.
der kais. Wiener Akad. 2. Abt. 1898.
dafür — was übrigens gewöhnlich nicht notwendig ist — daß aus
der aufgeschnittenen Rinde .nicht verunreinigende Bestandteile,
wie Milchsaft, Harz usw., in deri aus den Holzgefäßen stammenden
Wasserstrom hineingelangen, so erhält man ein außer-
ordentlich reines, von Bakterien sicherlich voll-
ständig freies Trinkwasser. Ich habe einige Male solches
Lianenwasser getrunken und mich öfters damit im Urwald gelabt.
Es wäre wünschenswert, daß die wasserspendenden Lianen mehr
bekannt würden, da keimfreies, reines Wasser zumal im tropischen
Urwald eine sehr begehrenswerte Sache ist, die vor mancherlei
Krankheit behüten kann. Wenn man davon liest, wie oft Tropen-
reisende mit Wassermangel zu kämpfen haben und sich nicht
selten in lianenreichen Gegenden mit einem Wasser voll Schlamm
und Unrat begnügen — ich denke dabei an eine Schilderung von
A. R. Wallace in: „Der malayische Archipel“, deutsche Ausgabe,
Braunschweig 1869, II. Bd., S. 315 — so muß man sehr bedauern,
daß solchen Reisenden die Lianen als Trinkwasserquellen nicht
bekannt waren.
Obwohl die Temperatur gegen ıo Uhr morgens gerade nicht
sehr hoch war (etwa 20° C) und die Sonnenstrahlen in dem dichten
Schatten der Urwaldbäume ihre Wirkung nicht direkt äußern
konnten, begann ich dennoch, zumal der Weg anstieg und die
Luft mit Wasserdampf ziemlich beladen war, tüchtig zu transpirieren
— im Gegensatz zu meinen Dienern, die nur um die Lenden ein
leichtes Tuch geschlungen hatten und daher so gut wie nackt
waren. Wir konnten uns glücklich preisen, einen so schönen Tag
getroffen zu haben, denn selbst bei Sonnenschein ist es im Urwald
Javas naß, die Blätter triefen morgens von Tau und häufig von
ausgeschiedenem Wasser und da es zur Zeit des Westmonsums
fast jeden Tag reichlich regnet, tropft allenthalben Wasser. Damit
hängt eine Erscheinung zusammen, auf welche zuerst der Botaniker
Stahl aufmerksam gemacht hat, auf den Zusammenhang
‚zwischen Blattgestaltund Regenfall. Ihm war es aufgefallen,
wie rasch die Blätter der meisten javanischen Urwaldpflanzen sich
des Regenwassers entledigen. Betrachtet man die Blätter bei
Regen, so sieht man beinahe: kontinuierliche Wasserfäden von
der auffallend lang ausgezogenen Blattspitze herunter-
träufeln und diese Träufelspitze — sehr schön ausgebildet bei
Ficus religiosa, Begonia Rex, Cissus discolor, Orchideen, Araceen
u. a. — steht offenbar im Zusammenhange mit dem raschen Ab-
trocknen der Blätter: kurze Zeit nach dem Aufhören des Regens
sind die Blattflächen schon wieder trocken, während australische
und europäische Formen, die in Tjibodas kultiviert werden, noch
ganz betropft erscheinen.
Der feuchtwarme, regenreiche Urwald Javas stellt die Heimat
der Träufelspitzen dar, sie bezwecken die rasche Abtrocknung
der Blätter und ermöglichen damit den baldigen Eintritt der
Transpiration, d. h. der Abgabe von Wasserdampf durch die
Pflanze und hierdurch die Zuwanderung des Bodenwassers und
der darin gelösten Nährsalze zu den Blättern.
Ich war gerade in den Anblick der Träufelspitzen vertieft,
als ich plötzlich oben in einer Baumkrone einen Schrei hörte.
Ich blickte auf und sah ganz deutlich mehrere graue Affen, die
still hielten und uns neugierig anglotzten. Im nächsten Augen-
blicke stürzte ein ganzer Trupp von Affen in rasender Eile davon,
von Baum zu Baum mit unglaublicher Behendigkeit sich schwingend,
so daß der ganze Wald hierdurch in Bewegung kam. Sapihin
blickte mich, da ich mich von meiner Überraschung noch nicht
ganz erholt hatte, an und lächelte.
Später konnte ich beobachten, wie Affen täglich in der Nähe
des Laboratoriums in Tjibodas am Rande des Waldes weideten
und der Gärtner erzählte mir, daß sie sogar in den Garten ein-
brechen, um hier Obst und Gemüse zu naschen.
Als ich Sapihin auf meiner Wanderung frug, ob er auch die
Riesenregenwürmer Javas kenne, trat er zu meiner Überraschung
tiefer in den Wald und kletterte auf einen Baum, auf welchem
sich der bekannte Nestfarn (Asplenium nidus) in mehreren Pracht-
exemplaren befand. Dieses merkwürdige Farnkraut, eine der
schönsten Zierden des Urwaldes, lebt als Epiphyt auf den Ästen
der Bäume, bildet hier mächtige, oft über Meter breite Blatt-
rosetten, in deren Innern sich abfallende Baumblätter "anhäufen
und sich nach ihrer Verwesung Humus ansammelt. Eine
solche Nestfarnrosette holte nun Sapihin vom Baume, legte sie.
vor mir nieder und deutete darauf. Ich war nun vollends über-
zeugt, daß er mich mißverstanden, denn daß man, um Regen-
würmer zu holen, auf Bäume steigt, wollte mir nicht in den Kopf.
Groß war daher mein Erstaunen, als mein Begleiter die Rosette
zerhackte, den in derselben vorhandenen Humus zerteilte und
nach kurzem Suchen mir zwei kolossale Regenwürmer von etwa
3ocm Länge und etwa ı!/,cm Dicke überreichte! Dieses Vor-
25
kommen verdient die Aufmerksamkeit der Zoologen, denn Regen-
würmer hoch auf Bäumen lebend, sind doch eine eigentüm-
liche Sache. Wie mögen diese doch so schwerfälligen Tiere auf
die Bäume hinaufkommen? Kriechen sie selbst zwischen dem die
Stämme umgebenden Moos- und Flechtenfilz empor oder werden
sie oder ihre Eier von anderen Tieren in die Baumkronen ver-
schleppt ?
So wie es an auffallend schönen Blüten ziemlich mangelte
so waren auch, wenigstens zur Zeit meines Ausflugs im Januar,
nicht viele bunte größere Schmetterlinge zu bemerken. Mir fielen
im ganzen etwa 4 Formen auf, die den Waldwegen und Bach-
ufern entlang sich hin und her bewegten. Einer von brauner
Farbe setzte sich häufig auf den Boden nieder und war dann mit
gefalteten Flügeln kaum zu sehen, da die Farbe der Flügel mit
der Farbe des Bodens stimmte. Ein anderer hatte die sonderbare
Gewohnheit, sich stets an der Unterseite von Blättern auszuruhen.
Er scheute die Nässe. ÖOberseits sind die Blätter häufig naß,
unterseits trocken, daher findet das Insekt hier einen trockenen
Platz und Schutz gegen Regen.
In den Baumkronen sah ich hier und da eine Wildkatze,
von Tigern und Nashörnern war in diesem Urwald nichts zu
merken, denn die auch auf Java vorschreitende Kultur drängt
diese Tiere immer mehr zurück und auf dem Gede ist man davor
vollkommen sicher. Relativ häufig begegnet man einem viverren-
artigen Tiere, dem Loak (Paradoxurus musanga), dessen Kot man
auf dem Wege von Zeit zu Zeit antrifft. Dieses Tier hat eine
besondere Vorliebe für Kaffeefrüchte, treibt sich in den Kaffee-
plantagen umher, und so wie sich unsere Sperlinge mit großer
Findigkeit die süßesten Kirschen auswählen, so weiß sich auch
der Loak die besten Kaffeefrüchte zu verschaffen. Die Samen
(Bohnen) derselben finden sich regelmäßig in seiner Losung. All-
gemein werden solche Bohnen als besonders gut gepriesen, sie
werden mit Sorgfalt aufgelesen und teurer verkauft. Die Bohnen,
welche ich in dem Kote bemerkte, hatten auffallenderweise immer
die Form von „Perlkaffee‘“.
Gegen ıı Uhr vormittags kamen wir zu einem höchst sehens-
werten Punkte, der schon von weitem meine Aufmerksamkeit
durch das Aufsteigen weißer Dampfwolken erregte. Es war die
aus dem Fels an mehreren Stellen hervorbrechende heiße Quelle
von Tjipanas. Auf eine ziemliche Strecke war der Weg der rasch
abstürzenden Quelle durch aufsteigenden Dampf gekennzeichnet.
Ich versuchte die Hand einzutauchen, aber ich mußte sie sofort,
da das Wasser zu heiß war, zurückziehen. Ich steckte ein Thermo-
meter hinein, es zeigte an einer Stelle 47° C, an einer anderen,
wo es dem Fels entquoll, 48—30° C. Ich legte ein gepflücktes
Begoniablatt hinein und sah, daß es nach kurzer Zeit verbrühte
und seine grüne Farbe mit einer braunen vertauschte. Trotz dieser
ziemlich hohen Temperatur war der Boden der Quelle über und
über bedeckt mit einer dicken Lage von blaugrünen oder braunen
Algen in üppigster Entwicklung. Wie eine spätere mikroskopische
Untersuchung lehrte, bestand die Algenmasse vornehmlich aus
einer außerordentlich dünnfädigen grünen und braunen Oscillariee.
Das Vorkommen von Pflanzen in einem dampfenden, relativ
so heißen Wasser ist jedenfalls eine merkwürdige Erscheinung.
Die obere Temperaturgrenze des Pflanzenlebens liegt für die
meisten Gewächse bei etwa 41—45° C, werden sie auf diese
Temperatur gebracht, so sterben sie gewöhnlich binnen kurzer
Zeit ab. Und nun sehen wir Algen, die sich einer so heißen
Quelle angepaßt haben, in derselben nicht bloß leben, sondern
geradezu wuchern. Auch im Karlsbader Sprudelwasser (Böhmen)
lebt, wie ich mich überzeugt habe, eine ganz ähnlich aussehende
Alge; ich habe hier im heurigen Frühjahr (1899) die Temperatur
an solchen Stellen, wo die Alge eben aufzutreten beginnt, gemessen
und habe merkwürdigerweise ungefähr dieselbe Temperatur ab-
gelesen, wie auf Java, nämlich 49° C. Nachdem ich Proben von
den Algen in Gläsern gesammelt, ging es weiter und immer höher
in den Urwald hinan, bis zu einem etwa 2500 m hoch gelegenen
Punkte, wo ich — den Ausblick auf den 3000 m sich erhebenden
Gipfel des Vulkan Pangerango, dem Sitze der herrlichen Primula
imperialis, vor mir — zu übernachten beschloß.
Aus mitgebrachten Bambusröhren, aus rasch mit dem Hack-:
messer gefällten Baumfarnen und anderen Stämmen hatten meine
Träger mit wirklich bewunderungswürdiger Geschicklichkeit und
Schnelligkeit in ı Stunde eine hübsche Hütte für mich gebaut.
Nun wurde das Lager in der Hütte bereitet, eine Palmenmatte
darüber gebreitet und kurze Zeit darauf hatten meine Diener auch
schon aus Stämmen einen Tisch improvisiert, auf welchem Sapihin
ein vortreffliches Mahl, bestehend aus Hammelbraten, Eiern,
Schinken, Mangostinen, Bananen, Ananas und einer Flasche
Bordeauxwein nebst Tee servierte.
—— 2 5 —
Als ich nach dem Mittagstisch vor die Hütte trat, fielen mir
mehr als kindskopfgroße knollige Massen in den Zweigen eines
mimosenartigen Baumes auf, der Albizzia montana, es waren dies
durch einen Brandpilz hervorgerufene Gallen. Ich sammelte ferner
neben vielen anderen Objekten ein merkwürdiges Farnkraut, dessen
junge, aus der Knospe sich hervorschiebende Blätter mit einer
dicken Schleimschicht bedeckt waren und war überrascht, auch
an den Luftwurzeln eines auf Bäumen hoch emporkletternden
Lycopodium ebenfalls klaren Schleim in dicker Lage vorzufinden,
eine Vorrichtung, die vielleicht die genannten Organe vor dem
Vertrocknen oder vor Tieren zu schützen hat.
Abends nach 6 Uhr, als die Sonne eben untergegangen war,
begab ich mich zu meinen Dienern, die wenige Schritte von meiner
Hütte sich ebenfalls ein Lager errichtet und ein Feuer angemacht
hatten. In Buitenzorg hatte es abends im Schatten gewöhnlich
24°C, in Tjibodas (1400 m) etwa 17° und hier in einer Höhe von
etwa 2500 m war das Thermometer auf ı0° gesunken. Solche
Temperatursprünge merkt man in den Tropen in auffallender
Weise, selbst wenn ich mich in meinen steirischen Wettermantel
einhüllte, fröstelte ich trotzdem. Kein Wunder, daß meine halb-
nackten Javaner vor Kälte zitterten und ihre Füße und Hände
am Feuer wärmten. Mir taten die armen Kerle leid, ich ließ sie
zu mir in die Hütte kommen und bot jedem ein Gläschen Kognak
an. Allein sie zögerten zuerst, da sie durchwegs Mohammedaner
waren, davon zu nehmen, als ich ihnen aber bedeutete, es sei
„obak“ (Medizin), tranken sie gleich, Zwei davon kosteten zuerst
und husteten, Sapihin aber leerte das Gläschen so rasch und
sicher, daß es den Anschein hatte, als ob ihm Kognak nichts Un-
bekanntes wäre. |
Sowie die Nacht sich über den Urwald gesenkt hatte, zündete
ich in meiner Hütte die Laterne an. Sapihin servierte mir das
Abendessen und dann begaben wir uns alle zur Ruhe. Es war
auffallend still. Während in der Ebene und auch noch in Tjibodas
mit Einbruch des Abends ein tausendstimmiges Konzert beginnt
von Myriaden von Insekten, von Grillen und Fröschen, war es
hier in dieser bedeutenden Höhe und bei der relativ so niederen
Temperatur fast stille. Nur dann und wann hörte man den Schrei
eines Vogels oder das Grunzen eines Wildschweines.
Die verschiedenen Eindrücke, die ich auf meiner Wanderung
während des Tages empfing, der Gedanke an das einsame, von
— 26 ——
Menschen ferngelegene Nachtlager im Urwald, Erinnerungen an
die Heimat, gingen mir im Kopfe herum und verscheuchten an-
fangs den Schlaf. Während ich so hinträumte, sah ich auf dem
Boden vor der Hütte einen eigentümlichen Lichtschein, ein grün-
lich gelbes Phosphoreszieren. Die Sache begann mich zu inter-
essieren, ich stand auf und fand, daß das Licht einem Stück
faulen Rasamalaholzes entströmte. Auch bei uns in Europa gibt
es bekanntlich leuchtendes Holz und wir wissen, daß das Leuchten
nicht vom Holze, sondern von Pilzen herrührt, die das Holz.
durchwuchern.
In den Tropen ist das Leuchten von Lebewesen keine seltene
Erscheinung. Ich habe mich dafür während meines Aufenthaltes
auf Java besonders interessiert und habe nicht bloß leuchtende
Tiere (Skolopendren, Johanniswürmchen usw.), sondern auch leuch-
tende Hutpilze, leuchtendes, von Pilzen durchwuchertes Holz, und
was von besonderem Interesse ist, auch leuchtende, in Ver-
wesung befindliche Blätter (Bambusa, Nephelium usw.) beob-
achtet. Ich hatte in Buitenzorg in meinem Schlafzimmer in Gläsern
zahlreiche leuchtende Blätter verschiedener Pflanzen; wenn ich
nachts erwachte und von meinem Bette aus durch das Mosquito-
netz den Tisch betrachtete, wo die Blätter standen, so kam es mir
wie in einer Geisterstube vor. Die Objekte erglänzten wie in
einem geheimnisvollen magischen Lichte und zwar so stark, daß
ich die benachbarten Gegenstände deutlich unterscheiden und
meine Uhr in der Nähe des Lichtscheines ganz gut ablesen
konnte.
Als ich in der Frühe erwachte, sah ich zu meiner großen
Freude blauen Himmel über mir. Rasch wurde zusammengepackt,
und um 6 Uhr setzte sich bereits unsere kleine Karawane in Be-
wegung, um den Gipfel des Gede zu erreichen. War mir schon
am vorigen Tage aufgefallen, daß die Flora mit zunehmender
Höhe sich änderte, so war dies jetzt, da wir uns dem Gipfel näherten,
noch bei weitem mehr der Fall. Palmen, Baumfarne, Lianen, Cur-
culigo, Elettaria, Nestfarn und viele andere tropische Gewächse,
für den tieferen Bergwald so charakteristisch, waren nunmehr ver-
schwunden und an ihre Stelle traten Vertreter der temperierten
Zone: Aspidium aculeatum, ‚Pteris aquilina, der auch in Europa so
weit verbreitete Adlerfarn, Brombeerarten, und als ich gar die
Blüten eines Hahnenfuß, eines Veilchens, eines Enzians, eines
Wegerichs und zahlreicher heidelbeerartiger Pflanzen und einen
= 27 _—
drosselartigen Vogel hier unter dem Äquator erblickte, mutete es
mich wie ein Gruß aus der Heimat an.
Gegen 8 Uhr morgens kamen wir zu einer Waldlichtung mit
einem Ausblick auf den majestätisch sich erhebenden Krater des
Gede, aus dessen Tiefe sich von Zeit zu Zeit mächtige Dampf-
wolken erheben. In der Umgebung der Krateröffnung wird der‘
Pflanzenwuchs immer spärlicher; kleine Sträucher, Stauden und
krautartige Pflanzen, deren lederartige oder behaarte Blätter gegen
allzustarke Wasserdampfabgabe ähnlich wie bei unseren Alpen-
pflanzen sichtlich geschützt erscheinen, bilden selbst für den Laien
einen überraschenden Kontrast im Vergleich zur Flora der tieferen
Regionen. Je näher dem Krater, desto schwieriger fristet die
Pflanze auf dem jungen vulkanischen Boden ihr Leben, beim Krater
selbst verschwinden die höheren Gewächse endlich völlig. Nun
war der Gipfel erreicht und mit Staunen blickte ich von der Höhe
hinab in den weiten Trichter: Drunten in der Tiefe ein Tümpel,
in dem es „wallet, siedet, brauset und zischt“, an den Wänden
Felsspalten, aus denen wie aus Ventilen heißer Dampf zischend
herausfährt, die Wände selbst stellenweise ganz gelb von aus-
blühendem Schwefel. Gerne wäre ich in den Krater hinabgestiegen,
um das schaurige Schauspiel ganz in der Nähe zu sehen, allein
Sapihin hielt mich schon bei den ersten Schritten zurück und
warnte eindringlich vor den bösen Geistern der Tiefe. Diese hätten
mich allerdings nicht abgeschreckt, aber die abschüssigen Wände
ließen den Abstieg fast unmöglich und in hohem Grade gefährlich
erscheinen und deshalb gab ich meine Absicht auf.
Ganz gefangen genommen von dem Spiel der unterirdischen
Kräfte hörte ich plötzlich hinter mir ein eigentümliches Geräusch
von Feuergeprassel und züngelnden Flammen: meine Diener
hatten etwa so Büsche von Gmaphalium javanicum entzündet,
die, rasch erfaßt vom verzehrenden Feuer, ebensoviele Rauch-
säulen hoch in die -Luft entsandten. Es ist ganz auffallend, wie
leicht diese Büsche Feuer fangen. Gnaphalium javanicum, das
„Edelweiß“ der Javaberge, weist mit unserem heimischen Edel-
weiß kaum eine Ähnlichkeit auf, denn es entwickelt über ı Meter
hohe Büsche und armdicke Stämme. Die untersten Blätter sterben
ab, vertrocknen so, daß sie rauschen, und brennen dann wie
Zunder. Dies wissen die Javaner sehr wohl und es macht ihnen
offenbar viel Spaß, die Büsche zu entzünden und in Flammen
aufgehen zu sehen. i
Be 28 ze
Erst jetzt bemerkte ich, welch herrlichen Fernblick der er-
stiegene Gipfel bot. Vor mir erhob sich die riesige Kuppe des
erloschenen Vulkans Pangerango, bis zur 3000 Meter hohen Spitze
über und über mit dichtem Urwald bedeckt. Während bei uns in
den Alpen Mitteleuropas die Gipfel solch hoher Berge im ewigen
Schnee und Eis begraben liegen, reicht hier das Pflanzenleben,
relativ üppige Strauch- und Baumvegetation, bis zu so bedeutender
Höhe, wo die Temperatur nur in den seltensten Fällen auf den Eis-
punkt sinkt. Gegen Norden und Osten breitete sich das Gelände
der Preanger-Regentschaft aus, eines der fruchtbarsten Grebiete-
der Erde. Soweit das Auge reicht: herrliche Kokoswälder, unter-
mischt mit Kaffee-, Tee-, Zuckerrohrplantagen, Reis- und Manihot-
feldern — ein tropisches Kulturland von paradiesischer Schönheit.
Es war gegen ı2 Uhr mittags. Von Pangerango schob sich
eine dunkle Wolke vor und Nebel begannen zu ziehen, die Vor-
boten eines nahenden Gewitters. Eilig rüsteten wir zum Abstieg;
kaum hatten wir unseren Lagerplatz von gestern erreicht, fielen
die ersten großen Regentropfen und nun begann es unter Donner
und Blitz zu „schütten“, daß das Fortkommen mitunter recht be-
schwerlich wurde. Überrascht war ich von dem Eintritt des Ge-
witters durchaus nicht, denn ausgiebige Regengüsse sind ja zur
Regenzeit in Westjava eine fast täglich wiederkehrende Erschei-
nung. Völlig durchnäßt kamen wir gegen 4 Uhr nachmittags in
Tjibodas wieder an. Nun ging es an das Auspacken der gesam-
melten Schätze, an das Trocknen und Konservieren der gesam-
melten Pflanzen.
Als ich abends auf der Veranda des Laboratoriums von Tji-
bodas saß und die Abendstimmung genoß, mich dem Spiel der
zieheiiden Nebel hingab und die herrlichen Farben des sich all-
allmählich klärenden Himmels betrachtete, kehrten meine Gedanken
immer wieder von neuem zu meinem eben beendigten Ausflug
zurück und verweilten in genußreicher Erinnerung noch lange bei
all dem, was sich der tropische Urwald erzählt.
III.
Reiseerinnerungen aus China und Japan’).
Die außerordentlichen Ereignisse, die sich gegenwärtig in
China abspielen und vor kurzem abgespielt haben: der Aufstand
der Boxer, die Verfolgungen der fremden Europäer, der Missionäre
und der Christen, insbesondere das eigenartige Schicksal der in
Peking gefangen gehaltenen Gesandten sowie deren endliche Be-
freiung — all das hat das Interesse für China auf das lebhafteste
geweckt. Und das mit Recht. Denn abgesehen von den jetzt da-
selbst herrschenden Kriegswirren, verdient ja dieses merkwürdige
Land unsere volle Aufmerksamkeit. Bedenken wir, daß China eine
bereits mehrtausendjährige Kultur aufzuweisen hat, zu den größten
Reichen der Erde gehört, nach beiläufiger Schätzung etwa 400 Mil-
lionen Menschen faßt und daß der Kaiser von China sich rühmen
darf, nahezu ein Drittel der gesamten Menschheit auf unserer
Erde zu regieren.
Die Bevölkerung ist ungemein dicht. Obwohl Epidemien
und elementare Ereignisse, wie Überschwemmung und Hungersnot,
oft empfindliche Lücken in der Zahl der Menschen schaffen, werden
die Lücken nicht bloß gestopft, sondern es wandern alljährlich
noch viele Tausende von Chinesen aus. Mit Ausnahme von Europa
hat sich der Auswandererstrom nach allen vier Erdteilen gewendet.
In Afrika, Amerika, Australien und Südasien, desgleichen auf den
benachbarten Inseln, finden sich überall chinesische Ansiedelungen
und da der chinesische Arbeiter überaus anstellig, fleißig und an-
spruchslos ist und da ferner der chinesische Kaufmann den Ver-
trieb der Ware ausgezeichnet versteht und an Intelligenz nichts
zu wünschen übrig läßt, so entpuppt sich der bezopfte Mann als
ein unangenehmer Konkurrent. Dies ist wohl der eigentliche Grund,
1!) Vortrag, gehalten 1901 im Prager Schriftstellerverein ‚‚Concordia“. Zuerst
gedruckt im Prager Tageblatt, Jahrgang 1901.
warum die Holländer in Niederländisch-Indien und die Amerikaner
in den Vereinigten Staaten, die sonst jedem die Tore gastlich
öffnen, die Einwanderung der Chinesen beschränkt und erschwert
haben.
Vor etwa drei Jahren, 1897/98, machte ich eine Reise um die
Erde. Pflanzenphysiologische Studien führten mich zunächst nach
Java. Auf dem Wege dahin lernte ich bereits in Penang eine vor-
wiegend chinesische Stadt kennen, Singapore; dieser Knotenpunkt des
Welthandels und der Weltschiffahrt machte geradezu den Eindruck
einer chinesischen Tropenstadt und in größeren Städten der Sunda-
inseln finden sich allerorts ausgedehnte, fast ausschließlich von
Chinesen bewohnte Stadtviertel. So hatte ich in Batavia, besonders
aber in Buitenzorg Monate hindurch Gelegenheit, mit Chinesen zu
verkehren ‘und ihre Sitten und Gebräuche kennen zu lernen. Das
erwachende Interesse für diesesmerkwürdige und wahrhaft originelle
Volk führte mich später nach China selbst und von hier in das
Land der aufgehenden Sonne, nach Japan. In China besuchte ich
Hongkong, Canton, Macao und Shanghai. Bei dem gegenwärtigen
aktuellen Interesse für China erlaube ich mir den Leser einzuladen,
mich im Geiste auf meinen Wanderungen daselbst zu begleiten,
mit mir zu schauen und zu beobachten und die gewonnenen
Eindrücke zu analysieren. Zwischen Hongkong und Canton findet
regelmäßig jeden Tag ein Dampferverkehr statt. Wir benützen
zur Fahrt nach Canton einen englischen Dampfer und machen es
uns darauf bequem. Bei der Musterung des Dampfers fällt
uns die etwas kriegerische Ausrüstung auf. Im Salon I. Klasse
finden sich allerlei Waffen vor: Säbel, Bajonette, Revolver und
Gewehre. Der Deckraum, auf welchem sich gegen hundert Chinesen,
zumeist Kulis (Taglöhner), eingefunden haben, ist durch ein eisernes
Gitter von den Europäern abgetrennt und vor dem Gitter hält
ein bewaffneter Matrose Wache. Noch vor nicht langer Zeit kam
es nicht selten vor, daß Passagierdampfer von Piraten überfallen
wurden und daß sich Seeräuber als Kuli verkleidet auf dem Dampfer
einschmuggelten, um einen Überfall um so wirksamer gestalten zu
können. Nach mehrstündiger Fahrt auf dem mächtigen, durch
lehmgelbe Färbung ausgezeichneten Pearl- oder Cantonfluß 'ge-
langen wir nach Canton. Schon von weitem gibt sich diese
kolossale Stadt durch die mächtige, zweitürmige Kathedrale zu
erkennen, die wie eine feste Burg des Christentums alle anderen
Grebäude Cantons hoch überragt.
Canton, eine Stadt von etwa ı!/, Millionen Einwohnern, ist
eine typische Chinesenstadt, die wie kaum eine andere in Südchina
von chinesischer Eigenart, chinesischem Leben, von der hier aus-
gebildeten Kunst einen Begriff zu geben vermag. Was aber Canton
besonders auszeichnet, ist eine hier vorhandene Vorstadt, deren
Bewohner — etwa 300000 an Zahl — ständig auf dem Flusse
wohnen. In einer Ausdehnung von etwa 6—8 Kilometer befinden
sich etwa 80 000 Boote und Flöße, die diesen Flußbewöhnern zum
Aufenthalte dienen. Der Hafen von Canton bietet infolgedessen
ein ungemein fesselndes Bild. Dschunken und Samyane gleiten
beladen mit Obst, Gemüse, Reis, Indigo oder Öl, vor unseren
Blicken dahin. Zwischen den beiden Ufern des Flusses vermitteln
Fahrboote den Verkehr. Von weitem fallen größere, durch grün
angestrichene Jalousien ausgezeichnete „Bettboote“ (Tanpu) auf.
In Canton werden die Stadttore abends bald geschlossen. Ein spät
am Abend ankommender Reisender würde in der Stadt keine
Unterkunft mehr finden, es ist ihm daher sehr willkommen, gleich
im Hafen, in den Bettbooten übernachten zu können.
Die Flußbewohner werden von den Landbewohnern als Parias
angesehen. Das Betreten des Landes wird ihnen von diesen ver-
wehrt. Daher bringen denn die Flußbewohner ihr ganzes Leben
auf ihren Booten und Flößen zu. Sie werden hier geboren, leben
und sterben darauf. Die kleinen Kinder werden angeseilt, oder
mit einem Brettchen am Rücken versehen, damit sie, falls sie über
Bord fallen, leichter von den Angehörigen gerettet werden können.
Wehe dem Kinde, das ins Wasser fällt, wenn die Eltern nicht da
sind. Ein solches Kind ist verloren, denn kein fremder Chinese
würde den Finger rühren, um es zu retten. Der Chinese lebt in
dem Aberglauben, daß die Seele eines Ertrunkenen ruhelos über
dem Wasser umherirrt, bis es ihr gelingt, einen Menschen zu er-
tränken und dadurch die Ruhe wieder zu gewinnen. Würde man
den Geist des Verstorbenen daran hindern, so hätte man seine
Rache zu gewärtigen, und daher läßt man den ins Wasser Fallenden
einfach ertrinken.
In Canton weilend, konnte ich es mir nicht versagen, die im
Hafen verankerten berühmten Blumenboote zu besuchen. Diese
stellen eine Art schwimmender Restaurants dar, die durch ihre
elegante Einrichtung, bedeutende Größe, durch den architekto-
nischen Schmuck und abends durch ihre grell leuchtenden Arm-
luster das Auge jedes Fremden auf sich ziehen. Der Chinese ladet
seine Freunde zum Mahle nicht in sein Haus, sondern in den Fluß-
städten auf ein Blumenboot. Hier kommen die reichen Chinesen
in ihren seidenen blumengestickten Gewändern zusammen, begrüßen
sich unter nicht endenwollenden Verbeugungen, plaudern und geben
sich den Tafelfreuden hin, während kleine chinesische Mädchen
von Zeit zu Zeit Lieder vortragen und ihre unangenehm klingende
Stimme mit einer ebenso unangenehmen kleinen Guitarre begleiten.
Die Chinesen versicherten mir, diese Mädchen seien sehr schön.
Sie behaupteten, sie hätten „Wangen wie Mandelblüten, Lippen wie
Pfirsichblüten, Augen glänzend wie die Welle im Sonnenglanze
und Füße wie die Fußstapfen von Lotosblumen“. Ich habe von
diesen Schönheiten nichts bemerkt. Ich sah nur, daß die Mädchen
eine unansehnliche Gestalt besaßen, im Gesichte grell geschminkt
waren und verkrüppelte Füße hatten. Doch verlassen wir den
Flußhafen und wenden wir uns der Stadt selbst zu.
Mein Führer, ein gebildeter Chinese, der der englischen
Sprache ziemlich mächtig war, bestellte für uns zwei Sänften mit
je vier Kulis, und so wurden wir denn von diesen durch Canton
getragen, um die Sehenswürdigkeiten zu besichtigen.
Die Straßen erscheinen zumeist auffallend schmal, gerade
breit genug, um zwei sich begegnenden Sänften das Ausweichen
zu gestatten. Selbstredend kommt es in so schmalen Gäßchen zu
einem dichten Menschenstrom, allein trotzdem wir uns in einer
Riesenstadt befinden, kommt es zu keinem Gedränge, und nur an
den Kreuzungsstellen wird es lebendiger und lärmender, weil die
hier zusammentreffenden Lastträger sich anrufen, um nicht zu-
sammenzustoßen. Chinesische, zumeist aus Kaufmannsläden be-
stehende Gassen haben immer etwas von Illuminationsstimmung.
Die oft reich verzierten Auslagen, die bunten Lampions und die
in grellen Farben leuchtenden Schilder, welche im Gegensatz zu
den unseren nicht quer über dem Laden hängen, sondernin breiten
Bändern, versehen mit den uns rätselhaften hieroglyphenartigen
Schriftzeichen, oft mehrere Meter vertikal herabreichen, bieten ein
lebendes Bild. Und was läßt sich hier nicht alles beobachten!
Hicr ein Fleischerladen, in dem uns neben appetitlich hergerichteten
Spanferkeln auch abgehäutete Katzen, Hunde und Ratten auf-
fallen, dort eine Rasierstube, in der sich Chinesen ihre Haupthaare
rasieren lassen, hier eine Werkstätte, in der Arbeiter in unermüd-
lichem Fleiße bis spät in die Nacht tätig sind, hier ein Geldwechsler,
dort ein Wahrsager und manches andere. Einen wahren Genuß
a
gewährt es dem Fremden, Straßen mit eleganteren Läden durch-
wandern zu können. Hier haben wir Gelegenheit, die Erzeugnisse
der Seiden-, Atlas- und Porzellan-Industrie, ferner Elfenbeinschnitze-.
reien, Nephritwaren, zierliche Schwerter und dergleichen mehr
besichtigen zu können. China ist ja das Land der Seide und Kanton
der Mittelpunkt der Seidenmanufaktur.
Wir betreten einen Seidenladen. Bei der Türe fallen uns
rote Zettel mit verschiedenen Sprüchen auf: „Reelle Ware“, „Fixe
Preise“, „Dein Aus- und Eingang möge sich glücklich gestalten“,
„Tausend Verdienste machen Reichtum“. Im Hintergrunde des
Ladens steht der reich verzierte Ahnenaltar, in dem die Ahnen-
täfelchen mit Namen der Vorfahren unseres Kaufmanns aufbe-
wahrt und angebetet werden. Der Kaufmann empfängt uns auf
das Zuvorkommendste, er wird nicht müde, uns die verschiedensten
Waren: Kragen, Schärpen, Theater-, Mandarinanzüge, Polster,
Wandschirme und anderes zu zeigen, uns auf die Schönheiten
aufmerksam zu machen und die Preiswürdigkeit anzupreisen. Um
uns länger an sein Geschäft zu fesseln, wird auch Tee in kleinen
Täßchen angeboten. Die Kaufleute, mit denen ich in Kanton zu
tun hatte, machten einen guten Eindruck auf mich. Der geforderte
Preis schien mäßig und war in der Regel fix. Man muß sich
jedoch hüten, solche Einzelbeobachtungen zu verallgemeinern. In
Java habe ich ganz andere Wahrnehmungen gemacht. Sowie man
in einem javanischen Hotel angekommen ist, sich durch ein Bad
erfrischt und auf der Veranda Platz genommen hat, erscheint der
erste Besuch in Gestalt eines chinesischen Hausierers. Er bietet
Tropenanzüge, Zahnbürstchen, Wäsche oder japanische Schwerter
an, und wenn er für ein solches Schwert ı2 holländische Gulden
fordert, so kann man sicher sein, daß er es binnen kurzem um
- ı Gulden hergibt.
Neben den Seidenläden ziehen hauptsächlich die Porzellan-
waren unsere Aufmerksamkeit auf sich. Haben ja doch die Chinesen
das Porzellan erfunden, reicht doch die Erzeugung dieses für die
Keramik so wichtigen Körpers in China schon ins 9. Jahrhundert
unserer Zeitrechnung zurück, während das Porzellan in Europa erst
am Beginne des ı8. Jahrhunderts das Licht der Welt erblickt hat.
Wer in Kanton verweilt, versäumt es nicht, auch der Exa-
minationshalle einen Besuch abzustatten. Indem wir mehrere Tore
passieren, gelangen wir auf einen großen Platz, auf welchem sich
ein Wachtturm mit dem Grotte der Literatur befindet. Um diesen
Molisch, Populäre biologische Vorträge, 3
Turm liegen etwa ı000 ein Meter breite und zwei Meter lange
gemauerte Zellen, es sind die Prüfungszellen für die Studenten.
Alle 3 Jahre versammeln sich hier oft bis achttausend Kandi-
daten, um hier die Prüfungen zur Erlangung des 2. literarischen
Grades abzulegen. Bevor der Student die Zelle betritt, wird er
einer genauen Leibesvisitation unterzogen, damit er sich nicht un-
erlaubter Hilfsmittel bediene. Bei Tagesanbruch erhält er sein
Thema und den nächsten Tag hat er um dieselbe Zeit seine Arbeit
abzuliefern, um sodann neue Klausurarbeiten durchzuführen. Aus
der großen Zahl der Kandidaten ist es relativ wenigen beschieden,
die Prüfung zu bestehen, da diese an das Gedächtnis große An-
forderungen stellt. Das Auswendiglernen spielt eben in China
eine bedeutende Rolle. Schon der 6jährige Chinese, der die Schule
betritt, wird gleich im Auswendiglernen gedrillt. Die chinesische
Schrift hat ja keine Buchstaben, sondern nur Bilder und damit
werden hohe Anforderungen an das Gedächtnis gestellt. Der
kleine Junge muß, um Schreiben und Lesen zu lernen, eine Un-
zahl von Bildern durchpausieren und auswendig lernen und, da
‚das letztere immer laut geschieht und jeder für sich etwas anderes
lernt, so herrscht in einer Chinesenschule gewöhnlich ein Heiden-
spektakel. Doch das geniert die Chinesen nicht, sie haben ja
keine Nerven, ihr Empfindungsvermögen scheint wirklich graduell
von unserem verschieden zu sein. Bei den Prüfungen um einen
literarischen Grad hat der Student hauptsächlich seine Vertraut-
heit mit den Problemen der Moralphilosophie, mit den Büchern
des weisen Konfuzius, seiner Schüler und anderer chinesischen
Philosophen zu beweisen und auch zu zeigen, daß er Gedichte
machen kann. Die wenigen, welche einen oder mehrere literarische
Grade erreichen, werden von ihren Eltern und sämtlichen Ver-
wandten beglückwünscht und auch bei dem Volke steht der Be-
sitzer von literarischen Graden hoch im. Ansehen; denn nur durch °
solche kann man zu Beamten-, Ehrenstellen und den höchsten
Staatsämtern gelangen. Geht alles seinen normalen Weg und
finden nicht Bestechungen statt, so entscheiden in China bei Ver-
leihung von Ämtern Kenntnisse, Geburtsrechte oder einen Ge-
burtsadel gibt es hier nicht.
Von der Prüfungshalle begab ich mich in das Kantoneser
Gefängnis. Wer China von verschiedenen Schattenseiten kennen
lernen will, der hat hier reichlich Gelegenheit. Da finden wir
keinen soliden Bau, in dem auch die Hygiene und die Humanität
[@ >}
1
zur Geltung kommen; wir finden hier keine menschenwürdige Be-
handlung der Gefangenen, sondern allerlei Grausamkeiten und ent-
setzliche Folterqualen, wie sie im Mittelalter bei uns leider auch
vorhanden waren. Ein kleines Trinkgeld veranlaßt den Gefängnis-
wärter, uns eine große Zelle, eine Art Schupfen zu öffnen. Mitten
auf einer Plattform saßen etwa ı5 Gefangene, teilweise an Händen
und Füßen mit Ketten gefesselt und mit dem sogenannten „Cangue“
oder Holzkragen versehen. Es ist dies ein um den Hals gelegtes
viereckiges Brett, welches dem Gefangenen viel Pein verursachen
- muß. Es ermüdet ihn beim Stehen, beim Sitzen und im Schlafen
und verhindert ihn, die Hände zum Munde zu führen. Nur wenn
es dem Verbrecher gelingt, sich teilweise in die Erde einzuscharren,
gelangt er in eine leidlich bequeme Lage. Die Leute sehen
schrecklich aus. Seife und Kamm scheinen hier unbekannte Dinge
zu sein, an Schmutz und Ungeziefer ist kein Mangel. Da die Ge-
fangenen ihre Kopfhaare, wie dies sonst in China allgemein üblich
ist, nicht rasieren, sondern wild durcheinander wachsen lassen, so
sehen sie ungemein wild aus. Ich werde nie den grausigen An-
blick vergessen, den mir diese Verbrecher darboten, als ich in ihre
Zelle eintrat und sie sich, mit ihren Ketten rasselnd, erhoben und
mir die Hände entgegenstreckten, um zu betteln. Und überall,
wo wir die Gefängnisgänge passierten, wurden uns hunderte Hände
durch die Holzgitter der schuppenartigen Zellen in der Hoffnung
auf ein Almosen entgegengestreckt. Zum Schluß wurde uns noch
der Besuch des Richtplatzes gestattet, doch habe ich davon wenig
zu berichten und das Wenige, was ich hier gesehen, die an einer
hohen Mauer lehnenden roh gezimmerten Kreuze, auf welchen
Verbrecher erdrosselt werden, bewog mich nur, um so rascher
diese traurige Stätte des Elends zu verlassen. EN.
Zu den sehenswertesten Tempeln in Kanton gehört der „Wa-
Lam-Tsz“ oder „der Tempel der 300 Gottheiten oder Genien“.
Im allgemeinen darf man sich unter chinesischen Tempeln keine
gewaltigen umfangreichen Bauten vorstellen. Monumentalgebäude
fehlen ja in China nahezu ganz. Ebenso haben sich solche auch
aus älterer Zeit wegen des unsoliden Baumateriales nicht erhalten.
Man gelangt zunächst zu einem Tempelgebäude mit drei mäßigen
Buddhastatuen, sodann zur siebenstöckigen Marmorpagode und
endlich in den eigentlichen Tempel, der 300 Holzfiguren, die
300 Schüler Buddhas, enthält. Unter diesen zum Teil reich ver-
goldeten und mitunter komisch aussehenden Statuen haben meine
Aufmerksamkeit hauptsächlich drei gefesselt. Zunächst die des
großen Venetianers Marco Polo, der, ein zweiter Odysseus, weite
Reisen unternahm, bereits im ı3. Jahrhundert Asien der Länge
nach durchquerte und sich in China solcher Beliebtheit erfreute,
daß er es hier -bis zum Statthalter brachte. Die Fußbekleidung
macht in der Figur den Europäer leicht kenntlich. Eines großen
Zuspruches erfreut sich auch die Figur des weißen Confucius, des
Gottes der Gelehrsamkeit, und förmlich umschwärmt von chine-
sischen Männlein und Weiblein erscheint die Statue des Gottes der
Fruchtbarkeit. Auf seinem Haupte, seinen Schultern, Armen und
Knien trägt er kleine Kinder. Reichliche Opfer fließen gerade
diesem Gotte zu, denn eine zahlreiche männliche Nachkommen-
schaft ist das Ziel und die Sehnsucht jedes Chinesen, gleichgültig
ob arm oder reich. Ich sage männliche. Die Geburt eines Mädchens
gilt nicht als etwas Erfreuliches, eher als ein notwendiges Übel.
Die ganze Familie wird hierdurch deprimiert, und in vielen Fällen
geht die Mißstimmung der Eltern so weit, daß sie sich in der Tötung
und Beseitigung des unschuldigen Geschöpfes Luft macht.
Auch sonst ist die Stellung der Frau in China gewöhnlich
eine höchst beklagenswerte. Gehört das Mädchen einer besseren
Familie an, so werden ihre Füße frühzeitig einbandagiert und
infolgedessen derart verkrüppelt, daß ihr das Gehen schwer fällt
und sie für das ganze Leben an das Haus gefesselt wird. Will
sie einen Besuch machen oder im Tempel die Götter anbeten, so
muß sie sich in einer Sänfte tragen oder auf dem Rücken einer
Sklavin dahinbringen lassen. Bei ihrer Verheiratung hat sie keine
freie Wahl. Sie sieht an ihrem Verlobungstage ihren künftigen Mann,
der ihr von ihren Eltern bestimmt wurde, in der Regel zum ersten
Male. Als ich auf Java einmal einen alten, reichen Chinesen fragte,
warum man denn den jungen Leuten bei der Vermählung nicht
freie Wahl lasse, war er über meine Frage höchst erstaunt und
meinte: Das sei ganz in der Ordnung, denn eine Heirat sei eine
sehr ernste Sache und es gehöre viel Weisheit und Überlegung
dazu, zu bestimmen, ob zwei fürs Leben zusammen passen, und
darauf verstünden sich die Eltern besser als junge unerfahrene
Leute. Und ist die Chinesin nun Frau geworden, so winkt ihr
gerade auch kein freundliches Los. Sowie sie das Haus ihres Gatten
bezieht, muß sie sich nicht bloß diesem, sondern auch seinen
Eltern und deren Kindern unterordnen. Es kommt. gar nicht
selten vor, daß die Frau nicht mit ihrem Gratten, ja nicht einmal
mit ihren Söhnen zusammensitzen darf, sondern ihr Mahl in einer
Zimmerecke allein für sich nehmen muß. — Wenn wir uns nun
fragen, was die Ursache dieser so erniedrigenden Behandlung der
Frau in China ist, so liegt dieselbe hauptsächlich in der bei den
Chinesen so hoch im Ansehen stehenden Ahnenverehrung. Um
dies verständlich zu machen, gestatte mir der Leser folgende
Betrachtung. Die Chinesen glauben an ein Leben nach dem Tode.
Sie haben auch die Ansicht, daß ‘die Seelen der Verstorbenen
Einfluß nehmen auf das Wohl und Wehe der Hinterbliebenen
und daß diese durch Gebete und Opfer, d.h. durch eine liebevolle
Ahnenverehrung das Schicksal der Verstorbenen im Jenseits
besser gestalten könnten. So empfiehlt sich schon aus egoistischen
Gründen die Verehrung und Anbetung der Ahnen, und in der
Tat spielt diese in China eine das ganze Familienleben beherrschende
große Rolle.
Wenn ein Chinese stirbt, so wird er zunächst in den Sarg
gelegt. Handelt es sich um einen Greis, so hat er sich den Sarg
entweder schon bei Lebzeiten angeschafft oder er wurde ihm von
seinen Kindern zu seinem 60. Geburtstag zum Geschenk gemacht.
Sodann wird ein Priester geholt und dieser sucht zunächst die
eine von den drei Seelen, welche in jedem Chinesen vorhanden
sein sollen, durch Gebete zu veranlassen, ihren Weg ins Elysium
zu nehmen. Ist dies geschehen, so wird der Geomant oder Erd-
wahrsager gebeten, einen möglichst passenden Grabplatz aus-
findig zu machen. Darauf wird in China großes Gewicht gelegt;
der Erdwahrsager sucht mit dem Kompaß in der Hand oft wochen-,
ja mitunter auch monatelang nach einem solchen Platze. Die
Chinesen leben in dem Aberglauben, daß ein an einem un-
günstigen Orte befindliches Grab für die Nachkommen von Un-
heil sei, und deshalb behandeln sie die Erdwahrsager mit großer
Aufmerksamkeit und beschenken sie reichlich, damit sich diese
beim Aufsuchen einer glückbringenden Begräbnisstätte möglichst
viel Mühe geben. Während dieser Zeit bleibt der Verstorbene
entweder im verschlossenen Sarge zu Hause liegen oder er wird
vorläufig in einem Totenaufbewahrungshaus deponiert, bis der
Geomant seine Aufgabe gelöst hat. Am Grabe werden papierne
Nachahmungen von Gold, Dienern, Palankins, Pferden und Wagen
verbrannt, damit diese dem Toten im Jenseits zugute kommen
mögen; der Priester betet, daß die 2. Seele des Verstorbenen in
der Leiche verbleibe und die 3. sich in dem Ahnentäfelchen nieder-
lasse. Dieses wird zunächst bis zum hundertsten Trauertage in
einem Zimmer des Hauses aufbewahrt und jetzt erst wird es auf
den Ahnenaltar niedergelegt. Damit ist aber die Trauerzeit keines-
wegs beendet, denn diese währt über zwei volle Jahre.
Da die Frau in China von diesen so überaus wichtigen
7/eremonien der Ahnenverehrung so gut wie ausgeschlossen ist
und die Anbetung in erster Linie von den Söhnen besorgt wird,
so wünscht sich schon aus diesem Grunde der Chinese eine männ-
liche Nachkommenschaft, weil er damit eine Art Garantie erhält,
daß auch im Jenseits für sein Wohl gesorgt werden wird.
Von Kanton etwa 20 Meilen entfernt, liegt an der Mündung
des Pearlflusses die uralte portugiesische Stadt Macao. Schon von
weitem zieht diese Stadt durch ihre reizende Lage, durch ihre
zahlreichen Klöster und Kirchen sowie durch den prächtigen
Hafen die Blicke des Reisenden auf sich. Allein dieser Hafen,
der einst nahezu allein den Seehandel ‘zwischen Ostchina und
Europa vermittelte, ist ziemlich still geworden, seitdem die Eng-
länder aus Hongkong, einem elenden Fischernest, eine herrliche,
man kann sagen, eine europäische Stadt gemacht und den ganzen
Handel hierdurch an sich gerissen haben.
Auf einer Anhöhe von Macao, in einem herrlichen Garten,
liegt die berühmte Grotte, wo der größte portugiesische Dichter
Camoens seine Lusiaden schuf, jenes herrliche epische National-
gemälde, das portugiesisches Heldentum in so wunderbarer Weise
feiert. A
Als ich eines Abends.in den Straßen Macaos spazieren ging,
fiel mir ein grell beleuchtetes Haus auf. Es war, wie ich erfuhr,
die bekannte Spielhölle Macaos. Rasch entschlossen trat ich ein.
In einem kleinen Zimmer saßen um einen Tisch einige spielende
Chinesen, der Croupier und seine beiden Gehilfen. Der eine Gehilfe
prüft das Gewicht und die Echtheit der Einsatzmünzen, der andere
bucht die Einsätze und zahlt die Gewinste aus. Bei dem
»Tschingtau« — dieses bei den Chinesen sehr beliebte Hasardspiel
wurde gerade gespielt — legt der Croupier einen Haufen von
Münzen auf den Tisch und bedeckt dieselben sofort mit einem
Becher. Die Spieler setzen nun auf die Zahlen ı, 2, 3 undy. So-
dann hebt der Croupier den Becher von dem Haufen und sondert
mit einem Stäbchen je vier Münzen ab. Bleibt nun kein Bruch-
teil übrig, so gewinnt der, welcher auf die Zahl 4 gesetzt hat.
Bleiben ı, 2 oder 3 Münzen übrig, so gewinnen die, welche die
— 39 —
entsprechenden Zahlen gewählt haben. Nachdem ich mich mit
dem Spiele einigermaßen vertraut gemacht, wagte ich auch einige
Dollars, allein das Glück war mir nicht hold, weshalb ich Rech
wieder aufs Beobachten beschränkte.
Die meisten Chinesen sind vom Spielteufel förmlich besessen.
Schon die Kinder erfreuen sich am Würfelspiel und nicht selten
kann man sehen, daß der kleine Chinesenjunge die Orange nicht
kauft, sondern darum würfelt. Häufig wettet man, daß die Orange
eine bestimmte Anzahl von Kernen enthält. Die Orange wird
geöffnet und die Kerne werden gezählt. Der glückliche Errater
erhält das Fünffache des Einsatzes und die Orange.
Auf meiner Fahrt von Indien über China, Japan, Honolulu
nach Amerika konnte ich oft wochenlang die chinesischen Kulis,
von denen mancher Dampfer oft ein bis mehrere Hundert mit
sich führt, in ihrem Leben und Treiben beobachten. Abgesehen
vom Öpiumrauchen besteht ihr Hauptzeitvertreib im Spiel. Man
würfelt, spielt Karten oder Tschingtau. Nach den Mitteilungen
der Kapitäne kommt es gar nicht selten vor, daß ein Kuli seinen
in der Fremde durch mehrere Jahre mühsam erworbenen Lohn auf
dem Schiffe verspielt und aus Verzweiflung darüber den Tod in
den Wellen sucht. Großes Interesse bekundet der Chinese, besonders
im Süden, für die Kämpfe der Grillen, der Wachteln, der Wild-
tauben und Hähne, dagegen fehlt ihm für körperliche Übungen wie
Boxen, Turnen, Ringen, Tennis, Fußballspiel und anderes der Sinn.
Ein Chinese kann nicht begreifen, wie man stundenlang Tennis spielen
kann, ohne dafür bezahlt zu werden. Nur ein einziges Spiel
erfreut sich großer Beliebtheit, das Werfen des Federballs. Sonder-
barerweise werfen die Chinesen den Federball nicht mit dem
Racket, sondern mit den Füßen, und hierin bekunden sie so großes
Geschick, daß sie den Ball minutenlang in der Luft erhalten können.
Ich muß es mir an diesem Orte versagen, meine Erinnerungen aus
Hongkong und Shanghai wiederzugeben, und ich wende mich da-
her gleich zu dem zweiten Wunderland des Ostens, zu Japan. Um
dahin zu gelangen, benützte ich den Dampfer „China“ der Pacific
Mail, einen der größten und schönst eingerichteten Passagierdampfer,
der mir auf meiner Reise um die Erde untergekommen ist. In Eu-
ropa herrscht vielfach die Meinung, daß eine derartige Reise eine
‚ununterbrochene Kette von Entbehrungen, von Widerwärtigkeiten
und von Gefahren mit sich bringe. Im allgemeinen ist dies nicht
richtig. Wenn man von Haus aus gesund und nicht anspruchs-
voll ist, wenn man ein offenes Auge für Land und Leute und die
Natur behält, dabei vernünftig lebt, so werden die relativ geringen
Reisestrapazen reichlich aufgewogen durch die vielen Genüsse der
verschiedensten Art, die eine solche Reise gewährt. Auf dem
Dampfer „China“ — und dies gilt ja für die meisten Ozeandampfer
guten Rufes — ist für Komfort nach jeder Richtung gesorgt.
Man hat eine hübsche Kabine mit gutem Bett, das Schiff birgt
einen Salon, ein Musik-, Spiel-, Rauch- und Bibliothekszimmer und
einen großen Speisesaal. Für die Verköstigung ist, da ja Essen
und Trinken auf einer langen Seereise eine wichtige, für viele
sicherlich die wichtigste Rolle spielt, in ausgezeichnetster Weise
gesorgt.
Manche Kapitäne verstehen es, die Geselligkeit zu fördern;
sie veranstalten Wettspiele, regen gymnastische Übungen an, ja
auf der Fahrt nach Honolulu improvisierte der Kapitän sogar eine
Kegelbahn auf dem etwa 100 Schritte langen Deck, die uns viel
Vergnügen machte. Auch die umgebende Natur gibt Anlaß zu
interessanten Betrachtungen: wie gerne ruht das Auge auf dem
Wellen- und Farbenspiel des Meeres, bei Tag ergötzt man sich
an dem Fluge der Möven, an dem Spiel der Delphine, an der
Flucht der aufgescheuchten fliegenden Fische, an dem Treiben
der Quallen und nachts an dem Leuchten des Meeres. Indes,
wenn die Fahrt lange währt, so fühlt man sich doch auf dem
Schiffe, das einem großen schwimmenden Hotel gleichkommt,
gelangweilt und eine unaussprechliche Sehnsucht nach dem Lande
erwacht. So erging es auch uns, als wir uns dem Lande der
aufgehenden Sonne näherten und die Küste des japanischen Insel-
reiches vor unseren Blicken auftauchte. Immer deutlicher wurden
die Umrisse der Küste, und endlich passierten wir die Insel Papen-
berg, jene blutige Stätte, auf welcher zur Zeit der Christen-
verfolgungen in Japan Tausende von Christen den Märtyrertod
erlitten, und fuhren dann in den Hafen von Nagasaki ein.
Gleich Rio de Janeiro und Hongkong darf auch Nagasaki
sich rühmen, einen der schönsten Häfen der Welt sein eigen zu
nennen. Die binnenseeartige Bai, der terassenförmige Aufstieg
der Stadt, der Abschluß durch eine stimmungsvolle Berglandschaft
und das Leben im Hafen selbst nehmen den Ankommenden ganz
gefangen. Unter dem Heer von Schiffen fesseln uns vor allem
die riesigen englischen Dampfer, die japanischen Kriegsschiffe
und die in ein düsteres Rauchgrau gehüllten russischen Kriegs-
dampfer. Dazwischen ein Wald von Seglern, von Booten und
zierlichen hin und her gleitenden Propellern. Kaum war unser
Dampfer verankert, so war er bereits umringt von zahlreichen
Kohlenbooten; Japaner und Japanerinnen bildeten eine auf-
steigende Kette von den Booten zu dem Kohlenraum des Dampfers
und nun flogen die Kohlenkörbe von Hand zu Hand mit einer
‚Schnelligkeit und Geschicklichkeit, die unser Staunen erregte.
Was unser Interesse auf einer Reise in ferne Länder stets
in ganz besonderem Grade erregt, ist der Mensch. Zumal in China
und Japan, wo alles so eigenartig und originell ist, tritt uns der
Mensch ebenso wie im Tropengürtel gewissermaßen als eine neue
Spezies entgegen. Und so wie der Naturforscher sich an einer
neuen Pflanzen- oder Tierart erfreut und sie staunend betrachtet,
so fühlt sich wohl jedermann auch angeregt, eine ihm entgegen-
tretende Menschenrasse zu analysieren.
In Japan lassen sich leicht zwei Typen unterscheiden. Bei den
mehr im Norden lebenden Japanern tritt der mongolische Typus
deutlicher hervor: die dunklere Hautfarbe, die vorstehenden Backen-
knochen, die niedrige Stirn, die mehr gerade liegenden Augen
und der stärkere Körper erinnern an die angeblichen Ureinwohner
Japans, an die Ainos. Der mehr im Süden vorherrschende Typus
hat eine hellere Hautfarbe, schmaleres Gesicht, höhere Stirn, eine
leicht gekrümmte Nase, sehr schwachen, fast nur aufs Kinn be-
schränkten Bartwuchs und eine schmächtigere Gestalt. Der Japaner
hat nach unseren Begriffen unschöne Gesichtszüge. Die ihm eigen-
tümliche Intelligenz verrät sich jedenfalls in seinem Antlitze nicht.
Dasselbe läßt sich durchaus nicht von der Japanerin sagen. Man
findet oft reizende Gestalten mit feiner Modellierung der Formen
und besonders feiner Gliederung der Hände und Füße. Mitunter
mahnt das feingeschnittene Gesicht mit der sorgfältig gehaltenen
Frisur und den dunklen seelenvollen Augen an europäische Schön-
heiten. Tadeln möchte ich an den japanischen Mädchen die etwas
vorgebeugte Haltung, die in der hier so allgemein üblichen hocken-
den Stellung auf dem Boden ihren Grund haben dürfte. Seine helle
Freude kann man in Japan an den Kindern haben. Man nennt
Japan das Paradies der Kinder und sagt, daß die Kinder hier nie
weinen. Tatsache ist, daß die Kinder sich glücklich fühlen und
mit lächelndem Gesicht in die Welt blicken ebenso wie die Eltern,
deren Frohnatur ja bei vielen Gelegenheiten zutage tritt. Was bei
den Kindern besonders auffällt, ist der ausgesprochene Sinn für
Gehorsam. Im Gegensatz zu den Chinesen machen die Japaner
keinen Unterschied zwischen Knaben und Mädchen, behandeln
beide mit gleicher Liebe und Sorgfalt und sorgen auch für das
Vergnügen und die Spiele ihrer Kleinen. Ball-, Kreisel- und Papier-
drachenspiel gehören zu den Hauptergötzungen der Jugend.
Wenn man in.Japan sich nicht bloß mit dem Besuche der
Küstenorte Nagasaki, Kobe, Tokio und Yokohama begnügt, sondern
auch das Innere des Landes kennen lernen will, so bedarf es eines
speziellen japanischen Passes. Als ich in Kobe landete, war es
daher meine erste Sorge, mir einen solchen Paß für das Inland
zu verschaffen. Zu meinem großen Bedauern mußte ich nun in
Kobe erfahren, daß Österreich hier in der Endstation des Öster-
reichischen Lloyd kein Konsulat unterhalte und daß ich mich
daher des Passes wegen an das englische Konsulat zu wenden
hätte. Sowie man Europa verläßt, sieht man auf Schritt und Tritt,
daß die Engländer in der Welt die erste Rolle spielen. Nicht mit
Unrecht. Denn sie haben dank ihrer wunderbaren Kolonisierungs-
kunst sich an den schönsten Plätzen unseres Erdenrunds festgesetzt,
die wichtigsten Kohlenstationen sich angeeignet und damit eben
die Welt erobert. Der englische Konsul in Kobe folgte mir in
liebenswürdigster Weise einen Paß für Japan aus und mit diesem
gelangte ich alsbald nach Kioto, der alten Hauptstadt des Reiches.
Durch etwa 1000 Jahre herrschten die Mikados hier, bis zum
Jahre 1865. Von diesem Zeitpunkte an gilt Tokio als Herrscher-
sitz des Kaisers. Wer japanische Eigenart, japanische Kunst
und das in Japan auf so hoher Stufe stehende Kunstgewerbe
kennen lernen will, wird bei einem Besuche dieses originellen
Landes es nicht versäumen, Kioto zu besuchen. Etwa 1000 Tempel,
darunter 945 Buddhatempel, nennt die Stadt ihr eigen. Der alte
historische Mikadopalast, zahlreiche Theater, eine Unzahl von
Teehäusern, herrliche Kunstschätze und das blühende Kunst-
gewerbe lassen auch heute noch Kioto als ehemaligen Herrscher-
sitz erkennen. Unter den Erzeugnissen der Kunstindustrie nimmt
neben dem Porzellan die Lackarbeit den ersten Rang ein. Für
den Fremden bietet es einen hohen (Grenuß, die verschiedenen
Läden oder Curioshops zu besuchen, besonders, wenn sie auch
mit den betreffenden Werkstätten verbunden sind. Hier erst ge-
winnt man einen tieferen Einblick in die außerordentliche Sorg-
falt und in die Geschicklichkeit, mit welcher die Cloison&-, Damas-
zener-, Schnitzerei-, Lack- und andere Arbeiten ausgeführt werden.
All diese Waren üben, weil sie vielfach einen feinen künstlerischen
Geschmack bekunden, eine so große Anziehungskraft auf uns, daß
wir immer von neuem verlockt werden, zu kaufen.
Wie in so vielen Punkten war auch in der Kunst China die
Lehrmeisterin von Japan. Aber auch hier hat die gelehrige
Schülerin die Lehrerin überflügel. Die chinesische Kunst er-
wärmt uns nicht. Das Groteske, das Bizarre, die eigenartige
Formgebung und das starre Festhalten an den herkömmlichen
Motiven und Ornamenten zieht uns nicht an. Hingegen entzückt
uns in der japanischen Kunst der frische Naturälismus und das
liebevolle Erfassen der aus Wald und Flur, aus dem Pflanzen-,
Tierreich und dem menschlichen Leben entnommenen Motive.
Während die Japaner in der Musik keinerlei Talent bekunden
und auf einer tiefen Stufe stehen, nehmen sie auf dem Gebiete
der Malerei, obwohl sie die Verwendung des Schlagschattens und
des Helldunkels nicht kennen, sich auf die Linearperspektive nicht
verstehen und mit der Ölmalerei erst vor kurzem bekannt ge-
worden sind, eine achtunggebietende Stellung ein, ja im Reiche
des Kunstgewerbes können sie uns Europäern vielfach als Muster
dienen. Der Einfluß der japanischen Kunst ist auch in Europa
unverkennbar und in der Tat können wir heute fast in jeder
modern eingerichteten Wohnung allenthalben Anklänge an Japan
vorfinden, sei es in Form eines Paravents, eines Fächers, einer
Cloisonearbeit, einer Waffe oder einer lackierten Teebüchse.
Der in Japan so vielfach verwendete Lack stammt von dem
Lackbaum Rhus vernicifera. Jeder Lackzapfer kauft vom Bauer
einige 100 Bäume und zapft sie im Hochsommer an. Der Arbeiter
reinigt zu diesem Zwecke den Stamm, macht mit einem Messer
zunächst über dem Boden in die Rinde einen horizontalen bogen-
förmigen Schnitt und sodann auf den entgegengesetzten Seiten
des Stammes, immer um etwa 20 Zentimeter entfernt, weitere
Ritze und zwar so hoch als er reichen kann. In derselben Weise
werden nacheinander etwa ı5 Bäume behandelt. Dann erst kehrt
der Zapfer zu dem ersten Baume zurück und kratzt den in der
Ritze inzwischen hervorgequollenen Milchsaft zusammen. Der aus
der Wunde fließende Lacksaft ist anfangs weißlich, an der Luft
dunkelt er bald nach und wird endlich schwarz. Ein guter voll-
ständig ausgenutzter Baum liefert beiläufig 25 bis 5o Gramm Roh-
lack. Derselbe wird zunächst einem Klärungsprozeß, und wenn
er für feine Lackierungsarbeit gebraucht werden soll, auch einem
Verdampfungsprozeß unterworfen sowie mit verschiedenen Sub-
stanzen, Perillaöl, Eisenvitriol usw. versetzt. Der japanische Lack
ist jedenfalls ein ganz besonderer Saft, denn die japanischen
Lackarbeiten erfreuen ebenso durch große Eleganz, schimmernden
(Glanz, wie durch eine außerordentliche, bis an Unverwüstlichkeit
streifende Solidität.
Um von Kioto nach Tokio zu gelangen, benützte ich die
Eisenbahn. Im Gegensatz zu den konservativen Chinesen haben
die Japaner alsbald die große Bedeutung dieses europäischen
Verkehrsmittels erkannt und in den letzten 25 Jahren über ihr
Reich bereits ein weitverzweigtes Schienennetz gespannt. Die Be-
haglichkeit läßt namentlich in den kalten Wintermonaten auf der
Eisenbahn noch manches zu wünschen übrig. Die Warteräume
mögen im Sommer ganz angenehm sein, im Winter jedoch bleiben
sie ungeheizt und entbehren häufig der Türen, so daß sie dem
Reisenden keinerlei Schutz gegen die Kälte und den Wind ge-
währen. Eine längere Eisenbahnfahrt bietet manches Interessante.
Sobald ein Japaner oder eine Japanerin den Waggon betritt,
werden die Sandalen oder Holzpantoffel genau wie beim Eintritt
in ein Zimmer abgelegt. Der Passagier hebt dann die Beine auf
die Bank und setzt sich darauf. Die meisten vertreiben sich die
Zeit mit Plaudern und Essen. Orangen und Kakifrüchte werden
in Menge verzehrt. Dazwischen raucht man eine Zigarette oder
das kleine japanische Pfeifchen, das mit ein paar Zügen schon aus-
gepafft ist. In den größeren Stationen werden bei den Fenstern
kleine flache Holzkistchen mit dampfendem Reis, Curri und den
unvermeidlichen zwei Eßstäbchen hineingereicht. Von Zeit zu
Zeit erscheint ein Bahnbediensteter, der den um den Spucknapf
angesammelten Unrat von Speise- und Tabakresten wegkehrt, eine
Gepflogenheit, die wirklich notwendig ist, da die im Mittelgange
herumliegenden Örangenschalen, Zündhölzchen und _Zigarren-
stümpfe bald ein Verkehrshindernis abgeben würden.
Wenn ich im Waggon saß und meine Umgebung beob-
achtete, konnte ich bemerken, daß sich viele mit meiner Person
beschäftigten und über mich sprachen, ja zu wiederholten Malen
ist es mir passiert, daß mir mein Nachbar, ohne mit mir früher
ein Wort gewechselt zu haben, plötzlich ganz unvermittelt seine
Visitenkarte zuschob, in der Erwartung, dafür auch meine zu er-
halten. Die Neigung zu Frohsinn und Spaß kommt auch bei den
Passagieren oft zum Durchbruch und mitunter in ganz unerwarteter
Weise. So war ich auf meiner Fahrt nach Tokio sehr überrascht
zu sehen, wie ein Japaner seiner Reisetasche einen Papierdrachen
entnahm, darauf mit einem Kohlenstift einen fliegenden Kranich
zeichnete und den Drachen dann vom offenen Waggonfenster
hoch in die Luft steigen ließ. Zur Freude der Mitfahrenden be-
gleitete uns der Drache während der Fahrt durch eine halbe
Stunde Man kann daraus ersehen, daß die Schnelligkeit der
japanischen Züge — wir benützten einen Schnellzug — ver-
glichen mit der der europäischen, eine sehr mäßige sein muß.
Auf der langen Fahrt von Kioto nach Tokio hat man reich-
lich Gelegenheit, die Fruchtbarkeit und die Schönheit der Land-
schaft zu beobachten. Obwohl ich die Fahrt zur Winterszeit im
Februar machte, konnte ich mich vielfach überzeugen, daß der
Acker auf das Sorgfältigste bestellt und namentlich die Düngung
und die Bewässerung in einer Weise durchgeführt waren, an der
man sich ein Muster nehmen könnte. Selbst im Winter bot die
Vegetation mancherlei Interessantes und manche (regensätze:
Hier ein Wald von Pinien, Kryptomerien, dann wieder haushohes
Buschwerk von an den Süden gemahnender Bambusa, gleich
darauf ein Bestand von rotblühenden Kamelienbäumen, vor den
Bauernhöfen ein blühender Pflaumen-, Kirschbaum oder eine
Palme, die seltsam mit dem im Norden sich erhebenden schnee-
bedeckten Gebirge und den zeitweise fallenden Schneeflocken
kontrastiert. Nachmittags klärte sich der Himmel und im Osten
erhob sich der heilige Berg von Japan, der Fusi-Yama, ein wahres
Modell eines (erloschenen) Vulkans. 3700 Meter sich erhebend,
den größten Teil des Jahres mit Schnee bedeckt, bietet dieser in
den Augen der Japaner ‚heilige Berg einen erhabenen Anblick
und man begreift, daß gerade dieser Berg, der vor etwa 200 Jahren
seinen letzten Ausbruch hatte und in alter Zeit der Erde plötzlich
entstiegen sein soll, von den Japanern so verehrt und in der japa-
nischen Kunst als Motiv so häufig verwertet wird.
Endlich war Tokio erreicht und ich war glücklich, in einem
vornehmen, europäisch eingerichteten Hotel meinen ausgefrorenen
Körper wieder ordentlich erwärmen zu können. Tokio, an der
Bai von Jeddo gelegen und von Yokohama nur ı!/, Eisenbahn-
stunden entfernt, hat gegenwärtig etwa 1400000 Einwohner und
gehört, weil in jedem Hause durchschnittlich nur vier Personen
wohnen und innerhalb der Stadt große Gärten und Parkanlagen
sich vorfinden, nächst London zu den ausgedehntesten Städten der
ee
Erde. Bei einem so großen Umfang besteht das Bedürfnis nach
einem flinken und billigen Gefährt, und ein solches ist auch in
wunderbarer Weise verwirklicht in dem Jinriksha. Es ist dies ein
kleiner, zweiräderiger Handwagen, eine für ı—2 Personen be-
rechnete Kalesche, gezogen von einem Japaner.
Dieses kleine japanische Fuhrwerk hat sich bereits über
Japan hinaus auch in den chinesischen Städten, in Singapore, Pe-
nang und auf Ceylon eingebürgert. Ich erinnere mich noch heute,
wie sehr ich überrascht war, als ich, sowie ich in Colombo das
Land bestieg, plötzlich von einer Schar Jinrikshas oder, wie man
kurz zu sagen pflegt, von Rikshas umringt war. Der Mensch
trat mir hier als Zugtier, das Pferd ersetzend, entgegen und mein
Mitgefühl sträubte sich anfänglich dagegen, ihn als solches zu be-
nützen. Schließlich beruhigte mich der Gedanke, daß ja auch bei
uns in Europa viele Arbeiter nicht auf Rosen gebettet sind und
in Bergwerken oft auf Kosten ihrer Gesundheit arbeiten. Und
da ich nun bald zu sehen Gelegenheit hatte, wie sich in Colombo
die Europäer allgemein der Tamils und Singhalesen bedienten, um
im rasenden Tempo im Riksha durch die Straßen zu fliegen,
so ließ ich endlich mein Bedenken fallen und ließ mich auch von
Menschen ziehen. Die Leistungsfähigkeit des Riksha-Kulis ist
eine erstaunliche. Er kann ı— 2 Stunden so schnell wie ein Fiaker-
pferd laufen. Jeder von uns hat einmal versucht, eine größere
Strecke zu laufen und jeder weiß, daß man nach ıo Minuten schon
ziemlich ausgepumpt ist. Der Riksha-Kuli aber läuft ı— 2 Stunden
und zieht dazu noch einen Wagen und einen Fahrgast. Ich habe,
als ich in der japanischen Tempelstadt Nikko weilte, englische
Familien in Rikshas ankommen sehen, deren Kulis durch fünf
Stunden über die mit Schnee bedeckten Straßen ihre kleinen
Fuhrwerke zogen. Wenn auch eine derartige Inanspruchnahme
des Menschen zu den Seltenheiten gehören dürfte — in dem er-
zählten Falle war sie durch einen Bahnstreik bedingt — 30 kann
doch der Beruf des Riksha-Kulis, da er Lunge und Herz in ganz
ungewöhnlicher Weise in Anspruch nimmt, gewiß nicht als ein
gesunder betrachtet werden. Trotzdem ergeben sich in Japan
und den Tropen tausende Menschen diesem Erwerb und die
Konkurrenz auf diesem Gebiete ist so groß, daß dadurch die
Fahrten außerordentlich billig werden.
Zu den schönsten Ausflugsorten in Tokio gehört der Uyeno-
park. Sowie die Berliner ihren Tiergarten und die Wiener ihren
Prater aufsuchen, um sich nach des Tages Mühen in frischer freier
Luft zu ergehen, so strömen auch die Bewohner von Tokio der
Erholung wegen in den Uyenopark. In diesem baumreichen, an
stimmungsvollen lauschigen Plätzchen so reichen Parke finden sich
einige Grabtempel ehemaliger Shogune, verschiedene andere Tempel,
ein großartig eingerichtetes Museum, eine öffentliche Bibliothek,
ein zoologischer Garten und zahlreiche Teehäuser nebst Restaurants:
Was aber den Japaner besonders in den Uyenopark lockt, sind
die Blumen und die Blumenfeste. Zur Zeit, wenn die Pflaume
ihren Blütenschnee entfaltet, wenn die Lotosblumen im Teiche von
Uyeno tausende ihrer Kelche öffnen und das Auge sich abwechselnd
an dem Anblicke dieses herrlichen Blütenflors und dem in der
Ferne grüßenden wolkenumsäumten Fusi-Yama weidet, zur Zeit,
wenn die Blüte des Fuji (Wistaria chinensis) in Tausenden von
blauen Blütentrauben die Veranden schmückt, die Schwertlilien in
den verschiedensten Farben prangen und bei anbrechendem Herbst
die Ahornbäume ihr Laub in den verschiedenen roten Tinten
leuchten lassen, dann wandert ganz Tokio ins Freie, um die Natur
zu genießen und sich an der Schönheit der Blumen zu erfreuen.
Die Freude an der Natur und an den Blumen ist dem Japaner
nicht anerzogen, sondern fußt schon im Volkscharakter: Sie kommt
auch in den japanischen Liedern vielfach zum Ausdruck:
„Sind erst die Blüten dahin, die Sehnsucht bringt sie nicht wieder,
Willst Du sie brechen, so brich heute, sonst ist es zu spät.“
‚Die leidenschaftliche Liebe für die Wistaria-(Fuji)-blüte besingt
der Dichter mit den Worten:
„So wie die Woge zum Strand, so kehren die Leute stets wieder,
Wandelnd am Hause vorbei, staunen, den Fuji sie an.“
In Tokio weilend, versäumte ich es nicht, meinen Fachge-
nossen, den japanischen Pflanzenphysiologen Prof. Manabu Miyoshi,
den ich bei der letzten Naturforscherversammlung in Wien kennen
zu lernen die Ehre hatte, zu besuchen, unter anderem, um durch
ihn Gelegenheit zu erhalten, die Einrichtung der kaiserlichen Uni-
versität besichtigen zu können. Prof. Miyoshi war nicht wenig über-
rascht, als ich in ‚seinem kleinen Stübchen plötzlich vor ihm stand.
Er empfing mich auf das Zuvorkommendste und Herzlichste und
lud mich für den nächsten Tag in den botanischen Garten und
sein Laboratorium ein. Hier lernte ich auch den Direktor des
botanischen Gartens Prof. Matsamura kennen, der in liebenswür- .
Be
digster Weise den Führer machte. Von den wissenschaftlichen
Instituten kann ich nichts Originelles berichten, da dieselben genau
so eingerichtet sind, wie die der <leutschen Universitäten. Hätte
ich, als ich im pflanzenphysiologischen Laboratorium der kaiser-
lichen Universität in Tokio weilte, nicht vor mir den japanischen
Professor, die japanischen Studenten und Diener gehabt, so hätte
ich mir auch einbilden können, in einem analogen Institut Öster-
reichs oder Deutschlands zu sein, denn bis in die kleinste Einzel-
heit war alles dem europäischen Muster nachgeahmt.
In der Nachahmung erscheint der Japaner überhaupt groß und
ganz im Gegensatz zum Chinesen. Wo immer auch der Chinese
sich niederläßt, sei es in den Tropen, in Afrika oder Amerika, er
wird nie seine charakteristische Kleidung, seine Haartracht, seinen
Zopf, seine Lebensgewohnheiten, seine Anschauungen aufgeben.
Er ist eben streng konservativ und bleibt immer originell. Der
Japaner hingegen hat einen förmlichen Nachahmungstrieb, alles,
was er an dem Europäer sieht, dünkt ihm der Nachahmung wert.
Dabei ist er so klug, sich stets die besten Muster zu wählen. Zu-
erst waren es die Amerikaner, dann die Franzosen, die Engländer
und gegenwärtig auf sehr vielen Gebieten die Deutschen. Viele
von den Lehrstühlen der Universität sind durch europäische Pro-
fessoren besetzt, doch ist man durchwegs bestrebt, nach und nach
die Lehrkanzeln durch einheimische Kräfte zu besetzen. Man
sendet zu diesem Zwecke die tüchtigsten Japaner nach Europa,
gegenwärtig vorwiegend nach Deutschland, zu den hervorragendsten
Lehrern und Forschern und nach einiger Zeit kehren die Japaner,
trefflich geschult und mit den modernsten wissenschaftlichen Me-
thoden vertraut, in die Heimat zurück, um nun selbst als Lehrer
und Forscher aufzutreten. Auch auf dem Gebiete des Heerwesens,
der Justiz, der Verwaltung und der Polizei macht man sich Deutsch-
land zum Muster, wie denn in den besseren Kreisen ‚auch die
deutsche Sprache der englischen bedeutend Konkurrenz zu” machen
beginnt.
Meine japanischen Kollegen waren so liebenswürdig, mich
in ein Teehaus zu einer echt japanischen Mahlzeit zu laden und
mir zu Ehren einen botanischen Abend zu veranstalten. Zu
demselben waren die Professoren Miyoshi, Matsamura, Jkeno, deren
Freunde und Schüler, im ganzen etwa 35 Personen, erschienen.
Nie werde ich des herzlichen Empfanges vergessen, der mir hier
zuteil wurde. Man gab sich alle Mühe, mir die Zeit in ange-
nehmster Weise zu vertreiben, man bewirtete mich mit japanischen
Früchten, mit Sake und Bier. Als die Stimmung gemütlich zu
werden begann, neigte sich Kollege Miyoshi zu mir herüber und
bat mich, der Versammlung einen Vortrag über meine Forschungen
auf Java zu halten. Als ich ihm darauf bemerkte, daß ich momentan
zwar imstande wäre, einen Vortrag in deutscher, aber nicht in
englischer Sprache zu improvisieren, da meinte er: „Um so besser,
denn die Versammlung legt gerade Wert darauf, einen Vortrag
in deutscher Sprache zu hören, da wir in Japan den deutschen
Professor so überaus hoch schätzen.“ Ich hatte auf Java so viel
des Interessanten gesehen und kennen gelernt, daß es mir nicht
schwer fiel, darüber einen kurzen Vortrag zu halten, und ich glaube
selten so aufmerksame Zuhörer gehabt zu haben, wie damals bei
dem botanischen Abend in Japan.
Der Japaner hat eine ausgesprochene Vorliebe für das Kleine:
Er liebt ein kleines Haus, ein kleines Zimmer, kleines Eßgeschirr,
er liebt einen kleinen Garten, darin einen kleinen Teich mit kleinen
Goldfischen. Er liebt das Kleine, vielleicht weil er selbst klein ist.
Ich glaube, wenn er könnte, er würde alles Große klein machen. —
Ferner findet der Japaner großen Gefallen nicht nur an dem
Zwerghaften, sondern merkwürdigerweise auch an dem Absonder-
lichen, Krüppelhaften und Unnatürlichen.
Die Japaner verstehen es meisterhaft, Zwergpflanzen zu
kultivieren. Sie bringen es zustande, einen Föhren-, Kirsch-, Ahorn-
oder Pflaumenbaum durch mehrere Jahrzehnte in einem kleinen
Blumentopf zu ziehen. Ich habe in Yokohama einen Kirschbaum
in einem kleinen Blumentopfe gesehen, der etwa ı Meter hoch
war, einen ganz hohlen, armdicken Stamm hatte und dessen Zweige
reichlich Blüten trugen. Der Baum war, wie man mir versicherte,
ı5o Jahre alt. Je älter der Zwerg und je kleiner er ist, desto
wertvoller erscheint er in den Augen des Japaners. Um derartige
Bäumchen heranzuziehen, pflanzt man möglichst kleine Samen in
winzige Blumentöpfe, die festgestampfte und nahrungsarme Erde
enthalten. Werden solche Pflanzen überdies noch wenig begossen
und häufig zurückgeschnitten, so bleiben sie im Wachstum sehr
zurück und entwickeln sich, weil sie in einem fortwährenden
Hungerzustande erhalten werden, höchst kümmerlich.
Mit Vorliebe gestaltet der japanische Gärtner den Zwerg
noch zum Krüppel. Unter Zuhilfenahme von Bleidrähten und
Bindfäden werden die jungen, noch schmiegsamen Zweige in der
Molisch, Populäre biologische Vorträge. 2. Aufl. +
Form einer Zickzack- oder Wellenlinie gebunden oder die Zweige.
werden, wenn man ein Trauerbäumchen erhalten will, nach abwärts
gebogen. Das Gezwungene, Unnatürliche und Gekünstelte erreicht
bei der Kultur der Pflanze seinen höchsten Grad, wenn der Japa-
ner, wie dies häufig geschieht, ihr eine bestimmte Form gibt.
Ich war nicht wenig verblüfft, als ich in einer japanischen Aktien-
gärtnerei zu Yokohama zahlreiche Pflanzen sah, die in Form eines
Storches, einer Ente, eines Hasen, einer Schildkröte gezogen waren,
und mein Erstaunen über den sonderbaren Geschmack der Japaner
stieg aufs höchste, als ich im Gewächshause ein kleines Zweirad
mit dem Radfahrer am Sitz, ganz und gar aus den Zweigen eines
Farnkrautes gebildet, vorfand.
In wohltuendem Gegensatz zu dieser Geschmacklosigkeit steht
die Freude an der individuellen Schönheit der Pflanze. Eine oder
einige wenige Blüten mit möglichst langen Stielen und noch mit
Blättern versehen geschmackvoll in eine Vase zu stecken, ist in
Japan sehr beliebt. Blüten und Blütenzweige zierlich zu stecken
ist eine Kunst, auf die sich gebildete japanische Mädchen treff-
lich verstehen. Die Bukettbinderei, Europas Aneinanderreihung
vieler Blüten zu einem runden dichten Ballen, kennt man in
Japan nicht.
Wenn wir uns nun zum Schlusse fragen, wie es kommt, daß
wir in Europa, wenigstens nach unseren Begriffen, in der Kultur-
stufe den Rekord halten, warum Japan, seitdem es Europa seit
etwa 30 Jahren sorgfältig kopiert, so ganz unglaubliche Fort-
schritte gemacht hat und warum China, der gewaltige asiatische
Koloß, trotz seines mehrtausendjährigen Bestandes und seiner alten
Kultur so tief unter uns steht, so sind sicherlich verschiedene
Umstände daran schuld, insbesondere aber nach meiner Meinung
der mangelnde Sinn des Chinesen für die Pflege der exakten
Wissenschaften, der organischen und der angewandten Natur-
wissenschaften. Durch die gründliche Pflege der Mathematik, der
Physik und Chemie, durch die Vertiefung der biologischen Dis-
ziplinen und den Ausbau der technischen Wissenschaften ward uns
jene mächtige Waffe in die Hand gegeben, die uns so hoch über
fast alle außereuropäischen Staaten erhebt.
Was soll man auch zu einem Volke sagen, das wie das chine-
sische noch vielfach heute der Meinung ist, daß die Erde eine Scheibe
darstellt, in welcher sich die Sonne bei ihrem Untergange ver-
steckt und aus welcher sie bei ihrem Aufgang wieder emporsteigt;
daß der untergehende Mond im Meere verschwindet und der er-
scheinende diesem wieder entsteigt und daß der Regenbogen dem
Atem einer Riesenauster seine Entstehung verdankt? In China
- herrscht wenig Sinn für Naturwissenschaften, sondern alles wird
vom finsteren Aberglauben beherrscht. Um das Gesagte richtig
zu verstehen, brauchen wir nur das letzte Jahrhundert mit dem
vorletzten in bezug auf Europa zu vergleichen. Jenes brachte uns
die Riesenfortschritte auf dem Gebiete der exakten Naturwissen-
schaften und der Technik und diese verliehen ihm einen geradezu
naturwissenschaftlichen Stempel.
Was aber wird die Zukunft bringen, wenn China ebenso
wie Japan seine Pforten der europäischen Kultur erschließen und
sich aller jener technischen Errungenschaften, die uns heute eine
so gewaltige Waffe in die Hand drücken, bemächtigen wird?
Wird es dann die das Riesenreich belagernden Fremden in das
Meer hinaustreiben oder wird China mit seinen ungezählten Mil-
lionen von Menschen ein neues Mongolen -Weltreich errichten ?
Oder werden die Nationen auf einer höheren Stufe der Kultur
sich freundlich die Hände reichen und sich in friedlicher Symbiose
gegenseitig fördern und nützen? Mit solchen Gedanken war ich
beschäftigt, als ich vom Reiche der aufgehenden Sonne Abschied
nahm und in Yokohama den Dampfer „Belgic“ bestieg, um über
Honolulu der Heimat näher zu steuern.
4*
1%
Das Leuchten der Pflanzen)).
Wer jemals in einer warmen Juninacht die Johanniskäferchen
gleich lebenden Irrlichtern durch die Lüfte huschen sah, wer im
finsteren Walde einmal einem faulenden leuchtenden Baumstumpf be-
gegnete, wer zum ersten Male im finsteren Keller leuchtendes
Fleisch gesehen oder sich an dem herrlichen Schauspiele des Meer-
leuchtens ergötzt hat, der wird die geheimnisvolle, zauberhafte
Wirkung, die das Licht der Lebewesen auf den Menschen seit jeher
ausgeübt hat, gewiß an sich verspürt haben. Und so erging es
auch mir. Als ich im Winter 1897/98 auf Java weilte, um pflanzen-
physiologische Studien zu treiben, hatte ich oft Gelegenheit, das
Licht von Lebewesen zu bewundern und ich schenkte daher dieser
merkwürdigen Erscheinung meine besondere Aufmerksamkeit.
Auf meinen nächtlichen Spaziergängen durch die javanischen
Bauerngärten und den tropischen Urwald suchte ich allenthalben
nach leuchtenden Objekten aus dem Pflanzen- und dem Tierreiche.
Gleich nach meiner Ankunft fesselte mich in der Nähe meiner
Wohnung im botanischen Tropengarten zu Buitenzorg ein kleiner
weißer Hutpilz (Mycaena illuminans), der sich auf den abgestorbe-
nen Blättern einer Rotangpalme (Calamus) entwickelte und in der
Nacht durch sein wunderbares bläulichgrünes Licht meine Aufmerk-
samkeit hervorrief. Das Licht dieses lebenden Lämpchens war auf
_ 20 Schritte deutlich als ein grünlicher Stern zu sehen.
In der Nähe von Tjibodas fand ich um die Hütten der Ein-
geborenen sehr häufig prachtvoll leuchtendes Rasamalaholz (Liqui-
dambar Altingianum Bl), verwesende leuchtende Blätter und
Wurzeln von Bambusa.
Javanische Mädchen und Knaben, die bald erkannten, wofür
ich mich interessierte; boten mir, wenn ich nach Sonnenuntergang
1 . . .
) Vortrag, gehalten am 12. Dezember 1906 im Vereine zur Verbreitung natur-
wissenschaftlicher Kenntnisse in Wien. Hier 1907 erschienen.
re
auf der Veranda meines Wohnhauses saß, gegen kleine Geldge-
schenke schüchtern allerlei interessante leuchtende Tiere und licht-
entwickelnde Pilze, die ich zum Gegenstande meiner Studien
machte.
Um diese Objekte bequem und länger beobachten zu können,
gab ich sie in feucht gehaltene Gläser und stellte sie in meinem
Schlafzimmer in der Nähe meines Bettes auf. Wenn ich dann
nachts aus dem Schlafe erwachte und mit vollständig ausgeruhtem
Auge durch das Moskitonetz meines Bettes auf meinen leuchtenden
Garten blickte, glaubte ich in einer Geisterstube zu sein. Ich ge-
noß ein wunderbares Schauspiel: das nun für kleinste Helligkeiten
empfindliche Auge weidete sich an dem milden Dämmerlichte der
Pilze, Hölzer und Blätter, das sich ununterbrochen in die nächste
Umgebung ergoß, und zwar mit solcher Intensität, daß ich die
Umrisse der Versuchsgefäße und der zunächst liegenden Gegen-
stände erkennen und in der Nähe die Zeiger meiner Taschenuhr
ablesen konnte.
Gepackt von dieser Erscheinung und von dem Wunsche be-
seelt, in den Vorgang der Lichtentwicklung durch die Pflanze
tiefer einzudringen, habe ich — nach Europa wieder zurückge-
kehrt — ein vieljähriges Studium daran gesetzt und mannigfaltige
Erfahrungen gesammelt, aus denen ich Ihnen nun einiges mit-
teilen will. N
Wenn man von leuchtenden Pflanzen spricht, so versteht
man entweder solche darunter, die selbst Licht entwickeln, oder
man meint Pflanzen, die aufgefangenes Licht zurückwerfen und
dadurch scheinbar leuchtend werden. In meinem heutigen Vor-
trage soll nur von selbstleuchtenden Pflanzen die Rede sein.
Alle Pflanzen, die bisher als lichtentwickelnd bekannt ge-
worden sind, gehören, wenn man von den Peridineen des Meeres
absieht, zu den Pilzen und zwar zu den Fadenpilzen und Bakterien.
Leuchtende Hutpilze und leuchtendes Holz.
Lichtentwicklung wurde bei etwa vierzehn, teils dem tropischen,
teils dem subtropischen und gemäßigten Klima angehörenden
Hutpilzen festgestellt. So, um nur einige zu nennen, bei Agarıcus
Gurdneri Berk., Ag. ıgneus Rumph, Ag. noctlucens Lev. Ag.
Phosphorus Berk., Ag. Prometheus Berk. et C. N., Ag. lampas Berk.
und Ag. ıllumınans Berk. Es sind dies durchweg exotische Pilze.
Aber auch unter unseren einheimischen Hutpilzen sind leuchtende
bekannt; ich erinnere an den Hallimasch, Agarıcus melleus unserer
Wälder und an den Ag. olearıus, der in Südeuropa heimisch ist,
in letzter Zeit aber auch in den Wäldern der Umgebung von Wien
gefunden wurde. Bei diesen leuchtet der Strunk und der Hut, insbe-
sondere aber die Fruchtschicht. Beim Hallimasch aber leuchtet nicht
der Hut, sondern das strangartige Myzel, welches früher unter
dem Namen Raızomorpha als eigene Pilzgattung beschrieben wurde.
* Eine sehr häufige Erscheinung in unseren Wäldern ist das
Leuchten des verwesenden Holzes. Wenn man im Walde
die faulenden Stammstümpfe der Föhre, Fichte, Eiche und anderer
Bäume betrachtet, insbesondere solche, deren Rinde sich leicht
vom Holze absprengen läßt, so gewahrt man häufig an dem bloß-
gelegten Holzkörper die schwarzen, reich verzweigten Myzelstränge
des Hallimasch.
Sammelt man Stücke von derartigem Holz, in dem das
Hallimaschmyzel wuchert, so ist man in der Nacht überrascht von
dem eigentümlichen, dem Holze entströmenden Lichte. Früher
glaubte man, daß die in Zersetzung befindliche Holzmasse leuchtet,
heute aber wissen wir, daß nicht das Holz, sondern der das Holz
durchwuchernde Pilz die Lichtentwicklung hervorruft. Es ist ge-
lungen, den Hallimasch für sich rein zu kultivieren und so den
Beweis zu liefern, daß er der Lichterreger ist. Wenn man den
rein gezüchteten Pilz auf Holz, Brot oder Pflaumendekokt über-
trägt, so wächst er darauf weiter und macht diese Substrate schein-
bar auch leuchtend.
Ich habe vor einigen Jahren aus einem Stück leuchtenden Hol-
zes, das ich in der Nähe von Prag im Walde auffand, den Lichter-
reger rein gezüchtet, und dabei ein Myzel entdeckt, das, auf Brot
kultiviert, mehrere Wochen, Monate, ja, wenn genügend Nahrung
vorhanden ist, sogar länger als ein Jahr leuchtet. Dieses Myzelium,
das trotz mehrjähriger Kultur noch immer keine Sporen hervor-
bringen wollte, konnte aus diesem Grunde nicht bestimmt werden
und wurde von mir provisorisch als Myzelium x bezeichnet.
Der Hallimasch und das Myzelium x sind in unseren mittel-
europäischen Wäldern gewöhnlich die Ursache des leuchtenden
Holzes. Obwohl also nur meist zwei Pilze das Leuchten des
Holzes bedingen, so ist faules leuchtendes Holz doch eine un-
gemein häufige Erscheinung, da die beiden genannten Pilze, zu-
mal der Hallimasch, Agarzcus melleus, zu den gewöhnlichsten Hut-
pilzen unserer Wälder gehören.
Zu den noch viel verbreiteteren Erscheinungen in unseren
Wäldern, die bisher nahezu ganz übersehen wurden, gehört auch
das Leuchten verwesender Blätter.
So verlockend es für die meisten Menschen ist, sich bei Tage
den Reizen des Waldes hinzugeben, so abschreckend ist es, den
Wald bei Nacht zu betreten. Das ist wohl der Hauptgrund,
warum man das Leuchten des verwesenden Laubes nicht ge-
bührend beachtet hat. Ich selbst wurde auf das Phänomen zuerst
in den Tropen aufmerksam. Wie ich schon bemerkte, fand ich
auf Java abgefallene, bereits im strohigen Zustande befindliche
Blätter von Dambusa, die im Finstern ein weißes, mattes Licht
ausstrahlten. Später sah ich auch die Blätter anderer tropischer
Gewächse leuchten und als ich nach Europa zurückkehrte und
auch die Blätter des heimischen Waldes darauf untersuchte, über-
zeugte ich mich an verschiedenen Orten, in Böhmen, Salzburg,
Tirol, Bayern, auf der Insel Rügen und anderwärts, daß ein nicht
geringer Bruchteil des abgefallenen Eichen- und Buchenlaubes,
wenn es schon in einem gewissen Grade der Zersetzung ist und
die anfangs braune Farbe einer mehr gelblichen oder weißlich-
gelben zu weichen beginnt, leuchtet. Um das Licht zu sehen,
erscheint es zweckmäßig, die Blätter in einem feucht gehaltenen
Glase während der Nacht mit ausgeruhtem Auge zu betrachten.
Man sieht dann die Blätter an einzelnen Stellen ein mattweißes
Licht ausstrahlen, ähnlich dem des Myzelium x. Auch hier ist
nicht die in Zersetzung befindliche Blattsubstanz, sondern der
darin lebende Pilz der Lichterreger.
Eine eigenartige und interessante Erscheinung ist auch
das Leuchten des Schlachtviehfleisches.
Es galt bisher als Seltenheit, als eine Aufsehen erregende
Rarität, ja es ist noch gar nicht so lange her, so dachte man
beim Anblicke leuchtenden Fleisches an allerlei Zauberei und
Geisterspuk. Ich bin jedoch im Laufe meiner Untersuchungen
darauf gekommen, daß leuchtendes Fleisch etwas ganz gewöhn-
liches ist. Ursprünglich fehlte es mir an Material, da ich weder
von hygienischen, noch von Veterinärinstituten, noch von Metzgern
Proben von leuchtendem Fleisch erhalten konnte. Da verfiel ich
auf den Gedanken, das Fleisch, das mir der Metzger für meinen
Haushalt täglich lieferte, zu prüfen, und war aufs höchste über-
rascht, als schon unter den ersten Proben einige leuchteten.
Besonders leicht kann man sich leuchtendes Fleisch ver-
schaffen, wenn man das vom Fleischer für die Küche überbrachte
Rindfleisch, etwa ein faustgroßes Stück davon in eine Glasschale
legt und mit einer dreiprozentigen Kochsalzlösung so übergießt, daß
die obere Hälfte noch aus der Flüssigkeit hervorsieht, mit einer
Glasplatte bedeckt und das Ganze in einem kühlen Raume (12°)
aufstellt. Nach ı—2 Tagen tritt dann an der Oberfläche das Leuch-
ten ein, zuerst in kleinen sternartigen Punkten, nach und nach in
größeren Inseln und endlich oft an der ganzen Oberfläche. Von
den nach dieser Methode geprüften vielen Hunderten Rindfleisch-
proben leuchteten 89°/, und von den Pferdefleischproben 65°/,').
Sowie beim faulen Holze und den verwesenden Blättern- ist
auch hier das Leuchten ein Lebersvorgang, denn nicht das tote
Fleisch, sondern eine darauf vorkommende Bakterie, das Bacterıum
phosphoreum (Cohn) Molisch, entwickelt das Licht.
Da nun, wie wir gesehen haben, das Leuchten des Fleisches
entgegen der bisherigen Annahme etwas ganz gewöhnliches ist,
so muß auch der Lichterreger, die eben genannte Leuchtbakterie,
sehr verbreitet sein. In der Tat finden wir sie in Schlachthäusern,
Fleisch-Eiskellern und Markthallen, wo frische Fleischwaren regel-
mäßig feilgeboten werden, sozusagen eingebürgert. Das neu hinzu-
gebrachte Fleisch wird immer von neuem mit der Leuchtbakterie
angesteckt und dann an verschiedene Orte, so in die Küche eines
jeden Hauses, verschleppt.
Das Leuchten von Soleiern und gekochten Kartoffeln.
Unter Soleiern versteht man in Deutschland gekochte Hühner-
eier, die der längeren Haltbarkeit halber (3 Tage) in Salzwasser
aufbewahrt werden. Solche Eier, die in den Gasthäusern vorrätig ge-
halten werden, sollen nicht selten leuchten. Über die Ursache der
Lichtentwicklung habe ich in der Literatur keine bestimmten An-
gaben gefunden; meine eigenen Untersuchungen haben ergeben,
daß die sogenannten Soleier leuchtend werden,. wenn sie in den
Aufbewahrungsräumen (Küche, Speiseraum) mit der Leuchtbakterie
des Schlachtviehfleisches (Dacierrum phosphoreum [Cohn] Molisch)
infiziert werden.
Was in der Küche unabsichtlich geschieht, läßt
sich mit einem hohen Grade von Sicherheit, d. h. fast
mit jedem Ei oder mindestens mit einem hohen Pro-
') Die Verhältnisse sind aber nicht überall gleich. In Prag war das Leuchten des
Fleisches, wie eben bemerkt, ein verhältnismäßig häufiges, in Wien hingegen ein seltenes.
Er ee
zentsatze erreichen, wofern man das Ei nur für ganz
kurze Zeit mit käuflichem rohen Rindfleisch in Be-
rührung bringt, Man verfahre zu diesem Zwecke auf folgende
Weise: Am Markte gekaufte Hühnereier werden acht Minuten ge-
kocht und abgekühlt. Ihre Schale wird durch Aufklopfen zer-
brochen, aber nicht abgenommen. Nun wird das Ei einmal über
ein handgroßes flaches Stück Rindfleisch gerollt und hierdurch
mit der hier regelmäßig vorkommenden Leuchtbakterie des
Fleisches infiziert. Schließlich wird das Ei in eine Schale mit
einer dreiprozentigen Kochsalzlösung so hineingelegt, daß das Ei
nur ganz wenig aus der Flüssigkeit hervorragt. Bei gewöhnlicher
Zimmertemperatur treten nach ı—3 Tagen an den zerschlagenen
Stellen der Schale häufig Lichtflecke auf und auch die Flüssigkeit
beginnt, besonders in der Umgebung: des Eies, zu leuchten. Das
Licht geht hauptsächlich von der weißen, die Innenseite der Schale
auskleidenden Haut, sowie von der Oberfläche des Weißen des
Eies aus und kann bis zum vierten Tage recht stark werden, um
dann wieder abzunehmen.
Auch von gekochten Kartoffeln wird angegeben, daß sie
mitunter leuchten sollen. Es läßt sich zeigen, daß auch die Licht-
entwicklung gekochter Kartoffeln auf eine Infektion mit Leucht-
bakterien zurückzuführen ist und daß man mit derselben Sicherheit,
mit.der man sich leuchtende Hühnereier verschafft, auch leuchtende
Kartoffeln erzielen kann, wenn man sie im gekochten Zustande
mit käuflichem Rindfleisch in Berührung bringt und hierauf in eine
dreiprozentige Salzlösung einlegt.
Das Leuchten von toten Seefischen und anderen Seetieren
ist seit langem bekannt. Die frischen, sogenannten „grünen“ Heringe,
die von der Nord- und Ostsee in die mitteleuropäischen Städte
versandt werden, leuchten entweder schon bei ihrer Ankunft oder
nach ı— 2 Tagen, wenn man sie an einem kühlen Orte im feuchten
Raume liegen läßt. Auch andcre Seefische, ferner Austern, Mies-
muscheln und Hummern können, wenn auch nicht so häufig wie
die Heringe, Licht entwickeln.
Das Leuchten tritt bei diesen Tieren ebEnso wie beim Schlacht-
viehfleisch, den Eiern und Kartoffeln ein, wenn die Zersetzung
eben einsetzt und noch kein übler Geruch wahrzunehmen ist.
Leuchtendes Fleisch und leuchtende Fische können ohne Schaden
verzehrt werden, da die Leuchtbakterien, soweit unsere Erfahrungen
reichen, keine schädliche Wirkung auf uns ausüben. Würde das
nicht der Fall sein, dann müßten wir auf Fleisch- und Fischgenuß
überhaupt verzichten, da Fleisch häufig leuchtet und die Fische,
wie ich mich in Triest überzeugte, häufig schon in leuchtendem
Zustande verkauft werden. Ich verschaffte mir hier Eintritt in
die Keller, wo die Fischhändler ihre Waren von einem Tag zum
andern aufbewahren. Das Schauspiel, welches sich mir hier dar-
bot, war überraschend und wird mir in dauernder Erinnerung
bleiben. In zahlreichen Körben, in welchen viele Hunderte großer
und kleiner Fische der verschiedensten Art angehäuft waren,
tauchten auf der Oberfläche der Fische gleich den Sternen am
nächtlichen Himmel zahllose Lichtpunkte auf, die, sobald das Auge
sich an die Finsternis gewöhnt und für kleine Helligkeiten große
Empfindlichkeit erhalten hatte, immer deutlicher wurden, zu silber-
weißen Flecken zusammenflossen und den Fisch nicht selten an
seiner ganzen Oberfläche leuchtend erscheinen ließen. Die vielen
Körbe strahlten ein eigentümliches, magisch erscheinendes, der
Mondbeleuchtung vergleichbares Licht aus und verliehen der
ganzen Umgebung etwas Phantastisches und Geisterhaftes, das
nur noch gesteigert wurde, als die um mich herumstehenden
Knaben ihre Finger durch Berührung mit den Fischen leuchtend
machten und unter staunender Bewunderung mit den leuchtenden
Fingerspitzen in der Luft herumfuhren.
Alle diese leuchtenden Fische, die ich hier im Keller gesehen
hatte, waren kurz vorher, gegen 7 Uhr abends, als der Fischmarkt
gesperrt wurde, eben aus der Verkaufshalle in den Keller gebracht
worden und wurden den nächsten Morgen wieder auf dem Markte
zum Verkaufe ausgeboten. Ich kann daher sagen, daß wenigstens
in der warmen Jahreszeit ein großer Teil der Fische im leuchtenden
Zustande zum Genusse verkauft wird, ohne daß der Käufer eine
Ahnung davon hat. Derartige Fische sind sozusagen noch frisch,
haben keinen unangenehmen Geruch und befinden sich nöch nicht
im Stadium stinkender Fäulnis.
Interessant ist, daß, im Gegensatze zu Seefischen, tote Süßwasser-
fische gewöhnlich nicht leuchten; wenn es vorkommt, so ist dies auf
_ eine Infektion mit marinen Leuchtbakterien zurückzuführen, die leicht
eintreten kann, dain den Verkaufsläden und Markthallen Süßwasser-
fische häufig mit Seetieren direkt oder indirektin Berührung kommen.
Als Ursache der Lichterregung bei toten Fischen sind gleich-
falls Bakterien erkannt worden. Wir kennen bereits 26 verschiedene
Leuchtbakterien und zweifellos gibt es deren noch viele mehr. Es
ist gelungen, die Leuchtbakterien rein zu kultivieren, und damit
war der Weg gebahnt, die Eigenschaften dieser Lebewesen, die
Bedingungen des Leuchtens, die Natur des Leuchtprozesses, des
Lichtes sowie seine Einwirkungen auf die photographische Platte
und auf Pflanzen genauer zu studieren.
Derartige Reinkulturen, wie Sie sie hier vor sich sehen, bieten
im Finstern einen wunderbaren Anblick; man glaubt den nächt-
lichen Sternenhimmel mit seinen herrlichen Lichtern und der Milch-
straße hier im kleinen vor sich zu sehen.
Wir wollen nun auf den Leuchtprozeß selbst etwas näher
eingehen. Die erwähnten Fadenpilze und Bakterien leuchten nur bei
Gegenwart von freiem Sauerstoff. Das Leuchten ist ein Oxydations-
prozeß. Wenn Sie die Leuchtbakterien hier in dieser Stichkultur
betrachten, so werden sie nur die an der Oberfläche oder knapp
darunter liegenden Bakterien leuchten sehen, die tieferen aber, weil
sie dem Sauerstoff der atmosphärischen Luft entzogen sind, nicht.
Impft man eine Nährlösung, bestehend aus Flußwasser, 3%,
Kochsalz, 1% Pepton und !/,%, Glyzerin, mit einer Reinkultur von
Bacterıum phosphoreum, so leuchtet die Flüssigkeit schon nach
zwei lagen prachtvoll. Ist das Gefäß hoch und schmal, wie ein
Proberöhrchen, so leuchtet die Flüssigkeit nur oben, wo der Sauer-
stoff leicht zuströmen kann, unten aber nicht. Schüttle ich aber die
Eprouvette, so wird, da der Sauerstoff auch den tieferen Regionen
zuströmt, die ganze Flüssigkeit sofort aufleuchten.
In einfacher und sehr eleganter Form läßt sich die Abhängig-
keit der Lichtentwicklung vom Sauerstoff in folgender Weise ver-
anschaulichen. Eine ı—ı!/, m lange und etwa 8 mm breite, an
einem Ende zugeschmolzene Grlasröhre wird mit stark leuchtender
Bouillon nahezu ganz gefüllt, so daß an der oberen Öffnung nur
ein !/,—ı cm langes Stück mit Luft versehen übrig bleibt. Läßt
man nun eine so vorbereitete Röhre eine Viertelstunde stehen, so
erlischt, da die Bakterien den Sauerstoff veratmen, die Bouillon
mit Ausnahme der freien Oberfläche, wo der Sauerstoff die Bak-
terien unmittelbar erreicht. Verschließt man jetzt die Röhre mit
dem Daumen und kehrt sie um, so steigt die Luft in Form einer
_ kleinen Blase auf und macht die ganze Flüssigkeit wieder leuch-
tend, man glaubt im Finstern eine langsam aufsteigende Leucht-
rakete zu sehen. Stellt man die Röhre dann wieder ruhig hin,
so erlischt binnen einer Viertelstunde oder noch früher die Bouillon
— han
und der Versuch kann dann von neuem wiederholt und die Bouillon
neuerdings leuchtend gemacht werden.
Es ist erstaunlich, wie geringe Mengen von Sauerstoff schon
zum Leuchten ausreichen. Bekanntlich entbinden grüne Zellen
bei Gegenwart von Kohlensäure im Lichte Sauerstoff, eine Zelle
natürlich nur äußerst wenig. Wenn man nun eine leuchtende
Nährlösung in einer sehr schmalen Eprouvette mit grünen Algen
vermischt und dann einige Zeit ins Finstere stellt, so erlischt die
Flüssigkeit, sie wird dunkel. Bringt man die Röhre jetzt auf
einige Sekunden ins Sonnenlicht oder zündet man vor dem Probe-
röhrchen in der Dunkelkammer ein Zündhölzchen an, so genügt
diese kurz andauernde Beleuchtung, um die grünen Zellen anzu-
regen, Kohlensäure zu assimilieren, Sauerstoff zu entbinden und
die Bakterien hierdurch wieder zum Aufleuchten zu bringen.
Die bei einem solchen Versuche entstehende Sauerstoffmenge
ist außerordentlich klein und mit chemischen Reaktionen kaum
nachzuweisen. Die Leuchtbakterie verrät uns aber durch ihr Auf-
leuchten die Gegenwart des Sauerstoffes und wird hierdurch zum
feinsten Reagens auf diesen Körper.
Mit Rücksicht auf die innige Beziehung von Pilzlicht und
Sauerstoff hat man auch allgemein angenommen, daß die Licht-
erregung mit der Atmung auf das engste zusammenhängt, ja man
hält auch die Lichtentwicklung sogar für eine direkte Folge der
Atmung. Dies ist möglich, mir scheint aber aus verschiedenen
Gründen, auf welche ich hier nicht näher eingehen kann, daß vor-
läufig kein zwingender Grund vorliegt, solche direkte Beziehungen
anzunehmen, wenn auch damit nicht bestritten werden soll, daß
ein indirekter Zusammenhang zwischen Atmung und Lichtent-
wicklung besteht. |
Zum Leuchten gehört aber nicht bloß Sauerstoff, sondern
auch eine gewisse Menge Wasser. Legt man eine leuchtende
hirsekorngroße Bakterienmasse auf eine Glasplatte, so hört sie, da
sie ihr Wasser infolge der Verdampfung verliert, nach 5—ıo Mi-
nuten auf zu leuchten. Sobald aber Wasser hinzugefügt wird,
taucht das Licht wieder auf. Der Versuch glückt auch mit dem
Leuchtkörper des Johanniswürmchens und läßt sich ebenso wie
bei leuchtenden Pilzen mehrmals wiederholen.
Unsere Erfahrungen über das Leuchten der Lebewesen drängen
zu der Auffassung, daß es sich hier um einen chemischen
Prozeß handelt und daß innerhalb der Zelle ein Stoff ge-
* — 6Ii —
bildet wird, der bei Gegenwart von freiem Sauerstoff und
Wasser leuchtet. Wir wollen diesen Stoff „Photogen“ nennen.
Für eine solche Annahme sprechen Beobachtungen Radziszewskis,
aus denen hervorgeht, daß verschiedene organische Körper, z. B.
Methylaldehyd, Lophin, Traubenzucker, Terpentinöl, Rosenöl, Öl-
säure und viele andere, wenn sie sich in alkalischer Reaktion mit
aktivem Sauerstoff verbinden, leuchten. Damit soll nicht gesagt
sein, daß es einer von den genannten Körpern sein muß, der auch
in der lebenden Zelle leuchtet, denn es könnte auch ein ganz
anderer, derzeit noch unbekannter Stoff leuchten; immerhin er-
scheint es von Wichtigkeit, daß überhaupt organische Körper
unter gewissen Bedingungen leuchtend werden.
Ich möchte noch einige interessante Tatsachen anführen, die
sehr für die Photogenhypothese sprechen. Es sei daran erinnert,
daß nicht nur lebende, sondern auch tote Zellen und leblose Säfte
-zu leuchten vermögen. Die unter anderem an der Nordsee und
an der Adria vorkommende Bohrmuschel (Pholas dactylus L.)
spritzt, wenn sie gereitzt wird, eine ziemliche Menge einer leuch-
tenden Flüssigkeit aus, die gar keine Zellen enthält. Wenn man
diese Absonderung eintrocknen läßt, so verschwindet das Licht,
sic kann aber noch nach ıo Tagen durch Befeuchtung wieder
zum Leuchten gebracht werden.
Die Leuchtorgane von Zampyrıs noctiluca leuchten, nachdem sie
auf das sorgfältigste getrocknet und im luftleeren Raume durch ein
Jahr aufbewahrt worden waren, bei Benetzung mit Wasser wieder auf.
Auch das leuchtende Sekret gewisser Tausendfüßler (Myrio-
poden) kann, wenn auf Filtrierpapier eingetrocknet, durch Befeuch-
tung wieder leuchtend gemacht werden.
In allen diesen Fällen handelt es sich nicht mehr um lebende
Sekrete oder lebende Zellen. Hier handelt es sich um leblose
Stoffe und in ihrem Aufleuchten um einen chemischen Prozeß,
der auch unabhängig von der lebenden Zelle eintreten kann.
Zwar ist die Entstehung des leuchtenden Körpers an das Leben
der Pflanze oder des Tieres geknüpft, aber das Aufleuchten kann
in manchen Fällen noch am toten Objekte hervorgerufen werden,
ja, wenn das Photogen nicht ein gar so labiler Körper wäre und
nicht in gar so geringen Mengen gebildet würde, dürften wir
hoffen, das Photogen einmal aus den Zellen zu isolieren und dann
abgesondert von den Lebewesen studieren zu können, etwa so wie
es bereits gelungen ist, den wirksamen Stoff der gärenden Hefe
Ba 62 ——
die Zymase, von der Zelle zu trennen und den Gärungsprozeß
ohne Hefezellen mit der Zymase durchzuführen!).
Die Eigenschaften des Pilzlichtes.
Die Bakterien leuchten gewöhnlich in grünlichem, bläulichem
oder bläulichgrünem, die Fadenpilze zumeist in mattweißem Lichte,
doch kann auch hier die Farbe einen Stich ins Grünliche aufweisen.
Im Gegensatz zu früheren Angaben in der Literatur sei be-
tont, daß das Pilzlicht stets ein ruhiges, niemals hin- und her-
huschendes oder wallendes ist. Auch besteht im Leuchten zwischen
Pilzen und Tieren insoferne ein Unterschied, als die Pilze immer
andauernd leuchten, während die Tiere, von einzelnen Ausnahmen
abgesehen, nur ganz kurze Zeit, einige Sekunden, Minuten und
mehr blitz- und explosionsartig auf äußere Reize hin zu leuchten
pflegen. Ein solches Leuchten kommt, wenn wir die Peridineen
zu den Pflanzen rechnen, nur bei diesen vor, während Bakterien-
kulturen wochen-, monatelang ununterbrochen Tag und Nacht
leuchten können. Das Myzelium x leuchtet, wenn für ausgiebige
Nahrung gesorgt wird, sogar ı—2 Jahre.
Obwobl die Intensität des „lebenden“ Lichtes im allgemeinen
gering ist, so erscheint sie bei einzelnen Bakterien immerhin so
groß, daß sie auf den Gedanken führte, das Licht in Form einer
Lampe auszunützen. -
Eine solche lebende Lampe läßt sich in folgender Weise
herstellen. Ein ı—2 Z-Erlenmeyerkolben aus Glas wird mit etwa
200—400 ccm Salzpeptonglyzeringelatine beschickt, mit einem
Baumwollpfropf verschlossen und dann sterilisiert. Nach Abküh-
lung und bevor die Gelatine wieder erstarrt, wird von einer jungen,
gut leuchtenden Kultur des Daciersum phosphoreum mittels einer
Platinnadel geimpft und der Kolben dann in fast horizontaler Lage
und unter langsamer Drehung im Strahle eines Wasserleitungs-
hahnes gekühlt, wobei die Gelatine an der ganzen inneren Ober-
fläche nach wenigen Minuten erstarrt. Der ganze Kolben ist dann
mit einer mehr oder minder dicken Gelatineschichte allseits aus-
gekleidet; auch der Pfropf kann mit dem Nährsubstrat getränkt
werden, da er ganz besonders schön leuchtet. Bei Aufenthalt des
1) Meine Vermutung hat sich inzwischen als vollständig richtig herausgestellt, denn
nach den Untersuchungen von Dubois und Harvey hat sich das Photogen als ein leicht
oxydabler, wahrscheinlich eiweißartiger Stoff (Luziferin) entpuppt, der durch ein Ferment
(Luziferase) oder gewisse andere oxydierende Körper in Gegenwart von Wasser und freiem
Sauerstoff zum Leuchten gebracht wird.
. en 63 Be
Kolbens in einem kühlen Zimmer entwickeln sich schon nach ı—2
Tagen an der ganzen Innenwand so reichlich Kolonien, daß der
Kolben dann in wunderschönem bläulichgrünen Lichte erglänzt und
mit seinem ruhigen matten Glanze einen herrlichen Anblick darbietet.
Das Licht einer solchen, in Fig. ı wiedergegebenen Lampe, ist
viel schwächer als das einer sehr kleinen Kerzenflamme, allein für
wissenschaftliche Versuche, z. B. über Heliotropismus im Bakterien-
lichte, für photographische Zwecke, ja auch als Nachtlampe, um
Gegenstände im Finstern mit
einiger Mühe zu finden, kann die
Lampe schon jetzt verwendet
werden. Vielleicht wird es in
Zukunftgelingen, durch bestimmte
Zusammensetzung des Nährsub-
strates, durch Entdeckung noch
intensiver leuchtender Bakterien
und durch künstliche Zuchtwahl
die Lichtstärke der Bakterien-
lampe zu steigern.
Ich habe in letzter Zeit ge-
funden, daß die Leuchtkraft einer
solchen Lampe sich erheblich stei-
gern läßt, wenn man die Impfung
der Gelatine in Form einer größe-
ren Anzahl etwa ı cm vonein-
ander entfernter, vom Grunde des
Kolbens bis zu seinem Halse
reichender Striche durchführt, der
Gelatine anstatt einer Lösung von
3°/, Chlornatrium Meerwasser zu-
setzt und anstatt des Dacierrum
phosphoreum eine Bakterie ver-
wendet, die ich auf Seefischen auf-
gefunden und die zu den intensivsten Leuchtbakterien gehört, die man
derzeitkennt. Esist das die von mir beschriebene Pseudomonas lucıfera.
Für die Skeptiker sei darauf hingewiesen, daß das Licht
leuchtender Tiere schon seit langem ausgenützt wurde. So dienten
gewisse Käfer, namentlich der auf den Antillen vorkommende
stark leuchtende Pyrophorus noctılucus zur Zeit der Eroberung
Amerikas den Eingeborenen verschiedenen Zwecken: zum Fisch-
Fig. ı. Bakterienlampe in ihrem eigenen
Lichte photographiert. Original.
— 64 —— .
fang, zur Jagd und zur Zeit des Krieges als optischer Telegraph,
zumal das Käferlicht weder durch den Wind noch durch den
Regen verlöscht wurde. An der Stubendecke befestigt, dienten
sie zur Beleuchtung und zur Abhaltung von Schlangen. Bei ihren
Festen rieben die Eingeborenen das Gesicht mit den leuchtenden
Käfern ein und verschafften sich so eine leuchtende Maske von
eigenartigem Eifekt. In Mexiko benützten die Frauen die Pyrophor:ı
gleich leuchtenden Edelsteinen.als Schmuck und die ersten Missionäre
auf den Antillen bedienten sich in Ermanglung von Kerzen der Käfer
zum Lesen der Frühmesse Wie uns Alexander v. Humboldt
erzählt, sind gewisse Käfer (Elateriden), von den Spaniern „Cucujos“
genannt, bei den Eingeborenen als Lampen im Gebrauch. „Zirka
ein Dutzend Cucujos in einer durchlöcherten Kürbisflasche dienen
in Hütten armer Landleute als Nachtlampen und wird das Licht
schwächer, so darf man nur rütteln, wo durch das Irritieren der
Tiere das Licht wieder weit stärker wird.“ Die Mütter benützen
nach demselben Gewährsmanne dieses Licht, um den Säuglingen
zur Nachtzeit die Brust zu reichen, Schiffskapitäne machen von
dem Lichte Gebrauch, um zu gewissen Zeiten von gefürchteten
Korsaren nicht beobachtet zu werden und Alexander v. Hum-
boldt selbst benützte gelegentlich eines Besuches der Luftvulkane
von Turbaco dieses lebende Licht als eine Art Sicherheitslampe,
um eine Entzündung der brennbaren Gase zu vermeiden.
Eine ungemein charakteristische Eigenschaft des Pilzlichtes
und der Lebewesen überhaupt ist der Mangel an Wärmestrahlen.
Es ist kaltes Licht. Während das Licht der Sonne und unserer
gewöhnlichen Beleuchtungsapparate eine mehr oder minder große
Menge von Wärmestrahlen enthalten, manche, wie das Leuchtgas-
licht, sogar so viel, daß es ebensogut als Heizquelle dienen könnte,
sehen wir, daß das Licht der Pflanzen und Tiere keine merkbare
Wärme ausstrahlt. Was die modernen Beleuchtungstechniker als
Ideal ansehen: ein Licht ohne Wärme zu schaffen, das hat die
Natur im Lichte der Lebewesen bereits verwirklicht.
So wie das Licht der Sonne aus verschiedenen Strahlen sich zu-
sammensetzt, so ist auch das Pilzlicht nicht einfach. Die spektro-
skopische Untersuchung hat gezeigt, daß die Spektra aller ge-
prüften Pilze wegen der relativ geringen Lichtstärke mit einer ein-
zigen Ausnahme (Pseudomonas lucıfera Molisch) bloße Helligkeit-
spektra darstellen, also keine Farben zeigen, und daß die blauen und
grünen Strahlen neben den mehr zurücktretenden gelben vorherrschen.
Das Vorkommen solcher Strahlen macht es schon von vorne-
herein wahrscheinlich, daß das Pilzlicht auch auf die photo-
graphische Platte wirken wird. Ich bitte, die Tafel zu be-
trachten. Wie sie sehen, gelingt es nicht bloß, die leuchtenden
Kulturen der Bakterien in ihrem eigenen Lichte, sondern auch
verschiedene Gegenstände im Bakterienlichte zu photographieren.
Fig. 2 zeigt uns die Photographie einer Petrischale mit
leuchtenden Kolonien des Bacierrum phosphoreum nach ı5 stündiger
Expositionszeit.
Man sieht nicht
bloß die Kolonien
als scharfe weise
Punkte, sondern so-
gar auch die Um-
risse der Kultur-
schale.
Fig. 2. Fig. 3.
Fig. 2. Photographie leuchtender Kolonien von Bacterium phosphoreum, in ihrem eigenen
Lichte hergestellt. Belichtungszeit I5 Stunden.
Mikrophotographie einer einzelnen Kolonie, in ihrem Eigenlichte hergestellt.
Der Rand leuchtet intensiver.
<
Q
[057
Fig. 3 stellt die Mikrophotographie einer einzelnen Kolonie
in ihrem Eigenlichte dar; sie lehrt, daß der Rand viel intensiver
leuchtet als das Innere.
Fig. 4 gibt die Photographie einer leuchtenden Strichkultur
nach sechsstündiger Belichtungszeit wieder. Der leuchtende Strich,
die Umgrenzungen der Eprouvette und der Wattepfropf sind
deutlich zu sehen. Verzichtet man auf die Wiedergabe der Eprou-
vette, so genügt schon’ eine viertelstündige Exposition, um den
leuchtenden Strich zu photographieren.
Molisch, Populäre biologische Vorträge. 2. Aufl. 5)
Ungemein scharf erscheint das Bild der Bakterienlampe —
Fig. ı —, photographiert in ihrem eigenen Lichte. Die einzelnen
Kolonien und die Umrisse des Glasgefäßes treten deutlich hervor.
Die übrigen Bilder stellen verschiedene Gegenstände dar, die
mittels Bakterienlicht photographiert wurden, eine Schillerbüste
Fig. 5, einen Buchdruck Fig. 7 und ein Thermometer Fig. 6. Dabei
leistete mir die Bakterienlampe ausgezeichnete Dienste, besonders
Fig. 4. Photographie Fig. 5. Photographie einer
einer Strichkultur, im Schillerbüste im Bakterien-
Eigenlichte hergestellt. lichte. >
wenn ich gleich mehrere Lampen auf die zu photographierenden
Objekte einwirken ließ.
Enthält das Pilzlicht auch merkwürdige, durch dunkle Körper
auf die photographische Platte einwirkende Strahlen? Nach Ent-
deckung der Röntgen-, Becquerel- und anderer Strahlungen hat
man auch das Bakterien- und Johanniskäferlicht auf dunkle Strah-
lungen geprüft und glaubte tatsächlich solche gefunden zu haben.
Allein eine genaue Nachprüfung ergab mir durchaus negative
Resultate; die scheinbar positiven Ergebnisse, welche einzelne
Forscher erhalten hatten, waren auf Fehlerquellen, wie sie durch
die direkte Beeinflussung der photographischen Platte durch die
bei der Photographie benützten Kartone und Metallplatten gegeben
waren, zurückzuführen. Es wirkt also das Bakterienlicht wie ge-
wöhnliches Tageslicht auf die photographische Platte und seine
Strahlen vermögen dunkle Körper nicht zu durchdringen und auf
die lichtempfindliche Schicht zu wirken.
SEEERUFTEE
| PRLANZENPHYSIOLOGISCHE
ABHANDLUNGEN
1. Bloten des Rebstockes, j
D. Bewegungen der Mimosa pudica.
| II. Elementarorganismen, |
\ IV. Brennhaare von Urtica,
Voa |
ERNST vON-BRÜCKE.
I6H+- 1852,
VERLAG VON WILHELM ERGELMANN
|
|
|
|
|
|
|
Horausgegehcn R
|
|
3
|
|
|
|
Fig. 6. Fig} 7.
Fig. 6. Photographie eines Thermometers, hergestellt im Bakterienlichte.
Fig. 7. Photographie eines Buchdruckes, hergestellt im Bakterienlichte.
Hingegen konnte ich mich überzeugen, daß dem Bakterien-
lichte gerade so wie vielen anderen Lichtquellen physiologische
Wirkungen zukommen.
Die Pflanze ist dem Lichte gegenüber ungemein empfindlich.
Stellt man Keimlinge der Wicke oder Linse in der Dunkelkammer
etwa ı m entfernt vor einem kleinen Leuchtgasflämmchen auf,
so krümmen sich die Stengel alsbald in nahezu rechtem Winkel
5*
BE:
zu der Flamme hin, wir sagen, sie sind positiv heliotropisch. Genau
so verhalten sich Keimlinge verschiedener Pflanzen (Erbse, Linse,
Wicke), ferner mehrere Pilze (Xylarıa, Phycomyces), wenn man
statt der Flamme in einer Entfernung von etwa ı—ıo cm eine
Bakterienlampe oder eine Petrischale mit Strichkulturen aufstellt.
Die Pflanzen wachsen dann positiv heliotropisch auf die leuchtenden
Bakterien zu und es bietet sich der wunderbare Anblick dar, daß
eine Pflanze durch strahlende Energie eine andere bewegt, auf sie
zuzuwachsen und so eine anlockende Wirkung äußert (Fig. 8).
Fig. 8. Positiver Heliotropismus von Erbsenkeimlingen, hervorgerufen durch das Licht
mehrerer leuchtender, in einer Petrischale (rechts) befindlicher Strichkulturen von Leucht-
bakterien. Alle Keimlinge erscheinen zum Bakterienlichte hingekrümmt.
Während die Lichtintensität des Bakterienlichtes ausreicht,
Heliotropismus hervorzurufen, genügt sie, wahrscheinlich wegen
zu geringer Stärke, nicht, sichtbare Chlorophylibildung” zu ermög-
lichen. Ich bekam, auch wenn ich mehrere Bakterienlampen auf
die Keimlinge einstrahlen ließ, stets negative Ergebnisse.
Die Lichtentwicklung eines Lebewesens erscheint uns so
merkwürdig, daß man sich unwillkürlich fragt, ob denn dieses Licht
für die Lebewesen einen bestimmten Nutzen habe. Das plötzliche
Ausstoßen eines leuchtenden Sekretes, das funken- oder blitzartige
Aufleuchten vieler Tiere, sowie die wunderbaren Leuchtapparate
der Tiefseewelt deuten darauf, daß die Tiere aus der Lichtentwick-
lung einen bestimmten Nutzen ziehen, sei es, daß sie andere Tiere
damit anlocken oder abschrecken, sei es, daß sie in der Tiefe des
Meeres ihre Umgebung beleuchten, um sich die Nahrung leichter
zu verschaffen. Die Zoologen zweifeln nicht daran, daß dem Tier-
lichte die angedeutete biologische Bedeutung zukommt. j
Nicht so leicht ist die Frage bei den Pilzen zu beantworten.
Der Annahme, daß die Bakterien, die auf den vom Meere ausge-
worfenen toten Seetieren wuchern, durch die Lichterregung leichter
verbreitet werden, weil die leuchtenden Leichen von Nachttieren
besser gesehen und verschleppt werden, wird man wohl schwer
beipflichten können. Für die Verbreitung der Bakterien ist ja
durch verschiedene Umstände, besonders durch die Wellen- und
Sandbewegung sowie durch die Meeresströmungen ohnedies in aus-
gezeichneter Weise gesorgt.
Bei den höheren Leuchtpilzen hatte man an eine Verbreitung
der Sporen durch Pilzkäfer und Pilzmücken gedacht. Das von den
Blätterschwämmen ausstrahlende Licht sollte als Anlockungsmittel
und Wegweiser für die in der Nacht fliegenden Insekten dienen
und indem sie von einem Pilz zum andern fliegen, sollten sie die
Sporen verschleppen und auf ein größeres Areal verbreiten. Wenn
nun wirklich das Pilzlicht diesen Zweck hätte, dann wäre nicht
einzusehen, warum beim Hallimasch der Fruchtkörper mit den
Sporen nicht leuchtet, wohl aber das unter der Wurzel- und Stamm-
rinde den fliegenden Insekten verborgene Myzel. Solange nicht
anderweitige Erfahrungen vorliegen, scheint es mir besser, einfach
einzugestehen, daß wir heute keine plausible biologische Erklärung
kennen; ja es ist nicht unwahrscheinlich, daß das Licht der Pilze
einfach eine Folge ihres Stoffwechsels ist, die aber nicht eine
Anpassung an bestimmte Lebensverhältnisse darstellt.
Betrachten wir zum Schlusse!) die Entwicklung von Licht
durch die Pflanze vom energetischen Standpunkte, so ergibt sich
eine interessante Tatsache. Bekanntlich reduziert die grüne Pflanze
mit Hilfe des einstrahlenden Sonnenlichtes die Kohlensäure und
macht daraus organische Substanz. Hierbei wird die lebendige
Kraft des Sonnenstrahles in chemische Energie umgewandelt und
in der organischen Substanz als Spannkraft deponiert. Der farb-
lose Pilz und das Tier nehmen organische Nahrung auf und ent-
!) Der Leser, der sich eingehender über das Problem der Lichtentwicklung in
der Pflanze und die einschlägige Literatur zu unterrichten wünscht, sei aufmerksam ge-
macht auf mein Buch: „Leuchtende Pflanzen“, 2. Aufl. Jena ıgıı. Verlag von G. Fischer.
wickeln aus der darin aufgespeicherten Spannkraft wieder Wärme
und Licht. Wir haben also hier einen wahren Kreislauf von
Lichtzu Lichtin der Pflanze. DasJohanniskäferchen, das einem
beseelten Sterne gleich in der Nacht durch die Luft seine leuch-
tenden Bahnen zieht; die Qualle, die, vom Schiffskiele oder der
Brandung gereizt, meteorartig aufleuchtet; der Tiefseefisch, der in
der unheimlichen Meerestiefe seine lebende Lampe entzündet; die
Bakterie, die auf dem toten Fische in bläulichgrünem Lichte er-
glänzt und der Hutpilz, der im einsamen Urwalde einen magischen
Schein verbreitet — sie alle strahlen im Grunde genommen ein
Licht aus, das als Sonnenlicht in die grüne Pflanze eintrat und
nach vielfachen Wandlungen aus den leuchtenden Lebewesen
wieder in die Form von Licht austritt.
v.
Warmbad und Pflanzentreiberei’).
Wo wir auch immer die Vegetation betrachten mögen, auf
sonniger Bergeshöh oder in der Tiefebene, im tropischen Urwald
oder in der arktischen Zone, in der wasserlosen Wüste oder im
sumpfigen Torfboden, am Strande des Meeres oder in der Steppe,
überall erscheinen die Gewächse ihrer Umgebung, dem Klima und
Standort aufs beste angepaßt. Die Strand-, Urwald-, Steppen-,
Wüsten- und die Hochgebirgsflora, jede hat ihre bestimmten
Merkmale und ein ganz charakteristisches Gepräge, jede hängt
mit ihrer Umgebung auf das innigste zusammen und erhält durch
sie ihren Charakter.
Im heimischen Klima unserer gemäßigten Zone, wo der
Wechsel der Jahreszeiten oft mit großer Schroffheit auftritt, hat
der regelmäßig auftretende Gegensatz zwischen warmer und kalter
Jahreszeit, zwischen Sommer und Winter im Laufe der Jahrtausende
einen nachhaltigen Einfluß besonders auf die mehrjährigen Ge-
wächse ausgeübt, der sich in einer ausgesprochenen Periodizität
ihrer vegetativen Tätigkeit kundgibt. Abgesehen von den immer-
grünen Holzgewächsen verlieren unsere Bäume und Sträucher im
Herbst ihren Laubschmuck, verfallen in eine Art Winterschlaf,
in einen Ruhestand, um sich im kommenden Frühling wie mit
einem Zauberschlag in kurzer Zeit wieder zu belauben. Viele
-unserer heimischen Pflanzen machen eine Ruheperiode durch,
während welcher ihre Tätigkeit zwar nicht vollständig unterbrochen,
aber im großen und ganzen auf ein Minimum beschränkt ist. Ihre
Ruhe ist oft so fest, daß sie in ihr auch dann weiter verharren, wenn
sie unter die günstigsten Wachstumsbedingungen gebracht werden.
Ich will mir erlauben, dies durch einige Beispiele zu begründen.
Der immergrüne Mistelbusch (Viscum album), der auf ver-
schiedenen Bäumen als Parasit sein Leben fristet, trägt im Herbste
!) Vortrag, gehalten anläßlich der Herbstausstellung der k. k. Gartenbau-Gesell-
schaft in Wien am 14. November 1908. Erschienen in der „Österr. Gartenzeitung‘‘ 1909.
bekanntlich weiße Beeren, in deren klebrigem Fruchtfleisch der
Same eingebettet ist. Man kann die Mistelsamen im Monat April
auf einem Holzbrettchen oder einer Glasscheibe bei zeitweiser Be-
feuchtung im Lichte leicht zur Keimung bringen. Wenn man
aber den Versuch im Herbst oder Winter macht, so gelingt er
nicht; erst Ende März, noch besser im April und Mai, tritt die
Keimung ein. Der Same sieht im Herbst genau so aus wie im
Frühjahr und doch keimt er, selbst wenn man ihn den günstigsten
natürlichen Wachstumsbedingungen aussetzt, im Herbst und Winter
nicht; erst nachdem er eine gewisse Ruheperiode durchgemacht
hat, erwacht der Same zu neuem Leben).
Ähnlich verhalten sich viele Kartoffelsorten. Werden Knollen
im Herbst, nachdem sie ihre volle Größe erreicht hatten, der Erde
entnommen, gleich darauf wieder in Blumentöpfe gepflanzt und
ins Warmhaus gestellt, so treiben die „Augen“ gewöhnlich nicht
aus, während sie im Februar oder später, obwohl sie sich in-
zwischen gar nicht verändert haben, willig treiben.
Ähnliches läßt sich bei den Zweigen unserer Obstbäume
beobachten. Es ist eine alte Sitte, um Barbara herum, d. i. am
4. Dezember, Zweige der Kirsche, der Aprikose und anderer
Bäume in ein Gefäß mit Wasser zu stellen und dann im warmen
Zimmer zu halten. Öffnen sich nun in der Weihnachtswoche die
ersten Blütenknospen, so gilt dies als ein glückliches Omen und
abergläubische Mädchen sind dann überzeugt, daß ihre geheimsten
Wünsche in Erfüllung gehen werden. Stellt man die Zweige aber
schon unmittelbar nach dem herbstlichen Laubfall, also in der
ersten Hälfte des Oktober, in das warme Zimmer, so öffnen sich
die Knospen nicht und verharren lange in Ruhe. Auch die
meisten Holzgewächse müssen eben einige Zeit ruhen und erst,
wenn sie ihre Ruheperiode einigermaßen überstanden haben,
zeigen sie das Streben zu treiben. Im Einklang damit stehen
auch gewisse gärtnerische Erfahrungen. Man hört häufig darüber
klagen, daß die Hyazinthen, die der Gärtner gerade zu Weih-
nachten auf den Markt bringen will, ihre Blüten nicht vollkommen
entwickeln oder ihren Blütenschaft nicht zur genügenden Streckung
!) Vor kurzem ist aber durch Heinricher gezeigt worden, daß Mistelsamen
schon im Dezember einige Tage nach der Aussaat zur Keimung zu bringen sind, wenn
man sie im dunstgesättigten Raum beständig starkem elektrischen Lichte aussetzt. Danach
sieht es so aus, als ob die Ruheperiode des Mistelsamens nicht durch innere, sondern
durch äußere Umstände bedingt wäre,
bringen und daß die Hyazinthen infolgedessen, wie der Praktiker
sich ausdrückt, „sitzen bleiben“. Auch die-aiglöckchen erscheinen
mit ihren Blüten oft nicht rechtzeitig zu Weihnachten, zum großen
Verdruß des Gärtners. Die Ursache liegt häufig darin, daß die
Ruheperiode noch nicht abgelaufen ist. Werden die Hyazinthen-
zwiebeln und Maiblumenkeime schon vor Beendigung der Ruhezeit
in die Treiberei gestellt, so entsprechen sie nicht den Wünschen
des Gärtners und bleiben „sitzen“. Nach Neujahr, im Januar oder
Februar, gibt es keine Schwierigkeiten mehr, dann treiben sie,
weil die Ruheperiode ihr Ende völlig oder zum großen Teil erreicht
hat, willig und bringen vollkommene Blumen und schönes Laub.
Mit fortschreitender Kultur hat der Mensch ein immer stärkeres
Verlangen danach gezeigt, Pflanzen zu ganz ungewohnten Zeiten
blühend und fruchtend zu erhalten und seine Wohnungen auch im
Winter mit Blumen zu schmücken. Und da eine Frühlings- oder
Sommerblume, im Winter auf den Markt gebracht, viel besser
bezahlt wird, so kamen die Gärtner den Wünschen des Pubiikums
gerne entgegen und schenkten der Kunst, Pflanzen zu treiben,
große Aufmerksamkeit.
Nicht durch planmäßige Untersuchungen, sondern zumeist
durch zufällige Erfahrungen oder aufmerksame Beobachtung lernten
sie verschiedene Kunstgriffe kennen, um die Ruheperioden zu ver-
schieben oder zu verkürzen: Langsamen Wasserentzug, Einfrieren-
lassen, künstliche Auslese, Züchtung frühblühender Individuen und
Kreuzung von solchen.
Auch haben die Gärtner gelernt, gewisse Pflanzen fast zu
jeder Zeit blühend zu erhalten, einfach dadurch, daß sie das Aus-
treiben der betreffenden Gewächse, z. B. des Flieders und der Mai-
glöckchen durch Kälte künstlich lange Zeit verhindern. In den
meisten Großstädten stehen jetzt große Kühlräume für die Auf-
bewahrung von Lebensmitteln zur Verfügung. Hier können nun
auch gewisse ruhende Pflanzen eingestellt und viele Monate auf-
bewahrt werden. Bei der knapp um den Eispunkt herum liegenden
Temperatur werden die Lebensprozesse auf ein Minimum einge-
schränkt und künstlich zurückgehalten. Entnimmtman einem solchen
Kühlraum im Sommer oder Herbst die aufbewahrten Fliedersträucher
und Maiglöckchenkeime, die unter normalen Verhältnissen im ver-
flossenen Frühling zur Blüte gekommen wären, und stellt sie ins
Warmhaus, so treiben sie, von der aufgezwungenen künstlichen
Ruhe endlich erlöst, in kurzer Zeit mit großer Geschwindigkeit aus.
2
— ae
Viele Fliederbäumchen und alle Convallarien, die wir im Oktober
und November in den Blumenläden bewundern, werden auf die
geschilderte Weise gewonnen.
Die Gärtner haben ganz unabhängig von der Wissenschaft,
ganz empirisch im Laufe der Jahrhunderte eine große Summe von
Erfahrungen auf den verschiedensten Gebieten des Gartenbaues
gemacht und jeder Pflanzenphysiologe kann vom Gärtner vieles
lernen, denn hinter den praktischen Künsten und Kniffen des
Gärtners stecken oft wichtige nnd anregende Probleme, deren
wissenschaftliche Auswertung noch vielfach brach liegt, ja ich
scheue mich nicht, es offen auszusprechen, daß jeder Pflanzen-
physiologe einige Zeit zum Gärtner in die Schule gehen .sollte,
um sich mit der Kultur der Pflanzen auch praktisch vertraut zu
machen und dahin zu streben, die gärtnerischen Arbeiten mit seinen
wissenschaftlichen Erfahrungen in Einklang zu bringen.
Die Pflanzenphysiologie ist noch eine relativ junge Wissen-
schaft und es hat eine Zeit gegeben,- wo der Gärtner und Land-
wirt sich um diesen Wissenszweig gar nicht gekümmert hat, weil
er sich hier keinen Rat holen konnte. Heute steht die Sache schon
wesentlich anders, die Beziehungen zwischen Theorie und Praxis
werden täglich innigere und die Wissenschaft gibt schon heute im
reichlichen Maße der Praxis zurück, was sie seinerzeit von ihr
empfangen. Das zeigt sich auch in der Geschichte der Treiberei.
Hermann Müller (Thurgau) fand beim Studium über das Süß-
werden der Kartoffelknollen die höchst interessante Tatsache, daß man
die Ruheperiode der Kartoffel dadurch beseitigen kann, daß man sie
unmittelbar nach der Ernte in einen Eiskeller bringt und hier
ı4 Tage knapp über dem Eispunkt beläßt. Bei dieser niederen
Temperatur häufen sie in ihrem Innern Zucker an, werden süß
und vermögen nun, unter günstige Wachstumsbedingungen ge-
bracht, sofort auszutreiben. Macht man diesen Versuch mit Früh-
kartoffeln Ende Juni, so kann man im Herbste noch eife zweite
Ernte einheimsen.
Durch die Experimente des großen französischen Physiologen
Claude Bernard über die wunderbaren Wirkungen des Äthers
und Chloroforms auf Tier und Pflanze wurde der ausgezeichnete
dänische Botaniker W. Johannsen angeregt, speziell Versuche
über die Einwirkung des Äthers auf ruhende Pflanzen zu machen
und fand zu seiner Überraschung, daß Flieder und einige andere
Holzgewächse, wenn sie in der Ruheperiode ı—2 Tage Äther-
%
dampf ausgesetzt und dann wie gewöhnlich weiter kultiviert werden,
aus ihrem Winterschlafe erwachen und rasch zu treiben beginnen).
Dieses von Johannsen eingeführte „Aetherisieren“ hat sich
in der Praxis bald eingebürgert und sehr gute Erfolge ergeben.
Ein neues Verfahren der Pflanzentreiberei?), von mir als
Warmbad bezeichnet, besteht im wesentlichen darin, daß man die
noch in Ruhe befindlichen Pflanzen durch mehrere Stunden (6—12,
zumeist 9) im Wasser von etwa 30—35° C untergetaucht läßt und
dann wie gewöhnlich treibt. Werden solche Versuche mit Mai-
glöckchenkeimen oder Fliederbäumchen ausgeführt, so treiben die
gebadeten Pflanzen schon nach kurzer Zeit, während die nicht
gebadeten noch längere Zeit in Ruhe verharren.
Der so deutlich in Erscheinung tretende Einfluß des Lau-
bades und die große Bedeutung dieses hochinteressanten physio-
logischen Phänomens für die Praxis regten mich an, die Sache
von rein wissenschaftlichem Standpunkte aus zu verfolgen. Bei
meinen Untersuchungen, die bereits bis 1906 zurückreichen, bin
ich zu einigen Ergebnissen gelangt, die vielleicht auch die Prak-
tiker interessieren dürften und die ich daher heute zum Gegen-
stande eines populären Vortrages gemacht habe.
Es zeigte sich zunächst, daß das Warmbad nicht bloß auf
Flieder und Konvallarien, sondern auch auf eine große Reihe
anderer Pflanzen einwirkt, so auf ruhende: Corylus Avellana,
Forsythia suspensa, Prunus avıum, Cornus alba, Rıbes Grossularia,
Larix decıdua, Alnus glutinosa (Kätzchen), Rhamnus Frangula,
Aesculus Hippocastanum, Salıx-Arten, Fraxıinus excelsior, Azalea
mollıs und andere.
Werden Zweige oder bewurzelte Stöcke dieser Holzgewächse
zur Zeit ihrer Ruheperiode in warmem Wasser von 30— 35° C
(selten bis 40°) untergetaucht und dann etwa 9—ı2 Stunden darin
belassen und hierauf bei mäßiger Temperatur (15—ı8° C) weiter-
kultiviert, so wird das Austreiben der Knospen in hohem Grade
beschleunigt. Doch werden nicht alle Holzgewächse in gleicher
Weise beeinflußt. Auf manche wirkt das Bad ausgezeichnet, auf
manche mäßig, auf einzelne gar nicht oder erst gegen Ende der
Ruheperiode. Zagus sılvatıca und Tila parvifolia beharren mit
1) Johannsen, W., Das Ätherverfahren beim Frühtreiben mit besonderer Be-
rücksichtigung der Fliedertreiberei. Jena 1905. II. Auflage 1908.
?2) Molisch, H., Das Warmbad als Mittel zum Treiben der Pflanzen. Jena
1909. Verl. bei G. Fischer.
großer Hartnäckigkeit in ihrer Ruhe und erst gegen Ende der
Ruheperiode macht sich das Bad im mäßigen Grade geltend.
Allein auch da, wo das Laubad sich ausgezeichnet bewährt,
hängt das Gelingen des Versuches nicht bloß von der Jahreszeit
und von der Natur der Knospe, sondern noch von einer Reihe
anderer Umstände ab.
a) Von der Dauer des Bades. Ein Bad von g—ı2 Stun-
den hat sich bei den meisten der genannten Pflanzen bewährt.
Doch darf man nicht nach der Schablone arbeiten und glauben,
daß dies für alle Pflanzen gilt. So erwies sich bei den männ-
lichen Kätzchen von Corylus ein Bad von 30°C durch 6 Stunden
als ein Optimum, schwächer wirkte ein neun- und dreistündiges. So
war es bei einem Versuch im Anfang des Dezember. Im Oktober
hingegen wirkt ein neunstündiges besser als ein sechsstündiges.
Bei Flieder kann man das Bad auch auf ı5 Stunden aus-
dehnen, doch darf man im allgemeinen das Bad nie länger als
gerade nötig ist wirken lassen, weil die Knospen infolge der re-
lativ hohen Temperatur zu energischer Atmung angeregt werden,
ihr Atmungsbedürfnis aber unter Wasser, wo der Sauerstoffzufluß
bedeutend gehemmt ist, nicht befriedigen können. Sie leiden dann
an Atemnot, fangen vielleicht auch intramolekular zu atmen an.
Dies halten die Knospen aber nicht lange aus; kommen sie dann
nicht rechtzeitig aus dem Wasser heraus, so leiden sie Schaden
oder sterben unter Braunfärbung völlig ab.
b) Von der Temperatur des Bades. Auch bezüglich der
Temperatur muß man das Optimum für jede Pflanzenart aus-
probieren. Für die meisten Pflanzen, mit denen ich experimentierte,
bewährte sich ein Bad von 30°C. So für die männlichen Kätzchen
von Corylus, für die Knospen von Zorsythıa suspensa, Rıbes Gros-
sularıa, ein Bad von 30—35° ergab bei Flieder die besten Resultate,
bei Detula alba, Cornus alba und Rhamnus Frangula aber ver-
sagte ein Bad von 30°, während ein Bad von 35—40°C ‘hier stark
reizend wirkte.
c) Von der Tiefe der Ruheperiode. Bei Flieder konnte
ich schon im Monate Juli an den angelegten, für das nächste
Frühjahr bestimmten Knospen, also lange vor dem herbstlichen
Laubfall einen deutlichen Einfluß des Warmbades bemerken und
die Knospen zum Austreiben veranlassen. Dagegen konnte ich
im September gebadete Corylus-Kätzchen nicht zum Auswachsen
und Stäuben bringen, obwohl sie sich gegen Ende Oktober schon
recht gut, im November und Dezember aber ausgezeichnet treiben
lassen. Bei Aesculus und Zraxınus versagt das Warmbad im
Vorherbst, hingegen wirkt es im Dezember und Januar, besonders
wenn man ein Laubad von etwas höherer Temperatur, von 35
bis 40° C anwendet.
Ist die Ruheperiode ihrem Ende nahe, so nimmt die günstige
Einwirkung bei den Pflanzen, die sich relativ früh leicht treiben
lassen, mehr und
mehr ab, ja im
Februar wirkt das
Warmbad auf ge-
‘wisse (Grewächse
wie auf die männ-
lichen Corylus-
Kätzchen, gewisse
Salıx-Arten, die
Laubknospen von
Cornus alba hem-
mend ein, während
es vorher einen
ausgezeichneten
Einfluß ausübte.
Sehr schwer läßt
sich die Wald-
buche (Zagus sıl-
vatıca) und die
Linde/(Trha parvı-
Jolıa) treiben, hier
gibt merk-
würdigerweise das
Bad erst kurze Zeit
vor dem normalen a b
Austreiben gute Fig. 9. Forsythia: a der gebadete Zweig, 5b der Kontroll-
Resultate Aus zweig, a steht ı2 Tage nach dem Bade in voller Blüte,
b hat zu dieser Zeit noch geschlossene Blüten.
dem Gesagten er-
hellt, wie sehr verschieden sich die Pflanzen dem Warmbade
gegenüber mit Rücksicht auf die Ruheperiode verhalten und wie
auch hier. das Experiment bei jeder Art erst Klarheit verschaffen kann.
Daß verschiedene Gattungen und Arten auf das Warmbad
in verschiedener Weise reagieren, darf nicht wundernehmen, wenn
man bedenkt, daß selbstan einem und demselben Zweige verschiedene
Knospen sich ganz verschieden verhalten. So weckt das Warm-
bad im November die männlichen Kätzchen von Corylaus rasch
aus dem Schlafe, die weiblichen kaum und die Laubknospen gar
nicht. Erst später, wenn die Ruheperiode auszuklingen beginnt,
wirkt das Bad auch auf die Laubknospen.
Um einen anschaulichen Begriff von dem wirklich über-
raschenden Einfluß des Warmbades zu geben, seien hier einige
Spezialversuche geschildert und illustriert.
Fig. 10. Flieder. Das Exemplar links blüht 40 Tage nach dem Bade, während das
ungebadete rechts noch nicht treibt.
Versuche mit Forsythia suspensa. Am ıg. November 1907
wurden sechs Zweige abgeschnitten. Drei davon wurden durch
zwölf Stunden in Wasser von 25—32° C vollständig untergetaucht
gehalten, während die drei anderen innerhalb dieser Zeit bei
Zimmertemperatur in Luft verblieben. Hierauf wurden alle im
Warmhaus weiterkultiviert. Der Erfolg war überraschend und
wird durch vorstehende Fig. g versinnlicht.
Versuch mit Flieder. Die Fig. ı0 zeigt zwei Fliederstöcke.
Die Krone des Exemplares links wurde am 4. Dezember 1907 durch
zwölf Stunden in Wasser von 31—37° C gebadet, der andere Stock
nicht. Sodann verblieben beide bei mäßiger Temperatur (15 bis
ı8°C) im Warmhaus im Lichte. Der gebadete Stock stand
40 Tage nach dem Bade in vollem Laub- und Blütenschmucke,
während der ungebadete noch kaum trieb.
Treibt man den Flieder nach dem Bade, wie dies in den
Gärtnereien gewöhnlich geschieht, im Finstern und bei relativ
hoher Temperatur (20—28° C)
an, so ist der Unterschied nicht
so kraß, doch kommen die ge-
badeten Bäumchen immer noch
um durchschnittlich zehn Tage
früher zur Blüte als die unge-
badeten, was natürlich für den
Gärtner eine bedeutende Er-
sparnis an Heizmaterial, also einen
großen, ökonomischen Vorteil be-
deutet.
Versuchmit Corylus Avel-
/ana. Von Wichtigkeit ist es
auch, daß bei einem Zweige nur
die gebadeten Knospen im Trei-
ben gefördert werden, die un-
gebadeten aber im Winterschlafe
verharren. Die Fig. ıı zeigt dies
in höchst anschaulicher Weise
bei der Haselnuß. Die eine
Hälfte des Zweigsystems wurde
am 27. November 1907 durch
zwölf Stunden bei etwa 30° C
gebadet. Am 3. Dezember, also
sechs Tage nach dem Bade, waren Ri, ul ne A a
die gebadeten Kätzchen in voller Sechs Tage nach dem Bade steht die
Blüte. stäubten und hatten eine gebadete Hälfte in Blüte, die andere
j erscheint unverändert.
durchschnittliche Länge von 5 bis
7!/; em erreicht, während die nicht gebadeten sich noch nicht
merklich verändert hatten.
Zu wiederholten Malen habe ich mit sehr schönem Erfolge
solche Experimente über den lokalen Einfluß des Bades auch
mit Flieder gemacht (Fig. ı2) und in der Tat vermag nichts so
Et
Wi
PER a
Pr en na ut
ae, 80 EEE
sehr die „treibende Kraft“ des Bades in anschaulicher Form dar-
zutun, wie solche halbseitig gebadete Bäumchen. Es erscheint
wie ein Wunder, wenn man nach einiger Zeit die gebadete Hälfte
im schönsten Laub- und Blütenschmuck, im Bilde des Frühlings
sieht, während die andere Hälfte sich noch kaum zum Austreiben
anschickt und uns das Bild des Winters gewährt. |
Aus dem Verhalten dieser lokal gebadeten Pflanzen ist deut-
lich zu ersehen, wie unabhängig voneinander physiologische Pro-
zesse in benachbarten Stücken eines
Zweiges verlaufen können, denn es
ist doch höchst auffallend, daß man
in einer Knospe eines Zweiges durch
das Bad jene Revolution des Stoff-
wechsels, die zum Wachstum der
Knospe führt, hervorrufen kann, wäh-.
rend in der ungebadeten Nachbar-
knospe gleichzeitig alles in tiefer Ruhe
verharrt.
Beim Baden bewurzelter Pflanzen
könnte man im Zweifel sein, ob man
nur die Krone oder die ganze Pflanze
samt dem Wurzelballen dem Bade aus-
setzen soll. Meine Erfahrungen über
den lokalen Einfluß des Laubades lassen
schon vermuten, daß das Baden der
Bee a ederbieehen. Wurzeln keinen Vorteil gewährt, zu-
Die rechte Hälfte wurde gebadt, mal ja die vorhandenen Wurzeln für
die linke nicht, 40 Tagenachdem die Wasseraufnahme vollkommen 'aus-
Bade treibt die ungebadete kaum,
die gebadete aber steht in voller reichen. Und in der Tat habe ich
Blu mich durch speziell darauf gerichtete
Versuche überzeugt, daß das Baden
der Wurzeln nicht nur keinen Nutzen gewährt, sondern im Ge-
genteil die Wurzeln häufig schädigt, weil sie im Gegensatz zu
den ruhenden Zweigen und Knospen ein so hoch temperiertes
Wasserbad nicht leicht ertragen. Saftige, weiche Wurzeln sind
ebenso wie die meisten krautigen Blätter und Sprosse viel emp-
findlicher als die widerstandsfähigeren Winterknospen. Ich gebe
daher den Rat: niemals die Wurzeln zu baden, sondern
nur die Krone,
Es wird auch die Praktiker interessieren zu erfahren, daß
on
der Einfluß des Bades in versteckter Form wochenlang erhalten
bleibt. Ich meine so: Wenn man gebadete Pflanzen von Corylus,
Forsythia, Salıx und andere nach dem Bade ins Freie bringt, sie
hier der gewöhnlichen Temperatur des Nachherbstes oder des
Winters aussetzt, sie daselbst ı bis 6 Wochen beläßt und erst
dann in die Treiberei stellt, so verhalten sie sich im großen und
ganzen so, wie sie sich verhalten hätten, wenn sie unmittelbar
nach dem Bade ins Warmhaus gestellt worden wären. Die Ein-
wirkung des Bades bleibt, einmal hervorgerufen, lange Zeit er-
halten, sie bleibt, wie man zu sagen pflegt, latent. Diese Tatsache
hat vielleicht auch eine praktische Bedeutung. Man könnte, falls
eine Gärtnerei ihre Pflanzen nicht selbst baden will, diese an
einem anderen Orte, wo das Warmbad im Großbetrieb durchge-
führt wird, baden lassen und dann von dort beziehen. Wie
ich aus gärtnerischen Fachzeitschriften ersehe, ist Übereinstimmendes
mit ätherisiertem Flieder tatsächlich geschehen: in Dresden, wo
gewisse Spezialisten der Fliedertreiberei sich auf das Ätheri-
sieren im großen eingerichtet haben, werden Fliederbäumchen
ätherisiert und dann nach Ungarn und anderen Ländern ausge-
führt. Ein derartiger Export wäre auch mit gebadeten Pflanzen
durchführbar.
Wenn es sich nicht um einen Großbetrieb handelt und wenn
die Durchführung der Warmbadmethode möglichst wenig kosten
soll, so ist es nach meinen Erfahrungen am zweckmäßigsten, die
zu treibenden Pflanzen direkt im Warmhaus unter Zuhilfenahme
der Warmwasserheizung zu baden. Heute sind wohl die meisten
Warmhäuser mit Wasserheizung versehen und solche Gewächs-
häuser enthalten auch gewöhnlich ein oder mehrere Wasserbassins,
die durch eingeleitete Rohre leicht auf eine bestimmte Temperatur
erwärmt werden können. Hat das Wasser den erwünschten
Wärmegrad angenommen, so taucht man die Pflanze bloß mit
der Krone ein und läßt die Wurzelballen in die Luftragen. Nach-
her wird das ganze Bassin mit Brettern oder Strohdecken zuge-
deckt, wodurch die Wassertemperatur während der Badezeit nur
wenig sinkt. Das Verfahren ist, wie man sieht, höchst einfach,
nur muß man sorgfältig darauf achten, daß man nicht zu warmes
Wasser anwendet, weil sonst die Knospen leicht Schaden leiden.
Besondere Vorsicht erheischt dieser Punkt bei Gewächsen, die
man noch nicht ausprobiert hat und beim Treiben wintergrüner,
also beblätterter Pflanzen, wie z. B. gewisser empfindlicher Azalea
Molisch, Populäre biologische Vorträge. 2. Aufl. 6
u; 32 Pen
ındıca-Sorten, da ihre Blätter bei manchen Hybriden schon bei
einem sechsstündigen Aufenthalt im Wasser von 30° infolge der
gehemmten Atmung sichtlich leiden und vornehmlich an der Ober-
seite des Blattes braunfleckig werden. Ich kann daher die An-
wendung der Warmbadmethode für Azalea zndıca nicht empfehlen,
zumal das Laubad auf das Austreiben der Knospen gar nicht oder
fast gar nicht günstig wirkt.
Wennich von den Versuchen, die ich wohl mit vielen hunderten
von gärtnerisch unwichtigen Pflanzen nur aus wissenschaftlichen
Gründen durchgeführt habe, absehe und mich nur auf gärtnerisch
wichtige beschränke, so kann ich das Warmbadverfahren bisher
wärmstens empfehlen für S'yrınga, Forsythıa, Azalea mollıs, Spiraea
palmata und japonıca und Convallarıa.
Flieder ist eine Treibpflanze par excellence, wird zum Treiben
im großen kultiviert und liefert mit dem Laubad ausgezeichnete
Resultate.
Forsythia suspensa, dieser bekannte japanische Strauch, der
im ersten Frühling durch seine mit gelben Glocken überschütteten
Blütenzweige jeden entzückt, wird auffallenderweise von den Gärt-
nern nicht als Treibpflanze kultiviert. Ich habe so ausgezeichnete Treib-
resultate mit dieser Pflanze erhalten, daß ich die Gärtner ermuntern
möchte, mit diesem Strauche Versuche anzustellen. Mit Hilfe des
Warmbades wäre es ein leichtes, im Oktober, November und im
Winter blühende Topfpflanzen oder abgeschnittene blühende Zweige
zu erzielen und in Anbetracht der Schönheit dieses blühenden
Strauches zweifle ich nicht, daß die Forsyihıa erfolgreich mit dem
Flieder in Wettbewerb treten könnte und vom Publikum auch
gerne gekauft würde.
Sehr gute Ergebnisse liefert auch das Warmbad mit Convallaria-
keimen. „Keime“, die am ı4. November 1904 einem 16!/,stündigen
Warmbad von 31° C ausgesetzt wurden und dann nach’der Weise
der Gärtner bedeckt mit Moos bei einer Bodentemperatur von 20
bis 25° C im Warmhaus getrieben wurden, kamen sehr gleich-
mäßig mit Laub und Blüten. Die ersten Blätter öffneten sich
schon am 16. Dezember. Die nicht gebadeten Keime blieben viel-
fach „sitzen“; wenn sich die Blütentrauben entwickelten, so waren
sie häufig unvollkommen, auch blühten sie durchschnittlich 5 bis
ıo Tage später. Wer also nicht mit sogenannten „Eismai-
glöckchen“, die in Kühlräumen künstlich vom Austreiben zurück-
gehalten werden, arbeiten will, wird sich mit dem Warmbad-
verfahren auch hier bald befreunden.
Wir wollen nun auch die Frage streifen, warum das Laubad
einen so überraschenden Einfluß auf ruhende Pflanzen ausübt?
Durch welche Umstände wird der chemische Stoffwechsel in solche
Bahnen gelenkt, daß das Wachstum erfolgt? Die Beantwortung
der Frage ist nicht so einfach wie sie auf den ersten Blick er-
scheint, denn mit dem Bade ist nicht eine Veränderung, sondern
ein ganzer Komplex von Veränderungen gegeben. Es wird nicht
bloß die Temperatur geändert, sondern auch der Sauerstoffzufluß
unter Wasser gehemmt. Überdies tritt in dem Bade Wasser in
die Zellen ein, viele Bestandteile der Zelle: die Wand, das Plasma
und der Kern werden infolge der gesteigerten Wasseraufnahme
quellen und ihren Zustand verändern. Die ganze Zelle wird auch
ihren Innendruck oder Turgor erhöhen.
Die Atemnot, welcher die untergetauchten Zweige ausgesetzt
werden, spielt nach Versuchen, die ich in sauerstoffreiem oder sauer-
stoffarmem Raume ausgeführt habe, augenscheinlich keine besondere
das Austreiben fördernde Rolle. Wenn es die höhere Temperatur
allein wäre, so sollte man vermuten, daß das Wasserbad gar nicht
nötig sei und daß ein dem Wasserbad entsprechender längerer
Aufenthalt in Luft von höherer Temperatur denselben Effekt er-
zielen würde. Dies trifft nun in der Zeit vor dem herbstlichen
Laubfall und dann nach diesem in den Monaten Oktober, November
und Dezember, also in der Hauptzeit des Treibens, nicht zu; da
kann das Wasserbad nicht durch ein entsprechendes Luftbad er-
setzt werden; ein solches warmes Luftbad nützt bei den meisten
Gewächsen nichts oder sehr wenig, erst in der Zeit, da die Ruhe-
periode schon auszuklingen beginnt und die Ruhe nicht mehr fest
ist, kann auch das warme Luftbad eine ähnliche Wirkung äußern,
ja in manchen Fällen kann es sogar vorteilhafter sein. Für die
Praxis hat dies aber keinen Wert, der Gärtner wird sich stets an
das Warmbad halten müssen, weil er seine Pflanzen möglichst
bald zur Blüte bringen will und sie daher zu einer Zeit treiben
muß, wo eben nur das Wasser- und nicht das Luftbad wirkt.
Verschiedene Erfahrungen drängen zu der Annahme, daß in
‚erster Linie die vielstündige Berührung mit lauem Wasser als
Reiz wirkt, die in Verbindung mit höherer Temperatur in den
ruhenden Knospen jene Vorgänge auslöst, die zum Treiben
führen. —
6*
Re =
Daß wir in der Warmbadmethode ein für viele Gewächse
und auch für gärtnerisch wichtige ein ausgezeichnetes, praktisch
verwertbares Treibverfahren besitzen, unterliegt wohl keinem
Zweifel. Dasselbe gilt auch von dem bekannten Ätherverfahren
W. Johannsens. Dem Theoretiker sind beide Methoden von
höchstem Interesse, dem Praktiker bieten beide große Vorteile.
Wegen seiner Billigkeit, Einfachheit und Gefahrlosigkeit wird
das Warmbad mit dem Ätherbad nicht nur erfolgreich kon-
kurrieren, sondern es wird das Warmbad wahrscheinlich das
Ätherverfahren in der Praxis bald verdrängen. Vergleichende
Versuche mit Syrınga und Forsythia haben mich gelehrt, daß
das Warmbad dieselben oder bessere Resultate ergibt, wie
der Äther. Allerdings ist es nicht ausgeschlossen, daß bei an-
deren Pflanzen sich vielleicht wieder die Äthermethode besser
bewähren wird.
So sehen wir denn auf dem Gebiete der Treiberei einen ge-
waltigen Fortschritt!),, Schon jetzt gelingt es dem Gärtner durch
Züchtung sogenannter Treibsorten und frühblühender Rassen, durch
vorbereitende Behandlung der Pflanzen, durch langsame Wasser-
entziehung, durch gewisse Treibverfahren oder durch Zurückhaltung
der normalen Vegetation infolge niederer Temperatur sich bei
verschiedenen Gewächsen von der Jahreszeit unabhängig zu
machen. Es ist heute möglich z. B. im Monate April gewisse
Frühlings-, Sommer-, Herbst- und Winterpflanzen, also Grewächse
die unter normalen Verhältnissen zu ganz verschiedenen Jahres-
zeiten blühen und fruchten, gleichzeitig in Blüte und Frucht
vorzuführen. Auch sind Märzveilchen, Maiglöckchen, Flieder und
gewisse Lilien fast das ganze Jahr erhältlich. Würde die Licht-
intensität im Herbst und Winter in Mittel- und Nordeuropa nicht
so gering und der Tag nicht so kurz sein, so könnten die Treib-
methoden noch auf viele andere Pflanzen angewendet werden,
die zur Entwicklung ihrer Blüten einer relativ großen Liöhtmenge
bedürfen. Hier wird vielleicht einmal die Elektrotechnik helfend
einspringen, denn wenn sie uns in der Zukunft für den Garten-
bau das Bogenlicht in genügender Intensität und billig liefern
sollte, dann wird auch die Pflanzentreiberei neuen Erfolgen und
Triumphen entgegengehen: wir werden dann, wenn draußen alles.
1) Eine kurze Übersicht darüber bis in die neueste Zeit findet man in meinem
Buche: „Pflanzenphysiologie als Theorie der Gärtnerei.“ 4.Aufl. Jena 1921. S. 177— 191.
in Eis und Schnee starrt und die Bäume des Waldes in tiefster
Ruhe verharren, uns mitten im Winter den Frühling oder
Sommer in die Stube zaubern und im Anblicke dieses zu dieser
Zeit uns doppelt erfreuenden Blütenreichtums werden wir mit
Uhland rufen:
„Die Welt wird schöner mit jedem Tag,
Man weiß nicht, was noch werden mag,
Das Blühen nimmt kein Ende.“
WE
Ultramikroskop und Botanik’).
I. Die ultramikroskopische Methode.
Der Fortschritt der Naturwissenschaften beruht hauptsächlich
auf neuen Entdeckungen, der Aufstellung glücklich ersonnener
Hypothesen und Theorien und auf der Auffindung neuer und
feiner Methoden. Eine einzige neue Tatsache, ein fruchtbarer
hypothetischer (redanke, ein neues Verfahren vermag die Wissen-
schaft oft um einen gewaltigen Schritt vorwärts zu bringen. Ich
erinnere nur an die Röntgenstrahlen, an die Deszendenztheorie
und an die Spektralanalyse. Welch großartige Fortschritte waren
mit ihrer Einführung in die Wissenschaft verknüpft!
Von dem Bestreben geleitet, die Leistungsfähigkeit des
Mikroskops in der Sichtbarmachung kleinster Teilchen zu erhöhen,
haben Siedentopf und Zsigmondy?) eine Methode eingeführt,
die heute allgemein als ultramikroskopische bezeichnet wird und
die großes Aufsehen erregt hat. Sie ermöglicht uns heute, Teilchen
von einer Kleinheit zu sehen, deren Größe früher weit jenseits der
Grenze mikroskopischer Wahrnehmung lag.
Ich habe mir nun heute die Aufgabe gestellt, hier
zu erörtern, was diese Methode für die Botanik bisher
geleistet hat, ob die Hoffnungen, die man an die Er-
findung des Ultramikroskops geknüpft hat, sich er-
füllt haben und ob wir von ihr in Zukunft Resultate
!) Vortrag, gehalten am I5. Dezember 1909 im Vereine zur Verbreitung natur-
wissenschaftlicher Kenntnisse in Wien. Daselbst IgIo erschienen.
?) Siedentopf, H., und Zsigmondy, R., Über die Sichtbarmachung und
Größenbestimmung ultramikroskopischer Teilchen, mit besonderer Anwendung auf Gold-
rubingläser. Annalen d. Physik, 4. Folge, Bd. 10, 1903.
Siedentopf, H., Über die physikalischen Prinzipien der Sichtbarmachung ultra-
mikroskopischer Teilchen. Vortrag. Berliner klin. Wochenschrift 1904, Nr. 32.
Zsigmondy, R., Zur Erkenntnis der Kolloide. Jena: 1905.
zu erwarten haben, die uns einen tieferen Einblick
in den Bau und das Leben der Zelle verschaffen
werden.
Das Prinzip, das der ultramikroskopischen Methode zugrunde
liegt, kann leicht an den jedermann bekannten Sonnenstäubchen
klargemacht werden. Denken Sie, wir befänden uns in einem
vollständig finstern Raum. Lassen wir dann durch den Spalt eines
Fensterladens einen direkten Sonnenstrahl einfallen, so werden,
wie bekannt, innerhalb dieses Strahles unzählige Sonnenstäubchen
sichtbar. Diese Stäubchen finden sich in unserer Umgebung
ständig vor, sie sind sozusagen allgegenwärtig, wir atmen sie mit
jedem Atemzug in ungeheurer Zahl ein, aber trotz alledem sehen
wir sie gewöhnlich nicht. Unter bestimmten Bedingungen, wie
in dem vorhin erwähnten Versuch, treten sie wie mit einem
Zauberschlag plötzlich in Erscheinung und erfreuen das Auge
durch ihr ruhiges Schweben oder bei bewegter Luft durch ihren
Wirbeltanz und durch ihr scheinbares Selbstleuchten. Die Sonnen-
stäubchen werden sichtbar, weil das höchst intensive Sonnenlicht
an ihnen abgebeugt wird, sie umgeben sich mit glänzenden Beu-
gungsringen und Beugungsbüscheln, erscheinen dem Auge größer,
als sie wirklich sind und ungemein deutlich, weil wir sie auf
schwarzem Hintergrunde betrachten. Die Kontrastwirkung zwischen
Hell und Dunkel spielt bei der Sichtbarmachung eine wesentliche
Rolle. Auf dieser Kontrastwirkung beruht auch der herrliche
Glanz des nächtlichen Sternenhimmels. Die Sterne sind auch bei
Tage am Himmel, allein wir sehen sie nicht. Bei Tage werden
sie vom Sonnenlichte überstrahlt, das ganze Himmelsgewölbe ist
beleuchtet, es kommt zu keiner Kontrastwirkung, daher bleiben
die Sterne unsichtbar. Ganz anders in der Nacht, da erscheint
das Himmelsgewölbe schwarz und die Sterne heben sich mit
ihrem relativ schwachen Lichte trotzdem auf dem dunklen Grunde
leuchtend ab.
Auch beim Mikroskope hat man von der Dunkelfeldbeleuch-
tung schon lange Gebrauch gemacht. Sie wurde zuerst nament-
lich von England aus empfohlen, allein sie hat sich lange keiner
häufigeren Anwendung erfreut. J. B. Reade!) lenkte schon 1838
!) Goring und Pritchard, Mikrographia, 1837, S. 227—231, ferner Queckett,
John, Handbuch über Mikroskopie, 1855, beide Werke zitiert nach Siedentopf, H.,
Die Vorgeschichte der Spiegelkondensoren. Zeitschr. f. wissensch. Mikroskopie usw.,
1908, S. 382—395.
Bee. 2
(oder 1837?) die Aufmerksamkeit der Mikroskopiker auf eine Be-
leuchtung, die er „Dunkelfeldbeleuchtung“, „Blackground illumina-
tion“ nannte. Indem er das mikroskopische Objekt sehr stark und
derart beleuchtet, daß von den beleuchtenden Strahlen nur die-
jenigen eindringen, welche von dem Objekte in geänderter Rich-
tung ins Mikroskop eingesandt werden, erzielt er eine grelle Be-
leuchtung des mikroskopischen Objektes auf dunklem Untergrunde.
Auch die Spiegelkondensoren von heute haben, wie Sieden-
topf!) gezeigt hat, wenn auch in weniger vollkommener Form
ihre Vorläufer gehabt. Trotz alledem hat aber die Dunkelfeld-
beleuchtung im allgemeinen wenig Beachtung gefunden. Da trat
im Jahre 1903 ein Wendepunkt ein. Siedentopf und Zsigmondy
hatten durch besondere Einrichtungen am Mikroskope, durch welche
die Dunkelfeldbeleuchtung bei möglichst gesteigerter Lichtintensi-
tät soweit als möglich vervollkommnet wurde, es dahin gebracht,
Teilchen sichtbar zu machen, die viel kleiner waren als die bis
dahin gesehenen.
Die Dunkelfeldbeleuchtung kann nun in verschiedener Weise
bei ultramikroskopischen Beobachtungen erreicht werden. So ist
zuerst von Siedentopf und Zsigmondy eine Anordnung am
Mikroskope angegeben worden, bei welcher durch Abbildung
eines Spaltes in einem festen oder flüssigen Präparate gewisser-
maßen ein Dünnschnitt von 2—4 u?) Dicke auf optischem Wege
hergestellt wird, der grell beleuchtet und auf dunklem Grunde
betrachtet wird. Diese Art des Ultramikroskops ist besonders
zur Beobachtung von Farbstofflösungen und kolloidalen Objekten
geeignet und hat bereits zahlreichen Untersuchungen mit Erfolg
gedient. f
Eine zweite Methode der Dunkelfeldbeleuchtung versinnlicht
die Abbildung des Spiegelkondensors, der von Reichert?) in
Wien zuerst in den Handel gebracht wurde (Fig. 13). -_
Dieser Kondensor besteht im wesentlichen aus einer Plan-
konvexlinse Z, von der der mittlere Teil der Krümmung abge-
I) Siedentopf, H., Die Vorgeschichte der Spiegelkondensoren. Zeitschr. f.
wissensch. Mikroskopie usw., 24. Bd. 1908, S. 382.
2) Mit dem griechischen Buchstaben u bezeichnet man den tausendsten Teil eines
Millimeters, mit zu. den millionsten Teil.
®) Reichert, K., Neuer Spiegelkondensor zur Sichtbarmachung ultramikro-
skopischer Teilchen usw., Sonderabdr. aus den Vierteljahrsberichten des Wiener Vereins
zur Förderung des physikal. und chem. Unterrichtes, XI, 4.
schliffen ist. Die dadurch entstandene Planfläche ist parallel mit
der Frontfläche der Objektivlinse des Mikroskops und der übrig
bleibende Teil der Krümmung der Linse ist versilbert. Reichert
beschreibt den Strahlengang im Kondensor in folgender Weise:
Ein von der Lichtquelle ausgehender Strahl wird vom Spiegel
‚Sp bei d reflektiert nach Ö’ und 2’; dasselbe geschieht auch mit
einem zweiten Strahl, der von ce kommt, dieser wird nach 5’
reflektiert. Die Blende 3/ schaltet alle Strahlen aus dem Beleuch-
tungsbüschel aus, deren Apertur geringer als ı -o5 ist. Sie ist
dicht vor die erste Planfläche der Spiegellinse gesetzt, damit keine
störenden Reflexe auftreten können. Die Blende kann nach Bedarf
weggeklappt und derart die gewöhnliche Spiegelbeleuchtung
wieder hergestellt werden. Aus der
Fig. 13 geht auch hervor, daß alle Bahl D
Strahlen, welche in den Kondensor DB — SE
eintreten und die Aperturen von
1:05 bis ı-30 haben, an der Ober-
fläche des Deckglases eine totale
Reflexion erleiden, somit ein Ein-
treten der beleuchtenden Strahlen N
in das Beobachtungsobjektiv voll-
kommen ausgeschlossen ist. Das
Objektiv kann nur Strahlen auf-
nehmen, welche innerhalb des Prä-
= RE
FF eerreren
Ye
8
}
|
I
i
I
‘
!
=-- + ---
L
t
}
l
i
}
|
I
!
t
|
[2)
------ I -
parates eine Ablenkung von ihrer x
ursprünglichen Richtung durch Beu- a
gung erfahren haben, und diese Fig. 13. Spiegelkondensor.
abgebeugten Strahlen sind es auch, Nach Reichert (Wien).
welche im Mikroskop wahrgenom-
men werden. Die Spiegellinse des Kondensors entwirft von der
Lichtquelle ein stark leuchtendes Bild in der Ebene des Prä-
parates.
Ich habe nicht die Absicht, näher auf die Einrichtungen für
Dunkelfeldbeleuchtung zum Zwecke ultramikroskopischer Beob-
achtung einzugehen; es genügt hervorzuheben, daß insbesondere
die Mikroskopfirma Zeiß!), ferner Reichert und Leitz darin Vor-
zügliches geleistet haben, und es ist heute (1909) bereits möglich, sich
!) Für die gütige Beistellung vorzüglicher ultramikroskopischer Hilfsapparate zum
Zwecke meines Vortrages erlaube ich mir, der Firma Zeiß meinen besten Dank aus-
zusprechen.
um einen verhältnismäßig geringen Preis — ein Spiegelkondensor
kostet etwa 40—50 Kronen — eine Einrichtung für Ultramikro-
skopie zu verschaffen‘).
Wie aus dem Gesagten hervorgeht, beruht das Ultramikroskop
auf einer vollkommenen Ausnützung der Dunkelfeldbeleuchtung,
die gestattet, die mikroskopischen Objekte hell auf dunklem
Grunde abzubilden. Durch diese Kontrastwirkung werden die
Sichtbarkeitsbedingungen, aber nicht das Auflösungsvermögen
erhöht. Das sogenannte Ultramikroskop ist daher nicht, wie das
vielfach in Laienkreisen angenommen wird, ein neues, auf einem
bisher unbekannten Prinzip beruhendes Mikroskop, sondern ein
gewöhnliches Mikroskop, bei dem nur die Dunkelfeldbeleuchtung
unter Zuhilfenahme möglichst starker Lichtquellen in vorzüglicher
Weise zur Anwendung kommt.
Die Leistungsfähigkeit der besten Mikrageede bei durch-
fallendem Lichte ist eine beschränkte. Die Grenze der mikro-
skopischen Wahrnehmung läßt sich aus Abbes Theorie direkt ab-
leiten, sie beträgt bei Anwendung der besten aus der Zeißschen
Werkstätte herrührenden Mikroskope praktisch genommen t/, u,
bei schiefer Beleuchtung und unter Zuhilfenahme von einer Mono-
bromnaphtalinimmersion und violettem Lichte als äußerste Auf-
lösbarkeitsgrenze 0 - ı2 u. Was darunter liegt, bezeichnet man
als ultramikroskopisch.
Mit Hilfe des Ultramikroskops wurde ein Riesenschritt in das
Reich des Unsichtbaren gemacht, denn nach Siedentopf kann
man mit dem Ultramikroskop noch Teilchen sehen, die nur einen
Durchmesser von 4 uu haben, das ist aber eine Größe, die bereits
in das Gebiet der molekularen Dimensionen der Eiweißmoleküle fällt.
So eröffnet sich für den Forscher bei eventueller noch weite-
rer Steigerung der Lichtintensität die Aussicht, im Dunkelfeld des
Ultramikroskops jene theoretisch erschlossenen Teilchen, die unserem
Auge für immer entrückt zu sein schienen, ich meine die Mole-
küle, wenigstens die großen, zu sehen und ihre Bewegungen,
d.h. das Spiel ihrer anziehenden und abstoßenden Kräfte sichtbar
zu verfolgen.
Bei alledem dürfen wir aber die große Schattenseite des
Ultramikroskops nicht vergessen, daß es keine genaue geometrische
Abbildung gibt und uns namentlich sehr kleine Teilchen nur an
!) Siehe das Preisverzeichnis der Firma C. Zeiß über Einrichtungen für Ultra-
mikroskopie und Dunkelfeldbeleuchtung, 3. Ausgabe, 1907.
ihren Beugungsscheibchen und Beugungsbüscheln zu erkennen
gibt, so daß sich die wahre Gestalt der Ultramikronen oft nur
schwer und beiläufig beurteilen läßt.
Wir wollen nun im folgenden erörtern, welche Dienste dieses
in gewisser Beziehung so ausgezeichnete Instrument der Botanik
geleistet hat, und wollen zunächst zeigen, daß es bereits in einem
sehr wichtigen Punkte, nämlich in der Frage nach der Existenz
von unsichtbaren Lebewesen oder Ultramikroorganismen sehr
wichtige Aufschlüsse gebracht hat.
Die Ergebnisse der Ultramikroskopie in anderen Wissens-
zweigen bis zum Jahre 1906 finden sich zusammengestellt in dem
vortrefflichen Buche von Cotton und Mouton!) über die Ultra-
mikroskope und die ultramikroskopischen Objekte.
II. Gibt es unsichtbare, das heißt ultramikroskopische Lebewesen?
Schon vor Einführung der ultramikroskopischen Methode
hat man die Frage aufgeworfen, ob es nicht vielleicht Lebewesen
gibt, die unsichtbar sind, d. h. die mit unseren besten optischen
Hilfsmitteln bei gewöhnlicher Beleuchtung nicht gesehen werden
können, weil solchen Mikroskopen in ihrer Leistungsfähigkeit eine
Grenze gezogen war. Die Möglichkeit, daß es solche Organismen
jenseits der Grenze der gewöhnlichen mikroskopischen Wahrneh-
mung gibt, ist nicht von der Hand zu weisen und erfordert ein-
gehende Prüfung. Die Frage ist tatsächlich von großer Wichtig-
keit, denn der Biologe möchte gerne wissen, bis zu welcher Klein-
heit Zellen herabsinken können, ob nicht gewisse Krankheiten der
Pflanzen, die man bisher noch auf kein Lebewesen hat zurück-
führen können, wie die Mosaikkrankheit des Tabaks, die infektiöse
Panaschüre der Malvaceen und anderer (Grewächse, vielleicht
durch mikroskopische Lebewesen hervorgerufen werden. Und
auch der Mediziner hat ein großes Interesse daran, zu erfahren,
ob gewisse Krankheiten der Tiere und des Menschen, wie die
Maul- und Klauenseuche, die Pocken, der Scharlach und andere
nicht vielleicht durch Lebewesen bedingt sind, die im Bereiche
des Ultramikroskopischen liegen. Auch wäre es ja von vorne-
herein nicht unmöglich, daß — die Existenz von Ultramikroben
vorausgesetzt — diese bisher unsichtbar gebliebenen Lebewesen
!) Cotton, A., et Mouton, H., Les ultramicroscopes et les objets ultramicro-
scopiques. Paris 1906.
von einer neuen, noch nie geschauten Organisation wären und
daß sie neue Gruppen von Organismen bilden.
Ich habe diese Fragen schon früher auf Grund eigener Unter-
suchungen und Erwägungen behandelt und meine Ergebnisse in
einem Artikel „Über Ultraorganismen“ zusammengestellt!). Die
folgenden auf ultramikroskopische Lebewesen bezugnehmenden
Angaben stützen sich vornehmlich auf diese Abhandlung, ja sind
ihr zum Teile wörtlich entnommen.
Bekanntlich gehören die Bakterien zu den kleinsten Lebe-
wesen und manche unter ihnen nähern sich schon der Grenze der
mikroskopischen Wahrnehmung. Eine der kleinsten Bakterien
ist der Influenzabazillus mit ı-2 « Länge und o-4 u Dicke. Die
von Esmarch vor nicht langer Zeit entdeckte Schraubenbakterie
(Sperillum parvum) hat bloß eine Dicke von o-1-0:3 «u und
passiert Berkefeld- und Chamberlandfilter. Mzerococcus progrediens
soll nur 0-15 « dick und ZPseudomonas indıigofera sogar nur
0-08 u dick und 0-18 « lang sein; ich möchte jedoch auf die
letzteren Messungen kein großes Gewicht legen, weil bei so kleinen
Objekten die subjektive Schätzung schon eine zu große Rolle
spielt und die Messung daher ungenau sein muß. Auch werden
so kleine Bakterien gewöhnlich nicht in lebendem Zustande ge-
messen, sondern häufig in geschrumpftem oder in gequollenem
(gebeiztem), man erhält daher in dem einen Falle zu geringe und
in dem anderen zu große Werte. Der vorhin angegebene Wert
0:06 u für Pseudomonas kann ja gar nicht richtig sein, weil dieser
Organismus dann schon ultramikroskopische Dimensionen hätte.
Aber alle die erwähnten winzigen Bakterien wurden mit gewöhn-
lichen Mikroskopen ohne Dunkelfeldbeleuchtung, ohne ultramikro-
skopische Methodik entdeckt und gemessen, sie müssen daher noch
von mikroskopischer Dicke sein.
Ich will nun eine Reihe von Fällen betrachten, wo noch am
ehesten ultramikroskopische Lebewesen gefunden werden könnten,
und möchte zunächst die Aufmerksamkeit auf die Untersuchungen
von Nocard und Roux über den Erreger der Lungenseuche
der Rinder lenken. Die beiden Forscher züchteten den Erreger
dieser Krankheit in Kollodiumsäckchen, die in der Bauchhöhle
lebender Tiere (z. B. Kaninchen) untergebracht wurden. Später
gelang ihnen die Kultur unter Anwendung der Peptonbouillon
l) Molisch, H., Über Ultramikroorganismen. Botan. Zeitg. 1908, I. Abt.,
S. 131—139. Hier auch die einschlägige Literatur.
Martins, der noch Serum von der Kuh oder vom Kaninchen
zugesetzt worden war, im Glase. Er verleiht der Kulturbouillon
ein opalisierendes Aussehen und gibt sich bei sehr starken
mikroskopischen Vergrößerungen in beweglichen, lichtbrechenden
Pünktchen von solcher Kleinheit zu erkennen, daß es selbst nach
durchgeführter Färbung schwer ist, ihre Form zu bestimmen.
Nach dem Gesagten hätten wir es also hier mit einem außer-
ordentlich kleinen Organismus zu tun, der zwar an der Grenze
der mikroskopischen Wahrnehmung steht, der aber als Pünktchen
eben noch gesehen werden kann. Es ist daher den Tatsachen
nicht entsprechend, wenn der Erreger der Pleuropneumonie als
unterm Mikroskop nicht mehr erkennbar, also gewissermaßen als
ultramikroskopisch hingestellt wird. Nocard und Roux sagen
ja ausdrücklich, daß der erwähnte Organismus noch als Pünktchen
(ohne Ultramikroskop) zu erkennen ist, und sie schließen nur aus
dem Vorkommen dieses überaus kleinen Lebewesens, daß es viel-
leicht andere Organismen gibt, die ihrer Kleinheit wegen für das
bewaffnete menschliche Auge unsichtbar sind.
Von größtem Interesse für unsere Betrachtungen erscheint
auch die Maul- und Klauenseuche, deren Ansteckungsstoff vielleicht
ein ultramikroskopisches Lebewesen ist. Nach den sorgfältigen
Untersuchungen von Löffler und Frosch verliert die Lymphe,
die die Klauenseuche hervorzurufen imstande war, diese Fähigkeit
nicht, wenn sie durch Filtration von den in ihr enthaltenen körper-
lichen Teilchen befreit worden war. Wenn die Lymphe 2—3mal
durch sterilisierte Kieselgurkerzen filtriert war, so konnten mit
dieser Lymphe die Tiere (Kälber, Schweine) ebenso angesteckt
werden wie mit nicht filtrierter. Würde es sich um ein Gift
handeln, so müßte dieses von einer geradezu erstaunlichen Wirk-
samkeit sein, von einer derartigen, daß sie, wie Berechnungen
ergaben, von vorneherein die Annahme eines Giftes unwahrscheinlich
machen. „Es läßt sich deshalb die Annahme nicht von der Hand
weisen, daß es sich bei den Wirkungen der Filtrate nicht um die
Wirkungen eines gelösten Stoffes handelt, sondern um die Wirkung
vermehrungsfähiger Erreger. Diese müssen dann freilich so klein
sein, daß sie die Poren eines auch die kleinsten Bakterien bisher
zurückhaltenden Filters zu passieren vermöchten. Die kleinsten
bisher bekannt gewordenen Bakterien sind die von Pfeiffer auf-
gefundenen Bazillen der Influenza. Sie haben eine Länge von
0,5—ı u. Wären die supponierten Erreger der Maul- und Klauen-
seuche nur 1/,, oder selbst nur !), so groß wie diese, was ja
durchaus nicht unmöglich wäre, so würden sie nach der Berech-
nung des Professors Abb& in Jena über die Grenze der Leistungs-
fähigkeit unserer Mikroskope auch mit den besten Immersion-
systemen nicht mehr erkennbar sein“. Der Erreger der Maul-
und Klauenseuche wäre also nach der Annahme von Löffler
und Frosch ein Organismus, und zwar ein ultramikroskopischer.
Obwohl ich die Möglichkeit der Existenz eines solchen Lebewesens
ohne weiteres zugeben muß, so ist doch vorläufig zu berücksichtigen,
daß noch niemand den Erreger der Maulseuche gesehen hat und
daß noch andere Erklärungen für die Ansteckung und Übertragung
dieser Krankheit möglich sind, analog wie bei dem Zustande-
kommen der infektiösen Panaschüre der Malvaceen und bei der
Mosaikkrankheit des Tabaks. Dasselbe gilt von anderen an-
steckenden Krankheiten, deren Erreger oder deren Ursache noch
zweifelhaft ist. Ich erinnere an die afrikanische Pferdesterbe
(Horse sıckness), an das vırus myxomaleux der Kaninchen, an das
Gelbfieber, die Rinderpest und an die Schafpocken.
Bekanntlich besitzt Abutzlon Thompson: grünscheckige Blätter,
deren Fleckigkeit sich auf rein grüne Blätter anderer Abutilon-
Arten, ja sogar auf andere Gattungen von Malvaceen durch
Pfropfung übertragen läßt. Wir verdanken über die Infektion
dieser Buntblättrigkeit Lindemuth und in jüngster Zeit Baur
sehr lehrreiche Versuche, aus welchen mit ziemlicher Sicherheit
hervorgeht, daß die von Baur als infektiöse Chlorose bezeichnete
Krankheit des Abutilon nicht durch einen Organismus hervor-
gerufen wird. Ich habe selbst die gelbgrün gefleckten Blätter
einer genaueren mikroskopischen "Untersuchung unterworfen, sie
im lebenden, im fixierten und gefärbten Zustande auf das ge-
naueste untersucht, aber von einem Organismus keine Spur ge-.
funden. Von dem Gedanken ausgehend, es könnte doch ein Lebe-
wesen, aber ein unsichtbares, vorhanden sein, habe ich Entweder
sehr kleine Gewebestückchen des scheckigen Abutilonblattes oder
den Saft eines solchen auf verschiedene feste Nährböden, dem
noch Extrakte von Abutilonlaub zugesetzt waren, überimpft, auf
diese Weise aber niemals Kolonien eines ultramikroskopischen
Organismus bekommen, sondern nur Kolonien von gewöhnlichen
Bakterien, die natürlich von der Blattoberfläche herrührten. Wenn
in diesen Beobachtungen auch noch kein Beweis für die Ab-
wesenheit eines ultramikroskopischen Erregers liegt, denn es wäre
ja möglich, daß meine Nährmedien dem fraglichen Erreger nicht
zusagten, so sprechen doch meine Ergebnisse sehr zugunsten der
von Baur auf ganz anderem Wege gewonnenen Ergebnisse, die
dahin lauten, daß die infektiöse Chlorose durch einen Organismus
nicht veranlaßt wird.
Als Ursache dieser Ansteckung könnte nach Baur ein Stoff-
wechselprodukt der Pflanze selbst bezeichnet werden, das die
jungen Chlorophylikörner beeinflußt und gleichzeitig veranlaßt,
das Stoffwechselprodukt wieder zu erzeugen. Dieselbe Möglich-
keit nahm später auch Hunger für das Zustandekommen der
Mosaikkrankheit des Tabaks an. Es ist das eine der gefährlichsten
Krankheiten der Tabakpflanze. Sie ist dadurch gekennzeichnet,
daß die erkrankenden Pflanzen zunächst am Blattrande scharf ab-
gegrenzte saftgrüne und dunkelgrüne Flecken erhalten. Bei durch-
fallendem Lichte erscheinen die Farbenunterschiede noch deut-
licher, auch läßt sich schon mit den Fingerspitzen feststellen, daß
die dunkelgrünen Stellen etwas dicker als die bleichen sind. Diese
Krankheit hat sich als sehr ansteckend erwiesen.
Die Ansteckung kann in verschiedener Weise, unter anderem
auch durch die Arbeiter erfolgen, wenn sie beim Ausbrechen der
Seitenzweige (Ausgeizen) Wundstellen erzeugen und den Saft
.kranker Pflanzen auf die Wunden gesunder mit ihren Händen
übertragen.
Bakterien oder andere Lebewesen scheinen nach exakten
Untersuchungen nicht die Ursache der Krankheit zu _ sein.
Hunger glaubt, daß in den mosaikkranken Pflanzen ein Stoff
entsteht, der zwar auch in der normalen Pflanze auftritt, sich
aber bei gesteigertem Stoffwechsel anhäuft, dadurch zu einem
Gift wird und in jungen Zellen die Entstehung desselben Giftes
hervorruft.
Wie dem auch sei, für meine Zwecke genügt es zu wissen,
daß wir allen Grund haben, anzunehmen, daß es sich weder bei
der infektiösen Chlorose, noch bei der Mosaikkrankheit um einen
Organismus handelt, auch nicht um einen ultramikroskopischen,
und es ist klar, daß auch die Maul- und Klauenseuche in die
Kategorie der Stoffwechselkrankheiten gehören könnte. Gleich
nach Erfindung des Ultramikroskops kam mir der Gedanke, daß
jetzt die Frage nach der Existenz von Ultramikroben einer Lösung
entgegengeführt werden könnte, denn durch die ultramikrosko-
pische Methode wurde ein Riesenschritt in der Sichtbarmachung
kleinster Teilchen nach vorwärts gemacht, sind wir doch wie
bereits bemerkt, nach Siedentopf und Zsigmondy bereits
imstande, die Sichtbarmachung kleinster Teilchen bis zur
Grenze von etwa 4 uu möglich zu machen. Mit dem Ultra-
mikroskope könnten daher Ultramikroben, falls solche existieren
sollten, leicht gesehen werden.
In der Tat glaubte Raehlmann!) in faulenden Eiweiß-
lösungen mehrere Arten bisher unbekannter ultramikroskopischer
Lebewesen nachgewiesen zu haben, von denen mehrere typische
Veränderungen ihrer Körperform erkennen ließen. Er glaubte,
daß es sich in einzelnen Fällen nicht eigentlich um Bakterien,
sondern vielleicht um höher organisierte Plasmodien handelt. Auch
Gaidukov?) glaubt den Nachweis erbracht zu haben, daß Mikroben
von ultramikroskopischer Größe sehr häufig, ja sozusagen allge-
mein verbreitet seien. „Es genügt“ — sagt er — „in einen Tropfen
ganz optisch leeren, destillierten Wassers ein lebendes Objekt (Algen,
Flagellaten, Pilzzellen, Pflanzengewebeschnitte usw.) zu legen, um
die ultramikroskopischen Wesen zu sehen. Die ultramikrosko-
pischen Wesen gehen gleich ins Wasser oder sie befinden sich
innerhalb der Zellen der genannten Körper. Als ultramikro-
skopisch kann ich gewiß nur solche Organismen bezeichnen, die
ich bei Dunkelfeldbeleuchtung gesehen habe, bei der gewöhnlichen
Beleuchtung mit Hilfe der stärksten Vergrößerung (Zeißsches
Ölimmersionsystem 2 mm, Komp.-Ok. 18, 2250fache Vergrößerung),
die mir zur Verfügung stand, aber nicht konstatieren konnte.
Meistens hatten diese ultramikroskopischen Wesen die schon oben
beschriebene Form (Doppelförmigkeit der flachen Seite und ty-
pischer Beugungsbüschel,. Wenn sogar diese Wesen sich nicht
im Fokus befanden, so zeigten doch die schönen Beugungsbüschel
das Vorhandensein der ersteren. Sie sind auch stets beweglich.
Daraus schließe ich, daß die Mehrzahl der ultramikroskopischen
Organismen zu den Bakterien gehört und eine ähnliche Form hat
wie die mikroskopischen Bazillen und die Mikrospiren. Die
anderen ultramikroskopischen Wesen sind faden- oder stabförmig,
!) Raehlmann, E., Die ultramikroskopische Untersuchung nach H. Sieden-
topf und R. Zsigmondy und ihre Anwendung zur Beobachtung lebender Mikroorga-
nismen. Münchener mediz. Wochenschr., 51. Jahrg. 1904, S. 59—60.
?) Gaidukov, N., Über die ultramikroskopische Untersuchung der Bakterien
und über die Ultramikroorganismen. Zentralbl. f. Bakteriologie usw., II. Abt., Bd. 16,
1906, S. 667.
beweglich oder unbeweglich und ähneln vollständig den ebenso
aussehenden langen Bakterien aus der Myxomyzetenkultur.“
Es sei nun gleich bemerkt, daß meine Bemühungen, Ultra-
mikroben aufzufinden, im Gegensatze zu Raehlmann und
Gaidukov zu einem durchwegs negativen Ergebnisse geführt
haben, obwohl ich dieselben Behelfe dazu verwendet habe, wie der
zuletzt genannte Forscher.
Betrachtet man einen Wassertropfen aus einem Heu- oder
Algeninfus mit dem Ultramikroskop, so sieht man darin sehr ver-
schiedene Lebewesen: Infusorien, Flagellaten, Algen und Bakterien
von relativ großen bis zu sehr kleinen herab. Nie habe ich aber
Organismen gesehen, die nicht auch mit den stärksten Objektiven
eines gewöhnlichen Mikroskops ohne Dunkelfeldbeleuchtung sichtbar
gemacht werden können. Es gehört eine gewisse Übung, speziell
in der Beobachtung sehr kleiner lebender Bakterien, dazu, um so
kleine Organismen nicht zu übersehen. Im Ultramikroskop treten
kleine Teilchen und Organismen wegen der Kontrastwirkung
zwischen dem Dunkelfeld und den grellen Beugungsscheibchen
oder Beugungsbüscheln des wie selbstleuchtend erscheinenden
Objektes viel deutlicher hervor. Wenn sehr kleine Lebewesen
mit einem gewöhnlichen Mikroskope betrachtet werden, so können
sie bei oberflächlicher Betrachtung in ungefärbtem Zustande, be-
sonders wenn sie nur vereinzelt vorkommen und sich infolge ihrer
Bewegungen auf verschiedene optische Ebenen verteilen, sehr
leicht übersehen werden. Wenn ich im Tropfen außerordentlich
kleine Bakterien mittels der ultramikroskopischen Methode sah,
so konnte ich diese bei sorgfältiger Beobachtung auch stets wieder
mit einem gewöhnlichen Objektiv im durchfallenden Licht auf-
finden. Gaidukov sagt: „Diese ultramikroskopischen Wesen
gehen“ — wenn man ein lebendes Objekt, z.B. eine Alge oder
einen Pflanzenschnitt, in einen Wassertropfen legt — „gleich ins
Wasser, oder sie befinden sich innerhalb der Zelle der genannten
Körper.“ Wenn dem wirklich so wäre, so hätte der Genannte
eine Entdeckung von fundamentaler Bedeutung gemacht, denn sie
besagt nichts Geringeres, als daß innerhalb der Zellen Ultra-
organismen allgemein verbreitet wären. Auch hier liegt zweifellos
eine Täuschung vor. Bringt man einen Gewebeschnitt, z. B. einen
frisch angefertigten Blattquerschnitt von Tradescantıa vırıdıs, in
einen Tropfen optisch leeren Wassers, so sieht man bei ultra-
mikroskopischer Beobachtung verschiedene Inhaltskörper aus den
Molisch, Populäre biologische Vorträge. 2. Aufl. 1
aufgeschnittenen Zellen heraustreten: Raphiden und andere Kriställ-
chen, Chlorophylikörner und Teile von solchen, Stärkekörnchen,
kleine Körperchen und ultramikroskopische Teilchen verschiedener
Art. Viele dieser Partikelchen zeigen die Brownsche Molekular-
bewegung. Diese ist auch im Ultramikroskop für den Geübten
leicht von der aktiven Bewegung einer Bakterie oder eines anderen
Lebewesens zu unterscheiden. Waren die Teilchen wirklich ultra-
mikroskopisch, so habe ich nie eine aktive Bewegung an ihnen
wahrgenommen, und zeigten die Teilchen nach Art der Bakterien
oder Flagellaten eine aktive Bewegung, so konnte ich sie auch
stets mit einem gewöhnlichen Mikroskop konstatieren, mit anderen
Worten: Ultraorganismen waren auf diese Weise nie festzustellen.
Ich habe im Laufe der letzten zwei Jahre viele Präparate ver-
schiedener Art betrachtet: Fluß-, Sumpf- und Teichwasser, ver-
schiedene tierische und pflanzliche Infuse, faulende Algenwässer
und frische Pflanzenschnitte — immer mit demselben Resultate —
von beweglichen Ultraorganismen, auch von solchen, die nur in
der Dicke von ultramikroskopischer Größe waren, war nie etwas
zu bemerken. Die im Ultramikroskope als leuchtende Pünktchen
oder Stäbchen erscheinenden aktiv beweglichen Mikroben waren
auch mit den korrespondierenden gewöhnlichen Systemen ohne
Dunkelfeldbeleuchtung zu sehen, ich bemerke jedoch, daß sie
von jemanden, der in der Beobachtung so kleiner Lebewesen
nicht geübt und bewandert ist, leicht mit einem gewöhnlichen
Mikroskope übersehen und dann für ultramikroskopisch gehalten
werden können.
Auch bei der Kontrolle der Raehlmannschen Beobachtun-
gen konnte ich dartun, daß auch in faulenden Eiweiß- und Pepton-
lösungen bei Betrachtung im Ultramikroskope verschiedenartige
Mikroben in lebhafter Bewegung begriffen zu sehen sind, daß
aber auch die kleinsten von ihnen mit den besten Systemen eines
gewöhnlichen Mikroskops ohne Dunkelfeldbeleuchtung zu sehen
waren. Es fällt mir nicht ein, aus diesen meinen Beobachtungen
die Möglichkeit der Existenz von ultramikroskopischen Mikroben
überhaupt zu leugnen, vom theoretischen Standpunkte muß man
die Möglichkeit des Vorkommens solcher Wesen zugeben, denn
die heutige Leistungsfähigkeit der Mikroskope ist ja eine unter
anderem durch unsere technischen Hilfsmittel und unsere der-
zeitigen Kenntnisse bedingte, und die Größe der in der Natur
eventuell vorkommenden Mikroorganismen muß ja nicht gerade
mit der derzeitigen Grenze der Auflösbarkeit unserer Mikroskope
zusammenfallen. Für den Holländer Leeuwenhoek, der die
mikroskopische Lebewelt in der zweiten Hälfte des ı7. Jahr-
hunderts entdeckt hat, waren viele Kleinwesen, die wir heute mit
einem gewöhnlichen Mikroskop sehen, unsichtbar, für ihn waren
sie ultramikroskopisch und so wäre es ja auch denkbar, daß noch
kleinere Lebewesen existieren als die, die gegenwärtig an der
Grenze der mikroskopischen Wahrnehmung stehen. Das Ultra-
mikroskop aber belehrte mich im Gegensatze zu den beiden ge-
nannten Forschern, daß Ultraorganismen bis heute nicht nachzu-
weisen waren, und daß diese, wofern sie wirklich existieren sollten,
jedenfalls sehr selten sein müssen. Dafür spricht auch folgende
Tatsache. Wären Ultramikroben ungemein: häufig und allgemein
verbreitet, so müßte man bei bakteriologischen Plattenkulturen
auch ihren Kolonien nicht selten begegnen, man hätte dann die
Ultramikroorganismen noch vor der Erfindung des Ultramikroskops
aller Wahrscheinlichkeit nach entdecken müssen. Während meiner
vieljährigen bakteriologischen Praxis gingen tausende Platten-
kulturen durch meine Hände, allein immer, wenn ich Kolonien,
die außerordentlich kleine Bakterien vermuten ließen, mikroskopisch
prüfte, waren diese mit einem gewöhnlichen Mikroskope ohne
Dunkelfeld zu sehen. Man könnte nun allerdings einwenden, daß
vielleicht alle Ultralebewesen einer künstlichen Kultur wider-
streben oder daß wir die für sie notwendigen Kulturbedingungen
noch nicht kennen, allein von vorneherein erscheint es doch sehr
unwahrscheinlich, daß gerade nur die Ultramikroben trotz ihrer
angeblichen großen Verbreitung der Kultur Schwierigkeiten be-
reiten und niemals in Kolonien erscheinen sollten. Dieses nega-
tive Resultat, gestützt durch Millionen Kulturversuche aller Bak-
teriologen, harmoniert in ausgezeichneter Weise mit meinen Be-
funden, denen zufolge das Ultramikroskop uns bis jetzt nur
Mikroben verrät, die auch schon mit einem gewöhnlichen Mikro-
'skop gesehen werden können.
Errera!) weist auf eine Anzahl von angeblichen Krankheits-
erregern wie den der Klauenseuche, der Peripneumonie der Rinder,
der Schafblattern und anderer Krankheiten hin, die so klein sein
sollen, daß sie mit unseren besten Mikroskopen unsichtbar bleiben, .
und wirft die Frage auf, ob es berechtigt ist, die Existenz von
!) Errera, L., Sur la limite de petitesse des organismes. Recueil de l’institut
botanique L&o Errera (Universit@ de Bruxelles). T. VI 1906, S. 73.
7
= HI O OF
Organismen anzunehmen, die im Verhältnis zu den gewöhnlichen
Mikroben ebenso äußerst klein sind wie diese im Verhältnis zu
den großen Tieren und Pflanzen.
Bakterıum Thermo mißt 1-5 u bis 2 u in der Länge, es ist
also linear 1000000 mal kleiner als ein Mensch und 100000000mal
kleiner als die höchsten Bäume Eucalyptus oder Sequoia. Die
Frage Erreras lautet nun, ob es Lebewesen gibt, die 1000000 mal
oder auch nur 100000 oder ıoooomal kleiner sind als die ge-
wöhnlichen Bakterien. Er berechnet aus der Größe und dem
Gewichte der Moleküle, daß ein hypothetischer Micrococcus von
o-ı u Durchmesser höchstens 10000, ein solcher von 0-05 u nur
1000 Eiweißmoleküle und ein solcher von o-oı u nur ıo Eiweiß-
moleküle enthielte. „Man muß daraus mit einem Grade von
Wahrscheinlichkeit, welcher von der Ordnung ist wie die Wahr-
scheinlichkeit der Molekulartheorie der Materie, schließen, daß es
keine Organismen geben kann, welche sich zu den gewöhnlichen
Bakterien verhalten wie diese zu den höheren Organismen.“ Errera
fügt hinzu, daß unsichtbare Mikroben, die die erwähnten Krank-
keiten erregen, wahrscheinlich nicht viel kleiner sind als die kleinsten
sichtbaren Mikroben. Dazu möchte ich bemerken, daß Errera
hierbei von der Voraussetzung ausgeht, daß es sich bei den FEr-
regern dieser Krankheiten wirklich um Lebewesen handelt, was
aber, wie ich früher auseinandergesetzt habe, mit Ausnahme der
Rinderpneumonie, wo es sich zwar um einen sehr kleinen, aber
noch mikroskopischen Organismus handelt, noch zu beweisen ist.
Nägelit) hat gelegentlich der Besprechung des Problems
der Urzeugung, für welche er wärmstens eintritt, den Gedanken
ausgesprochen, daß wir nicht annehmen dürfen, daß die zuerst
durch Urzeugung entstandenen Lebewesen die uns heute bekannten
niedersten Organismen gewesen seien. Bakterien, Chroococcaceen
und auch Häckels Moneren können es nicht gewesen sein, da
sie schon eine viel zu hohe Organisation besitzen. „Die Wesen,
die einer spontanen Entstehung fähig sind, kennen wir also nicht.
Sie müssen eine noch einfachere Beschaffenheit haben als die
niedrigsten Organismen, welche uns das Mikroskop zeigt; darin
liegt zugleich auch der Grund, daß sie noch nicht entdeckt sind.
Je einfacher die Organismen, um so kleiner sind sie auch. Da
nun die Größe der bekannten niedrigsten Pflanzen und Tiere schon
t) Nägeli, C. v., Mechanisch-physiologische Theorie der Abstammungslehre.
München-Leipzig 1884, S. 86.
>— 7, WO 2—
an der Grenze der Sichtbarkeit sich befindet und da es so kleine
Spaltpilze gibt, daß sie kaum gesehen und bloß durch ihre zer-
setzenden Wirkungen sicher erkannt werden, so können, wenn es
noch einfachere Wesen gibt, dieselben unter der mikroskopisch‘ er-
kennbaren Größe sich befinden.“ Das durch Urzeugung entstehende
Lebewesen muß nach Nägeli vollkommen einfach gewesen sein, es
konnte nur aus einem Tröpfchen homogenen, sich aus Albuminaten
aufbauenden Plasmas bestehen. Er nennt diese Urwesen Probien.
Ich will Nägelis Spekulationen nicht weiter folgen, ich habe
sie nur herangezogen, weil es doch von Interesse ist, alle diese
vor der Erfindung des Ultramikroskops gemachten Annahmen
nun mit Hilfe dieses für die Auffindung eventuell vorhandener
ultramikroskopischer Lebewesen so wichtig gewordenen Instru-
mentes zu überprüfen. Offenbart uns nun das Ultramikroskop
irgendwo Ultramikroben einfachster Art? Können wir solche ultra-
mikroskopische Vorstufen des Lebendigen, wie es Nägelis Probien
sein sollen, heute nachweisen? Bis auf den heutigen Tag ist dies
nach meiner Ansicht nicht gelungen. Die lebende Substanz
scheint in Form des individuellen Lebens zum mindesten in
der Regel über eine untere Grenze, die mit der mikroskopischen
Leistungsfähigkeit unserer besten Immersionssysteme so ziemlich
zusammenfällt, nicht hinauszugehen, vielleicht weil das Lebendige
eine so komplizierte chemische Zusammensetzung und Organisation
aufweist, daß diese nur innerhalb eines gewissen Volumens möglich
ist, das schon an die Grenzwerte der mikroskopischen Wahr-
nehmung knapp heranrückt oder mit ihnen zusammenfällt. Wir
können also sagen: Wenn auch die Möglichkeit, daß
es ultramikroskopische Lebewesen gibt, nicht bestritten
werden soll, so wird doch die künftige Forschung
zeigen, daß sie, falls sie überhaupt existieren sollten,
keineswegs häufig, sondern relativ selten und daß sie
nicht viel kleiner sein dürften als die kleinsten bisher
bekannten. Lebewesen. Derzeit ist bisher meines
Wissens kein einziger Ultraorganismus mit Sicherheit
nachgewiesen und auch das Ultramikroskop hat uns
keine kennen gelehrt.
II. Über den Aufbau der Zelle aus Ultramikronen.
Alle Lebewesen bestehen, wofern sie nicht einzellig sind,
aus Zellen. Die Zelle ist der Baustein der Pflanzen und Tiere.
—— O2
Es wurde auch die Frage aufgeworfen, ob denn die Zelle schon
den letzten Baustein darstellt, oder ob sie nicht vielleicht selbst
wieder aus kleinen unsichtbaren Bausteinchen, aus physiologischen
Einheiten von minimaler Größe besteht. Schon Brücke hat die
Zelle als einen Organismus, als einen Elementarorganismus hin-
gestellt und er wollte damit andeuten, daß die Zelle durchaus nicht
so einfach gebaut ist, wie sie bei oberflächlicher Beobachtung
erscheint. Er schrieb daher, über das direkt Sichtbare hinausgehend,
dem Plasma einen besonderen kunstvollen Bau und eine bestimmte,
seinen Aufgaben entsprechende Struktur zu. Der Biologen, die
im Plasma heute nur eine Flüssigkeit oder eine Emulsion sehen,
gibt es nicht gerade viele, die Mehrzahl neigt zur Ansicht, daß
das Plasma aus unsichtbaren lebendigen Teilchen besteht, die assi-
milieren, wachsen und sich durch Teilung vermehren. Ich erinnere
an die Plasomen Wiesners und an die Biophoren Weismanns.
Auch Nägeli denkt sich die Zellen aus unsichtbaren Teilchen
zusammengesetzt. Nach ihm bestehen die Teile der Zelle (Wand,
Plasma, Kern) aus unsichtbaren Molekülgruppen, die er Mizellen
nennt. Diese stellen kristallinische oder polyedrische unquellbare
Teilchen dar, die sich im wasserfreien Zustande berühren, im Kon-
takte mit Wasser aber sich mit Wasserhüllen umgeben und dadurch
die Quellung hervorrufen. Wiesner!) hat darauf mit Recht hin-
gewiesen, daß die Fortschritte auf dem Gebiete der Zellenlehre
immer mehr und mehr dartun, daß in der Zelle immer kleinere
Organe entdeckt werden, die die Eigenschaften des Lebens auf-
weisen: Wachstum, Assimilation und Vermehrung. Es sind dies
der Zellkern, Chlorophylikörner, Leukoplasten, Stärkebildner, Chro-
mosomen und Zentrosomen. Er sieht sich daher genötigt, anzu-
nehmen, daß das Plasma noch andere teilungsfähige organisierte
Lebenseinheiten birgt, ja aus solchen ganz und gar zusammen-
gesetzt ist. Diesen Anschauungen hat sich in letzter Zeit auch
O. Hertwig?) und M. Heidenhain angeschlossen. Ähnliche
Gedanken über elementare‘ Lebenseinheiten äußerten Darwin,
Spencer, de Vries, Weismann und Roux, ja es ist unver-
kennbar, daß die moderne biologische Forschung immer mehr die
Annahme physiologischer Individualitäten, die außerhalb des Sicht-
baren liegen, fordert. Das Plasom Wiesners, .oder wie es Hert-
!) Wiesner, J., Die Elementarstruktur und das Wachstum der lebenden Sub-
stanz. Wien 1892.
2) Hertwig, O., Allgemeine Biologie. 3. Aufl. 1909, S. 59.
wig nennt, der Bioblast stellt die letzte Lebenseinheit der Zelle,
das letzte Teilstück, mit dessen weiterer Teilung die Eigenschaften
des Lebens verloren gehen, dar. Sowie der Chemiker und Phy-
siker bei der Analyse der Materie schließlich, die Grenze des
Sichtbaren überschreitend, zur hypothetischen Annahme von Mole-
kül, Atom und Elektron gelangt, so ist auch der Biologe einen
ähnlichen Weg gegangen, er bleibt bei der Zelle nicht stehen,
sondern denkt sich aus theoretischen Gründen die Zelle aus un-
sichtbaren Lebenseinheiten aufgebaut.
Wiesner betrachtet im Gregensatz zu Nägeli als letzte
physiologische Einheit nicht ein kristallisiertes Gebilde, das wie
ein Kristall spontan entsteht, sondern Teilchen, die leben, aus
ihresgleichen durch Vermehrung entstehen, assimilieren und
wachsen. Ob man nun Wiesner oder Nägeli beipflichtet, beide
stimmen in dem Punkte überein, daß sich die Zelle aus unsicht-
baren Teilchen aufbaut, die jenseits der mikroskopischen Wahr-
nehmung liegen.
Bei dieser Sachlage war es gewiß wünschenswert, die theo-
retischen Ansichten mit Hilfe des Ultramikroskops auf ihre Stich-
haltigkeit zu prüfen.
Die Grenze der Sichtbarmachung ultramikroskopischer Teil-
chen ist etwa 4—6 uu. Das sind außerordentlich kleine Größen,
die sich den molekularen Dimensionen komplizierter organischer
Verbindungen schon nähern oder sie vielleicht sogar erreichen.
Ein Wasserstoffmolekel hat einen hypothetischen Durchmesser
von o » ı au (O.E. Meyer), ein Alkoholmolekel von o » 5 uu, ein
Chloroformmolekel von 0 +8 uu (Jäger) und ein Stärkemolekel
von 5 -+o uu (Lobry de Bruyn).
Gaidukov!) hat meiner Meinung nach mit vollem Rechte
den Schluß gezogen, daß die Mizellen Nägelis und, wie ich hinzu-
fügen möchte, auch die Plasomen Wiesners, falls sie existieren
sollten, mit Hilfe des Ultramikroskops sichtbar gemacht werden
dürften. Und in der Tat spricht das Aussehen vieler Zellmem-
!) Gaidukov, N., Über Untersuchungen mit Hilfe des Ultramikroskops nach
Siedentopf. Berichte der deutsch. botan. Gesellsch. 1906, S. 107.
Derselbe, Über die ultramikroskopischen Eigenschaften der Protoplasten.
Ebenda S. 192.
Derselbe, Ultramikros’sopische Untersuchungen der Stärkekörner, Zellmembranen
und Protoplasten. Ebenda S. 581.
Derselbe, Über die Anwendung des Ultramikroskops nach Siedentopf usw.
Zeitschr. f. angew. Chemie, XXI. Jahrg. 1908, Heft 9, S. 393 ff.
branen, des Plasmas und anderer Zellorgane im Ultramikroskop
wirklich zugunsten der Ansicht, daß die Zelle aus außerordentlich
kleinen Teilchen, aus Ultramikronen besteht.
Nach Gaidukov, der die einschlägigen Verhältnisse zuerst
untersucht hat, bestehen Plasma, Zellkern, Stärke- und Chlorophyli-
körnchen aus ultramikroskopischen Teilchen. Das Plasma erscheint
bei Anwendung der Dunkelfeldbeleuchtung, abgesehen von Mikro-
somen, voll von beweglichen Teilchen, man glaubt den Sternen-
himmel im kleinen zu sehen.
Auch bei der Untersuchung der Holz- und Korkmembranen,
von Textilfasern, wie Baumwolle, Jute und anderen Fasern fand
der genannte Forscher, daß die Wand sich aus Ultramikronen
aufbaut, die entsprechend den hypothetischen Annahmen Nägelis
und Wiesners in bestimmter Weise zu Fibrillen oder Netzen
angeordnet sind.
Ich betrachte diese Untersuchungen keineswegs als abge-
schlossen, es sind weitere detaillierte Beobachtungen über die
einzelnen Zellorgane unter ständiger Beachtung der im ultrami-
kroskopischen Bilde so störend auftretenden Beugungserscheinungen,
die die deutliche geometrische Abbildung der Teilchen verhindern,
notwendig, um in die angeregte Frage nach dem ultramikrosko-
pischen Aufbau der Zelle einen tieferen Einblick zu gewinnen.
IV. Sichtbarmachung der Geißeln lebender Bakterien
im Dunkelfelde.
Ursprünglich hielt man die Bakterien für geißellos. Allein
schon Ehrenberg hat 1836 bei Monas (Chromatıum) Oken:ı am
lebenden Objekte eine Geißel gesehen. Er entdeckte diese große
Purpurbakterie unweit Ziegenhayn und später bei Berlin. „Die
Bewegung geschieht mittels eines sehr feinen, die Hälfte der
Körperlänge erreichenden Rüssels, welcher peitschenförmig be-
wegt wird und gleichzeitig einen in getrübtem Wasser sichtbaren
Wirbel erregt, welcher die Nahrungsstoffe zum Munde führt.“
Auch bei Ophrdomonas jenensıs hat Ehrenberg das Bewegungs-
organ gesehen und als „Rüssel“ gedeutet.
Ich habe im heurigen Herbste in Wien, im Heustadlwasser
des Praters Chromatıum (Monas) Okeni in Gesellschaft von Beggra-
foa, Achromatium oxalıferum Schew.!) und einem großen, Schwefel-
!) Dieser Organismus enthält neben relativ großen farblosen Kügelchen, die aus
- kohlensaurem Kalk (Bersa) bestehen, nach meinen Beobachtungen sicher Schwefelkörnchen
und gehört daher in die nächste Nähe der farblosen Schwefelbakterien.
körnchen führenden Spirillum gefunden und an dem lebenden
Objekt ebenfalls sehr deutlich die Geißel gesehen.
Später, nach Ehrenberg, wurden von Cohn an ‚Sparzllum
volutans, an Ophrdomonas sanguinea, bei Monas Warmıingi und
Rhabdomonas rosea und von Warming bei einigen Schwefelbak-
terien Geißeln entdeckt. Koch photographierte 1877 zum ersten
Male ungefärbte Geißeln an eingetrockneten Exemplaren von
Sprrillum undula und an zwei Stäbchenbakterien.
Später gelang es, durch Beizung und Färbung bei fast allen
beweglichen Bakterien Geißeln nachzuweisen, doch war es nicht
möglich, an ungefärbten Stäbchenbakterien, Vibrionen, Coccaceen
oder Spirochäten Geißeln zu sehen oder ihre Bewegung, zumal
bei den allseitig begeißelten Bazillen zu beobachten. Diese Lücke
hat Karl Reichert!) mit Hilfe der ultramikroskopischen Methode,
und zwar mittels des von der Mikroskopfirma Reichert (Wien)
in den Handel gebrachten Spiegelkondensors auszufüllen versucht.
In einer sorgfältigen Arbeit, auf die sich die folgenden Ausführungen
stützen, hat er gezeigt, daß man mit Hilfe des Spiegelkondensors
bei vielen Bakterien direkt am lebenden Objekte die Geißeln und
ihre Bewegungen sieht. So bei ‚Spzrillum volutans, Bacıllus typhi,
B. prodigiosus, proteus vulgarıs, Bacterıum coli, Pseudomonas syn-
cyanea, Spirillum concentricum, Sp. rubrum, Sarcına mobılıs, S.
Haeckeli, Vıbrio-Arten und anderen.
Es hat sich herausgestellt, daß die Geißeln am lebenden
Objekt nicht in jedem Medium zu sehen sind. Betrachtet man
z. B. Sprrıllum volutans, das auf Agar gezüchtet wurde, in destil-
liertem Wasser, so kann man trotz deutlich wahrnehmbarer Eigen-
bewegungen der Bakterien von Geißeln nichtserkennen. Im Leitungs-
wasser hingegen treten an einzelnen Individuen die Geißeln als
lange, wellige, nach rückwärts gerichtete Fäden in Erscheinung.
Noch besser sind sie in Salzlösungen und in Lösungen organischer
Säuren zu sehen. Hingegen kommen in den genannten Medien
die Geißeln der Gattung Bacillus nicht zur Anschauung, wohl
aber im Agar-Kondenswasser. So verhält sich der Typhus-
bazillus.
Die Geißeln aller untersuchten Bazillenarten sind am besten
bei lebhaft beweglichen Individuen zu sehen. Beginnt die Bewegung
1) Reichert, K., Über die Sichtbarmachung der Geißeln und die Geißelbewegung
der Bakterien. Zentralbl. f. Bakteriologie usw., I. Abt., Bd. 51, 1909, Heft ı.
— 106 —
langsamer zu werden oder kommen die Bakterien gar zur Ruhe,
so verschwinden die Geißeln.
Reichert hat auch eingehende Beobachtungen über die Zahl
und die Zopfbildung der Geißeln gemacht. ‚Sfereıllum volutans
besitzt bekanntlich Geißelbüschel, die aus einer großen Anzahl von
Einzelgeißeln bestehen, nach Migula aus 8, nach Reichert bis
aus 20. Am lebenden Objekte sieht man scheinbar nur eine Geißel,
weil sich alle Geißeln zu einem Zopfe vereinigen. Unter bestimmten
Verhältnissen entfaltet der Zopf die Einzelgeißeln.
Auch bei Pseudomonas-Arten, Bazillen und Sarcinen, über-
haupt bei allen Bakterien, bei denen ein Geißelbüschel ausgebildet
wird, tritt Zopfbildung ein und durch diese Beobachtungen wurden
manche irrige Vorstellungen über Geißeln beseitigt.
Die Frage, warum die Geißeln in gewissen Medien zu sehen
sind, in anderen nicht, wurde auch eingehend geprüft. Dabei hat
sich merkwürdigerweise gezeigt, daß nicht, wie man von vorneherein
anzunehmen geneigt war, die Lichtbrechung der verschiedenen
Medien oder deren osmotische Wirkungen eine Rolle spielen,
sondern die Geißeln kommen zum Vorschein, weil sie sich zu einem
Zopfe vereinigen, und ferner, weil gewisse Stoffe der Lösung
(Elektrolyte) auf die Geißelsubstanz in bestimmter Weise verändernd
einwirken und so zur Sichtbarmachung beitragen.
Die Beobachtung der Geißeln am lebenden Objekte erscheint
auch deshalb von Wert, weil sie uns zeigt, daß die Geißeln wirklich
Bewegungsorgane sind. Es hat eine Zeit gegeben, wo die Ansicht
über die Bedeutung der Geißeln noch geteilt war und wo manche
Forscher, darunter so bedeutende wie de Bary und van Tieghem,
in den Geißeln unnütze Anhängsel sahen. Bei Betrachtung leben-
der Geißelbakterien aber kann man sich im Dunkelfelde leicht
überzeugen, daß die Bewegung der Bakterien immer erst eintritt,
wenn die Geißel ihre Bewegung begonnen hat, und daß die Be-
wegung des Bakterienkörpers ganz und gar von der Bewegung
der Geißel abhängig ist. |
Über die Art der Bewegung, über die Abhängigkeit der
Schnelligkeit der Körperbewegung von den Größen des Körpers
und den Geißeln, über das Umkehren des Bakterienkörpers bei
der Bewegung und einiges andere gibt uns Reicherts Arbeit
eingehende Aufklärungen, ein deutlicher Beweis, daß die ultramikro-
skopische Methode unsere Kenntnisse über Geißeln und ihre Be-
wegung wesentlich gefördert hat.
V. SchluBbemerkungen.
Im vorhergehenden habe ich in Kürze auseinandergesetzt,
welche Ergebnisse bisher mit dem Ultramikroskop in der Anatomie
der Pflanze und Botanik überhaupt erzielt worden sind. Auffallend
ist die äußerst geringe Zahl von Botanikern, die die ultramikro-
skopische Methode auf die Pflanze angewendet haben. Während
auf dem Gebiete der Kolloidchemie und Kolloidphysik das Ultra-
mikroskop überaus zahlreiche Freunde gefunden hat und die er-
zielten Ergebnisse im allgemeinen als bedeutende bezeichnet werden
können, sind die Resultate, abgesehen von den beiden Fundamen-
talfragen nach der Existenz von Ultramikroorganismen und dem
Aufbau der Zelle aus Ultramikronen, recht mager, es scheint gerade,
als ob unter den Botanikern nicht bloß Gleichgültigkeit, sondern
geradezu eine Abneigung gegen das Ultramikroskop bestünde. In
noch höherem Maße scheint das bei den Zoologen der Fall zu
sein, wenigstens hört man von ultramikroskopischen Untersuchungen
zellulärer Objekte auf zoologischem Gebiete so gut wie gar nichts.
Ich glaube, daß hauptsächlich zwei Umstände daran schuld tragen.
Die Ultramikroskope waren, wie sie zuerst in den Handel kamen,
recht kostspielig.. Die meisten Institute mußten, mit Rücksicht
auf ihre im allgemeinen kärglich zugemessenen Dotationen, von
vornherein auf die Anschaffung solcher Hilfsapparate verzichten.
Jetzt (1909) steht jedoch die Sache in dieser Hinsicht bereits vielbesser,
da die sehr zweckmäßigen Spiegelkondensoren relativ billig zu haben
sind und ausgezeichnete Dienste leisten. Zweitens dürfte die Eigenart
des mikroskopischen Bildes, welches, wie bereits bemerkt, uns keine
genaue Abbildung der Teilchen, sondern deren Beugungsbilder ge-
währt, dazu beigetragen haben, die Forscher abzuschrecken. In der
Tat liegt ja für den Mikroskopiker, insbesondere für den Biologen
und Anatomen darin ein höchst mißlicher Umstand, aber das ist
noch kein Grund, von der Anwendung des Ultramikroskops über-
haupt abzusehen, es wird eben das Ultramikroskop nur für gewisse
Aufgaben herangezogen werden müssen, wie sie beispielsweise in
den vorigen Kapiteln behandelt worden sind.
Ich zweifle nicht, daß das Ultramikroskop noch für manche
andere Aufgaben wird dienstbar gemacht werden können; zur Er-
leichterung der Sichtbarmachung sehr kleiner Organismen überhaupt.
Hierbei leistet die Dunkelfeldbeleuchtung ausgezeichnete Dienste und
in der Tat hat man behufs leichteren Auffindens des Syphiliserregers,
der ‚Sprrochaete pallıda, das Ultramikroskop mit Vorteil verwendet.
— 1089 —
Auch über die nähere Beschaffenheit gewisser Pflanzensäfte,
der Milchsäfte!) der Pflanze und gewisser Sekrete, wird die ultra-
mikroskopische Methode vielleicht noch nähere Aufschlüsse bringen,
vielleicht auch über den Zellsaft selbst. Es ist nicht undenkbar,
daß im Zellsaft mancher Pflanzen unter gewissen Bedingungen,
z.B. bei niederen Temperaturen, nach der Nahrungsaufnahme, bei
Wassermangel und eintretendem Welken und bei der Einwirkung
gewisser Stoffe Fällungen entstehen, die man bei gewöhnlicher Be-
leuchtung nicht wahrnehmen wird, wohl aber im Dunkelfeld. Solche
Fällungen in ihrer Abhängigkeit von äußeren Faktoren in der
lebenden Zelle konstatieren zu können, wäre gewiß von Interesse.
Obwohl das Ultramikroskop in der Botanik bereits einige
wichtige Resultate ergeben hat und vielleicht noch ergeben wird,
wird man doch die Erwartungen, die man an die Einführung
dieses Hilfsapparates in die Wissenschaft geknüpft hat, nicht allzu
hoch spannen dürfen, und zwar hauptsächlich deshalb, weil wir
leider im ultramikroskopischen Bilde auf die genaue Abbildung
sehr kleiner Teilchen verzichten und uns bloß mit den Beugungs-
bildern zufrieden geben müssen, die uns die wahre Grestalt der
Ultramikronen mehr oder minder verschleiern. Immerhin wird
man, wenn man das Ultramikroskop nicht bloß vom Standpunkt
des Botanikers, sondern von dem des Naturforschers überhaupt
betrachtet, zugeben müssen, daß es der Wissenschaft, insbesondere
einzelnen Zweigen, wie der Kolloidchemie vorzügliche Dienste ge-
leistet hat. Den Bau und die Struktur der Materie immer ge-
nauer kennen zu lernen, entspricht sozusagen auch einem philo-
sophischen Bedürfnis und hierhin hat uns das Ultramikroskop
einen gewaltigen Schritt vorwärts gebracht, indem es uns von der
Grenze der mikroskopischen Wahrnehmung in das Land des bisher
Unsichtbaren, des Ultramikroskopischen geführt hat, bis in jene
geheimnisvolle Welt des Kleinsten, in der schon die Moleküle in
sichtbarer Form auftauchen.
!) Wertvolle ultramikroskopische Untersuchungen über tierische und menschliche
Milch liegen bereits vor. Siehe Kreidl, A., und Neumann, A., Über die ultra-
mikroskopischen Teilchen der Milch (Laktokonien). Sitzber. der kais. Akad. d. Wissensch.
in Wien, mathem.-naturw. Kl., Bd. CXVII, Abt. III, 1908.
Dieselben, Ultramikroskopische Beobachtungen über das Verhalten der Kasein-
suspension in der frischen Milch und bei der Gerinnung. Archiv f. d. ges. Physio-
logie, Bd. 123.
vo.
Das Erfrieren der Pflanzen’).
I. Einleitung.
Wenn in einem warmen Gewächshause während einer kalten
Winternacht nicht geheizt und die Temperatur auf etwa —5° C
sinken würde, dann würden die meisten hier befindlichen tropischen
und subtropischen Pflanzen steif gefrieren und nach dem Auftauen
würden die Blätter und krautigen Stengel schlaff herabhängen,
sich verfärben und sich als getötet erweisen. Unsere Holzgewächse
aber und viele Kräuter, die dem heimischen Klima angehören,
widerstehen im Walde viel niedrigeren Temperaturen, _ können
beinhart gefrieren, in diesem Zustande Tage, ja Wochen verharren
und können, wenn sie auftauen, wieder weiterwachsen. Das Gänse-
blümchen (Bells perenn:ıs), das gemeine Kreuzkraut (.Senecıo
vulgarıs), die Goldnessel (Galeobdolon luteum), der Efeu, die Brom-
beere, die Tanne, Fichte, Föhre und Hunderte anderer Kräuter,
Sträucher und Bäume vermögen sehr tiefe Temperaturen unter
Null zu ertragen, ohne Schaden zu erleiden. Daraus geht hervor,
daß die Pflanzen sich niederen Temperaturen gegenüber sehr ver-
schieden verhalten und daß es vielen in unserer Flora gelungen
ist, sich der Kälte anzupassen und ihr erfolgreich zu widerstehen.
Das Leben kann nur innerhalb gewisser Temperaturgrenzen
bestehen, sowohl nach oben als nach unten hin. Die meisten
saftreichen Pflanzen sterben schon bei + 45 bis 49° C. Gewisse
wärmeliebende (thermophile) Bakterien, die im Heu, Pferdemist
und anderen organischen Abfällen leben, wachsen am besten bei
Temperaturen, bei denen schon andere Pflanzen absterben, sie
entwickeln, vermehren und bewegen sich bei + 60 bis 70° C, also
bei einer Temperatur, bei der man sich die Finger verbrennt.
Eine solche dampfende Nährlösung mit lebhaft beweglichen Bak-
1) Vortrag, gehalten am 14. Dezember 1910 im Vereine zur Verbreitung natur-
wissenschaftlicher Kenntnisse in Wien. Im Verlage des Vereins IgII erschienen.
—I BON
terien, die für andere Lebewesen wegen ihrer hohen Temperatur
tödlich wäre, nimmt sich unterm Mikroskop wunderbar aus und
stellt ein hochinteressantes Beispiel von Anpassung an extrem
hohe Temperaturen dar. Gewisse in heißen Quellen vorkommende
Algen sollen Temperaturen von 57, 70, 85, ja sogar bis 93° C
ertragen. Derlei Angaben bedürfen aber einer sorgfältigen Nach-
untersuchung, da die Temperaturbestimmungen nicht immer mit
der nötigen Kritik durchgeführt werden. So gibt man an, daß
die Algen, die in den aus der Erde hervorquellenden heißen
Wässern zu Karlsbad in Böhmen ‚gedeihen, bei viel höheren
Temperaturen vorkommen, als ich sie beobachten konnte. Da,
wo ich in Karlsbad Oscillarien und Kieselalgen zuerst auftreten
sah, war die Temperatur 49 bis 50°, niemals höher und dasselbe
stellte ich in einer mächtigen heißen Quelle auf dem Vulkan
Gedeh auf Java fest. Wenn man hier schon von weitem weiße
Dampfwolken von der Quelle aufsteigen sah, bildete man sich
unwillkürlich die Meinung, daß die Quelle ungemein heiß sein
müsse. Dennoch zeigte das Thermometer bei sorgfältiger Beob-
achtung-an den Stellen, wo eine dünnfädige, in herrlichem span-
grünem Rasen wachsende Oscillarie wuchs, nur 49° C. —
Lufttrockene Samen verschiedener Pflanzen, ferner gewisse
Moose, Flechten, .Pilzsporen und Bakterien können eine oder
mehrere Stunden allmählich auf 80 bis 100, ja sogar kurze Zeit
auf 120° C erhitzt werden, ohne daß sie ihr Leben einbüßen. Bei
noch höheren Wärmegraden büßen schließlich alle Pflanzen ihr
Leben ein, jede hat ihre obere Temperaturgrenze des Lebens.
Aber auch eine untere und mit dieser wollen wir uns heute be-
schäftigen.
Il. Das Erfrieren von Pflanzen bei Temperaturen knapp über dem
Eispunkt.
Unter Erfrieren einer Pflanze versteht man eine Schädigung
oder ein Absterben infolge niederer Temperatur oder Kälte, unter
Gefrieren hingegen die Erstarrung ihres Saftes zu Eis. Damit
kann eine Schädigung verknüpft sein, es muß aber nicht der Fall
sein. Eine Pflanze, die gefriert, muß also nicht erfrieren.
Es kann vorkommen, daß gewisse Pflanzen schon bei Tempe-
raturen knapp über Null erfrieren, also bei einer Temperatur, wo
von einer Eisbildung noch keine Rede ist, und hierbei können
wir wieder zwei Fälle unterscheiden.
3
—>+ ERE
A. Das Verwelken von Pflanzen infolge von niederer
Temperatur.
Läßt man nach Sachs Tabak-, Kürbis- oder Schmink-
bohnenpflanzen in Blumentöpfen in einem Zimmer stehen und
sinkt. hier die Temperatur auf etwa + 4 bis + 2° C, so welken
die Blätter. Wird die Temperatur der Topferde auf 18° C erhöht,
während die Temperatur des Zimmers in der Umgebung der
Blätter die ursprüngliche Tiefe behält, so werden die Blätter
wieder straff. Diese Erscheinung ist so zu erklären. Wenn die
Temperatur auf einige wenige Grade über Null sinkt, verlieren
die Wurzeln das Vermögen, genügende Mengen Wasser aufzu-
nehmen, die Blätter aber fahren bei dieser Temperatur fort, Wasser
relativ reichlich durch Verdampfung abzugeben. Das Laub
transpiriert stark, die Wurzeln nehmen wenig Wasser
auf, daher muß es zu einem Welken und, wenn dieser
Zustand zu lange andauert, zueinem Verwelken kommen.
Die Pflanze vertrocknet schließlich und geht zugrunde Daß
wirklich dieses Absterben eine Transpirationserscheinung, ein
Welken ist, davon kann man sich leicht überzeugen, wenn man
über die genannten Pflanzen Glasglocken stülpt und dadurch ihre
Transpiration hemmt oder völlig unterdrückt, dann welken die
Pflanzen trotz der niederen Temperatur nicht.
. Bs-Das- Erfrieren -von Pflanzen. bei Temperaturen über
dem Eispunkt bei Ausschluß der Transpiration.
Es gibt auch Pflanzen, die knapp über Null erfrieren, ohne
daß sie transpirieren. Ich habe diesen Gegenstand im Winter
1896/97 eingehender studiert und namentlich in der Gesneriacee
Epıscia bicolor Hook. (Physoderra breolor) ein geradezu klassisches
Versuchsobjekt kennen gelernt. Bringt man eine gesunde Topf-
pflanze dieser Art aus dem Warmhaus in das Kalthaus, dessen
Temperatur etwa + 3°C ist, und sorgt man durch Überstülpen
mit Glasglocken, Absperren mit Wasser und durch Bedecken
mit Dunkelstürzen aus Pappe dafür, daß die Transpiration und
Wärmeausstrahlung möglichst gehemmt werden, so werden die
bei dieser niederen Temperatur stehenden Pflanzen schon nach
12—24 Stunden geschädigt: die meisten Blätter zeigen dann
zahlreiche meist hellergroße Flecke, diese werden immer größer
und größer, bis das Blatt seine grüne Farbe vollends einbüßt und
eine braune Farbe annimmt. Nach vier Tagen waren alle Blätter
ZN 111125 ——
ganz braun und hatten ihre Lebensfähigkeit eingebüßt, während
die Pflanzen des Warmhauses unter sonst gleichen Verhältnissen
ganz unversehrt blieben.
Man kann die Versuche auch so machen, daß man die
Epıscıa-Blätter in Eiswasser legt und dafür sorgt, daß die Tempe-
ratur konstant o oder höchstens + ı C verbleibt. Die Blätter
beginnen sich dann schon nach drei Stunden zu verfärben, nach
24 Stunden waren alle großenteils oder vollständig abgestorben.
Ebenso, jedoch graduell verschieden verhalten sich andere tropi-
sche, auf höhere Temperatur gestimmte Pflanzen, wie ‚Sanchezıa
nobılıs, Eranthemum trıcolor, E. Coopert, Coleus-Hybriden, Achz-
menes und zahlreiche andere.
Es ist daher sichergestellt, daß zahlreiche warmen Gegenden
angehörige Pflanzen bei Temperaturen knapp über Null auch bei
Ausschluß der Transpiration und Wärmeausstrahlung zugrunde
gehen, und nach verschiedenen Erwägungen, auf die ich hier
nicht näher eingehen kann, neige ich zu der Ansicht, daß dasEr-
frieren über Null unabhängig von der Transpiration auf
durch niedere Temperatur hervorgerufene Störungen im
Stoffwechsel der lebenden Substanz zurückzuführen ist.
Ill. Das Erfrieren der Pflanze nach vorherigem Gefrieren.
Von viel größerer Wichtigkeit und einschneidenderer Be-
deutung als das Erfrieren über Null ist der Eistod der Pflanze.
Es wurde schon früher hervorgehoben, daß viele Pflanzen ge-
frieren können, ohne abzusterben und daß wieder andere mit dem
Gefrieren, mit der Eisbildung, sicher dem Tode anheimfallen.
Das Gänseblümchen, das Löffelkraut, die Fichte und viele
andere Pflanzen können beinhart gefrieren, nach dem Auftauen
aber leben sie weiter. Nach Chodat werden Sporen von dem
Schimmelpilz Mucor Mucedo durch — 110° C nicht getötet. Ge-
wisse Diatomeen können nach Pictet auf — 200° C abgekühlt
werden, ohne zu erfrieren. Dasselbe gilt von bestimmten Bak-
terien. Hingegen sind Kartoffelknollen, Kürbis-, Tabakpflanzen
und junge Nußbaum- oder Weinstockblätter rettungslos verloren,
falls sie gefrieren.
ı. Ein Gefrierapparat für mikroskopische Beobachtungen.
Um einen tieferen Einblick in den Gefrierprozeß der Zellen,
Gewebe und Organe zu gewinnen, ist es notwendig, den Gefrier-
vorgang direkt unterm Mikroskop zu beobachten, und zu diesem
mich des in den Figuren 14— 16 abgebildeten
Zwecke bediene ich
Gefrierappara-
tes. Er besteht
im wesentlichen
aus einem dop-
pelwandigen
würfelähnlichen
Holzkasten,
27 cmhoch, 33 cm
breit und ebenso
tief (Fig. ı4). Der
7 cm breite
Raum A (Fig. 15)
zwischen den bei-
den Wänden ist
mit Sägespänen
gefüllt, um den
inneren Raum
mit einem schlech-
ten Wärmeleiter zu
umgeben. Der
innere, mit Zink-
blech ausgekleidete
Hohlraum des
KRastensma.Presd
(Fig. ı5) enthält
einen aus Zink-
blech bestehenden,
hauptsächlich durch
die Säule s und
durch den den
Lichteinfall vermit-
telnden Zinkblech-
fensterkanal edg/
(Fig. ı5), zum Teil
auch durch die
Metallröhren 7 7,
ATI
TURN
IE wer By
Fig. 15. Gefrierapparat im senkrechten Durchschnitt.
(Fig. ı5) und >,, (Fig. 16) getragenen Einsatz A A, ?_f (Fig. ı5),
dazu bestimmt, das Mikroskop aufzunehmen.
Molisch, Populäre biologische Vorträge. 2. Aufl. N 8
Der zwischen dem Mikroskopraum A A, 2 / (Fig. ı5) und der
Doppelwand des Kastens vorhandene Zwischenraum Z dient zur
Aufnahme der Kältemischung. Mikroskop und Eisraum werden
mittels eines Deckels D (Fig. ı4) geschlossen, der durch einen
Ausschnitt dem Tubus und der Mikrometerschraube des Mikro-
skops den Durchtritt gestattet und überdies ein Loch zur Auf-
nahme eines empfindlichen Thermometers (Fig. 14) besitzt, dessen
Kugel das gefrierende Präparat nahezu berührt. Durch passende
Schlüssel 7 7; und 7,,ist es möglich, den Spiegel richtig einzustellen
und das Präparat nach Belieben zu verschieben, während sich das
Mikroskop im geschlossenen Gefrierapparat befindet.
Wenn das Instru-
ment während des
Winters in einem un-
geheizten Zimmer steht
und der Eisraum mit
einer passenden Kälte-
mischung beschickt ist,
so erreicht man in
der Umgebung des
Präparates leicht eine
Temperatur von — ı2°
und. es ist dann mög-
lich, bei allerdings
nach und nach sehr
langsam steigender
>»% Temperatur mehrere
Fig. 16. Gefrierapparat im Querschnitt. Stunden in einem Zuge
zu arbeiten.
2. Das Gefrieren lebloser Körper. .„_
Bevor ich auf das Gefrieren von Zellen und Geweben eingehe,
möchte ich zunächst das Verhalten lebloser Substanzen beim Gre-
frieren besprechen, da dies für die richtige Beurteilung des Gefrier-
vorganges in der Pflanze von Wichtigkeit ist. Wie verhalten sich
zunächst kolloidale Körper?
Betrachtet man eine 2proz. wässerige Gelatinelösung, die
schon bei gewöhnlicher Zimmertemperatur eine steife Grallerte
bildet, in einem mikroskopischen Präparat meines eben geschilderten
Gefrierapparates, so kann man im Momente des Gefrierens folgendes
beobachten: An zahlreichen Punkten tauchen unter Abscheidung
von Luftblasen rundliche Eismassen auf, die, der benachbarten
Gelatinegallerte das Eis entziehend, sich rasch vergrößern und
dabei die immer wasserärmer werdende Gelatine ringsum zur Seite
schieben, so daß diese,
wenn die Eisbildung ihr
Ende erreicht hat, als
ein höchst kompliziertes
Maschenwerk zwischen
den Eisklümpchen aus-
gespannt erscheint. Die
ursprünglich homogene
Gelatine ist nun in eine
Art Schwamm umge-
wandelt, in welchem das
höchst verwickelte Ge-
rüstwerk aus Gelatine,
die Hohlräume aber aus _ e er Re
F £ ig. 17. ässerige 2proz. Grelatinelösung gefroren
Eis. bestehen. (Siehe und dann aufgetaut. (Vergr. etwa 300.)
Fig. 17.) Gießt man eine
2proz. Grelatinelösung auf einer Glasplatte in dünner Lage aus und
läßt man dann gefrieren, so bilden sich in der Gelatine herrliche
Eisblumen. Ich konnte sie in ihren feinsten Einzelheiten fixieren
und dauernd aufbewahren, indem ich die Innenwand eines Erlen-
Fig. 18. Milchsaft von Ficus elastica. (Vergr. etwa 300.) a Milchsaft frisch, db Milch-
saft gefroren, e Eis, n Netz von zusammengedrängten Kautschuktröpfchen.
meyerkolbens mit flüssiger 2proz. Gelatinelösung ausspülte, dann
den Kolben, mit der Öffnung nach unten gekehrt, im Freien
der Kälte aussetzte und schließlich, nachdem die Eisblumen ent-
standen waren, in den Kolben absoluten Alkohol goß, um damit
e 8*
— 19 —
die gefrorene Gelatine zu benetzen. Nachher wurde beim Auftauen
das Eis herausgelöst und das Gelatinenetzwerk in Form der Eis-
blumen gleichzeitig dauernd fixiert. Ich habe derartig fixierte
Eisblumen, die einen wunderbaren Anblick gewähren, schon seit
25 Jahren in Aufbewahrung, ohne daß auch nur das geringste
Detail verloren gegangen wäre. Die Fixierung an der Innenwand
eines Kolbens hat auch den Vorteil, daß die Eisblumen vor Staub
und der Berührung mit den Händen geschützt bleiben. Zu ähn-
lichen Ergebnissen wie bei der mikroskopischen Betrachtung ge-
frierender Gelatine gelangt man auch bei anderen kolloidalen
Körpern: Stärkekleister, Tragant, arabisches Gummi und Hühner-
eiweiß. Es ergab sich als wesentliches Resultat, daß beim Ge-
frieren eine Scheidung eintritt zwischen Wasser und
Kolloid!), in dem an zahlreichen Punkten Eiskristalle
entstehen, die mehr minder rasch (unterm Mikroskop oft
blitzartig rasch) den gequollenen Kolloiden, bzw. ihren Lö-
sungen das Wasser entziehen, sich auf Kosten dieses ver-
größern und, das immer wasserärmere Kolloid vor sich
herdrängend, als Netzwerk zwischen sich einschließen.
Analog wie die Kolloide verhalten sich Emulsionen, Farb-
stoff- und Salzlösungen.
Emulsionen stellen die Milchsäfte der Pflanzen dar. Der in
unseren Wohnungen so häufig kultivierte Gummibaum, Zzeus ela-
stıca, enthält reichlich Milchsaft, der aus einer wasserklaren Flüssig-
keit und darin eingebetteten, meist aus Kautschuk gebildeten
Kügelchen besteht (Fig. ı8@).. Wenn dieser Milchsaft gefriert,
hört die gleichmäßige Verteilung der Kügelchen auf; es entsteht
ein aus Kautschukkügelchen bestehendes unregelmäßiges Netz,
dessen Maschen von Eis ausgefüllt sind, in der Weise, wie es die
Figur 1ı8Ö versinnlicht. Nach dem Auftauen gewinnt der Milchsaft
wieder sein natürliches Aussehen. Ob wir es nun mit einer Emul-
sion, einem Kolloid oder mit einer Lösung zu tun haben, immer
kristallisiert reines Eis heraus, so daß es stets zu einer Scheidung
kommt zwischen Wasser und dem betreffenden anderen Körper.
Spielt sich dieser Vorgang unterm Deckglas ab, so entsteht ein
kompliziertes netzartiges Grerüstwerk dieses Körpers, in dessen hohlen
Maschen das Eis liegt. Das wachsende Eis duldet nichts Fremdes in
Ro kryohydratischen oder eutektischen Punkt ist hier abgesehen. Man ver-
steht darunter jene Temperatur, bei der aus einer gekühlten Salzlösung nicht mehr Wasser
und Salz getrennt für sich, sondern der letzte flüssige Rest als einheitliches Gemisch erstarrt.
seiner Architektur und schiebt daher, sich vergrößernd, alles Fremde
vor sich her; da an verschiedenen nahegelegenen Punkten fast gleich-
zeitig Eiskristalle entstehen, so schließen diese, endlich aufeinander
treffend, den Fremdkörper als eine Art Zwischensubstanz zwischen
sich ein.
3. Das Gefrieren lebender Objekte.
a) Zellen.
Nach den mit leblosen Substanzen über das Gefrieren ge-
machten Erfahrungen war zu erwarten, daß bei Zellen, da sie
kolloidale Körper, Lösungen und
Emulsionen enthalten, ähnliche Vor-
gänge beobachtet werden dürften.
Brachte ich eine Amöbe
(Fig. ı9@) in den Gefrierapparat,
der auf — 9° C eingestellt war, so
verlangsamte sich zunächst die Be-
wegung und nach wenigen Minuten
setzte sie völlig aus. Nach etwa
25 Minuten gefror die umgebende
Flüssigkeit und gleich darauf er-
A ER
PH: Nuke
De: Ol =
us u S
Fig. 19. Amöbe. a intakt. Die kleinen zahlreichen Körper sind Kristalle, dazwischen -
liegen Vakuolen und Nahrungsballen. (Vergr. etwa 300.) b gefroren. Innerhalb der
Amöbe bildet sich an zahlreichen Punkten unter Abscheidung von Luftbläschen / Eis
auf Kosten des Plasma- und Vakuolenwassers. Dadurch wird das Plasma & samt seinen
festen Einlagerungen zwischen die Eisklümpchen e als unregelmäßiges Gerüstwerk zu-
sammengedrängt. c aufgetaut. Die Amöbe zeigt deutlich die Hohlräume, die vorher
von 'Eis erfüllt waren, dazwischen das tote Plasmagerüst.
starrte die ganze Amöbe, dabei das Aussehen eines unregel-
mäßigen Netzes annehmend (Fig. 196). Das Netz kommt da-
durch zustande, daß innerhalb der lebenden Substanz an zahl-
reichen Punkten Eisschollen entstehen, die sich auf Kosten
des das Plasma durchtränkenden und die Vakuolen erfüllenden
— II —
Wassers rasch vergrößern, und das nun seines Wassers beraubte
Plasma samt seinen verschiedenen festen Einschlüssen und konzen-
trierten Salzlösungen zwischen sich einzwängen. Die Amöbe stellt
somit im gefrorenen Zustande ein Eisklümpchen dar,
das von einem höchst komplizierten Gerüstwerk, be-
stehend aus sehr wasserarmem Plasma, konzentriertem
Zellsaft und Luftbläschen, durchsetzt ist (Fig. ı9e).
Die aufgetaute Amöbe sieht
ganz anders aus als die lebende.
Während die lebende, abgesehen
von den Vakuolen und festen Ein-
schlüssen, ein ziemlich homogenes
Aussehen darbietet, gleicht die
aufgetaute einem grobporigen
Schwamm: das im Eise einge-
schlossene Plasmagerüst bleibt
ziemlich erhalten und die da-
zwischen liegenden, früher von
Eis erfüllten Räume führen nun-
mehr Wasser. Gefrorene Amöben
dieser Art erweisen sich nach
dem Auftauen als abgestorben. —
Höchst lehrreich gestaltet
sich der Gefriervorgang bei ‚Spzro-
gyra, einer in unseren Weasser-
tümpeln häufigen Alge (Fig. 20a).
Im Gefrierapparat sieht man zu-
erst das Einbettungswasser zu Eis
Fig. 20. Spivogyra sp. (Vergr.etwazo0.) erstarren. Die Eiskristalle dringen
Se en nun Wolken gleich in dem Gesichts
dieser bildet sich kein Eis. c aufgetau. feld vor, bis sie unter reichlichem
Zellen wieder angeschwollen, der Proto- Abscheiden von Luftbläschen die
plast samt dem Chlorophyliband und dem i k 4
Zellkern desorganisiert. Spirogyra völlig umschließen.
Stellt man nun auf den Faden
scharf ein, so bemerkt man deutlich, wie die Zellen binnen einer
Minute oder in noch kürzerer Zeit schrumpfen, indem ihnen von
dem die Zelle umgebenden Eis das Wasser entzogen wird. Das
Chlorophyliband, früher samt dem Kern sichtbar, ist jetzt auf ein
sehr enges Volum zusammengesunken und nur mehr als eine
grüne undifferenzierte Masse kenntlich (Fig. 205). Luftblasen bilden
sich innerhalb der Zellen nicht. Unmittelbar nach dem Auftauen
hat die Zelle ungefähr ihr früheres Volumen angenommen, die
Chlorophylibänder werden in vielen Zellen wieder deutlicher, aber
während sie früher scharf begrenzt waren, erscheinen sie jetzt
ebenso wie der Zellkern gequollen, mitunter zu Klumpen zu-
sammengeschlossen und verraten durch ihr Aussehen nur zu deut-
lich den eingetretenen Tod (Fig. 20c). Schon durch den bloßen
Anblick der beim Gefrieren geschrumpften ‚S’rrogyra-Fäden erhält
man einen deutlichen Begriff davon, wie groß die Wassermenge
sein muß, die der Zelle entzogen wird. Eine in der angegebenen
Weise erfrorene ‚Spzrogyra sieht einer eingetrockneten täuschend
ähnlich. Ich will auf weitere Fälle und Einzelheiten nicht ein-
gehen, wenn ich aber alle meine Erfahrungen zusammenfasse, so
kann man drei Arten von Erfrierungsvorgängen der Zellen unter-
scheiden:
a) Die Zellen gefrieren und erstarren faktisch, indem sich
innerhalb des Zellinhaltes Eis bildet (Amöbe, Phycomyces, Staub-
fadenhaare von Tradescantıa).
b) Das Erfrieren erfolgt, ohne daß die Zelle selbst gefriert.
In diesem sehr häufigen Falle tritt Wasser aus der Zelle heraus
und gefriert dann an der äußeren Oberfläche der Wand. Die
dabei oft kolossal schrumpfende Zelle ist dann von einer knapp
anliegenden, aus ihrem eigenen Wasser gebildeten Eisröhre um-
schlossen (Sprrogyra, Cladophora, Derbesia).
c) Es können die unter @ und 5 angegebenen Vorgänge in
ein und derselben Zelle Platz greifen. —
Ob nun eine Zelle in der einen oder anderen
Weise erfriert, stets ist dies, ebenso wie bei toten
Objekten, mit einem sehr starken Wasserentzug ver-
knüpft. Schon aus der großen Eismenge, die sich
innerhalb oder außerhalb der Zelle bildet, sowie aus
der mit der Eisbildung verknüpften Schrumpfung
des ganzen Protoplasten oder seiner Teile ist zu ent-
nehmen, daß die Wasserentziehung eine sehr be-
deutende, in vielen Fällen geradezu kolossale sein muß.
b) Gewebe.
Früher war allgemein die Meinung verbreitet, daß sich das
Eis regelmäßig im Innern der Zellen bildet, die Zellen hierdurch
zerrissen werden und daher absterben. Das Eis entsteht aber für
N
gewöhnlich gar nicht in der Zelle, sondern außerhalb. Die Zell-
haut ist von Wasser durchtränkt, die äußerste Wasserschichte der
Membran, die an die Zwischenräume (Interzellularen) zwischen
den Zellen grenzt, gefriert zuerst, diese Eisschicht vergrößert sich
auf Kosten des Zellwassers, sie kann schließlich eine so große
Mächtigkeit erreichen, daß man zentimetergroße und noch größere
Eisklümpchen mitten zwischen den Zellen finden kann, und das Ent-
stehen solch mächtiger Eisbrocken ist, wenn nicht schon früher
so ausgedehnte Interzellularen vorhanden waren, nicht selten mit
einem Zerreißen früher geschlossener Gewebemassen verbunden.
Diese außerhalb der Zelle stattfindende Eisbildung tritt besonders
‘bei langsamer Abkühlung ein, bei rascher kann das Eis auch im
Innern der Zellen entstehen. —
Reines Wasser gefriert unter hie Verhältnissen bei o°.
Durch gelöste Stoffe aber wird der Gefrierpunkt erniedrigt und
da in den Zellen nie reines Wasser vorhanden ist, so folgt schon
daraus, daß die Pflanze nicht bei Null, sondern bei einer etwas
tieferen Temperatur (Gefrierpunkt) erstarren wird, wie H. Müller-
Thurgau ausführlich gezeigt hat. —
Auch die Erscheinung der Unterkühlung (Überkältung) be-
dingt, daß das Gefrieren oft bei noch tieferen Temperaturen statt-
hat. Bekanntlich können Wasser- oder Salzlösungen oft bedeutend
unter ihren Gefrierpunkt abgekühlt werden, wenn Erschütterungen,
die Berührung mit Eis oder mit Kristallen der gelösten Substanz
vermieden werden. Der Grad der Unterkühlung kann besonders
in Kapillaren bedeutend verstärkt werden. Wir dürfen uns da-
her nicht wundern, daß alle diese Momente auch in der Pflanze
eine Erniederigung des Gefrierpunktes durch eine Unterkühlung
ermöglichen können. So liegt nach Mitteilung des genannten
Autors bei der Kartoffelknolle der Gefrierpunkt bei — ı° C, der
Überkältungs- oder Unterkühlungspunkt bei ungefähtfs — 3°C.
Wenn also eine Kartoffel gefriert, so muß sie zuerst auf — 3°
abgekühlt werden; erst dann erstarrt sie, wobei die Temperatur
infolge der Eisbildung plötzlich auf den Gefrierpunkt von — ı° steigt.
IV. Stirbt die gefrorene Pflanze erst beim Auftauen?
Der Pflanzenphysiologe J. Sachs war der Meinung, die auch
in gärtnerischen Kreisen verbreitet war, daß die Pflanze nicht im
Momente des Gefrierens in noch gefrorenem Zustande abstirbt,
sondern erst beim Auftauen. Eine gefrorene Pflanze könne am
a VE
Leben bleiben, wenn man sie ganz allmählich auftauen läßt,
sie werde aber getötet, wenn sie rasch zum Auftauen ge-
bracht wird.
Ganz entgegengesetzter Ansicht war Göppert, der sich lange
Zeit mit dieser Frage beschäftigt hat. Nach diesem Forscher tritt
der Tod der Pflanze schon beim Gefrieren oder im Zustande des
Gefrorenseins ein, das rasche oder langsame Auftauen spielt dabei
keine Rolle.
Göppert machte einen sehr hübschen Versuch. Manche
Orchideenblüten haben milchweiße Blüten (Calanthe veratrıfolia)
und wenn man sie zwischen den Fingern zerquetscht, werden sie
augenblicklich blau, weil sich aus dem in den Zellen vorhandenen
farblosen Indikan Indigblau bildet. Dasselbe zeigt sich beim (Ge-
frieren der Blüte. Sie wird im gefrorenen Zustande alsbald dunkel-
blau. Göppert ging von der Ansicht aus, daß der Indigo sich
nur in der abgestorbenen Zelle entwickelt und betrachtete daher
die Blaufärbung der gefrorenen Blüte als ein Zeichen des Todes.
Diese Deutung wurde bestritten, aber da ich später in einer spe-
ziellen Arbeit über den Nachweis und das Vorkommen des Indi-
kans in der Pflanze gezeigt habe, daß in der lebenden Zelle unter
normalen Verhältnissen niemals Indigblau auftritt und daß das
Erscheinen des blauen Farbstoffs als ein sicheres Zeichen des
Todes betrachtet werden muß, kann wohl an der Richtigkeit der
Deutung Göpperts nicht mehr gezweifelt werden. Eine Bestäti-
gung fand der eben geschilderte Versuch durch ein Experiment
mit Begonta, das wir Detmer verdanken. Viele Degon:a-Blätter
haben die Eigentümlichkeit, sich beim Absterben zu verfärben,
die ursprünglich grüne Farbe geht in eine bräunliche über. Dies
geschieht, wenn man sie durch Chloroformdampf oder durch höhere
Temperatur abtötet. Beim Absterben werden die Chlorophyll-
körner für die im Zellsaft reichlich vorhandenen organischen Säuren
durchlässig und infolgedessen mißfarbig braun. Läßt man nun
ein Begonıa-Blatt gefrieren, so tritt die Braunfärbung schon im
gefrorenen Zustande und nicht erst beim Auftauen ein. Detmer
fügt jedoch hinzu, daß er auch Tatsachen kennen gelernt habe,
„durch welche die Angaben von Sachs eine Bestätigung finden,
nach denen gefrorene Pflanzenteile, während sie infolge schnellen
Auftauens zugrunde gehen, durch langsameres Auftauen am Leben
erhalten werden können“. Welcher Art aber diese Beobachtungen
waren, darüber spricht sich der genannte Forscher nicht aus.
=— ee
Überaus eingehend hat sich mit unserer Frage H. Müller-
Thurgau beschäftigt, wobei er zu einem der Sachsschen Ansicht
ganz entgegengesetzten Standpunkt gelangte. Er sagt: „Seit
Jahren habe ich mich mit der Lösung dieser Frage beschäftigt,
viele Hunderte von Pflanzen bei verschiedensten Temperaturen
gefrieren und langsam auftauen lassen und — es möge dies gleich
der Besprechung dieser Versuche vorausgeschickt werden — nie-
mals eine Pflanze, respektive einen Pflanzenteil durch langsames
Auftauen retten können, der bei schnellerem Auftauen zweifellos
sich als getötet erwiesen hätte.“
Es ist vielfach die Meinung verbreitet, daß gefrorene Pflanzen
im kalten Wasser von o° sehr langsam auftauen. Dies ist aber
wie Müller-Thurgau betont und an gefrorenen Äpfeln, Birnen
und Kartoffelknollen zeigt, nicht der Fall und aus physikalischen
Gründen auch gar nicht zu erwarten. Im Wasser geht das Auf-
tauen viel rascher vor sich als in entsprechend kalter Luft. Ge-
frorene Pflanzenteile überziehen sich nämlich, in kaltes Wasser
von 0° gelegt, rasch mit einer ziemlich dicken Eiskruste, wobei
Wärme gebildet wird, die zum Auftauen des Eises in den Ge-
weben führt und eben deshalb ein rascheres Auftauen im Wasser
bedingt.
Müller-Thurgau fand aber auch einen Fall, der tatsächlich
lehrt, daß in gewissen Fällen die Art des Auftauens von Einfluß
für die Rettung gefrorener Objekte sein kann. Dieser Fall be-
trifft gefrorene Äpfel und Birnen. In möglichster Anlehnung an
natürliche Verhältnisse wurden die genannten Früchte allmählich
steigender Kälte ausgesetzt und zum Gefrieren gebracht. Wurde
nachher ein Teil in lauwarmes Wasser, ein zweiter in Wasser
von 0 gebracht, ein dritter mit den Stielen in warmer Zimmer-
luft von 20° und ein vierter in solcher von o° aufgehängt, so er-
gab sich folgendes: Während bei Temperaturen von »— 5° bis
— 7° die widerstandsfähigen Sorten unbeschädigt blieben, unab-
hängig davon, ob sie rasch oder langsam auftauten, zeigten bei
den empfindlicheren Sorten durchgehends nur die im warmen
oder kalten Wasser aufgetauten Früchte Schädigungen, die in
warme oder kalte Luft gebrachten hingegen nur geringe oder
gar keine.
Gerade der von Müller-Thurgau aufgefundene Ausnahme-
fall und die noch immer im Kreise der Praktiker vielfach ver-
teidigte Anschauung, daß. die gefrorene Pflanze erst beim raschen
Auftauen stirbt, bewog mich vor ı3: Jahren, die Frage neuerdings
einem genaueren Studium zu unterwerfen und wenn möglich durch
neue Experimente zu klären.
Eigene Versuche.
a) Mit Nefophyllum. Unter den Meeresalgen haben die Rot-
algen oder Florideen seit jeher die Aufmerksamkeit auch der
Laien wegen ihrer schönen Formen und ihrer in verschiedenen
- Tönen des Rot erscheinenden Farbe auf sich gelenkt. Fine
solche ungemein zierliche Alge ist Nifophyllum punctatum. Der
in dieser Alge vorhandene grüne Farbstoff, das Chlorophyll, ist.
durch einen gleichzeitig vorhandenen roten Farbstoff, das Phyko-
erythrin, vollständig verdeckt. Der rote Farbstoff zeigt in wässe-
riger Lösung im durchfallenden Lichte eine karminrote Farbe, im
auffallenden hingegen eine prachtvoll orangerote Fluoreszenz.
Nimmt man einen lebenden Rasen dieser rotgefärbten Alge aus
dem Meerwasser und legt ihn in süßes oder destilliertes Wasser,
so stirbt die Alge ab, der rote Farbstoff geht aus den Chlorophyli-
körnern in den Zellsaft über, er geht in Lösung, fluoresziert und
das ist der Grund, warum die ganze Alge nun orangerot zu fluo-
reszieren beginnt.
Das Auftreten der Fluoreszenz ist ein sicheres Zeichen
des Todes. Aus diesem Grunde glaubte ich diese Alge für die
Entscheidung der Frage verwerten zu können, ob die Pflanze
schon in gefrorenem Zustande abstirbt oder erst beim Auftauen,
denn wenn sie schon beim Gefrieren vom Tode ereilt wird, mußte
sich schon bei der gefrorenen Alge der Farbenumschlag von rot.
zu orange zeigen. Als ich die Alge in der Luft einer Temperatur
von — 16° aussetzte, trat bei der steifgefrorenen Pflanze eine pracht-
voll orangerote Fluoreszenz ein, ein Zeichen, daß der Tod nicht
erst beim Auftauen, sondern schon vorher eintritt. —
b) Mit Ageratum mexıcanum. Diese zur Einfassung von
Teppichbeeten in unseren Parkanlagen und Stadtgärten ihrer
schönen blauen Blüten wegen häufig verwendete Pflanze hat eine
besondere Eigentümlichkeit: Im lebenden Zustande haben die
Blätter keinen besonderen Duft, im toten aber duften sie intensiv
nach Cumarin, jenem Körper, dem der Wealdmeister (Asperula
odorata) seinen angenehmen Geruch verdankt. Läßt man einen
lebenden beblätterten Sproß völlig verwelken oder taucht man ihn
für ein paar Sekunden in siedendes Wasser, so duftet er einige
Zeit nach Eintritt des Todes nach Cumarin. Dieser Geruch ist
ein sicheres Merkmal des eingetretenen Todes dieser Pflanze. Als
ich nun in einer kalten Winternacht eine Topfpflanze unter einem
Glassturz einer Temperatur von — 7°C aussetzte, gefror die ganze
Pflanze steif und bedeckte sich mit Reif. Und als ich am frühen
Morgen bei der erwähnten Temperatur von der vollständig er-
starrten Pflanze den Glassturz abhob, duftete der innere Luft-
raum ebenso wie die Pflanze intensiv nach Cumarin, wieder
ein Beweis, daß die Pflanze schon in gefrorenem Zustande ab-
gestorben war.
c) Mit anderen Pflanzen. Auch die anderen Versuche,
die ich mit verschiedenen Pflanzenarten angestellt habe, stehen
im Einklang mit denen von Nitophyllum und Ageratum. Hunderte
der verschiedensten Objekte wurden im Laufe mehrerer Winter
daraufhin geprüft, ob langsames oder rasches Auftauen für die
Erhaltung des Lebens von Bedeutung ist, und übereinstimmend
hat sich ergeben, daß es in der Regel für die Erhaltung des
Lebens gleichgültig ist, ob man rasch oder langsam auftaut. Es
gibt aber Ausnahmen. Wie bereits (S. i22) bemerkt wurde, hat
Müller-Thurgau bei den Früchten gewisser Äpfel- und Birnen-
sorten eine solche festgestellt und ich bin in der Lage, eine zweite
Ausnahme namhaft machen zu können, die die Blätter der soge-
nannten ıoojährigen Aloe, Agave amerrcana, betrifft. Hier zeigte
sich, daß tatsächlich die Geschwindigkeit des Auftauens für die
Erhaltung oder Nichterhaltung des Lebens von Bedeutung sein
kann. Alles in allem genommen wird man aber, auch wenn noch
weitere Ausnahmen gefunden werden sollten, doch zugeben müssen,
daß derartige Vorkommnisse Seltenheiten sind.
>
V. Die Ursachen des Erfrierens. Rn
Zum Schlusse wollen wir noch die Frage erörtern, wodurch
denn eigentlich der Gefriertod der Pflanze herbeigeführt wird.
Ich sehe dabei von dem Erfrieren über Null ab, da ich mich
ja darüber bereits früher (S. ııo) geäußert habe, und will
hier nur den mit der Eisbildung verknüpften Tod in Betracht
ziehen.
Die von älteren Botanikern (Duhamel, Senebier, Rafn
und anderen) vertretene Ansicht, daß das Frfrieren eigentlich auf
— 12353 —
einem Zerreißen der Zellwand infolge des sich im Zellinnern
bildenden und ausdehnenden Eises beruhe, hat wohl nur mehr
historisches Interesse, da diese Anschauung insbesondere von
Göppert, ferner von Caspary, Sachs und Nägeli widerlegt
wurde. Es muß ja diese Ansicht schon deshalb aufgegeben
werden, weil ja das Eis sehr häufig gar nicht innerhalb, sondern
außerhalb der Zelle entsteht. Damit soll natürlich nicht gesagt
sein, daß durch das Gefrieren nicht tatsächlich auch mechanische
Verletzungen der Gewebe erfolgen können, denn nicht selten
bilden sich in den Interzellularen (Lufträumen zwischen den Zellen)
so große Eismassen, daß Gewebe sich voneinander abheben oder
zerreißen. —
Es ist von Sachs behauptet worden, daß das Absterben der
Pflanze gar nicht beim Gefrieren oder im gefrorenen Zustande
erfolge, sondern erst beim Auftauen, aber wie ich früher dargetan
habe, ist diese Ansicht bereits widerlegt, denn das rasche oder
langsame Auftauen ist für die Erhaltung des Lebens eines ge-
frorenen Pflanzenteils gewöhnlich gleichgültig.
Müller-Thurgau hat hingegen den Gedanken ausgesprochen
und zu begründen gesucht, daß das Erfrieren eigentlich auf einen
Wasserentzug infolge der Eisbildung hinauslaufe. „Sämtliche das
Erfrieren betreffende Tatsachen sind mit der Anschauung, daß
die Wasserentziehung als Todesursache zu betrachten sei, leicht
in Einklang zu bringen; immer ist jedoch dabei zu berücksichtigen,
daß beim Gefrieren das Wasser, wenigstens der größte Teil, rasch
den Zellinhalten entrissen wird.“ —
Daß der große, mit der Eisbildung verbundene Wasserverlust
der Zelle sehr häufig die Ursache des Gefriertodes ist, geht auch
aus meinen mikroskopischen Beobachtungen hervor. Ich sprach
mich seinerzeit darüber folgendermaßen aus: „Mag die Eisbildung
in der Zelle oder außerhalb der Zelle Platz greifen, immer werden
dem Protoplasma bedeutende Wassermengen entzogen. Beobachtet
man, wie in einer gefrierenden Amöbe oder in einem gefrierenden
Staubfadenhaar das Zellwasser blitzschnell zu Eis erstarrt, oder
beobachtet man, wie sich eine gefrierende ‚Sprrogyra auf Kosten
ihres eigenen Wassers mit einer Eisröhre umgibt und wie sie in
kaum einer Minute infolge dieses Wasserverlustes derartig schrumpft,
daß sie mit Rücksicht auf ihre Kontraktion und auch sonst in
ihrem Aussehen einer an der Luft verwelkten und eingetrockneten
S’prrogyra täuschend ähnlich ist (siehe Fig. 20), so drängt sich
— 126 —
einem der Gedanke förmlich auf, daß der Tod hier durch Wasser-
entzug bedingt wird... Nun ist es aber eine lange bekannte
Tatsache, daß die lebende Substanz eine zu weitgehende Entziehung
des Wassers in der Regel gar nicht verträgt und daß das mole-
kulare Gefüge, die Architektur des Protoplasmas für immer zer-
stört wird, wenn der Wasserverlust eine gewisse Grenze über-
schreitet.“ Eigentlich ist es ja bei dem Verwelken der Pflanze
auch so. Ein Blatt, eine Blüte oder eine Wurzel stirbt beim Ver-
welken, weil eine gewisse Menge Wasser für die Zellen notwendig
ist. Wenn diese der lebenden Substanz entzogen wird, so bricht
ihre Struktur zusammen und der Tod tritt ein. Die Wasserent-
ziehung kann noch andere Schädigungen im Gefolge haben. Infolge
des Gefrierens können sehr konzentrierte Lösungen der Zelle ge-
schaffen werden, die vielleicht giftig wirken, und früher gelöste
Körper können sogar ausgeschieden werden. ‘ Durch eingehende
Untersuchungen von Schaffnit an Preßsäften verschiedener
Pflanzen ist auch gezeigt worden, daß mit niederer Temperatur
Zustandsänderungen der gelösten Eiweißstoffe eintreten, wodurch
sie ausgesalzt werden.
Wenn der Eistod der Pfianze auf einem allzu starken plötz-
lichen oder raschen Wasserentzug beruht, so findet man es be-
greiflich, daß der Wassergehalt einer Pflanze oder eines Organs
für den Gefriertod nicht gleichgültig ist. Die von den Knospen-
schuppen umhüllten Knospenblätter sind sehr wasserarm und halten
große Winterkälte aus. Sowie sich aber diese Blätter aus den
Knospen hervorschieben und wasserreicher werden, werden sie
frostempfindlich.
Lufttrockene Samen sind beige sehr kältewiderstands-
fähig, im gequollenen Zustande aber erfrieren sie leicht. Pflanzen,
die ein Austrocknen vertragen, widerstehen auch der Kälte ge-
wöhnlich ausgezeichnet. Nun scheint aber dem die Tatsache zu wider-
sprechen, daß zwar gequollene Samen schadlos lufttrocken werden
können, daß sie aber, wenn sie gequollen gefrieren, dennoch ge-
tötet werden. Es darf aber nicht vergessen werden, daß beim
langsamen Eintrocknen das Wasser langsam entzogen, beim Ge-
frieren jedoch sehr rasch entrissen wird, was eben mit einer
Schädigung verbunden ist.
Mit dem Gesagten soll aber nicht behauptet ee daß
die mit der Eisbildung verbundene rasche Wasserentziehung stets
die Ursache des FErfrierens sein muß. Es hat Pfeffer darauf auf-
merksam gemacht, und ich bin auch seiner Meinung, daß auch
noch andere Ursachen hierbei eine Rolle spielen können. Er hat
darauf hingewiesen, daß ein bestimmtes Temperaturminimum
Schädigungen und Tötung herbeiführen kann. Diesen Gedanken
von einem spezifischen Minimum hat dann später Mez eingehend
durch eine feinere Methodik zu begründen versucht. Nach Mez
erfrieren Pflanzen, die ohne Schaden Eisbildung ertragen, erst,
wenn die steifgefrorenen Teile unter das spezifische Minimum,
das für verschiedene Pflanzen ein spezifisches und verschiedenes
ist, abgekühlt werden. Auch Mez’ Schüler Apelt, Bartetzko
und Voigtländer schlossen sich mehr oder weniger ihrem Lehrer
an, allein es wird von dem letzteren doch schon wieder zugegeben,
daß der Wasserentzug beim Gefrieren als Todesursache häufiger
in Betracht kommen dürfte und daß die Eisbildung kein so neben-
'sächlicher Faktor ist, wie es Mez angenommen hat. So kommt
Voigtländer auf Grund seiner Versuche mit Agave, Echeverıa,
Tradescantıa, Rıcınus und TZropaeolum, bei denen mittels nadel-
förmiger Thermoelemente und Galvanometerskala der Todespunkt
und der Unterkühlungsgrad festgestellt wurde, zu dem wichtigen,
aber allerdings nicht neuen Resultate, daß im Zustande der
Unterkühlung, selbst wenn diese tief unter den Todes-
punkt herabgetrieben wird, der Tod nicht eintritt, wohl
aber, wenn auch die Eisbildung hinzukommt. Voigt-
länder scheint übersehen zu haben, daß ich bereits bei den
Staubfadenhaaren von Zradescantıa darauf aufmerksam gemacht
habe, daß die Zellen im Zustande der Unterkühlung nicht gleich
absterben, wohl aber sofort, wenn es in den Zellen selbst bei
höherer Temperatur zur Eisbildung kommt. Da diese Tatsache
für die Theorie des Erfrierens von Bedeutung ist, so will ich
diese Stelle aus meinem Buche wörtlich anführen: „Ich habe mir
durch direkte mikroskopische Untersuchung zahlreicher Zellen
(Vallısneria-, Elodea-Blätter, Farnprothallien, Moose, Spzrrogyra
usw.) den Beweis erbracht, daß die Objekte im Gefrierapparat erst
dann eine Schädigung erlitten, wenn sie wirklich gefroren. Staub-
fadenhaare von Tradescantıa crassula blieben, durch 6 Stunden
einer Temperatur von —5 bis —g9° Cin Luft ausgesetzt, am Leben,
während sie sich immer als abgestorben erwiesen, wenn sie bei
—5° C im Wasser wirklich gefroren“ (S. 68).
In jüngster Zeit wurde auch Schaffnit durch neue Versuche
zu dem Ergebnis geführt, daß für den Kältetod verschiedene
— 1238 —
Ursachen in Frage kommen: primär Wasserentziehung, sekundär
chemische Stoffumlagerungen und- für Pflanzen, die unbeschadet
ihrer Lebensfähigkeit austrocknen können, auch ein spezifisches
Minimum.
So sehen wir denn, daß in letzter Zeit wichtige Tatsachen
bekannt geworden sind, die uns in der Kenntnis des Erfrierens der
Pflanze ein Stück vorwärts gebracht haben; die Frage aber,
warum die Pflanzen der Kälte gegenüber so verschieden wider-
standsfähig sind, warum die einen schon knapp über Null erfrieren,
die anderen, wenn sie zu Eis erstarren, und warum wieder andere
selbst wochen-, ja monatelang im steifgefrorenen Zustande außer-
ordentlich tiefe Temperaturen ertragen, ist heute noch ein unge-
löstes Rätsel und wird erst gelöst werden, wenn wir einmal einen
tieferen Einblick in die spezifische Konstitution des Protoplasmas
der verschiedenen Gewächse, die noch tief verschleiert vor dem
Auge des Forschers liegt, gewinnen sollten.
Die spezifische Zusammensetzung des Plasmas, seine Archi-
tektur, Chemie und Physik, mit einem Worte seine Konstitution
ist der große, noch dunkle Punkt der biologischen Forschung, vor
dem wir in so vielen Fällen bei der Analyse der Lebenserschei-
nungen Halt zu machen gezwungen sind. Die Frage, warum das
Eichenblatt uns in einer ganz bestimmten Form entgegentritt,
warum die Lilienblüte gerade 6 Blumenblätter und 6 Staubgefäße
besitzt, warum die Sinnpflanze auf einen Berührungsreiz ihre Blätt-
chen rasch zusammenschlägt, warum der Hopfen nach rechts, die
Bohne nach links windet, warum die Kinder den Eltern gleichen,
warum eine Pflanze schon über Null erfriert, die andere tief unter
Null der Kälte erfolgreich widersteht, all das vermögen wir heute noch
nicht klar zu durchschauen, wir wissen nur, daß es mit dem spezi-
fischen Bau der lebenden Substanz auf das innigste zusammenhängt.
Literatur.
Diejenigen Leser, die sich eingehender über das Erfrieren der Pflanze zu unter-
richten wünschen, seien auf einige in diesem Vortrage berührte Schriften aufmerksam
gemacht, von denen meine unter I. genannte die einschlägige Literatur bis zum Jahre
1897 enthält. .
Molisch, Hans, Untersuchungen über das Erfrieren der Pflanzen. Jena 1897.
—, —, Über das Gefrieren in Kolloiden. Flora 1907, S. 121.
—, Pflanzenphysiologie als Theorie der Gärtnerei. 5. Aufl. Jena 1923.
I.
2.
3- 58 3
4. Pfeffer, W., Pflanzenphysiologie, 2. Bd., 1904, 2. Aufl. S. 297.
Io.
II.
u 129 —
. Mez, C., Neue Untersuchungen über das Erfrieren eisbeständiger Pflanzen. Flora 1905,
. Maximow, N. A., Experimentelle und kritische Untersuchungen über das Gefrieren
und Erfrieren der Pflanzen. Jahrb. f. wiss. Botanik. ı914. Bd. 53, S. 327.
. Apelt, A., Neue Untersuchungen über den Kältetod der Kartoffel. Inaug.-Disser- :
tation, Halle a. S., 1907.
. Bartetzko, H., Untersuchungen über das Erfrieren von Schimmelpilzen. Jahrb. f.
wiss. Bot. 1909.
. Voigtländer, H., Unterkühlung und Kältetod der Pflanzen. Beitr. z. Biologie d.
Pflanzen 1909.
Schaffnit, E., Studien über den Einfluß niederer Temperaturen auf die pflanzliche
Zelle. Sonderabdr. aus Bd. 3, Heft 2 d. Mitteilungen des Kaiser Wilhelm-
Instituts f. Landwirtschaft i. Bromberg, S. 93.
Fischer, H. W., Gefrieren und Erfrieren, eine physiko-chemische Studie. Beitr.
z. Biologie der Pflanzen. X. Bd., 2. Heft, 1911.
Die neueste Literatur über das Erfrieren der Pflanze bis zum Jahre 1921 findet
man berücksichtigt in meinem Buche: Pflanzenphysiologie als Theorie der Gärtnerei.
4. Aufl. 1921, p. 205—216.
Molisch, Populäre biologische Vorträge. 2. Aufl. 9
vIM.
Über den Ursprung des Lebens').
Das eben ist das Charakteristische der Natur-
forschung, daß sie in den gewöhnlichsten Erscheinungen
ein Problem sieht, daß der Physiker in einer Welt der
Rätsel wandelt, wo für den unbefangenen Menschen
sich alles von selbst versteht.
Dove, Über Wirkungen aus der Ferne.
I. Die Urzeugung.
Seit den ältesten Zeiten beschäftigt die Menschheit die Frage:
Woher kam das Leben? Wie entstand es? Lange, lange vor
unserer Zeitrechnung, schon bei den Naturvölkern hat man sich
bereits darüber Vorstellungen gemacht, wie Himmel und Erde
sich gebildet haben und wie das Leben in Erscheinung getreten
sei. Es kommt dies in der Mythologie und in den Sagen der
alten Völker zum Ausdruck und fast allgemein wird darin an-
genommen, daß das Leben auf der Erde einem Schöpfungsakt
seinen Ursprung verdanke.
Ich will heute nicht davon sprechen, wie die Philosophen?)
des Altertums über die Schwierigkeiten, die sich unserem Problem
entgegenstellen, hinwegglitten. Es wird genügen, wenn ich hervor-
hebe, daß einer der bedeutendsten, Aristoteles, auf dem Boden
der Urzeugung stand. Nach ihm entstehen aus dem Regenwasser,
das auf den Schlamm oder ins Meer fällt, aber nicht aus dem
Schlamme als solchem, Würmer, Insekten und Fische. Höhere
und niedere Tiere entstehen aus ihresgleichen durch Fortpflan-
zung, die niedersten aber durch Urzeugung. Sein Schüler und
!) Vortrag, gehalten am 13. Dezember ıgtıı im Vereine zur Verbreitung natur-
wissenschaftlicher Kenntnisse in Wien. Im Verlage dieses Vereines I9I2 zuerst er-
schienen.
?) Die Ansichten, die die Philosophen des Altertums über die Urzeugung hatten,
hat A. Stöhr in seinem Buche: ‚Der Begriff des Lebens“, Heidelberg 1909, S. 62,
übersichtlich und kritisch erörtert.
Nachfolger im Lehramte Theophrast hatte ungefähr dieselben
Ansichten und lehrte gleichfalls die Entstehung der niedersten
Lebewesen durch Urzeugung!).
Dieser naiven kindlichen Auffassung, die sich der Schwierig-
keit der Frage gar nicht bewußt ist, kann man auch heute noch
vielfach im Volke begegnen, denn wie oft erhielt ich von einem
Bauer, den ich frug, wie die Blattläuse auf den Gurken oder die
Pilze auf den Rosenblättern entstehen, die Antwort: „Von selbst.“
Eine solche spontane elternlose Entstehung von Lebewesen aus
lebloser Substanz bezeichnet man als Urzeugung oder als gene-
ratıo spontanea, generatio aequivoca oder Abrogenesıs.
Im Jahre 1675 machte der Holländer Leeuwenhoek in
seiner Vaterstadt Delft eine Entdeckung von außerordentlicher
Tragweite. Von lebhaftem Forschertrieb beseelt und mit großem
Geschick begabt, beschäftigte er sich in seiner freien Zeit mit dem
Schleifen von Mikroskoplinsen und durch Fleiß und Ausdauer
gelang es ihm, ein einfaches Mikroskop von einer Vollendung
herzustellen, das alles bisher Erreichte übertraf. Mit einem Mikro-
skop oder besser gesagt mit dieser Lupe betrachtete er eines
Tages einen Wassertropfen, den er einer im Garten stehenden
Tonne entnahm. Er war aufs höchste überrascht, darin zahlreiche,
überaus kleine Lebewesen verschiedener Art sich lebhaft bewegen
zu sehen, die früher keines Menschen Auge geschaut.
Um zu erforschen, woher wohl der brennende Geschmack
des Pfefferpulvers rühre, übergoß er es mit Wasser und entdeckte
einige Tage darauf in dem Pfefferaufguß gleichfalls eine Menge
kleiner Tierchen, die wir nach diesem Versuche auch heute noch
‘ als Infusionstierchen oder Aufgußtierchen bezeichnen. Als er
seine Entdeckungen in begeisterten Briefen der königlichen Ge-
sellschaft der Wissenschaften in London mitteilte, war man ge-
neigt, an eine Täuschung zu glauben, aber als es schließlich im
Jahre 1677 dem Sekretär dieser Gesellschaft Robert Hooke
gelang, ein Mikroskop von ähnlicher Leistungsfähigkeit herzu-
stellen, wie sie dem Instrumente Leeuwenhoeks zukam, sah er
auch die „Animalcula“ und konnte sie seinen Zeitgenossen vor-
1) Welch phantastischen Vorstellungen man bezüglich der Entstehung der Lebe-
wesen noch im 16. Jahrhundert huldigte, geht unter anderem daraus hervor, daß der
bekannte Chemiker van Helmont (geb. zu Brüssel 1577) mitteilt, daß in einem Gefäß,
welches Mehl und ein schmutziges Hemd enthält, Mäuse entstehen.
g*
zeigen. So wurde Leeuwenhoek!) der Entdecker einer neuen
Lebewelt, der Bakterien, Flagellaten, Infusorien, kurz aller jener
mikroskopisch kleinen Lebewesen, die wir heute als Mikroorga-
nismen zusammenfassen. Es dürfte wenige Entdeckungen geben,
die für die Wissenschaft und die ganze Menschheit von so weit-
tragender und grundlegender Bedeutung waren, wie diese Leistung
des holländischen Forschers. Da nun in den Aufgüssen Leeuwen-
hoeks Millionen von Wesen auftraten, ohne daß man vorher
irgendwelche Keime gesehen hätte, war man nunmehr erst recht
davon überzeugt, daß es eine Urzeugung gibt und daß die Auf-
gußtierchen elternlos aus leblosem Stoff entstehen.
Der anglikanische Geistliche John T. Needham trat 1745
besonders energisch für die Urzeugung ein und stützte sich dabei
auf folgendes Experiment. Er setzte in hermetisch verschlossenen
Gefäßen einen Fleischaufguß oder Abkochungen verschiedener
organischer Stoffe der Siedehitze aus und ließ sie darnach Tage
oder Wochen hindurch stehen. Nach Eröffnung solcher Gefäße
fanden sich trotz der vorhergehenden Erhitzung lebende Infusorien
vor. Da nun nach Needhams Ansicht die vorhandenen Keime
durch die Erhitzung getötet worden sein mußten und keine neuen
in die Gefäße hineingelangt sein konnten, so schloß er auf eine
Entstehung von Infusorien durch Urzeugung.
Der italienische Geistliche Spalanzani bekämpfte 1765 Need-
"hams Versuche und machte darauf aufmerksam, daß sich in einer
durch ®/, Stunden in Siedehitze erhaltenen Infusion nur dann
Tierchen entwickeln, wenn man Luft hinzutreten läßt, die vorher
nicht der Grewalt des Feuers ausgesetzt war. Zu demselben Re-
sultat kam 1836 Schwann. Gleichzeitig ergänzte Franz Schulze
Spalanzanis Versuche. Er zeigte, daß es nicht gerade nötig sei,
die zutretende Luft zu erhitzen, sondern daß sich dasselbe er-
reichen läßt, wenn man die Luft durch konzentrierte Schwefel-
säure oder Kalihydrat filtriert. Schröder und Dusch ließen die
Luft durch eine Glasröhre streichen, die mit Baumwolle voll-
gepfropft war, und erzielten damit denselben Effekt wie Schulze
mit den erwähnten Flüssigkeiten. Hiermit war die wichtige Tat-
sache festgestellt, daß in der Luft ein „Etwas“ vorhanden ist, das
zur Entstehung von Lebewesen in den leblosen Aufgüssen den
Anstoß gab; was aber dieses „Etwas“ ist, blieb vorläufig ein un-
!) Antoni van Leeuwenhoek, Arcana naturae detecta, Delft 1695.
gelöstes Rätsel. Obwohl aus diesen Versuchen mit der Baum-
wolle zu entnehmen war, daß dieses „Etwas“ kein Gas ist, so
zögerte man doch, diesen Schluß zu ziehen, da der Baumwoll-
versuch nicht mit allen Nährlösungen, z. B. nicht mit der Milch
gelang. Damit aber erscheinen die Versuche von Schulze wieder
in Frage gestellt und eine Nachprüfung mit verschiedenen Flüssig-
keiten ergab, daß die Nährflüssigkeiten bald von Lebewesen frei
blieben, bald nicht, und dieser Umstand machte die Anhänger
der Urzeugung um so siegesgewisser.
Um dieser Ungewißheit ein Ende zu machen, stellte die Pariser
Akademie der Wissenschaften die Preisaufgabe: „zu untersuchen
durch wohlgelungene Experimente neues Licht auf die Frage von
der Urzeugung zu werfen“. Diese Aufgabe wurde von dem be-
rühmten Physiologen Pasteur durch ebenso einfache wie sinnreiche
Experimente gelöst. In einer wahrhaft klassischen Abhandlung!)
zeigte er, daß die atmosphärische Luft verschiedene Keime in an-
sehnlicher Menge enthält. Er filtrierte Luft in großer Menge durch
Schießbaumwolle, löste diese in Äther und Alkohol auf und unter-
suchte den sich absetzenden Rückstand mikroskopisch. In diesem
fanden sich stets Sporen vor, die von Schimmelpilzsporen nicht
zu unterscheiden waren. Pasteur faßt die Ergebnisse seiner Ver-
suche in folgenden zwei Punkten zusammen:
ı. „In der Luft sind beständig organisierte Körperchen vor-
handen, welche man nicht von den wirklichen Keimen der Organis-
men aus den Aufgüssen unterscheiden kann.
2. Wenn man die Körperchen und die amorphen Brocken,
welche ihnen beigemischt sind, in gekochte Flüssigkeiten aussäet,
welche in vorher geglühter Luft unverändert bleiben würden, wenn
man diese Aussaat nicht vornähme, sieht man in diesen Flüssig-
keiten genau dieselben Wesen auftreten, wie sie sich bei Zutritt
von frischer Luft entwickeln.“
Das unbekannte „Etwas“ in- der Luft, das in keimfreien Nähr-
lösungen das Aufkommen von Lebewesen ermöglichte, war nun
aufgefunden: es waren lebende Keime von Pilzen und andere
mikroskopische Lebewesen.
Zur Erläuterung des Gesagten diene folgender Versuch,
den ich in meinen Vorlesungen seit Jahren zeige. Vor etwa
1) Pasteur, L., Die in der Atmosphäre vorhandenen organisierten Körperchen,
Prüfung der Lehre von der Urzeugung, 1862. Übersetzt von A. Wieler, als 39. Bänd-
chen in Ostwalds Klassikern der exakten Wissenschaften 1892 erschienen.
zehn Jahren habe ich diese beiden Glasgefäße (Erlenmeyerkolben)
mit einer guten Pilznährlösung zum Teile gefüllt, mit Wattepfropfen
verschlossen und dann durch 2 Stunden gekocht. Bei diesem
Vorgang wurden alle Keime, die in der Flüssigkeit oder an der
inneren Oberfläche des Glases oder im Wattepfropf vorhanden
waren, getötet. Nach dem Abkühlen der Lösung öffnete ich das
eine Gefäß durch Abheben des Pfropfens auf ı5 Minuten und
verschloß es hierauf wieder. Und heute nach zehn Jahren sehen
Sie, daß die Nährlösung in dem nicht geöffneten Kolben voll-
kommen klar geblieben ist, während sich in dem anderen Kolben
eine ganze Decke verschiedener Kleinwesen entwickelt hat: Schim-
melpilze, Bakterien, Sproßpilze und Infusorien. Das Offenlassen
des Kolbens nur durch eine Viertelstunde genügte, um den in der
Luft vorhandenen schwebenden Keimen Eintritt zu verschaffen
und sie hier in dem günstigen Nährboden zum Ausgangspunkt einer
reichen Lebewelt werden zu lassen. Aber dieser Versuch gelingt
nicht immer. Nimmt man z. B. bei unserem Experiment anstatt der
Pilznährlösung Milch, so kann es vorkommen, daß diese trotz
ı—2stündiger Erhitzung infolge des Auftretens bestimmter Bak-
terien gerinnt und fault.e. Aber schon Pasteur hat mit richtigem
Blicke erkannt, daß es sich in diesem Falle um Keime handelt,
die einer Temperatur von ı00° C längere Zeit widerstehen, daß
aber auch hier eine Entwicklung von Lebewesen vollständig aus-
bleibt, wofern man nicht auf 100°, sondern auf ıı0° erhitzt. Es gibt
aber Keime, die noch widerstandsfähiger sind. Verwendet man
bei dem eben geschilderten Versuch einen Heuaufguß, so bildet
sich nach dem Sterilisieren bei 100° nach einiger Zeit eine Haut,
die fast aus einer Reinkultur des Heubazillus, Dacıllus subhıls,
besteht. Diese in der Natur ungemein häufige und ständig auf
Heu vorkommende Bakterie bildet Dauersporen, die einer Tempe-
ratur von 100° gut widerstehen und die weitere Entwicklung dieses
Spaltpilzes ermöglichen. Erhitzt man aber den Heuaufguß auf
150°, so bleibt die sterile Flüssigkeit klar und der Heubazillus
taucht nicht mehr auf.
So war durch Pasteurs Versuche, die im Laufe der Zeit
vollständig bestätigt wurden, endgültig dargetan, daß sich nur
dort Lebewesen entwickeln, wo früher ihre Keime vorhanden
waren, und das geflügelte, in dreifacher Form ausgespröchene
Wort: „omne vivum ex vivo“, „omne vivum ex ovo“ oder „omnis
cellula e cellula“ war nun fest gestützt. Eine Urzeugung war also
nicht nachzuweisen. Trotzdem behaupten heute noch viele Natur-
forscher, daß es einmal eine Urzeugung gegeben hat und viel-
leicht sogar heute noch gibt, und Haeckel ist der Ansicht, daß
es einmal eine Urzeugung auf der Erde gegeben haben muß,
weil nach der Entwicklungsgeschichte unserer Planeten einmal
Zustände herrschten — hohe Temperaturen und Mangel an tropf-
barem Wasser — die die Existenz lebender Substanz ausschlossen.
Der Botaniker C. v. Nägeli verteidigte nach Pasteur gleichfalls
die Urzeugung und spricht sich darüber folgendermaßen aus:
„Die Entstehung des Organischen aus dem Unorganischen ist in
erster Linie nicht eine Frage der Erfahrung und des Experiments,
sondern eine aus dem Gesetze der Erhaltung von Kraft und Stoff
folgende Tatsache. Wenn in der materiellen Welt alles in ursäch-
lichem Zusammenhange steht, wenn alle Erscheinungen auf natür-
lichem Wege vor sich gehen, so müssen auch die Organismen,
die aus denselben Stoffen sich aufbauen und schließlich wieder
in dieselben Stoffe zerfallen, aus denen die unorganische Natur
besteht, in ihren Uranfängen aus unorganischen Verbindungen
entspringen. Die Urzeugung leugnen heißt das Wunder verkünden.
So wie die Abkühlung der früher feurig-heißen Erdoberfläche bis
zu der das Leben gestattenden Temperatur fortgeschritten war,
entstanden die ersten Organismen an den die nötigen Bedingungen
enthaltenden Stellen; und auch später und jetzt noch muß Urzeu-
gung überall stattfinden, wo die Verhältnisse die nämlichen sind
wie in der Urzeit. Die dagegen vorgebrachten Beobachtungen
und Versuche, welche das Nichteintreten der Urzeugung ergaben,
beweisen nichts, da sie nur für bestimmte Annahmen gültig sind,
für welche die Theorie selbst schon das freiwillige Entstehen als
unmöglich behaupten muß!).“
Nach Nägeli darf man bei der Urzeugung nicht an Bak-
terien und andere uns gegenwärtig bekannte Kleinlebewesen
denken, weil die schon einen viel zu komplizierten Bau besitzen,
sondern er meint, die durch Urzeugung entstandenen ersten Lebe-
wesen müssen noch viel kleiner und viel einfacher gebaut gewesen
sein als die. uns bekannten jetzt lebenden Bakterien. Diese Ur-
wesen bestanden bloß aus einem Tröpfchen homogenen, sich aus
Albuminaten aufbauenden Plasmas. Er nennt diese Urwesen
Probien.
1) C. v. Nägeli, Mechanisch-physiologische Theorie der Abstammungslehre,
1884, S. 83.
== 136 =
Heute, nach der Erfindung des Ultramikroskops, das uns
noch Teilchen von 4 Millionstel eines Millimeters erscheinen läßt,
könnte man nach Probien suchen, aber, wie ich!) dargetan habe,
gelang es bisher weder ultramikroskopische Lebewesen mit Sicher-
heit aufzufinden, noch die Existenz von Probien zu erweisen.
Man wird wohl Nägeli in dem Punkte beistimmen müssen,
daß die uns bisher bekannten kleinsten Organismen viel zu kom-
pliziert sind, als daß sie durch Urzeugung hätten entstehen können.
Denn je weiter wir in der Kenntnis der Zelle fortschreiten, desto
mehr zeigt sich, wie kompliziert dieser auf den ersten Blick so
einfache Elementarorganismus gebaut ist. Aber die Annahme,
daß die ersten Urwesen „aus Albuminaten ohne Beimengung von
anderen organischen Verbindungen als den Nährstoffen“ bestehen,
steht meiner Meinung nach auf schwachen Füßen, denn woher
kamen die organischen Körper, aus denen sich die
Probien bilden, und wo und wie entstand das erste
Eiweiß und wie ward ihm die Kraft, zu assimilieren
und zweckmäßig zu reagieren? Wir stehen da vor lauter
Rätseln.
Pflüger?), der gleichfalls die Urzeugung verteidigte, meint,
daß zu einer Zeit, da die Erde oberflächlich noch hohe Tempera-
turen aufwies, Cyan (CN), entstand und daß sich nach der Ab-
kühlung aus diesem und Kohlenwasserstoffen durch Polymerisie-
rung schließlich lebendes Eiweiß entwickelte. Aber so einfach
dürfte wohl dieser Prozeß nicht zu denken sein, wenn man die
kolossalen, auch heute trotz der großen Fortschritte der Chemie
noch immer nicht überwundenen Schwierigkeiten, zu einer Syn-
these des Eiweißes zu gelangen, berücksichtigt. Und wenn es
auch dereinst dazu kommen sollte, Eiweiß im Glase zu bereiten,
so wird dies eben totes Eiweiß sein, und vom totem zum lebenden
Eiweiß ist noch eine weite Kluft. Überhaupt wird der- Abstand
zwischen Lebendem und Leblosem mit fortschreitender Erkenntnis
der Natur eher größer als kleiner und daher mag es wohl kommen,
daß die Zahl der Anhänger einer Urzeugung in neuester Zeit
immer mehr und mehr zusammenschrumpft.
l) Molisch, H., Über Ultramikroorganismen. Botan. Zeitung 1908, I. Abteil.,
S. 131—139.
?) Pflüger, Über die physiologische Verbrennung in den lebendigen Organismen.
In Pflügers Archiv, Bd. X, 1875.
Auch Reinket) hat sich zu wiederholten Malen sehr be-
stimmt gegen eine spontane Entstehung des Lebens ausgesprochen
und ist vielmehr der Ansicht, daß dasselbe durch eine kosmische
Intelligenz geschaffen wurde. In der vom Menschen kon-
struierten Maschine wirken nicht bloß die Energien, sondern es
sind auch Zwecke und Absichten verwirklicht, die ein Ausfluß
der Intelligenz, nämlich der menschlichen Vernunft sind. Da nun
die Pflanzen und Tiere gleichfalls Maschinenstruktur haben, so
muß, wie Reinke ausführt, auch hinter den Lebewesen eine trans-
zendente Intelligenz, eine kosmische Vernunft verborgen sein
und durch diese wurde nach Reinke das Leben geschaffen.
II. Die Weltkeime.
Aus dieser Ungewißheit glaubte man durch die Annahme
herauszukommen, daß das Leben auf unserer Erde gar nicht ent-
standen sei, sondern von anderen Weltkörpern durch Meteoriten
auf unsere Erde verschleppt wurde. Schon der Franzose Sales-
Guyon de Montliveult (1821) nahm an, daß vom Monde Samen
auf die Erde gelangt sein sollen; aber erst Prof. Dr. H.E. Richter’)
in Dresden gab dieser Idee eine schärfere Fassung. Durch die
Lektüre von Flammarions Buch über die Mehrzahl der be-
wohnten Welten kam er auf den Gedanken, daß im Weltenraume
Keime seit Ewigkeit schweben und daß durch die auf unserer
Erde anlangenden Trümmer fremder Weltkörper solche Keime
auf die Erde gelangt seien. Er sprach sich 1865 darüber folgender-
maßen aus: „Demnach halten wir auch das Dasein organischen
Lebens im Weltreich für ewig; es hat immer bestanden und hat in
unaufhörlicher Folge sich selbst fortgepflanzt, und zwar in organi-
sierter Form, nicht als ein mysteriöser Urschleim, sondern in Ge-
stalt lebender Organismen, als Zellen oder aus Zellen zusammen-
gesetzte Individuen. Omne vivum ab aeternitate e cellula! Damit
erledigt sich die Frage, auf welche Weise die ersten Organismen
in die Welt gekommen seien. Da es deren immerdar irgendwo
in der Welt gegeben hat, so fragt es sich bloß: Wie sind sie
zuerst auf diesen oder jenen Weltkörper, nachdem er bewohnbar
geworden, hingelangt? Und da antworten wir kühn: Aus dem
Weltraume! .. .“ Nachdem Richter an die in der Erdatmo-
1) Reinke, J., Die Welt als Tat. Berlin 1899, S. 284 und 297.
?) Richter, H. E., Zur Darwinschen Lehre. In Schmidts Jahrb. d. ges. Med.
CXXVI, 1865, CXLVIII, 1870 und CLI, 1871.
sphäre vorhandenen Pilz- und anderen Keime erinnert hat, fährt
er fort: „Wenn nun aber einmal mikroskopische Geschöpfe so
hoch in der Atmosphäre der Erde schweben, so können sie ge-
legentlich, z. B. etwa unter Attraktion vorüberfliegender Kometen
oder Aörolithen, in den Weltraum gelangen und dann auf einem
bewohnbar gewordenen, d.h. der gehörigen Wärme und Feuchtig-
keit genießenden anderen Weltkörper aufgefangen, sich durch
selbsteigene Tätigkeit weiter entwickeln. ... .“
Die Möglichkeit eines solchen Vorganges läßt sich nicht be-
streiten und Männer wie Helmholtz und Lord Kelvin haben ihr
beigestimmt. Sie hat zur Voraussetzung, daß im Weltenraume
schwebende Keime existieren und daß es außer unserer Erde
noch andere von Lebewesen bewohnte Welten gibt.
Auf Grund der neueren Forschungen wissen wir, daß z.B.
auf dem Mars die Bedingungen für Lebewesen gegeben sind.
Dieser Planet hat eine Atmosphäre und ungefähr eine Temperatur
von 10° C. Während des Winters sammeln sich an seinen Polen
weiße Schneemassen, die im Frühling wieder durch Schmelzen
verschwinden und sich in Wasser verwandeln. Bei solchen Ver-
hältnissen ist Leben ganz gut möglich und yon vornherein ist es
eigentlich doch höchst unwahrscheinlich, daß gerade nur unsere
Erde, dieser kleine Punkt im Kosmos, Lebewesen tragen sollte.
Solche Ansichten waren in der Zeit vor Kopernikus noch einiger-
maßen begreiflich, aber nach der Widerlegung der geozentrischen
Hypothese und in Anbetracht unserer derzeitigen Kenntnisse über
die Natur der Planeten darf man die Annahme des Vorhanden-
seins von Lebewesen auf anderen Weltkörpern, die wie Mars und
Venus die Bedingungen des Lebens erfüllen, als berechtigt hin-
stellen.
Gegen die Richtersche Hypothese von den kosmischen Keimen
ist eingewendet worden, daß die Meteoriten, sobald sie in den Be-
reich der Atmosphäre der Erde gelangen, glühend-heiß werden
und daß daher alle Keime, die sich an der Oberfläche der kleinen
Welttrümmer befinden, zugrunde gehen müssen. In der Tat
würde kein bekanntes Lebewesen die Temperatur einer schmel-
zenden, glühend-heißen Meteoritenmasse aushalten, denn die oberen
Temperaturgrenzen des Lebens sind recht eng gezogen. Saftreiche
Pflanzenteile sterben gewöhnlich schon bei 45—50° C, einzelne
thermophile Bakterien überdauern im Wasser Temperaturen von
50o—80°, viele Samen können im trockenen Zustande ı Stunde auf
100° C erhitzt werden und die Dauersporen vom Heubazillus
widerstehen, wie wir gehört haben, kochendem Wasser. Aber
‚bei 150° geht jedes Lebewesen, gleichgültig ob Tier oder Pflanze,
zugrunde. Das ist die äußerste Grenze. Daher müssen alle Keime,
die sich auf der schmelzenden Oberfläche eines Meteoriten be-
finden, absterben. Aber man könnte sich wohl denken, daß, wenn
der Meteorit sehr große Dimensionen hat, an der inneren Ober-
fläche von Spalten und Hohlräumen eventuell vorhandene Keime
ganz gut die Reise bis zur starren Erdrinde unversehrt überstehen,
nach der Zertrümmerung auf der Erde frei werden und so die
Erde besiedeln könnten. Aber wenn dem wirklich so wäre, so
ist die Frage nach der Entstehung des Lebens nicht gelöst, sie
scheint nur verschoben, denn wir müssen dann weiter fragen: Wie
ist das Leben auf dem Mars, der Venus oder einem anderen Welt-
körper entstanden?
Preyer stellte sich sowohl in Gegensatz zur Hypothese der
Urzeugung als zu der der kosmischen Keime und vertritt die
paradoxe, phantastische Ansicht: „Das Leben ist nicht aus dem
Unorganischen hervorgegangen, sondern umgekehrt das Unorga-
nische durch Ausscheidung aus dem Lebenden.“ Er meint, indem
er den Begriff des Lebens ganz verschiebt, das Feuer als etwas
Lebendes und den feurig-flüssigen Erdball als einen riesigen Orga-
nismus auffaßt, daß die anfangslose Bewegung im Weltall Leben
ist, daß „das Protoplasma notwendig übrig bleiben mußte,
nachdem durch die intensivere Lebenstätigkeit des glühenden Pla-
neten an seiner sich abkühlenden Oberfläche die jetzt als an-
organisch bezeichneten Körper ausgeschieden worden waren, ohne
daß sie wegen fortschreitender Temperaturabnahme der Erdhülle
in die nach und nach auch an Masse abnehmenden heißen Flüssig-
keiten wieder eintreten konnten!).“ Ich glaube nicht, daß ich bei
dieser Hypothese, die kaum mehr als geschichtliches Interesse be-
ansprucht, noch weiter verweilen soll.
II. Die Ewigkeit des Lebens.
Die Bemühungen, die Entstehung des Lebens zu erklären,
sind bisher insgesamt gescheitert und das ist der Grund, warum
man heute vielfach annimmt, das Leben sei gar nicht ent-
standen, sondern sei von Ewigkeit vorhanden gewesen wie die
I) Preyer, W., Naturwissenschaftliche Tatsachen und Probleme. Populäre Vor-
träge, Berlin 1880, S. 60.
Materie überhaupt. Schon H. E. Richter verknüpfte mit seiner
Hypothese die Annahme, daß die.Existenz von lebenden Zellen
im Kosmos eine ewige sei. Und Helmholtz stellte die Alter-
native: „Organisches Leben hat entweder zu irgendeiner Zeit an-
gefangen zu bestehen oder, es besteht von Ewigkeit.“
Gegen die Lehre von der Ewigkeit des Lebens hat sich
Verworn in seinem ausgezeichneten Buche „Allgemeine Physio-
logie“!) ausgesprochen, indem er bemerkt: „Eine allgemeine Be-
trachtung, die man über die Abstammung der lebendigen Sub-
stanz, vor allem des Eiweißes anstellt, muß daher mit derselben
Berechtigung in ihren prinzipiellen Gesichtspunkten auch auf die
unorganischen Verbindungen, wie etwa die Mineralien, den Feld-
spat, den Quarz usw., angewendet werden können.“ — Wenn
man die Ewigkeit der lebenden Substanz annimmt, so müßte man
nach Verworn folgerichtig dasselbe auch von den unorganischen
Verbindungen, dem Quarz, dem Feldspat und anderen Mineralien
voraussetzen. Und alle diese Verbindungen müßten als solche
schon fertig aus dem Kosmos auf die Erde gekommen sein.
Meiner Meinung nach liegt aber die Sache hier doch anders, denn
lebende Substanz zu erzeugen oder spontane Entstehung von
Lebendem zu beobachten, ist bisher niemandem gelungen,
während die künstliche Erzeugung gewisser Mineralien heute
schon eine erfolgreich überwundene Aufgabe erscheint. Man kann
sich also ganz gut vorstellen, wie Mineralien aus einfachen Ver-
bindungen entstehen, ein Gleiches kann man aber von der leben-
den Substanz nicht sagen.
Arrhenius?) hat die Lehre von den kosmischen Keimen
unter gleichzeitiger Annahme der Ewigkeit des Lebens in neuester
Zeit in origineller Weise weiter ausgebaut. Nach dem genannten
schwedischen Forscher irren Lebenssamen in den Räumen des
Weltalls umher, treffen die Planeten und besiedeln sie,”,wenn es
hier Bedingungen des Lebens gibt. Im Gegensatz zu Richter und
Lord Kelvin nimmt er aber nicht an, daß das Leben durch Meteo-
riten auf die Erde gelangt sei oder gelange, sondern er glaubt,
daß die überaus kleinen Lebenskeime, die etwa so klein gedacht
werden können wie unsere kleinsten Bakterien, im ganzen Welten-
raum schwebend umherirren, durch den Strahlungsdruck der Sonne
!) Verworn, M., Allgemeine Physiologie, 2. Aufl. 1897, S. 312.
2) Arrhenius, S., Das Werden der Welten. Leipzig 1908. Derselbe: Die
Vorstellung vom Weltgebäude im Wandel der Zeiten. ı19II, S. 191.
in den Weltenraum hinausgetrieben werden und dadurch zufällig
auf Weltkörper, z. B. unsere Erde, gelangen.
Das Licht übt einen Druck aus und obwohl er außerordent-
lich klein ist, ist er doch durch Versuche von Lebedew gemessen
worden. Körperchen, die einen Durchmesser von 0:-00016 mm
haben, können vom Strahlungsdruck viel stärker beeinflußt werden
als von der Schwerkraft und da die kleinsten bekannten Lebewesen
etwa dieser Größe gleichkommen, so könnten diese winzigen
Weltkeime von dem Strahlungsdruck tatsächlich bewegt werden.
„Wenn also die Sporen der kleinsten Organismen der Erde von
dieser loskommen könnten, so würden sie sich nach allen Seiten
verbreiten und das ganze Universum würde sozusagen mit ihnen
besäet werden.“ Wie aber kommen sie los und wie wird die
Schwerkraft überwunden? Zunächst kommen sie durch die Luft-
strömungen leicht bis an die äußersten Grenzen der Atmosphäre,
also bis etwa ıoo km Höhe. Um nun die Keime über die At-
mosphäre in den Weltenraum hineinzubringen, zieht Arrhenius
elektrische Kräfte herbei. In ıoo km Höhe treten die strahlenden
Erscheinungen des Nordlichtes auf, die auf der Entladung großer
Mengen negativ elektrisch geladenen, von der Sonne kommenden
Staubes beruhen. Nimmt nun ein Keim bei der elektrischen Ent-
ladung negative Elektrizität aus dem Sonnenstaub auf, so kann
er durch die Elektrizität der Staubpartikelchen in das Äthermeer
gestoßen und vom Strahlungsdruck weiter getrieben werden. „Es
ist also wahrscheinlich, daß Samen der niedrigsten uns bekannten
Organismen fortwährend von der Erde und anderen von ihnen
bewohnten Planeten in den Raum hinausgestreut werden. So wie
Samen im allgemeinen, so gehen die weitaus meisten hinausge-
förderten Sporen dem Tode entgegen im kalten, unendlichen Welt-
raum; aber eine kleine Anzahl fällt auf andere Himmelskörper
nieder und ist imstande, dort Leben zu verbreiten, wenn sich
günstige äußere Bedingungen finden. In vielen Fällen trifft das
nicht zu, manchmal dagegen fallen sie auf. guten Boden. Und
wenn es eine oder mehrere Millionen Jahre dauern sollte, von
dem Zeitpunkt an, da ein Planet anfangen kann, Leben zu tragen,
bis zu dem Augenblick, da der erste Samen auf ihn fällt und
aufsprießt, um ihn für das organische Leben in Besitz zu nehmen
so bedeutet das wenig im Vergleich mit dem Zeitraum, während
dessen das Leben auf dem Planeten dann in voller Blüte steht“).
Se Arrbenins, S., |. ce. S.209%
Der Umstand, daß der Weltenraum weder Feuchtigkeit noch
Luft enthält und eine auffallend niedere Temperatur (— 220° C)
besitzt, widerspricht nicht der Annahme von Arrhenius, denn
es ist bekannt, daß Bakterien verschiedener Art so niedere Tem-
peraturen, wie sie im Weltenraum herrschen, und auch eine so
große Trockenheit ertragen. Aber ein Bedenken besteht doch.
Becquerel!) machte auf die abtötende Kraft des ultravioletten
Lichtes gegenüber Mikroorganismen aufmerksam. Es ist bekannt,
daß man mittels ultravioletten Lichtes die im Wasser oder in der
Milch vorhandenen Mikroorganismen in kurzer Zeit töten und
diese Flüssigkeit steril machen kann. Nun existiert außerhalb
unserer Atmosphäre im Weltenraum ein an ultravioletten Strahlen
sehr reiches Licht und es entsteht die Frage, ob die kosmischen
Keime hiedureh nicht getötet werden. Becquerel untersuchte
nun die Wirkung des ultravioletten Lichtes einer Heraeuslampe auf
Bakterien, Hefen und Schimmelpilzsporen im trockenen Vakuum
und bei tiefen Temperaturen, also unter Bedingungen, wie sie sich
im Weltenraum vorfinden, und fand, daß all die genannten Keime
in längstens 6 Stunden getötet wurden. Er glaubt, damit der
Hypothese von dem kosmischen Ursprung des Lebens den Boden
entzogen zu haben. Bevor man jedoch diesen Schluß zieht, wird
man doch erwägen müssen, ob nicht vielleicht die im Weltenraum
schwebenden Keime, die wir ja vorläufig noch nicht kennen, der
ultravioletten Strahlung angepaßt und ihr gegenüber besonders
widerstandsfähig sind, denn Unterschiede sind ja in dieser Hin-
sicht denkbar. Ich erinnere nur, daß die Bakterien sehr licht-
empfindlich sind, daß aber die Purpurbakterien?) im direkten
Sonnenlichte gedeihen und in der Natur im Gegensatz zu den
meisten anderen Spaltpilzen auf das Sonnenlicht angewiesen sind.
So hat sich der nach Aufdeckung der Naturgeheimnisse
ringende Menschengeist bisher vergeblich bemüht, den Schleier vom
Rätsel des Ursprungs des Lebens zu lüften. Alle die geäußerten
Möglichkeiten: das Leben sei durch eine höhere Intelligenz geschaffen
worden oder durch Urzeugung entstanden oder sei überhaupt nicht
entstanden, sondern sei von Ewigkeit gewesen, lassen sich weder
!) Becquerel, P., Die abiotische Wirkung des Ultravioletts und die Hypothese
vom kosmischen Ursprung des Lebens. Comptes rendus 1910, S. 80—88.
2) Molisch, H., Die Purpurbakterien usw. Jena 1907. Es wäre wünschens-
wert, wenn Becquerels Versuche auch mit Purpurbakterien durchgeführt würden.
bestimmt beweisen, noch widerlegen. Daher fühlen sich manche
Naturforscher wie z. B. Wiesner!) bestimmt, die Frage nach der
Herkunft des Lebens „als derzeit indiskutabel möglichst beiseite
zu lassen und das Lebende gleich dem Leblosen als etwas Ge-
gebenes zu betrachten, über dessen Anfang und Ende wir uns noch
kein Urteil bilden können“. ;
Ich habe mich bemüht, die Geschichte unseres Problems nicht
etwa von einem Parteistandpunkt, sondern so objektiv als möglich
darzustellen, und komme zu dem Ergebnis, daß die Frage nach
dem Ursprung des Lebens derzeit unlösbar ist und vielleicht immer
bleiben wird. Wir stehen vor einem Welträtsel. Ebenso wie wir
heute darüber keine Sicherheit haben, worin das Wesen der Materie
und Kraft besteht, wo der Ursprung der Bewegung lag, wie die
Zweckmäßigkeit in der Welt der Lebewesen, die Sinnesempfindung,
vernünftiges Denken und der Ursprung der Sprache zu erklären
ist oder ob es eine Willensfreiheit gibt?), so bleibt auch der Schleier
von dem Rätsel des Lebensursprunges ungelüftett.e. Und indem
ich exakte Naturforschung und Naturphilosophie im Hinblick auf
Schillers geflügelte Worte scheide:
„Feindschaft sei zwischen Euch! Noch kommt das Bündnis zu frühe;
Wenn Ihr im Suchen Euch trennt, wird erst die Wahrheit erkannt‘,
kann ich vom Standpunkt des exakten Naturforschers auf die
Frage nach dem Ursprung des Lebens nur antworten: „Ich
weiß es nicht“ und von dem des Philosophen: „Vielleicht ist das
Leben ewig.“
t) Wiesner, J., Die Elementarstruktur und das Wachstum der lebenden Substanz,
1892, S.277. Vgl. ferner dessen Rektoratsrede in Wiesner, Natur— Geist— Technik,
Leipzig 1910, S. 133.
2) Du Bois-Reymond, E., Die sieben Welträtsel, 1880.
IX
Das Radium und die Pflanze’).
I. Einleitung.
Die Entdeckung des Radiums durch das Ehepaar Curie be-
deutet einen Markstein in der Entwicklung der Naturwissenschaft.
Nicht bloß in der Geschichte der Chemie und Physik, sondern
der Naturwissenschaften überhaupt. Die Eigenschaften dieses
Elements und seiner Verbindungen sind so auffallend, um nicht
zu sagen wunderbar, daß sie das Staunen selbst des ruhigsten
Naturforschers hervorrufen müssen. Das Radium sendet beständig
unsichtbare Strahlen aus, die undurchsichtige Körper von erheb-
licher Dicke durchdringen, nach Art der Röntgenstrahlen auf die
photographische Platte wirken, einen Zinkblendeschirm und viele
andere Körper im Finstern zum Leuchten bringen und die Luft
so stark für Elektrizität leitfähig machen (ionisieren), daß man
darauf eine der feinsten Messungsmethoden für Radiumstrahlen
begründet hat. Körper, die solche Eigenschaften besitzen, heißen
radioaktiv?). Es sind deren schon mehrere bekannt: das Uran,
Radium, Polonium, Aktinium und das Thor. Obwohl diese Körper
beständig Strahlen in Form materieller Teilchen aussenden, läßt
sich kein Gewichtsverlust feststellen. Und was besonders be-
merkenswert ist: das Radium entwickelt beständig Energie. Alle
Radiumpräparate leuchten ununterbrochen, erzeugen Elektrizität
und fortwährend so bedeutende Mengen Wärme, daß die Tem-
peratur des Präparates die Umgebung um einige Grade über-
treffen kann. Ein Gramm Radium gibt pro Stunde ıoo Gramm-
kalorien Wärme ab, also eine Wärmemenge, die einen Deziliter
!) Vortrag, gehalten am ıı. Dezember 1912 im Vereine zur Verbreitung natur-
wissenschaftlicher Kenntnisse in Wien. Im Verlage dieses Vereines IQI3 zuerst er-
schienen.
2) Gruner, P., Kurzes Lehrbuch der Radioaktivität. 2. Aufl., Bern ıg11.
Wasser um ı° C zu erwärmen vermag. Damit sind aber die
merkwürdigen Eigenschaften des Radiums noch nicht erschöpft.
Eine der auffallendsten ist wohl die, daß in der nächsten Um-
gebung des Radiums alle Gegenstände radioaktiv werden oder
sogenannte induzierte Radioaktivität annehmen. Bringt man
in ein geschlossenes Glasgefäß eine Radiumlösung und verschiedene
Gegenstände, Papier, Holz, eine Pflanze oder ein Tier, so werden
alle diese Objekte radioaktiv, aber nur vorübergehend, nicht
dauernd. Wie ein Pendel, in Schwingung versetzt, nach und nach
wieder zur Ruhe kommt, so verlieren auch die genannten Körper
nach einiger Zeit ihre Radioaktivität. Die Ursache dieser indu-
zierten Radioaktivität ist ein Gas — Emanation genannt — das
sich in sehr geringen Mengen beständig entwickelt, sich langsam
ausbreitet und dann wieder verschwindet.
Bis vor kurzem galt es als selbstverständlich, daß ein Element
nicht in ein anderes überzugehen vermag. Aber Rutherford
und Soddy wagten, um die Erscheinungen der Radioaktivität zu
erklären, die kühne Hypothese, daß dies für die radioaktiven
Elemente nicht gilt. “Sie haben alle ein sehr hohes Atomgewicht,
Uran 238.5, Radium 225.97 und Thor 232-4. Ein derartiges
Atom kann aufgefaßt werden als eine Ansammlung einer Unzahl
kleiner Korpuskeln (Teilchen), die zwar künstlich nicht von einander
getrennt werden können, die aber von selbst zerfallen. Bei diesem
Zerfall, der mit Explosionskraft von statten geht, entsteht Licht,
Wärme, Elektrizität; Elektronen werden ausgeschleudert, Emana-
tion wird gebildet, kurz alle Erscheinungen der Radioaktivität
treten zutage. So geht das Radiumatom unter Aussendung
körperlicher Strahlungen und Erzeugung neuer Energien einer
neuen Gleichgewichtslage entgegen und wandelt sich dabei in
andere Elemente um: in Emanation, Helium, dann in einen festen
Körper, in die sogenannte induzierte Aktivität, dann in andere
Elemente, bis der Zerfallsprozeß mit einem stabilen Gleichgewichts-
zustand, d. h. mit einem beständigen Element, vielleicht mit Blei,
abschließt.
Die vom Radium ausgehenden Strahlen sind von dreierlei
Art: a-, f- und y-Strahlen. Durch ein senkrecht zu einem Strahlen-
bündel wirkendes Magnetfeld werden die verschiedenen Strahlen
in verschiedener Weise abgelenkt, die a-Strahlen relativ wenig,
die $-Strahlen sehr stark und die y-Strahlen gar nicht. Das Durch-
dringungsvermögen der a-, #- und y-Strahlen z. B. durch Aluminium
Molisch, Populäre biologische Vorträge. 2. Aufl. 10
verhält sich ungefähr wie 1:100: 10.000 und ihr Ionisierungsver-
mögen wie 10.000:100:1
Die a-Strahlen machen etwa °/,, der gesamten Strahlung
aus. Sie setzen sich aus elektrisch geladenen Teilchen zusammen,
die mit ungeheurer Geschwindigkeit vom Radium fortgeschleudert
werden und die, wenn sie ihre positive Ladung abgegeben haben,
Atome des Heliums sind. Ihre Geschwindigkeit beträgt 1/,,—!/ao
der Lichtgeschwindigkeit. Sie werden sehr leicht absorbiert.
Die 5-Strahlen bestehen aus negativ geladenen Teilchen,
die eine dem Lichte etwa gleiche Geschwindigkeit besitzen. Sie
haben ein großes Durchdringungsvermögen.
Die y-Strahlen ähneln den Röntgenstrahlen und haben ein
noch größeres Durchdringungsvermögen als die £-Strahlen.
Experimentiert man mit in Glasröhrchen eingeschlossenen
Radiumpräparaten, so kommen fast nur f- und y-Strahlen zur
Wirkung, da die a-Strahlen das Glas fast nicht und die Emanation
das Glas gar nicht zu durchdringen vermögen.
Nach dieser orientierenden Einleitung wollen wir uns mit
der Frage beschäftigen, ob denn das Radium, dieser in physika-
lischer und chemischer Beziehung so merkwürdige Körper, nicht
auch auf die Pflanze eine besondere Einwirkung ausübt.
II. Bakterien und Schimmelpilze.
Über den Einfluß der Radiumstrahlen auf niedere Pilze
liegen bereits von verschiedenen Forschern (Aschkinass, Caspari,
Hoffmann, Pfeiffer, Friedberger, Goldberg, Dixon, Wig-
ham, Danysz, Dorn, Baumann, Valentiner, Bouchard,
Balthazard, Omeliansky, Körnicke u. a.) Untersuchungen
vor!).
Die Entwicklung der Bakterien wird im allgemeinen durch
die Radiumstrahlung gehemmt oder gar zum Stillstand gebracht.
Je stärker das Präparat und je länger die Strahlungsdäuer, desto
stärker die Wirkung, Der schädigende Einfluß läßt sich be-
sonders schön bei Farbstoff- und Leuchtbakterien demonstrieren.
Körnicke?) konnte zeigen, daß, wenn ein Radiumröhrchen aus
!) London, E.S., Das Radium in der Biologie und Medizin. Leipzig IQII,
Akad. Verlagsgesellschaft. Löwenthal, S., Grundriß der Radiumtherapie und der
biologischen Radiumforschung. Wiesbaden 1912.
2) Körnicke, M., Über die Wirkung von Röntgen- und ae auf
den pflanzlichen Organismus. Ber, d. deutsch. bot. Ges. 1904. Fortsetzung davon ebenda
1905, S. 324 und 404.
Glas an seiner Oberfläche mit einer Gelatineschicht überzogen wurde,
die mit Leuchtbakterien geimpft war, sich bei aufrechter Stellung
im feuchten Raume die Leuchtbakterien zwar überall entwickelten,
daß aber nach 2!/, Tagen das Leuchten unten an der Ansamm-
lungsstelle des Radiums abnahm und am 3.Tage hier vollständig
erlosch. Die erloschenen Bakterien blieben aber lebensfähig, denn
als sie wieder unter normale Verhältnisse, auf frische Nährgelatine
gebracht wurden, wuchsen und leuchteten sie weiter.
Ähnlich wie Bakterien verhalten sich auch Schimmelpilze.
Man beachte folgendes Experiment Körnickes. In eine kleine
Kristallisierschale, die 2 cm hoch mit einer guten Pilznährlösung
beschickt ist, werden die Sporen des Schimmelpilzes Aspergrllus
nıger möglichst gleichmäßig ausgesät und knapp über der Ober-
fläche wird ein Radiumröhrchen (5 mg Ra Br,) so befestigt, daß
die darunterliegenden Sporen von der Strahlung getroffen werden.
Nach 2-tägiger Kultur im Finstern hatte sich bei einer Temperatur
von 28° C überall reichlich Myzel gebildet, nur unter dem Röhrchen
unterblieb die Pilzentwicklung, weil die Strahlen die Keimung
der Sporen verhinderten. . Auch nach 33 Tagen hatte sich der
Pilz hier nicht entwickelt. .
Als Dauphin den Schimmelpilz Mortierella, Mucor u. a.
Radiumstrahlen aussetzte, wurde das Wachstum unterbrochen und
die Sporenbildung verhindert. :Unter normalen Verhältnissen ent-
wickelten sich die bestrahlten Pilze wieder weiter.
III. Keimung der Samen.
Läßt man Samen im gequollenen oder ungequollenen Zu-
stande mit Radium bestrahlen, so tritt in der Regel eine Wachs-
tumshemmung ein. Als Körnicke!) Samen von der Saubohne,
Vicıa faba mit einem Röhrchen, das ein Radiumsalzgemisch von
0-75 g mit etwa 4% Radium-Baryum-Chlorid enthielt, bestrahlte,
keimten die Samen, unter günstige Wachstumsbedin gungen gebracht,
bald. Aber schon nach 3 Tagen stellten die Wurzeln ihr Wachs-
tum ein. Auch schon eine einstündige Bestrahlung mit 53 mg
eines in ein Glasröhrchen eingeschlossenen Radiumbromidpräparates
reichte aus, um später Wachstumsstillstand bei den Keimlingen
herbeizuführen. Die Hauptwurzeln. solcher Pflanzen blieben im
Wachstum entweder stecken oder sie nahmen später das Wachs-
2, Körnicke,’M...2,220:
10%
tum wieder auf und entwickelten Seitenwurzeln. Die Spitze der
Sprosse, der Vegetationskegel wuchs nicht mehr weiter und an
seiner Stelle entwickelten sich in den Achseln der Keimblätter
kräftige Seitensprosse.
Während sich die Saubohne sehr empfindlich erwies, ver-
hielten sich die Samen von Drassica Napus sowohl gegen Röntgen-
wie gegen Radiumstrahlen sehr wenig beeinflußbar. Selbst eine
3-tägige Bestrahlung mit ıo mg Radiumbromid wirkte auf die
Keimung und die Weiterentwicklung nicht störend ein. Doch
ließen gequollene Samen, als sie mit derselben Radiummenge be-
strahlt wurden, eine Beschleunigung bei der Keimung, verglichen
mit den Kontrollsamen, erkennen. Man könnte daran denken,
daß die große Widerstandskraft der Drassica-Samen vielleicht in
der derben Samenschale ihren Grund hat, daß sie die Strahlen
verschluckt und sie in die tieferen Teile des Samens gar nicht
eindringen läßt. Das ist aber nicht der Fall, da auch teilweise
geschälte Samen sich ebenso verhielten. Ganz gefeit gegen die
Radiumstrahlen sind auch die Drassıca-Samen nicht; denn wenn
sie genügend lange, etwa ıo Tage im trockenen Zustande dem
Radium (10 mg) ausgesetzt werden, tritt auch hier Keimungsver-
spätung und schlechte Entwicklung ein.
Sehr anschaulich gestalteten sich analoge Versuche des ameri-
kanischen Botanikers Gager!). Auch er erzielte bei Keimlingen
der Lupine, des Hafers und des Thimothegrases eine Hemmung,
unter gewissen Bedingungen aber eine Beschleunigung der Ent-
wicklung. Das letztere traf ein, als in der Mitte eines mit Hafer-
früchten besäten Blumentopfes ein Glasröhrchen mit Radium
(1*500,000 Aktivität) 5 mm tief in den Boden eingesteckt wurde.
Die Samen in diesem Topfe keimten viel früher und die Keim-
linge wuchsen rascher. Sie standen in drei konzentrischen Reihen
im Topfe. Die in dem äußersten Kreise waren nach,einer be-
stimmten Zeit um 5o mm, die in dem mittleren um 46 mm und
die dem Röhrchen zunächststehenden Keimlinge um 42 mm größer
als die entsprechenden des Kontrollversuchs.
Die wachstumshemmende Einwirkung des Radiums auf
Keimlinge der Saatwicke (Vrera satıwa) veranschaulicht der
folgende Versuch, den ich gelegentlich angestellt habe. In einer
mit Erde gefüllten Glaswanne wurden ganz junge Wickenkeim-
') Gager, C. S., Some physiological effects of radium rays.. The American
Naturalist 1908. vol. XLII, Nr. 504.
linge in einer geraden Linie gepflanzt und, nachdem sie eine
Höhe von ı—2 cm erreicht hatten, wurde das Röhrchen (46-2 mg
reines Radiumchlorid) in der Mitte der Reihe parallel zu ihr in
einer Entfernung von !/, cm in etwa Knospenhöhe aufgestellt.
Das Ganze wurde noch mit einem Zinksturz bedeckt. 4 Tage
später waren die in nächster Nähe des Röhrchens stehenden Keim-
linge nur wenig gewachsen, die außer dem Bereiche des Röhrchens
stehenden aber gut, und zwar um so besser, je weiter sie dem
Röhrchen entrückt waren. (Fig. 21.)
IV. Die Emanation.
Wie bereits bemerkt wurde, entwickeln alle Radiumpräparate
fort und fort ein farbloses, chemisch völlig indifferentes Gas, die
Fig. 21. Wickenkeimlinge /(Vicia sativa) unter dem Einfluß eines Glasröhrchens
mit Radium. Die dem Röhrchen zunächststehenden Keimlinge erscheinen im Wachstum
außerordentlich gehemmt.
Emanation, die schon in 3,86 Tagen auf die Hälfte ihres Anfangs-
wertes zerfällt. Bei dem Zerfall sendet die Emanation nur «a-Strahlen
aus und verwandelt sich in verschiedene andere Elemente, genannt
Radium A, Radium B und Radium C, die die sogenannte induzierte
Radioaktivität oder den aktiven Niederschlag bilden. Die Emanation
ist, wenn auch nur in Spuren, in der Natur allgemein, im Boden,
in der Luft, in Thermalwässern und auch sonst verbreitet. Es‘
erscheint daher von Interesse, zu prüfen, welchen Einfluß die
Emanation auf die Pflanze ausübt. Es war, da es sich bei der
Emanation um die sehr wirksamen a-Strahlen handelt, von vorn-
herein sehr wahrscheinlich, daß die Wirkung eine sehr bedeutende
sein dürfte. In der Tat konnte Jansen!) zeigen, daß eine Ober-
flächenkultur der roten Farbstoffbakterie Dacıllus prodıgrosus
durch eine Emanation von etwa 400 Macheeinheiten pro ı ccm
getötet wird. Auch wird die Ausbildung des Farbstoffes sehr
gehemmt, oftsin solchem Grade, daß man ganz farblose Kulturen
erhält. Bringt man jedoch solche Bakterien wieder unter normale
Verhältnisse, so kehrt die Farbstoffbildung wieder zurück. Über
die Beeinflussung der höheren Pflanze durch die Emanation habe
ich selbst?) eine Reihe von Versuchen durchgeführt, denen ich
Fig. 22. Versuchsanstellung mit Emanation. Das Glasgefäß (links) enthält die
Radiumlösung, die die Emanation erzeugt. -Aus diesem wird die Emanation durch ein
Gebläse in das Versuchsgefäß (rechts) geschafft.
folgendes entnehme. Zunächst einige Worte über die*Yersuchs-
anstellung, die aus der Fig. 22 zu ersehen ist.
Das Gefäß links enthält die Radiumlösung, die die Emanation
erzeugt. Durch den Druck auf eine Kautschukbirne wird die
Emanation in das Grefäß rechts geblasen, das als Versuchsraum,
als Emanatorium dient. Alle 24 oder 48 Stunden wurde das
!) Jansen, H., Untersuchungen über die bakterizide Wirkung der Radium-
emanation usw. Ztschr. f. Hygiene usw., 19Io, Bd. 67, S. 135.
®2) Molisch, H., Über den Einfluß der Radiumemanation auf die höhere Pflanze.
Sitzungsber. d. kais. Akad. d. Wissensch. in Wien, 1912, Bd. CXXI, Abt. I, S. 833.
a a! en ——
Emanatorium wieder mit Emanation versehen. Es enthielt etwa
1,84 oder 3,45 Millicurie Emanation. Sie wird im folgenden als
starke Emanation bezeichnet werden. Ich arbeitete auch mit einer
mittelstarken (0,0009 Millicurie) und einer schwachen (0,00012 Milli-
curie) Emanation. Für den Kontrollversuch diente ein vollkommen
gleicher Apparat, der aber keine Emanation enthielt.
a) Keimlinge.
Die mit Keimlingen verschiedener Art durchgeführten Ver-
suche lehren zunächst, daß die Radiumemanation von einer ge-
Fig. 23. Phaseolus multiflorus, Feuerbohne. Links Kontrollexemplar, rechts nach
8. 23 P
Einwirkung starker Emanation. Diese hemmt die Entwicklung.
wissen Konzentration an auf wachsende Pflanzen einen schädigenden
Einfluß ausübt. Die Keimlinge bleiben, gleichgültig, ob ihre Samen
oder sie selbst der Emanation ausgesetzt waren, im Wachstum auf-
fallend zurück oder hören ganz zu wachsen auf oder gehen nach
einiger Zeit zugrunde.
Die Schädigung ist meistens eine dauernde. Während Pflanzen,
in anderer Weise geschädigt, z. B. durch längeren Aufenthalt in
_— 152 _—
einer mit Tabakrauch oder Leuchtgas verunreinigten Luft, wieder
normal werden, wenn sie in reine Luft gebracht werden, ist dies
bei den Emanationspflanzen meist nicht der Fall. Es tritt hier
eine physiologische Nachwirkung ein, der zugefügte Insult wirkt
weiter. Besonders ist es der Vegetationspunkt, der in Mitleiden-
schaft gezogen wird. Dies läßt sich an verschiedenen Keimlingen
beobachten. Bei denen von Zichorie (Czchorium intybus), der
Sonnenrose (Helianthus annuus), Kürbis (Cucurbrta pepo), der
Rübe (Beta vulgarıs) u.a. tritt nach der Einwirkung der Emanation
oft noch gutes Wachstum der Keimblätter ein, allein die End-
knospe bleibt sitzen und entwickelt sich nicht oder nur sehr langsam
Fig. 24. Pisum sativum, Erbsenkeimlinge. Links Kontrollexemplare, rechts nach
Einwirkung starker Emanation. Diese hemmt die Entwicklung.
weiter. Ähnliches gilt von der Wurzel und ihrer Vegetationsspitze.
Keimlinge, die unter dem Einfluß der Emanation stehen oder
standen, zeigen noch andere Eigentümlichkeiten: sie str&cken ihre
Spitze früher gerade als normale, sie ergrünen langsamer und
bilden weniger Anthokyan. Manche, wie Roggen (Secale cereale)
und Hafer (Avena satıva), scheiden an ihrer Spitze eine weiße
kristallinische Masse aus. Zur Erläuterung sollen einige Versuche
mitgeteilt werden.
Feuerbohne (Phaseolus multıflorus).
Zwei Blumentöpfe wurden mit Samen beschickt und als die
Keimlinge den Boden eben zu durchbrechen begannen, wurden
sie der starken Emanation durch 4 Tage im Finstern bei einer
Temperatur von 20—22° C unterworfen. Die Pflanzen in der
Emanationsluft waren im Wachstum bedeutend gehemmt, ihre
unter normalen Verhältnissen nach abwärts gekrüämmte Knospen-
spitze war fast schon ganz gerade gestreckt und die Ausbildung des
roten und gelben Farbstoffes war behindert.” Die Stengellänge
betrug bei den normalen Keimlingen nach 4 tätiger Versuchsdauer
durchschnittlich 15 cm und bei den Emanationskeimlingen 7 cm
(s. Fig. 23). Nach 24 Stunden ergrünten im Warmhaus die Blätter
der normalen Pflanzen, während die Emanationspflanzen selbst
nach 48 Stunden noch wenig Blattgrün gebildet hatten und daher
bleichgrün waren. Sie wuchsen fast gar nicht weiter.
Erbse (Prisum sativum).
Alles wie vorher. Beginn des Versuches am 20. November ıg1r1.
Einwirkung der starken Emanation durch 4 Tage.
Auch hier war der Längenunterschied der Stengel in den
beiden Kulturen sehr groß. Er verhielt sich nach 4 Tagen wie
10:3. Die Emanation hemmt das Wachstum der Stengel und
Wurzeln, die Bildung des gelben Farbstoffes und begünstigt die
Geradstreckung der Endknospe. (Fig. 24.)
Die Emanation muß aber nicht immer hemmend oder gar
tötend auf die Pflanze einwirken, sie kann auch, wenn sie in ge-
ringen Mengen geboten wird, eine Förderung der Entwicklung
hervorrufen. Das war bei den Keimlingen von Maithrola ıincana
(Sommerlevkoje), Cucurbita pepo (Kürbis) und Zelanthus annuus
(Sonnenrose) der Fall, bei den beiden letzteren, wenn die Ema-
nation auf den Samen und nicht erst auf den Keimling wirkte.
Es stellt sich eine gewisse Analogie mit Giften heraus. So wie
diese in Spuren fördernd auf gewisse Prozesse einwirken, in grö-
ßerer Menge hemmend oder gar tötend, so auch die Emanation.
Zur Veranschaulichung des Gesagten mögen folgende Versuche
dienen.‘
Kürbis (Cucurbita pepo).
Am og. April ı9r2 wurden Kürbissamen. in 3 Blumentöpfe
(I, II, III) ausgesät .und dann bei einer Temperatur von 17° im
Finstern der Emanation ausgeseszt.
I: Kontrollpflanzen,
II: schwache Emanation durch 5 Tage,
III: starke Emanation durch 5 Tage.
Am 26. April kamen die Keimblätter bei I und II aus der
Erde hervor. Die Hälfte der Keimlinge jeder Versuchsreihe blieb
im Topfe und wurde an einem Südfenster aufgestellt. Die andere
Hälfte wurde ins freie Land verpflanzt.
Fig. 25. Cucurbita pepo, Kürbiskeimlinge. Links nach Einwirkung starker, in
der Mitte nach Einwirkung schwacher Emanation, rechts Kontrollexemplar. Die starke
Emanation schädigt hochgradig, die schwache fördert etwas die Entwicklung.
a. Die Pflanzen in den Blumentöpfen: am 1ı5.Mai ıgı2 war
bei I die durchschnittliche Länge des Stengels 5,ı cm,
10-575; » % ss 8 Be
mr IE 5 Pe > Zn
Fig. 26. Phaseolus multiflorus, Feuerbohne. Keimlinge links nach Einwirkung
starker, Keimlinge in der Mitte nach Einwirkung schwacher Emanation, rechts Kontroll-
exemplare. Die starke Emanation schädigt stark, die schwache fördert etwas.
Schon der bloße Anblick lehrte, daß die Keimlinge von II
größer und üppiger waren als die Kontrollpflanzen, mit anderen
Worten, daß die Keimlinge durch schwache Emanation in ihrer
Entwicklung gefördert wurden. Hingegen wurde durch die starke
Emanation das Wachstum des Stengels, der Wurzel und der Koty-
ledonen gehemmt. (Fig. 25.) Die Pflanzen III gingen nach etwa
3 Wochen ein, ohne sichtlich weiter gewachsen zu sein, die von
II und I wuchsen gut weiter und gelangten zur Blüte. Die Pflanzen
II waren immer etwas stärker als die normalen, unterschieden sich
aber sonst nicht von I.
ß. Die Pflanzen im freien Lande: III gingen zugrunde, II
und I gediehen prächtig bis zur Frucht, ohne irgend merkliche
Unterschiede aufzuweisen.
Bohne (ZPhaseolus multıflorus).
Ein ganz analoger Versuch wurde mit Bohnen gemacht und
die Fig. 26 zeigt, daß die schwache Emanation auch hier eine
Fig. 27. Matthiola incana, Sommerlevkoje. Keimlinge rechts nach Einwirkung
starker, Keimlinge in der Mitte nach Einwirkung schwacher Emanation, rechts Kontroll-
exemplare. Die starke Emanation schädigt, die schwache fördert.
Förderung und die starke Emanation fast eine Sistierung des
Wachtums und schließlich ein Absterben des Pflanzen bewirkt hat.
Sommerlevkoje (Mafthrola incana).
Wie die Fig. 27 zeigt, war das Ergebnis im wesentlichen so
wie im vorigen Experimente,
Auch Winkler!) und Stoklasa?) konnten in ihren Versuchen
eine Förderung des Wachstums durch Radium dartun: Winkler,
!) Winkler, F. F., Über die Wirkung der Radiumemanation. Wiener mediz.
Wochenschr., Nr. 4I, 1912,
®) Stoklasa, J., Über den Einfluß der Radioaktivität auf die Entwicklung des
Pflanzenorganismus. Öster. Chemiker-Ztg. 1912, S. 301.
er 156 DER
als er im Wasser mit Emanation Zlodea, Ceratophyllum und die
Winterknospen von Myrrophyllum und Hydrocharıs morsus ranae
zog, und Stoklasa, als er Uranpecherz von verschiedenem Ge-
wichte (0,5—4 g), in Gläschen eingeschlossen, in die Knopsche
Nährlösung brachte, wo die Pflanzen kultiviert wurden.
Nach z2tägiger Versuchszeit betrug nach Stoklasa das
Gewicht von 9 Maispflanzen:
Pflanzen normal... =... 2.2, 2 2omwomes
R mit 0,5 g Uranpecherz 36,24 „
I OT v 3,98:
ar MENT, er 3,20%
> Pe KL OJRR = 2D2uR
Kleine Mengen bedingen also Förderung, große Hemmung.
Stoklasa prüfte auch den Einfluß der frischen, radioaktiven
Wässer (300—2000 Macheeinheiten) von Joachimsthal und fand,
daß die Samen verschiedener Gewächse, die er in radioaktiven
Wässern mazerieren (?) ließ, schon nach 24—36 Stunden keimten,
während sie im gewöhnlichen Wasser erst nach 56—ı120 Stunden
zu keimen begannen.
b) Erwachsene Pflanzen.
Die Emanation schädigt nicht bloß die Keimlinge, sondern
auch die bereits entwickelten Organe der Pflanzen. So werden
Blätter nach ein- bis dreitätigem Einfluß mißfarbig (Aucuba ja-
ponica, Fuchsia globosa) oder glasig durchscheinend (Zmpatıens
Sultanı). Die Schädigung kann schon im Emanationsraum oder
erst später auftreten.
c) Laubfall.
Überraschend erscheint der Einfluß der Emanation auf den
Laubfall. Gewisse Hülsenfrüchtler (Leguminosen) wie Caragana
arborescens, Amorpha fruticosa, Robinia pseudacacıa und andere
werfen in der Emanationsluft die Blätter viel früher ab als in
reiner Luft, und zwar auch schon im Frühjahr, also zu einer Zeit,
wenn unter normalen Verhältnissen noch gar nicht die Neigung
zum Laubfall vorhanden ist. Als ich je zwei 10—20 cm lange
Zweige von Caragana am 22. April im Finstern der starken Ema-
nation aussetzte, waren nach drei Tagen bei diesen Sprossen
245 Fiederblättchen abgefallen, während die Kontrollzweige noch
ganz intakt waren (Fig. 28).
Wie bereits vorhin bemerkt wurde, beeinflußt die Emanation
den Sproßscheitel (Vegetationspunkt) in besonders hohem Grade.
Der Vegetationspunkt gerät in eine gewisse Starre, entwickelt sich
nicht weiter oder wird sonst in irgendeiner andern Weise alteriert.
Wenn man die angeführten Versuche überschaut, so wird
es nicht unwahrscheinlich, daß die Emanation chemisch auf die
Zelle einwirkt, ähnlich wie ein Gift. Stark von der Emanation
beeinflußte Keimlinge können, obwohl ihre Reservestoffbehälter
von Baumaterial strotzen, nicht oder nur wenig weiter wachsen,
weil durch den chemischen Eingriff die Reservestoffe nicht mobi-
lisiert werden, wahrscheinlich durch Lahmlegung der Fermente.
Mit der Behauptung, die Emanation wirke chemisch, soll nicht
Fig. 28. Caragana arborescens-Zweige. Links normal, rechts entlaubt nach ztägiger
Einwirkung der Emanation.
>
gesagt sein, daß die Moleküle nicht auch mechanisch durch das
Bombardement der a-Strahlung und durch die Strahlung der Zer-
fallsprodukte geschädigt und ihr Atomverband gelockert werden
könnten.
Die Emanationsmenge, die sich bei Anwendung der starken
Radiumlösung im Versuchsraume befand und die auf Pflanzen
hochgradig schädigend oder tötend wirkt, war zwar relativ sehr
groß, aber dem Gewichte nach eine erstaunlich geringe. Sie be-
trug 0,0000063 mg. Es dürfte wenige Gifte geben, die schon in
so kleinen Dosen so tiefgreifende Schädigungen hervorzurufen
vermögen wie die Radiumemanation.
a
V. Das Radium, ein Mittel zum Treiben der Pflanzen), -
Die Gärtner haben sich schon lange Zeit hindurch bemüht,
die Ruheperiode der Pflanzen zu verschieben, abzukürzen oder
ganz aufzuheben, und ihre Bemühungen waren nicht ohne Erfolg.
In neuerer Zeit haben sich dieser Sache auch Männer der Wissen-
schaft angenommen und eine Reihe von ausgezeichneten Methoden
ausfindig gemacht, um die Pflanze aus ihrer Ruhe zu erwecken.
Ich erinnere nur an das Äther-, Warmbad-, Verletzungsverfahren
u. a. Im Laufe der zwei letzten Jahre habe ich gefunden, daß
auch das Radium diesem Zwecke dienstbar gemacht werden
kann. Wenn man in der zweiten Hälfte November Zweige vom
Fig. 29. Syringa vulgaris. Endknospen des Bündels ı -(links) durch 48 Stunden, des
Bündels 2 durch 24 Stunden, des Bündels 3 durch ı Stunde, die des Bündels 4 (rechts)
gar nicht mit Radium bestrahlt. Die beiden Bündel ı und 2 (links) hahen getrieben.
Die beiden anderen (rechts) nicht.
Flieder (S'yrınga vulgarıs) abschneidet, auf die Endknospen Glas-
röhrchen, in denen Radiumpräparate von bestimmter Stärke ein-
geschlossen sind, bis zur Berührung auflegt, hier ı—2 Tage beläßt
und dann die Zweige im Warmhause im Lichte weiter kultiviert,
so treiben die bestrahlten aus, die unbestrahlten Kontrollknospen
aber viel später oder gar nicht.
Zum Versuche diente unter anderem ein Röhrchen, das
t) Molisch, H., Über das Treiben von Pflanzen mittels Radium. Sitzungsber.
d. kais. Akad. d. Wissensch. in Wien, 1912, Bd. CXXI, S. 121.
46,2 mg reines Radiumbromid enthielt. Als am 25. November
ıgıo Syringaknospen durch 24 Stunden mit diesem Röhrchen
bestrahlt wurden, trieben sie nach einem Monat aus, während an
den unbestrahlten Kontrollknospen zu dieser Zeit und auch später
kein Treiben zu bemerken war. Den Erfolg eines ähnlichen Ver-
suches zeigt Fig. 29.
Die Bestrahlung von Knospen mit Radiumröhrchen hat aber
insofern einen großen Nachteil, als die Knospen von der Strahlung
höchst ungleichmäßig getroffen werden. Die einzelnen Teile der
Knospe liegen von der strahlenden Fläche verschieden entfernt,
müssen also schon aus diesem Grunde von ungleich intensiver
Fig. 30. Einwirkung der Radiumemanation auf Zweige von Flieder (Syringa vulgaris).
Bündel ı (links) ist in reiner Luft, Bündel 2 durch 20, Bündel 3 durch 48, Bündel 4
(rechts) durch 72 Stunden in Emanation gewesen. Die Kontrollexemplare (links)- treiben
nicht, die anderen um so besser, je länger sie der Emanation ausgesetzt waren.
Strahlung getroffen werden, der ungleichen Absorption der Strahlen
durch die Knospenschuppen, jungen Blättchen und Blütenanlagen
nicht zu gedenken.
Es schien mir daher wünschenswert, auch die Wirkung der
Radiumemenation auf die Ruheperiode zu untersuchen. Von
dieser war von vornherein ein viel gleichmäßigerer Angriff auf
die Knospe zu erwarten, da sie die Knospen von allen Seiten be-
einflußt und in ihr Inneres zwischen den Knospenblättern hindurch
einzudringen vermag. Dieser Gedanke hat sich denn auch als
richtig erwiesen und dementsprechend war auch die Einwirkung
— 160 —
der Emanation auf ruhende Knospen eine viel auffälligere als die
der Röhrchen. Als Emanationsraum diente wieder das in Fig. 22
abgebildete Gefäß. Zur Veranschaulichung mögen die beiden
folgenden Versuche angeführt sein:
Flieder (Syrınga vulgarıs).
Versuch am 27. November ıgıı.
ı. Zweigbündei in Emanation durch 20 Stunden,
2: = = e} „ 48 E
3: „ „ „ ”„ 12 „
4. Y stets in reiner Luft (Kontrollversuch).
Am ıo0. Dezember treibt Bündel 3, die anderen nicht.
Dass hr ;; » 4 nicht, ı mäßig, 2 sehr gut
und 3 ausgezeichnet.
Am 30. Dezember treibt 4 immer noch nicht, hingegen Kälken
alle, die der Emanation ausgesetzt waren, sehr gut getrieben. Die
Bündel 2 und 3 am besten. Von dem Aussehen der Zweige am
23. Dezember gibt eine gute Vorstellung die Fig. 30.
Roßkastanie (Aesculus Hıppocastanum).
Versuch am ı4. Dezember ıgıı.
ı. Zweigbündel in Emanation durch ı Tag,
3; 3 E si „.. 4 Tage
au ” stets in reiner Luft (Kontrollversuch).
In jedem Bündel waren 4 etwa ı5 cm lange Zweige. Am 4. Januar
ı912 begannen dıe Knospen bei ı und 2 sich zu strecken, bei 2
stärker als bei 1. Die Kontrollknospen waren unverändert. Am
15. Januar waren alle Emanationsknospen den Kontrollknospen,
die sich eben erst zu strecken begannen, weit vor, besonders die
Knospen, die nur 24 Stunden der Emanation ausgesetzt waren.
‘Ihre Länge betrug durchschnittlich 6,5 cm, bei Bündel 2 etwa
4 cm und bei den Kontrollknospen 3 cm. Über die außerordent-
liche Wirkung der Emanation vgl. die Fig. 31.
Sowohl die Versuche mit festen Radiumpräparaten als auch
die mit Emanation gelingen nur in einer gewissen Phase der
Ruheperiode, d. h. etwa in der zweiten Hälfte November und im
Dezember. Wird die Bestrahlung schon im September oder Oktober,
also zu einer Zeit, da die Ruheperiode noch sehr fest ist, vor-
genommen, so hat sie keinen Erfolg. Macht man die Versuche im
— 108 —
Januar oder noch später, wenn die Ruhezeit schon ausgeklungen
ist, so zeigt sich entweder kein Unterschied zwischen bestrahlten
und unbestrahlten Knospen oder es erscheinen die bestrahlten im
Wachstum mehr oder minder gehemmt. Sie verhalten sich dem-
nach in dieser Beziehung wie ätherisierte oder in lauem Wasser
gebadete Zweige.
Die Bestrahlung muß eine gewisse Zeit währen, sie darf
nicht zu kurz und nicht zu lang dauern; im ersteren Falle zeigt
sich kein Effekt, im letzteren wirkt die Bestrahlung hemmend,
schädigend oder sogar tötend. Abgesehen vom Flieder und der
Roßkastanie, gelangen die Versuche auch mit den Winterknospen
Fig. 31. Einwirkung der Radiumemanation auf Sprosse der Roßkastanie
(Aesculus Hippocastanum). Sprosse links in reiner Luft, Sprosse rechts 24 Stunden
der Emanation unterworfen. Die Emanationsknospen treiben, die Kontrollknospen aber
fast gar nicht.
des Tulpenbaumes (Zirzodendron), der Pimpernuß (.SZaphylea) und
einigermaßen auch mit denen vom Ahorn (Acer platanoıdes). Da-
gegen erhielt ich negative Resultate mit den Knospen von Ginkgo,
der Platane, der Rotbuche und der Linde, von denen die beiden
letzten bekanntlich auch auf Äther und Warmbad nicht oder nur
im geringen Grade reagieren.
Der Gärtner wird zunächst fragen, ob die von mir gemachten
Beobachtungen für die Praxis der Pflanzentreiberei von Bedeu-
tung sind. Darauf antworte ich: derzeit nicht. Bei der außer-
ordentlichen Kostspieligkeit des Radiums — ı mg Radiumelement
Molisch, Populäre biologische Vorträge. 2. Aufl. 1l
— 162 —
kostet gegenwärtig (1912) etwa 590 Kronen — ist nicht daran zu den-
ken, meine Befunde auch für die Praxis zu verwerten, zumal wir ja
jetzt in dem Warmbad ein so gefahrloses, billiges und leicht zu
handhabendes Mittel für. die Treiberei der Pflanzen besitzen !),
Pflanzenphysiologie und Gärtnerei sind vielfach aufeinander an-
gewiesen, und ich meine, der moderne Gärtner soll nicht immer
ausschließlich nach dem Nutzen einer Erscheinung fragen, sondern
sich auch ein Interesse bewahren für die Erscheinungen des
Pflanzenlebens an und für sich.
VI. Über Heliotropismus im Radiumlichte?).
Die Empfindlichkeit der Pflanze für außerordentlich geringe
Lichtintensitäten ist bekanntlich eine überraschend große. In
jüngster Zeit wurde sogar der Nachweis gebracht (Fröschel), daß
für einen Haferkeimling ein Lichtblitz der Sonne oder einer starken
Lampe von nur !'500 Sekunde schon genügt, um eine heliotropi-
sche Krümmung nach der Lichtquelle zu veranlassen. Mit Rück-
sicht auf diese überaus große Empfindlichkeit für Licht war es
von vornherein wahrscheinlich, daß auch das schwache Licht,
welches von festen Radiumpräparaten beständig ausstrahlt, für
das Zustandekommen des Heliotropismus schon ausreichen würde.
Hafer (Avena satıva).
Die zum Versuche verwendeten Keimlinge wurden in tiefster
Finsternis auf Keimschalen zur Keimung gebracht, dann in eckigen
Glaswannen in eine gerade Reihe gepflanzt und, sobald sie eine
Länge von etwa ı—ı1, cm erreicht hatten, in der Dunkelkammer
vor dem Radiumröhrchen aufgestellt. Das Licht des von mir
verwendeten Röhrchens reichte für ein an die Dunkelheit ge-
wöhntes Auge nicht aus, um die Taschenuhr abzulesen, und war
viel schwächer als das einer Strichkultur von der Leuehtbakterie
Pseudomonas lucifera Molisch. Das an einem Holzstäbchen in
horizontaler Lage befestigte Radiumröhrchen wurde parallel zu
den in einer geraden Reihe gepflanzten Keimlingen in einer Ent-
fernung von etwa ı—3 cm so aufgestellt, daß es die Spitzen der
Keimlinge etwas überragte. Über das Ganze stülpte ich noch,
l) Molisch, H., Das Warmbad als Mittel zum Treiben der Pflanzen. Jena
1909, bei G. Fischer.
®) Molisch, H., Über Heliotropismus im Radiumlichte. Sitzungsber. d. kais.
Akad. d. Wissensch. in Wien, ıgıı, Bd. 120, S. 312.
— 163 —
obwohl der Versuch in einer lichtdichten Dunkelkammer ablief,
zur ‘Sicherheit, um ja alles Licht abzuhalten, einen Dunkelsturz.
Bei einer Temperatur von 17— 18° C boten die Keimlinge 48 Stun- _
den nach Einleitung des Versuches das in der Figur 32 festge-
haltene Bild. Sie waren sämtlich
deutlich positiv heliotropisch, d.h.
zum Röhrchen hingekrümmt.
Die Fig. 33 zeigt einen ähn-
lichen Versuch mit demselben
Röhrchen, aber von oben gesehen.
Aus diesen und anderen Ex-
perimenten, die ich mit verschie-
denen Keimpflanzen angestellt
habe, ergab sich:
Die von stark leuchtenden
Radiumpräparaten ausgehenden ee. lung (doapa
Lichtstrahlen können positiven sativa), 48 Stunden einem leuchtenden
: . : Radiumröhrchen ausgesetzt. Alle Keim-
Heliotropismushervorrufen. Hafer linge wachsen auf das Licht des Röhr-
und Wickenkeimlinge krümmen chens zu, sie sind positiv heliotropisch.
sich auf leuchtende Radiumprä-
parate in auffallender Weise zu. Da die Lichtintensität der Radium-
präparate im allgemeinen eine sehr schwache ist, so gelingen die
nn
en)
An UNS iu
Fig. 33. Haferkeimlinge (Avena sativa), wachsen auf das Licht des Radium-
röhrchens zu, von oben gesehen.
Versuche nur mit heliotropisch empfindlichen Pflanzen. Keimlinge
der Gerste und der Sonnenblume, die eine weit geringere helio-
tropische Empfindlichkeit besitzen als Wicke und Hafer, wurden
durch die mir zur Verfügung stehenden Radiumpräparate niemals
LI8
ZE 164 er
zu heliotropischen Krümmungen veranlaßt. — Daß der Heliotro-
pismus nur von den leuchtenden Strahlen des Radiums hervor-
gerufen wird, davon kann man sich leicht überzeugen, wenn man
das Röhrchen mit einem schwarzen Papier umhüllt. Es unterbleibt
dann jede heliotropische Krümmung; die Keimlinge wachsen dann
gerade aufrecht weiter, da die das Papier durchdringenden f- und
y-Strahlen nicht richtend auf die Keimpflanzen einwirken und
die a-Strahlen in diesen Versuchen nicht in Betracht kommen,
weil sie durch die Glaswand des Röhrchens absorbiert werden.
Damit sind aber die Einwirkungen des Radiums auf die
Pflanze nicht erschöpft. Es liegen bereits Versuche von Gager
vor, die den Beweis liefern, daß durch das Radium die Stärke-
bildung im Licht und die Atmung der Pflanze gehemmt und die
Gärung der Hefe gefördert wird, und es unterliegt wohl keinem
Zweifel, daß die Zukunft uns noch mit einer Reihe anderer Be-
ziehungen zwischen der Pflanze und dem Radium bekannt machen
wird.
Hand in Hand mit den dem unbewaffneten Auge sichtbaren
Veränderungen, die die Pflanze durch das Radium erleidet, gehen
auch mikroskopische, und es scheint, daß hierbei auch der Zell-
kern Veränderungen erleidet. Es wäre nicht unmöglich, daß
vielleicht hierdurch der Anstoß zu neuen morphologischen und
physiologischen Eigenschaften gegeben wird, doch haben wir
vorläufig noch kein Recht, hierzu eine bestimmte Meinung zu
äußern, da es an einschlägigen sicheren Tatsachen derzeit fehlt.
Der Gegenstand bedarf spezieller Untersuchungen.
Immerhin läßt sich jetzt schon sagen, daß das Radium, dieses
wunderbare Element, das auf dem Gebiete der Physik und Chemie
so revolutionär gewirkt hat und gewisse fundamentale Anschauungen,
wie die von der Unwandelbarkeit des Elements und der Unteil-
barkeit des Atoms umgestoßen hat, auch auf die Lebewesen ganz
überraschende und eigenartige Wirkungen mit seiner unsichtbaren
Strahlung ausübt.
X.
Der Naturmensch als Entdecker
auf botanischem Gebiete’).
Die Fortschritte auf dem Gebiete der Naturwissenschaften und
der Technik haben sich in den letzten 30 Jahren derart gesteigert,
daß sie jedermanns Erstaunen erregen müssen. Chemie, Physik,
Biologie und Medizin wetteifern geradezu, Entdeckung auf Ent-
deckung zu häufen. Manche von ihnen wirken geradezu ver-
blüffend und erscheinen im ersten Augenblicke fast wie ein Wunder.
Wir photographieren mit den unsichtbaren Röntgenstrahlen durch
undurchsichtige Körper hindurch. Das Radium hat uns Erschei-
nungen kennen gelehrt, die fundamentale, anscheinend festbegrün-
dete Anschauungen über die Materie über den Haufen warfen,
ja sogar die Lehre von der Unveränderlichkeit der Elemente
erschütterten. Dank den genialen Untersuchungen von Hertz und
anderen tauschen wir heute unsere Gedanken über ungeheure
Strecken drahtlos aus; mit Hilfe elektrischer Wellen werden ohne
jedes Kabel Telegramme zwischen England und Amerika, über
den Atlantischen Ozean hinweg, oder zwischen Deutschland und
Afrika gewechselt. Der alte Traum des Menschen, sich in die
"Lüfte zu erheben und zielbewußt das Luftmeer zu durchfliegen,
ist Wahrheit geworden. Heute fliegen Menschen in wenigen Stun-
den von Paris nach Berlin, ja bis Petersburg und Konstantinopel,
und vor kurzem überflog ein kühner Aeronaut zwischen Marseille
und Tunis das Mittelländische Meer. Es klingt wie ein Märchen.
Dazu gesellen sich Fortschritte der synthetischen Chemie über
Flechtensäuren, Glykoside, Gerbstoffe, Indigo, Kautschuk, selbst
die Erzeugung von Eiweiß, diesem so wichtigen Bestandteil alles
1) Vortrag, gehalten am 10. Dezember 1913 im Vereine zur Verbreitung natur-
wissenschaftlicher Kenntnisse in Wien. Im Verlage dieses Vereines I9I4 zuerst er-
schienen.
— 166 —
Lebendigen, erscheint nicht mehr aussichtslos. Auch auf dem
Gebiete der Biologie und Medizin und ganz insbesondere auf dem
der Chirurgie und Chemotherapie gärt und treibt es, und jedes
Jahr bringt große Erfolge.
Warum häufen sich die bedeutenden Entdeckungen und Er-
findungen des Menschen so auffallend in den letzten Dezennien?
Ist der Mensch gescheiter geworden, hat sich seine Intelligenz
gesteigert? Das ist sicherlich nicht der Fall. Wir dürfen nicht
vergessen, daß der Mensch stets auf den Errungenschaften seiner
Vorfahren weiterbaut und daß die Fundamente der Wissenschaft
immer breiter und tiefer werden. Was die Väter ersannen, kommt
den Epigonen zugute. Ferner arbeiten jetzt viel mehr wissen-
schaftlich gebildete Menschen an den Fragen der Wissenschaft,
und damit wächst auch die Wahrscheinlichkeit, daß mehr entdeckt
und erfunden wird. Wie klein waren früher die Universitäten,
wie gering ihre Zahl, wie klein ihre Laboratorien und wie einfach
ihre Hilfsmittel! Heute hat sich die Zahl der Universitäten und
technischen Hochschulen, die stets die Pflanzstätten der Forschung
waren, wesentlich vergrößert, die wissenschaftlichen Institute ver-
fügen über größere Mittel und über viel mehr wissenschaftlich
geschulte Personen, die ihre Lebensaufgabe in der Förderung der
Wissenschaft erblicken. Ja man errichtet dank der Opferfreudigkeit
wissenschaftlicher Mäzene und der Initiative des deutschen Kaisers
wissenschaftliche Forschungsstätten, die nicht der Forschung und
der Lehre, sondern der Forschung allein zu dienen haben. Es soll
darin begabten Naturforschern Gelegenheit geboten werden, sich
ganz ungestört und enthoben von Unterrichts- und Verwaltungs-
sorgen der Forschung hingeben zu können.
In Anbetracht dieser überraschenden Fortschritte der Neu-
zeit auf dem Gebiete der Naturwissenschaften und mit Rücksicht
auf die großartigen technischen Errungenschaften derrmodernen
Kultur erscheint uns der Zustand eines Naturvolkes, naiv und
kindlich, und unwillkürlich drängt sich der Gedanke auf, daß es
auch mit der Intelligenz des Naturmenschen nicht besonders
bestellt ist, daß seine Beobachtungsgabe gering, seine Sinne stumpf
sind und daß ihm die Fähigkeit, Entdeckungen zu machen und
der Wissenschaft vorzuarbeiten, abgeht.
Ich habe mir heute die Aufgabe gestellt, Ihnen für ein be-
stimmt begrenztes Gebiet, für die Botanik, zu zeigen, daß‘ der
Naturmensch, der nach unserer berechtigten Auffassung auf einer
a 167 ——e
noch sehr tiefen Kulturstufe steht und auch vor Jahrtausenden
stand, eine Schärfe der Beobachtungsgabe entwickelt, die unser
Erstaunen erregen muß. Er hat zahlreiche bewundernswerte Ent-
deckungen und Erfindungen gemacht, die später wissenschaftliche
Fortschritte angebahnt oder überhaupt erst möglich gemacht haben.
Sie werden mich gleich verstehen, wenn ich Ihre Aufmerksamkeit
zunächst auf
die Entdeckung der Koffeinpflanzen
durch die Naturvölker lenke. Nach einer beiläufigen Berechnung
wird die Zahl äer heute bekannten Blütenpflanzen auf etwa
150000 Arten geschätzt. Unter diesen sind bisher nur 6 Gattungen
bekannt geworden, die das Alkaloid Koffein enthalten: ı. der
Kaffeebaum (Co/fea arabıca und andere Arten), 2. der Teestrauch
(Zhea mit mehreren Arten), 3. die Kolanuß (Cola acumınala),
4. der Paraguay-Tee oder Mate (//ex-Arten), 5. die Guarana (Samen
von Paullınıa Cupana = :P. sorbilis) und 6. der Kakaobaum (T7%eo-
broma Cacao). |
Cofea. Dieser zu den Rubiaceen gehörige Baum ist auf die
Tropen der alten Welt beschränkt. Er ähnelt mit seinen meist
karmoisinroten Früchten einem Kirschbaum. Im Fruchtfleisch
eingebettet liegen gewöhnlich zwei Samen, die jedermann be-
kannten Kaffeebohnen, die im gerösteten Zustande zur Kaffee-
bereitung dienen.
Der Tee wird von den jungen Blättern und Blattknospen des
zu den Ternstroemiaceen gehörigen Teestrauches Thea chinensis L.
geliefert. Ursprünglich wahrscheinlich in Assam (Asien) einheimisch,
ist er heute eines der verbreitetsten und beliebtesten Volksgenuß-
mittel.
Der Baum Cola acumınala und verwandte Arten dieser zu
den Sterculiaceen gehörigen Gattung, hauptsächlich in Westafrika
einheimisch, liefern die als Grenußmittel hochgeschätzten Kolanüsse.
Stücke der Nuß werden gekaut. Der Geschmack ist anfangs bitter-
lich und nicht besonders angenehm. Später wird er süßlich. Die
Wirkung ist ähnlich wie beim Tee und Kaffee und hängt von
dem Alkaloidgehalt ab.
Der Mate oder Paraguaytee, in Südamerika seit langem
gebraucht, stammt von einer Aquifoliacee, dem Baume Zex Para-
guayensıs St. Hil. und verwandten Arten dieser Gattung. Die
Blätter werden ähnlich wie die Blätter des echten Tees benutzt
und haben eine ganz analoge Wirkung.
— 168 —
Die Guarana wird aus den Samen der Pawullhnıa sorbilıs Mart.
bereitet. Dies ist eine im Gebiete des Amazonenstromes heimische
Liane, zur Familie der Sapindaceen gehörig. Die Samen werden
verrieben, zu einem Teig angemacht und dann in verschiedene
Formen gebracht. Die nach Europa gebrachte Guarana hat meist
die Form längerer Zylinder. Die Masse wird mit Wasser ange-
rührt und hat einen kräftigen bitteren Greschmack.
Der Kakaobaum, 7heodbroma Cacao L., ist ein wahrschein-
lich in den Küstengebieten des mexikanischen Meerbusens und
auf den westindischen Inseln heimischer, zu den Sterculiaceen ge-
höriger Baum. Er trägt sogenannte stammbürtige, bis 20 cm lange,
gurkenartige Früchte: von gelber oder roter Farbe, die in einem
süßlichen Fruchtmus zahlreicheSamen, die bekannten Kakaobohnen
bergen. Schon vor der Ankunft der Spanier in Amerika wurde
aus den Samen, die Koffein und die damit verwandte Purinbase
Theobromin enthalten, von den Indianern Kakao und Schokolade
bereitet. £
All die genannten Koffeinpflanzen, von denen Tee,
Kola und Kaffee der alten, Mate, Guarana und Kakao der neuen
Welt angehören, wurden von den Naturvölkern als nerven-
erregende Pflanzen erkannt, obwohl der wirksame Stoff,
das Koffein, weder riecht noch einen besonderen Ge-
schmack besitzt. Nachdem diese Pflanzen schon seit uralter
Zeit bei den Naturvölkern im Gebrauche waren, hat die Chemie
in diesen Pflanzen ein und dieselbe Substanz, das Koffein, als
wirksamen Stoff erkannt. Hätten die Naturmenschen mit ihrem
feinen Spürsinne diese Pflanzen aus dem Heer von anderen Ge-
wächsen nicht ausfindig gemacht, so würden wir wahrscheinlich
von Koffein und von Koffeinpflanzen noch gar nichts wissen.
Arzneipflanzen und technisch verwertete Rohstöfe.
Ähnlich wie bei den erwähnten Genußmitteln verhält sich
die Sache auch bei den Arzneipflanzen. Die meisten heute
bei den Kulturvölkern verwendeten offizinellen Pflanzen stehen
scit dem grauen Altertum im Gebrauch, und auf viele der ausge-
zeichnetsten Heilmittel aus dem Pflanzenreiche sind wir durch die
alten Völker hingewiesen worden.
Das Opium, bekanntlich der eingetrocknete Milchsaft der
unreifen Fruchtkapseln des Schlafmohnes (Pafaver somniferum),
mit seinem schmerzstillenden Morphin und anderen Alkaloiden
war schon den Alten bekannt. Das aus der Rinde von Cinchona-
bäumen stammende Alkaloid Chinin, das sich bis auf den heutigen
Tag als Fieberheilmittel bewährt hat, wäre vielleicht heute noch
nicht entdeckt, wenn die Naturvölker Südamerikas die eindringen-
den Spanier nicht auf die Fieberheilwirkung der Cinchonarinde
aufmerksam gemacht hätten.
Dasselbe gilt von anderen Heilalkaloiden, ferner von der
Alo&, dem Kampfer, Harzen, Balsamen, ätherischen Ölen und
Extrakten. Es ist nicht übertrieben, wenn ich behaupte, daß wir
die meisten bewährten Arzneimittel aus dem Pflanzenreiche dem
Entdeckergeiste des unzivilisierten Menschen und eigentlich nicht,
wenigstens nicht in ihrer ursprünglichen Form, moderner, wissen-
“ schaftlicher Forschung verdanken. Im beständigen Kampfe mit
der Natur, gar oft dem Hunger, Krankheiten, Ungeziefer und
den Unbilden der Witterung ausgesetzt, lehrte die Urmenschen
die Not beobachten, prüfen und entdecken. „Vielleicht, daß sich
bei ihnen hier und da jener Heilinstinkt geltend machte, welcher
das Tier treibt, die Fieberhitze in kaltem Wasser zu löschen, die
steifen Glieder an der Sonne zu erwärmen, die Wunden der Haut
mit dem eigenen Speichel zu befeuchten und bei verdorbenem
Magen Gras zu essen, um dadurch Erbrechen zu erregen. Der
Organismus reagiert auf reflektorischem Wege gegen die Schmerzen
und Leiden, von denen er ergriffen wird, und wählt dazu Mittel,
die am, nächsten liegen.“ „In diesem Sinne erscheint die Natur
als die erste Lehrerin der Heilkunde“ (Puschmann)!).
Barthels sagt von den Naturvölkern: „Sie unterscheiden mit
großer Sicherheit giftige und nützliche Gewächse; sie finden bei
beiden die Heilwirkungen heraus und verstehen es, sie zweck-
mäßig zu verwenden. Wir dürfen nicht vergessen, daß wir
manche wichtige Schätze unserer Pharmakopöe den Me-
dizinmännern der Naturvölker zu verdanken haben. Es
sei hier nur an die Chinarinde, die Cocablätter, an Strychnos und
Curare, an die Carıca fapaya, aber auch an die Ipecacuanha und
die Senega erinnert. Mit großer Leichtigkeit ließe sich diese
Liste noch erheblich (z. B. durch Sassafras und Quassıa u. a.)
vermehren ?).“
t) Zitiert nach Tschirsch, A., Handbuch der Pharmakognosie. Leipzig 1909,
S. 451.
2) Bartels, Die Medizin der Naturvölker, 1893. Zitiert nach Tschirsch,
Inc S:vA52.
Viele von den Naturmenschen entdeckten Gifte wurden später
zu Heilmitteln. Ich erinnere an das pflanzliche Pfeilgift Strophanthus,
an Akonit, an die Calabarbohne, den Mohn, an die giftigen Solaneen
und Umbelliferen.
Auch auf die meisten der technisch verwendeten Rohstoffe
des Pflanzenreiches haben uns die Naturvölker hingewiesen: auf
die Gummiarten, die Harze, Kautschuk, Indigo, Catechu, Fette,
Wachs, Stärke, Rinden, Algen, Flechten, Gallen, Hölzer, Fasern,
Wurzeln, Blätter, Samen und Früchte. Mit Recht sagt v. Wiesner
in seinem bahnbrechenden Werke!) mit Rücksicht auf die Roh-
stoffe: „Man darf nämlich nicht vergessen, daß die Auffindung
dieser Körper das Resultat einer mehrtausendjährigen Erfahrung
ist, an welcher alle Völker der Erde Anteil haben, und daß ge-
rade durch den Spürsinn unzivilisierter Völker die bedeutungs-
vollsten Entdeckungen in bezug auf die Auffindung von Roh-
stoffen zutage gefördert wurden. Es ist — des Tier- und Mineral-
reiches nicht zu gedenken — das Grewächsreich in einer so tief-
gehenden Weise auf seine Nutzbarkeit durchgeprüft, daß der
Forschung zur Auffindung neuer nutzbarer Rohstoffe nur wenig
Spielraum gegönnt ist.“
Der Palmwein.
Ein glänzendes Beispiel für die scharfe Beobachtungsgabe
des Naturmenschen bietet auch die Art und Weise der Gewinnung
des Palmweines in den Tropen. Seit alten Zeiten verstehen es
die Eingeborenen tropischer Gregenden, aus zahlreichen Palmen zu
gewissen Zeiten Zuckersaft (Toddy) abzuzapfen, der, falls nicht
Zucker daraus gewonnen wird, entweder direkt oder nach durch-
gemachter Gärung als Wein getrunken oder zur Arrakbereitung
verwendet wird. Grewöhlich fließt der Saft aus den angeschnit-
tenen Stummeln der Blütenspindeln (Cocos) oder des ganzen
Blütenstandes (Arenga) in reichlicher Menge hervor. Man dachte
früher allgemein, daß das Ausfließen des Saftes auf Wurzeldruck
zurückzuführen sei, daß also der im Wurzelkörper entstehende
osmotische Druck den Saft bis in die Baumkrone hinaufpresse
und hier durch die Wunden zum Ausfließen bringe. Da ich aber
gegen diese Auffassung Bedenken trug, nahm ich mir vor, als ich
pflanzenphysiologischer Studien halber im Jahre 1897/98 auf Java
weilte, die Gewinnung des Palmweines vom wissenschaftlichen
!) Wiesner, J. v., Die Rohstoffe des Pflanzenreiches usw., II. Aufl., 1. Bd., S. q.
——— 171 —
Standpunkte zu verfolgen. Es sei gleich bemerkt, daß nach meinen
an Ort und Stelle durchgeführten Untersuchungen das Ausfließen
des Saftes aus den angeschnittenen Palmblütenständen mit dem
Wurzeldruck nichts zu tun hat, sondern daß der osmotische Herd,
d. h. die Kraft, die den Saft hervorpreßt, im Stamme, und zwar
in der Nähe des Blütenstandes seinen Sitz hat. Als ich meine
Experimente auf Java begann und die Palmen in der Weise ab-
zapfte, wie dies in den Reisebeschreibungen und anderen Büchern
angegeben wird, wartete ich vergeblich auf ein Ausströmen von
süßem Saft. Erst als ich einen Eingeborenen anwarb, der im
Dienste eines Chinesen. stehend, täglich etwa 45 Kokospalmen ab-
zuzapfen und den Saft zu sammeln hatte, hatte ich Gelegenheit,
die Methode der Palmweingewinnung genau kennen zu lernen.
Mein Gehilfe ging in folgender Weise vor: „Er kletterte mit über-
raschender Gewandtheit, nur mit Füßen und Händen sich haltend
Fig. 34. Junger amputierter Blütenkolben von Cocos nuci/era, von der Scheide befreit,
an drei Stellen zusammengebunden. a Basis des Kolbens. b Amputationsstelle, die
durchschnittenen Spindeln lassen Zuckersaft abtropfen. c weibliche Blüte, die männ-
lichen Blüten sind fortgelassen. Der Blütenstand 7 mal verkleinert.
und stützend, die Palme hinauf und suchte in der Krone nach
solchen Blütenständen, die in der Scheide noch völlig eingeschlossen,
aber dem Aufbrechen nahe waren. Eine solche Scheide ist etwa
ı m lang. Ist ein passender Blütenstand gefunden, so schneidet
er die Spitze der Spatha ab, führt in dieser von oben bis unten
(zur Basis) mit dem Messer einen Längsschnitt und schneidet die
Scheide, nachdem er sie aufgeklappt, ab, so daß nun der junge
Blütenstand, dessen einzelne Verzweigungen noch der Hauptspindel
anliegen, nackt zutage liegt. Nun wird das obere Ende des ganzen
Blütenstandes in einer Länge von etwa 6 cm mittels eines Schnittes
entfernt, hierauf der zurückbleibende Blütenstand mittels Kokos-
blattfiedern an drei Stellen zusammengebunden — siehe die oben-
stehende Figur 34 — und unter dem oberen Ende ein Bambus-
rohr zum Auffangen des Zuckersaftes befestigt. Jeden folgenden
Tag wird dann morgens und abends neuerdings durch einen
Schnitt ein etwa !/, cm langes Stückchen von jeder Spindel ab-
getragen, und dies wird durch 4—5 Tage fortgesetzt. Dann erst
beginnt der Saft zu fließen; vor dem vierten bis fünften Tage
bleiben die Schnittflächen der Spindeln entweder trocken oder sie
schwitzen nur ein wenig. Ich ließ mir eine Bambusleiter an-
fertigen und stieg auf derselben bis zur Krone hinauf, um die
Prozedur des Abzapfens selbst kontrollieren zu können. Die Am-
putation erfolgte bei einem Blütenstande am 5. Januar. Am 9. tropfte
es bereits stark und den nächsten Tag noch stärker. Von jetzt an
wurde das Bambusrohr täglich zweimal, nämlich früh und abends
entleert, die Menge des ausgeflossenen Zuckersaftes gemessen und
bei dieser Gelegenheit die alten Schnittflächen der Blütenspindeln
durch Abtragen eines !), cm langes Stückes auch täglich zweimal
erneuert!).“ Innerhalb ı4 Tagen lieferte ein Kokosblütenstand
gegen 8 Liter süßen Saft.
Es kommt also nach der Verletzung des Blütenkolbens nicht
gleich zu einer Saftsekretion, sondern erst nach 4—5 Tagen, und
zwar nur dann, wenn nach der ersten Amputation täglich je zwei-
mal früh und abends von jedem Spindelende wieder ein etwa ı cm
großes Stück abgetragen wird. Dieser kontinuierliche Wundreiz
ist für das Ausfließen von wesentlicher Bedeutung.
Analoges, nur in viel auffallenderem Grade, trifft bei der
Zuckerpalme, der Arenga saccharıfera zu. Diese Palme erzeugt
riesige Blütenstände. Auch hier genügt es nicht, den Blütenstand
einfach abzuschneiden, sondern es ist auf Java üblich, den Kolben-
stiel an seiner Basis, da, wo er noch keine Verzweigungen besitzt,
vor der Amputation des Blütenstandes zu klopfen. Der Haupt-
stiel des männlichen Blütenstandes wird, bevor seine Blüten sich
öffnen, —5 Wochen, und zwar jede Woche einmal mit einem
Holzhammer ringsherum mäßig stark geklopft und gleich darauf
hin- und hergebogen, gewissermaßen massiert. Infolge des Klopfens
erhält der Kolbenstiel braune Wundflächen. Sowie die Blüten
aufzubrechen beginnen und der Kolben infolgedessen duftet, wird
er etwa 30 cm über seiner Basis abgeschnitten, so daß nunmehr
bloß der blütenlose Stummel am Baume verbleibt. An einer von
mir gemieteten, mit fünf stattlichen Blütenständen versehenen
Arenga wurde am 26. Januar ein männlicher geklopfter Blüten-
!) Molisch, H., Botanische Beobachtungen auf Java. III. Abh. Die Sekretion
des Palmweines und ihre Ursachen. Sitzungsber. d. kais. Akad. d. Wissensch. in Wien,
Mathem.-naturwiss. Kl., Bd. CVII, Abt. I, 1898.
77. Mrosle
stand gekappt. Die Schnittwunde des Stummels tropfte sofort, in
etwa je 2 Sekunden kam ein Tropfen süßen Saftes hervor. Nun
wurde ein ausgeräuchertes Bambusrohr darunter befestigt, täglich
eine neue Schnittfläche in die Wunde gemacht und der abge-
tropfte Zuckersaft täglich zweimal, meist abends und morgens,
gemessen. In. einem bestimmten Falle konnten innerhalb ı5; Tagen
ı8 Liter Saft aus einem Stummel gesammelt werden.
Die Manipulation des Klopfens in Verbindung mit der Er-
neuerung der Wundfläche spricht dafür, daß auch hier sowie
bei Cocos: ein Wundreiz eine wichtige Rolle spielt, der
den im Stamme durch Auflösung der massenhaft ange-
häuften Stärke gebildeten Zucker veranlaßt, sich gegen
die Wundfläche zu bewegen. Wie aufmerksam muß der
Naturmensch die Lebensvorgänge im Blütenstand beobachtet, wie
oft muß er mit dem Blütenstand herumprobiert haben, bis er auf die
geschilderte Manipulation gekommen ist und gelernt hat, die Palme
erfolgreich abzuzapfen!
Trinkwasser aus Bäumen.
Auf meinen Wanderungen im javanischen Urwald lernte ich
von den Eingeborenen ein Verfahren kennen, wie man sich da-
selbst tadelloses Trinkwasser aus Pflanzen verschaffen kann!).
Schon bei Junghuhn?), kann man lesen: „Sind die Javaner
durstig, so hauen sie ihn (den Czss«s-Strang) in einer Höhe von
4—5 Fuß über dem Boden durch und stellen sich mit geöffnetem
Munde unter das abgehauene Ende, aus welchem eine solche
Menge süßlichen Saftes hervorströmt, daß sie in wenigen Augen-
blicken ihren Durst zu löschen vermögen.“
Ich will gleich bemerken, daß bei dem von Junghuhn ge-
schilderten Verfahren kein oder so gut wie kein Wasser aus
Lianen herausfließt, sondern daß es für das Gelingen des Ver-
suches unerläßlich ist, in einiger Entfernung über der gemachten
Wundfläche den Stamm nochmals zu durchschneiden.
Eine ungemein anschauliche Schilderung von dem Ausfließen
!) Molisch, H., Botanische Beobachtungen auf Java. II. Abh. Über das Aus-
fließen des Saftes aus Stammstücken von Lianen. Sitzungsber. d. kais. Akad. d. Wissensch.
in Wien, Mathem.-naturw. Kl., Bd. CVII, Abt. I, 1898, S. 977.
2) Junghuhn, Java usw., deutsch von Hasskarl, 2. Aufl., Leipzig 1854,
H.sAbt,, S; 126: "
des Saftes aus Czssws-Stämmen fand ich bei Mohniket). Auf
einer Exkursion durch den Wald im Innern des Reiches Pontianak
auf Borneo begriffen, sieht sich Mohnike mit seiner Begleitung
zu seinem Leidwesen ohne Trinkwasser. „Kaum hatten wir
unserem Verdruß darüber, daß ein erfrischender Trunk Wasser
nicht zur Hand sei, in Worten Raum gegeben, als auch schon
einige unserer malayischen Begleiter sich in das Dickicht des
Waldes begaben, um einige Augenblicke später mit einem wohl
ıo Ellen langen Stücke eines abgehauenen Czssws-Stranges von
Armesdicke, welches auf mich den Eindruck eines. Ankertaues
machte, zu uns zurückzukehren. Gegen die Schnittfläche an jedem
der Enden dieses Stranges wurde von ihnen, um das Ausfließen
des Wassers aus demselben zu verhüten, ein Blatt angedrückt ge-
halten. Als sie dieses letztere von dem nach unten gehaltenen
Ende entfernten, ergoß sich aus ihm eine solche Menge kühlen
und erquickenden Wassers, daß wir wiederholt unsere Feldbecher
damit füllen und alle, Europäer wie Malayen, mehr als 30 an Zahl,
aus diesem Strange und einem zweiten, später nachgeholten, voll-
kommen unseren Durst löschen konnten. Noch oft habe ich später,
namentlich in den Urwäldern von Sumatra, mit Vergnügen dieses
Wasser aus den Czssws-Strängen getrunken und mich daran
gelabt.“
Ich habe mich auf Java von der Richtigkeit dieser Tatsache
überzeugt und die Erscheinung wissenschaftlich verfolgt. Auch
meinen eingeborenen Begleitern war die Erscheinung wohl be-
kannt, und nach meinen eigenen Erfahrungen kann es keinem
Zweifel unterliegen, daß man tatsächlich die Lianenstämme des
Urwaldes dazu benützen kann, um mit dem daraus sich ergießenden
Wasser den Durst zu stillen. Sorgt man dafür — was übrigens
gewöhnlich nicht notwendig ist — daß aus der aufgeschnittenen
Rinde nicht verunreinigende Bestandteile, wie Milchsaft, Narz usw.
in den Wasserstrom hineingelangen, so erhält man ein außer-
‘ordentlich reines, von Bakterien freies Trinkwasser. Ich habe
einige Male solches Lianenwasser getrunken und mich damit öfters
im Urwald gelabt. Es wäre wünschenswert, daß die wasser-
spendenden Lianen mehr bekannt würden, da keimfreies, reines
Wasser, zumal im tropischen Urwald, eine sehr begehrenswerte
Substanz ist, die vor mancherlei Krankheit behüten kann. Wenn
1) Mohnike, O., Blicke auf das Pflanzen- und Tierleben in niederländischen
Malayenländern. Münster 1883, S. 289.
—.175
man davon liest, wie oft Tropenreisende mit Wassermangel zu
kämpfen haben und sich nicht selten in lianenreichen Gegenden
mit einem Wasser voll Schlamm und Unrat begnügen müssen,
so muß man sehr bedauern, daß solchen Reisenden die Lianen
als Trink wasserquelle nicht bekannt waren.
Wenn man einen etwa 5 cm dicken Stamm einer Liane
mittels eines javanischen Hackmessers rasch durchschneidet, so
fließt in der Regel weder aus der unteren noch aus der oberen
Schnittfläche Wasser heraus. Sobald man aber in einer beträcht-
lichen Entfernung, am besten !/),—2 m über der
‚Schnittfläche, den Stamm neuerdings durchhackt
und dann das abgetrennte Stammstück lotrecht
hält, so strömt Wasser in mehr oder minder großen
Mengen, nicht selten in überraschend großen
Quantitäten, aus der unteren Schnittfläche hervor.
Ein in der angegebenen Weise abgehacktes Zweig-
stück von Uncarıa acıda ab — siehe Fig. 35 —
von etwa 3 m Länge und 5 cm Dicke, gab 590 ccm
Saft, gerade genug, um einen Durstigen zu er-
frischen. Diese Art der Trinkquelle entdeckt zu
haben, ist ein Verdienst der tropischen Naturvölker.
Das Geschlechtsleben der Pflanzen.
Es ist auffallend, daß das Geschlechtsleben
oder die Sexualität der Pflanzen erst am Ende des
ı7. Jahrhunderts von wissenschaftlicher Seite, und Fig. 35. Frisch ab-
zwar von Camerarius, Professor an der Uni- ee
versität in Tübingen, durch gründliche Beobach- stammes, aus dem
tungen und Versuche festgestellt wurde. Er zeigte, an es
daß der Fruchtknoten mit dem Griffel das weib- hervorströmt.
liche Organ und der Staubbeutel oder die An-
there das männliche Organ darstellt. Auch fand cr, daß, wenn
man bei Rıcınus, wo die männlichen Blüten von den weiblichen
auf derselben Pflanze getrennt sind, die Antheren, bevor sie sich
öffneten, beseitigte, man nur taube, d.h. nur samenlose Früchte
erhielt. Obwohl die verschiedenen Experimente von Camerarius
die Sexualität bei Pflanzen außer Zweifel stellten, bedurfte es
dennoch längerer Zeit, bis seine Anschauungen zur Geltung kamen.
Mit Rücksicht auf die so späte wissenschaftliche Begründung des
pflanzlichen Geschlechtslebens muß es wieder unsere Verwunde-
= 176 ——
rung erregen, daß schon zu Herodots Zeiten die Babylonier
männliche und weibliche Dattelpalmen unterschieden und daß
man schon in uralten Zeiten blühende Zweige der männlichen
Dattelbäume in der Krone der weiblichen Bäume aufhing, um
Früchte zu erzielen. Es fällt dann der Blütenstaub auf die weib-
lichen Blüten und befruchtet sie.
Auch sprechen unsere Bauern heute noch wie in alten Zeiten,
wenn sie die weibliche Hanfpflanze bezeichnen wollen, von der
Henne und, wenn sie die männliche bezeichnen, von dem Hahn.
Obwohl die Naturvölker von dem eigentlichen Befruchtungsakt
der Pflanze keine richtige, ja vielfach eine ganz falsche Vorstellung
hatten, so scheinen sie doch wenigstens bei den getrennt-ge-
schlechtigen, bei den sogenannten zweihäusigen Pflanzen eine
Ahnung davon gehabt zu haben, daß hier eine Art Sexualität
vorliegen dürfte.
Der Getreiderost und seine Beziehung zur Berberitze.
Eine Art Vorahnung bekundete der Naturmensch auch in
der Frage nach dem Zusammenhang zwischen dem Gretreiderost
und dem Sauerdorn oder der Berberitze (Berberıs vulgarıs). Unter
Getreiderost versteht man eine überaus häufige Krankheit der
Gräser, insbesondere unserer Gretreidepflanzen. Sie wird durch
den Pilz Puccınıa graminıs hervorgerufen. Er erscheint haupt-
sächlich an der Oberseite des Blattes in Form rostroter, pulveriger,
länglicher oder strichförmiger Häufchen, die die Oberhaut durch-
brechen. Diesen Pilz hat man früher Uredo genannt, und seine
einzelligen Sporen werden auch heute noch als Uredosporen be-
zeichnet. Später entstehen aus demselben Pilz zweizellige anders-
gestaltete Sporen, die die Aufgabe haben, den Pilz zu überwintern,
und Teleutosporen heißen. Merkwürdigerweise entwickeln sich
in der Natur diese Teleutosporen nicht auf den Gräsern weiter,
sondern auf den Blättern der Berberitze. Hier erzeugen sie auf
der Unterseite der Blätter polsterartig verdickte, gelbe Pusteln,
auf denen kleine orangegelbe Becherchen, die Äcidien, entstehen.
In diesen werden die Äcidiosporen erzeugt. Man hat dieses
Stadium früher für eine eigene Pilzgattung gehalten und Äczdıuım
genannt. Wenn die Äcidiosporen auf die Blätter der Getreide-
pflanzen gelangen, so keimen sie darauf und erzeugen wieder den
(retreiderost. Der Entwicklungskreis des Getreiderostpilzes ist
also recht kompliziert. Er umfaßt das Uredostadium mit den
— 277 ee
Teleutosporen auf den Gräsern und das Äcidiumstadium auf
dem Sauerdorn. Mit dem Generationswechsel ist also auch ein
Wirtswechsel verknüpft. Was hat das aber alles — so wird
vielleicht mancher von Ihnen schon fragen — mit unserem Thema
zu tun? Es wird Sie nun sicher überraschen zu hören, daß lange
bevor man die Entwicklungsgeschichte des Getreiderostes kannte
und bevor man wußte, daß das Uredo- und Teleutosporenstadium
mit dem Äcidium der Berberitze entwicklungsgeschichtlich zu-
sammenhängt, von den Landleuten immer und immer wieder be-
hauptet wurde, daß zwischen dem Getreiderost und der Berberitze
eine Beziehung bestehe und daß der Gretreiderost um so häufiger
in einer Gegend auftrete, je häufiger der Sauerdorn daselbst vor-
komme. Diese landläufige Ansicht wurde vielfach bekämpft, bis
die wissenschaftlichen Untersuchungen die einfachen, lediglich auf
aufmerksame Beobachtung in der Natur fußenden Ansichten des
Landmannes auf das glänzendste bestätigten. Seither wird auch
allenthalben empfohlen, Berberitzen in der Nähe von Getreide-
feldern nicht zu dulden. Und seitdem die Sauerdornsträucher in
Dänemark gesetzlich ausgerottet sind; ist das frühzeitige und ge-
fährliche Auftreten des genannten: Rostes sehr selten geworden.
Mit der Erklärung des Krieges gegen die Berberitze wird jetzt
von Seite der Wissenschaft einer Anschauung das Wort geredet,
die im Volke schon seit langem gang und gäbe war.
Die Hülsenfrüctler (Leguminosen) als Stickstoffsammler,
Wie die scharfe Beobachtung des Praktikers wissenschaft-
liche Entdeckungen vorbereiten kann, zeigt auch die Lehre von
der Stickstoffassimilation der Leguminosen. Schon im Altertum
war es, wie von einzelnen Schriftstellern berichtet wird, bekannt,
daß, wenn auf einem Felde Luzerne oder Wicke kultiviert worden
ist, eine Düngung dann überflüssig erscheint. Die praktischen
Landwirte machten die Beobachtung, daß die Nachfrucht auf
solchen Feldern, das Getreide, so gedeiht, als ob vorher gedüngt
worden wäre. Später erkannte man, besonders unter dem Ein-
flusse der Lehre Liebigs, daß es sich hierbei um eine Verbesse-
rung des Bodens durch Stickstoffanreicherung handelt, und man
fing an, alle zu den Leguminosen gehörigen Schmetterlingsblütler,
die Lupine, Erbse, Bohne, Wicke, Linse und andere als Stick-
stoffsammler zu bezeichnen, im Gegensatz zu den Getreide-
arten, der Kartoffel und der Rübe, von denen man wußte, daß
Molisch, Populäre biologisehe Vorträge. 2. Aufl, 12
— 178 x
sie einen Boden rasch seines Stickstoffs berauben und bei fort-
gesetztem Anbau immer wieder Stickstoffdüngung ' erfordern.
Stickstoffzehrer wurden sie deshalb genannt. Im Jahre 1883
erschien eine bedeutungsvolle Schrift des Rittergutsbesitzers
Schultz-Lupitz, in der der Beweis geliefert wurde, daß die
Leguminosen deshalb als bodenbereichernde Pflanzen anzusehen
sind, weil sie dem Boden Stickstoff zuführen. Er hatte selbst
durch ı5 Jahre hintereinander auf seinen Feldern mit Kainit, also
ohne Stickstoffdüngung Lupinen gezogen und trotzdem wurde der
Boden nicht nur stickstoffärmer, sondern sogar reicher. Dies mußte
natürlich auch die Aufmerksamkeit der wissenschaftlichen Kreise
erregen, und im Jahre 1886 brachten die ausgezeichneten Arbeiten
Hellriegels und Wilfahrts insofern die ersehnte Erklärung,
als sie zeigten, daß die Leguminosen an ihren Wurzeln kleine,
von bestimmten Bakterien bewohnte Knöllchen tragen, die die
Pflanzen befähigen, freien Stickstoff zu binden und zu assimilieren.
Entnimmt man dem Boden eine Kleepflanze, eine Bohne,
Wicke, Linse oder irgendeine andere Leguminose, so bemerkt
man an den Wurzeln eigentümliche Knöllchen, je nach der
Pflanzenart verschieden in Größe und Gestalt. In den Zellen
dieser Knöllchen entdeckte Woronin ı8606 Bakterien, später
wurden diese auch außerhalb der Pflanze gezüchtet und gleich-
zeitig wurde gezeigt, daß die Knöllchen nur dann entstehen, wenn
die Bakterien Gelegenheit haben, die Wurzeln zu besiedeln. In
sterilisierten Böden entstehen die Knöllchen nicht. Die schon
erwähnten Untersuchungen Hellriegels zeigten dann, daß die
Leguminosen an sich nicht die Fähigkeit haben, den freien Stick-
stoff zu assimilieren, wohl aber im Verein mit bestimmten Bak-
terienarten des Bodens, die sich in ihren Wurzelknöllchen an-
siedeln. Obwohl man heute über die Frage, wie die Leguminosen
dieses Kunststück fertig bringen, so gut wie nichts weiß, kann
an: der Tatsache der Assimilation von freiem atmosphärischen
Stickstoff durch die Hülsenfrüchtler nicht mehr gezweifelt werden.
Es ist in hohem Grade bemerkenswert, daß auch die praktischen
Erfahrungen in alter Zeit der Wissenschaft wertvolle Fingerzeige
gegeben haben.
Die Festigkeit der Bastfasern.
Unter den für den Menschen bedeutungsvollen Nutzpflanzen
stehen die Gespinstpflanzen in erster Reihe. Sie liefern den Natur-
völkern .seit Jahrtausenden das Rohmaterial für Kleider, Binden
und Seile. Wir wissen heute dank. den grundlegenden Unter-
suchungen von Schwendener, daß in der höheren Pflanze Zellen
vorkommen, die sich durch: eine ganz außerordentliche Festigkeit
auszeichnen und zweifellos die Aufgabe haben, der Festigkeit der
Pflanze zu dienen, so wie die Knochen in unserem Körper. Es
sind das die Holz-, Kollenchym- und Bastzellen. Merkwürdigerweise
erscheinen ’diese Zellen in der Pflanze genau so angeordnet, wie
es ein theoretisch und praktisch geschulter Ingenieur mit Rück-
sicht auf: die Lehren der Mechanik tun würde. Die Bastzellen
haben oft ein Tragvermögen, das dem des Schmiedeeisens gleich-
kommt, und der Bast mancher Pflanzen ist sogar bezüglich der
Festigkeit der guter Stahlsorten ebenbürtig. Diese hochinteressanten
Erfahrungen moderner Wissenschaft stehen im Einklang mit ur-
alten Erfahrungen der Naturvölker, die seit langem aus dem Stengel
verschiedener Pflanzen (Lein, Hanf usw.) gerade die Bastzellen
aufgespürt und daraus Binden und Seile gefertigt haben. Nun
zeichnen sich gerade die aus Bastfasern gemachten Seile durch
großes Tragvermögen aus, der Naturmensch muß also die große
Festigkeit der Bastfasern schon frühzeitig erkannt haben.
Auch der ganze Garten- und Obstbau beruht großenteils auf
alter Erfahrung. Das Veredeln, Okulieren, der Baumschnitt, die
Zucht von Form- und Spalierbäumen, die Vermehrung durch Steck-
linge, die Zucht von Edelsorten, die Düngung und viele andere
im Obst- und Gartenbau angewendete Verfahren und Kunstgriffe
reichen vielfach bis ins graue Altertum zurück und wurden nicht
in der Stube der Gelehrten entdeckt.
Ganz ähnliche Betrachtungen, wie ich sie in meinem heutigen
Vortrage für das botanische Gebiet angestellt habe, ließen sich
auch für das der Zoologie, Mineralogie, Chemie und Physik an-
stellen und man würde dabei zu ganz ähnlichen Schlußfolgerungen
gelangen. Überall würden wir dem feinen Spürsinn des Natur-
menschen begegnen. Aber trotz dieser natürlichen Begabung
würde es der Mensch nicht über eine gewisse Stufe der Erkenntnis
gebracht haben, wenn er, auf einer gewissen Kulturhöhe angelangt,
nicht angefangen hätte, Wissenschaft zu treiben, d.h. methodisch
. die Erscheinungen der Umwelt zu prüfen. Die Methoden in Ver-
12*
— 180 —
bindung mit glücklich ersonnenen Hypothesen sind es vor allem,
die die Naturwissenschaften auf eine so erstaunliche Höhe gebracht
haben. Durch sinnreiche Methoden und höchst empfindliche Appa-
rate wurden unsere Sinne verfeinert, der ganze sensible Apparat
sozusagen mit neuen Sinnesorganen ausgerüstet, und mit solchem
wissenschaftlichen Rüstzeug gelangt der moderne Forscher zu den
wunderbaren, oft verblüffenden Entdeckungen der Neuzeit, ja auf
einzelnen (rebieten haben wir es so weit gebracht, daß sich die
Wissenschaft erkühnen kann, Entdeckungen vorauszusagen. Auf
solcher Höhe angelangt, soll der moderne Forscher auf .die wert-
volle Pionierarbeit des Naturmenschen nicht vergessen, eingedenk
der schönen Worte Goethes:
„Selbst erfinden ist schön, doch glücklich von andern Gefundenes
Fröhlich erkannt und geschätzt, nennst Du das weniger Dein ?“*
XI
Der Scheintod der Pflanze’).
„Die organische Maschine stirbt also nicht jedes
mal, wenn sie vollkommen stille steht, so wenig wie
die Uhr jedesmal zerbricht, wenn das Pendel nicht
mehr schwingt.‘ Preyer.
I. Tritt der Tod momentan ein ?
Im Kreise der Laien erscheint vielfach die Meinung verbreitet,
es sei in jedem einzelnen Falle leicht, rasch zu entscheiden, ob ein
Tier oder eine Pflanze lebt oder tot ist. Auch glaubt man, es sei
leicht möglich, den Zeitpunkt genau festzustellen, in welchem der
Tod eintritt. Stirbt eine berühmte Persönlichkeit, ein Kaiser oder
König, so pflegt man die Zeit des Eintrittes des Todes auf die
Minute anzugeben, und diese Tatsache erweckt im Laien den Ge-
danken, daß der Tod momentan eintritt und daß zwischen Leben
und Tod eine scharfe Grenze besteht.
Gewöhnlich bezeichnet man einen Menschen dann als tot,
wenn die Atmung dauernd stille steht. Ist das der Fall,
so konstatiert und bescheinigt der Arzt den eingetretenen Tod.
Doch ist das eigentlich nur eine konventionelle Vereinbarung, in
Wirklichkeit kann bei dem „toten“ Menschen noch manches leben.
Wird ein Mensch enthauptet oder gehenkt, so stellt der Arzt nach
durchgeführter Hinrichtung den Tod fest. Allein wird einige
Minuten nach der amtlichen Feststellung des Todes der „tote“
Mensch seziert, so zucken die Muskeln beim Durchschneiden zu-
sammen, die Gedärme kriechen in lebhafter peristaltischer Bewe-
gung durcheinander und bei Eröffnung des Herzbeutels beginnt
das Herz in Berührung mit dem Sauerstoff der Luft von neuem
mehrere Minuten, ja bis zu einer Viertelstunde zu pulsieren. Kommt
es zum Stillstand, so genügt ein Nadelstich, um eine oder mchrere
!) Vortrag, gehalten am 9. Dezember 1914 im Vereine zur Verbreitung natur-
wissenschaftlicher Kenntnisse in Wien. Im Verlage dieses Vereins 1915 zuerst er-
schienen.
— ı82 —
Herzpulsationen auszulösen. 2—4 Stunden nach dem „Tode“ tritt
auf Reizung der Nerven Zuckung der zugehörigen Muskeln ein.
Kubialkot) gelang es sogar, in Herzen von Kinderleichen
Pulsationen der Vorhöfe und Herzohren bis 30 Stunden nach dem
„Lode“ zu erzielen, indem er sie mit Ringerscher Lösung durch-
strömte. Das die innere Oberfläche der Luftwege, des Kehlkopfes,
der Luftröhre und der Bronchien auskleidende Flimmerepithel
zeigt seine rhythmische Schlagbewegung an der Leiche noch tage-
lang nach dem Stillstand des Herzens in ausgezeichneter Weise.
Die Flimmerepithelbewegung konnte an der Schleimhaut eines
operierten Nasenpolypen, wenn die Aufbewahrung bei 4—6° C
stattfand, ı2, ı4, ja in einem Falle ı8 Tage nach der Operation
beobachtet werden (Busse), wie ich einem interessanten Artikel
Pütters?) entnehme.
Auch die farblosen Blutkörperchen und die Spermatozoiden
des Menschen können "lange sÜDeREBERTN, Analoge Tatsachen
bietet auch die Pflanze.
Georginen pflegen schon beim ersten stärkeren Herbstfrost
zu erfrieren. Sowie die Sonne die gefrorenen Blätter trifft, tauen
sie auf, schwärzen sich und hängen schlaff von den Zweigen herab.
Jeder wird das Blatt nach seinem Aussehen als tot. bezeichnen.
Als ich jedoch vor Jahren solche erfrorene Blätter mikroskopisch
untersuchte®), fand ich allerdings fast alle Zellen abgestorben, allein
die Schließzellen der auf der Unterseite des Blattes in großer Zahl
befindlichen Spaltöffnungen erwiesen sich in der Mehrzahl als
lebend. Die Schließzellen sind gegen Kälte und andere schädliche
Einflüsse viel widerstandsfähiger als die anderen Blattzellen. Wenn
wir also ein solches erfrorenes Blatt als tot bezeichnen, so ist dies
nur zum Teil richtig, eigentlich können wir nur sagen, ein: der-
artiges Blatt ist als Ganzes nicht mehr lebensfähig und zum größten
Teil tot.
Der Tod braucht daher ein Be nicht durch Be: durch
momentan zu erfassen, er schreitet allmählich vor.
l) Kubialko, Zentralblatt für Physiologie, Bd. 16, 1902, S. 330.
2). Pütter, A., Die Chronologie des Zelltodes bei Warmblütern. Die Natur-
wissenschaften . 1914, S. 628.
3) Über den Scheintod der Tiere vergleiche hatpkeachliekt W.Preyer, Natur-
wissenschaftliche Tatsachen und Probleme, Berlin 1880, S. ı;: Verworn, M., Er
meine Physiologie, Jena 1897, S. 129.
*) Molisch, H., Untersuchungen über das Erfrieren der Pflanzen, TR am Ss. 30.
= 183 en
II. Der Begriff des Scheintodes.
Sowie es Schwierigkeiten bereitet, genau den Zeitpunkt für
den Eintritt des Todes bei einem höheren Lebewesen anzugeben,
so ist es in vielen Fällen auch nicht leicht, durch bloßes Ansehen
und ohne genauere Prüfung zu entscheiden, ob ein Lebewesen,
ein Gewebe oder eine Zelle lebt oder tot ist.
Ein lufttrockenes Getreidekorn, das hier am Tische liegt,
verrät keinerlei Lebenserscheinungen. Es wächst nicht, es assimi-
liert nicht, es bewegt sich nicht, kurz, es gibt kein Lebenszeichen
von sich. Erst wenn es, in feuchte Erde und auch sonst unter
günstige Wachtumsbedingungen gebracht, keimt, Wurzel, Stengel
und Blätter bildet, dann kann ich sagen: Dieses Gretreidekorn war
nicht tot, sondern lebend. Im trockenen Zustand aber unterscheidet
es sich, soweit es das Auge beurteilen kann, nicht von einem toten.
Ein Lebewesen, gleichgültig ob Pflanze oder Tier, das
keine merkbaren Lebenszeichen von sich gibt, aber doch
lebensfähig ist, bezeichnet man als scheintot. Das Ge-
treidekorn, dem, obwohl es keine Lebenszeichen aufweist, doch
die Fähigkeit zum Leben, zum Keimen innewohnt, ist scheintot.
Erst wenn es die Lebensfähigkeit einbüßt, ist es tot.
III. Lebensreaktionen.
Für den Physiologen erscheint es in vielen Fällen von großer
Wichtigkeit zu wissen, ob eine Zelle lebt oder tot ist. Häufig
wird auch die Entscheidung darüber keine Schwierigkeiten bieten,
z. B. wenn man in der betreffenden Zelle Plasmaströmung oder
Kernteilung vor sich gehen sieht. Aber so auffallende Lebens-
. erscheinungen lassen sich nur in den seltensten Fällen feststellen,
und daher hat man von verschiedenen Seiten gewisse Methoden,
sogenannte Lebensreaktionen empfohlen, die es wenigstens
sehr häufig ermöglichen, in zweifelhaften Fällen Lebendes vom
Toten zu unterscheiden und von denen vier hier angeführt
werden sollen.
ı. Eines der besten Mittel, um sich vom Leben einer Pflanzen-
zelle zu überzeugen, ist die Plasmolyse. Wird eine lebende
Zelle, z. B. eine Oberhautzelle des Blattes von Zradescantia oder
eine Moosblattzelle in eine ıoprozentige Kochsalzlösung gelegt, so
wird der. Zelle Wasser entzogen, das Plasma hebt sich, wie dies
in der Fig. 36 ersichtlich ist, von der Zellhaut ab, schrumpft und
ballt sich in der Zelle zusammen. Dieses Abheben des Plasmas
— 184 —
von der Wand infolge wasserentziehender Mittel nennt man Plasmo-
lyse. Eine Zelle, bei der sich Plasmolyse hervorrufen läßt, wird
als lebend angesprochen, denn tote Zellen zeigen diese Erschei-
nung nicht. Obwohl diese Lebensreaktion ganz ausgezeichnete
Dienste leistet, läßt sie doch nicht selten im Stiche, weil die Zelle
entweder zu klein oder ihr Hohlraum zu schmal oder mit Reserve-
stoffen so vollgepfropft ist, daß eine Schrumpfung gar nicht recht
eintreten kann.
2. Auch elektrische Induktionsschläge können zum Nach-
weis des Lebens herangezogen werden. Das lebende Protoplasma
zieht sich auf solche Schläge momentan zu-
sammen oder es wird in seinem Bau zer-
stört. Diese Methode liefert aber im Ver-
gleich zur Plasmolyse viel weniger gute
Resultate, weil sie in vielen Fällen versagt.
3. Loew und Bokorny!) haben die
“ Silberreaktion als Mittel für unsere
Zwecke empfohlen. Sie fanden, daß lebende
Zellen in ihrem Innern aus sehr verdünnter
schwach alkalischer Silberlösung Silber re-
duzieren. Werden lebende Zellen von ‚S%zro-
gyra, Zygnema oder anderen Pflanzen in
eine verdünnte alkalische: Silberlösung für
6—ı2 Stunden gebracht, so schwärzt sich
Fig. 36. Vier Zellen aus das Plasma infolge der eingetretenen Silber-
einem Moosblatt (Mmum). eduktion. Getötete Zellen geben diese
Nach Behandlung mit Kochsalz- ? x ; \
lösung zieht sıch das Plasma von Reaktion nicht und deshalb erblicken die
hr a Men ee beiden Forscher darin eine brauchbare
Lebensreaktion. Leider gelingt die Reaktion,
wie die beiden Genannten selbst schon gefunden haben, nicht mit
allen lebenden Zellen, und daher ist die Anwendbarkeit dieser
Reaktion auch nur beschränkt.
4. Das lebende Plasma hat die Fähigkeit, gewisse Farb-
stoffe, z.B. den im Pflanzenreich so weit verbreiteten blauen
violetten oder roten Farbstoff vieler Blüten, das Anthokyan nich
durchzulassen, während das tote ihn nicht bloß durchtreten
läßt, sondern auch speichert. Man kann sich leicht davon durch
folgendes Experiment überzeugen. Ich schneide aus einer leben-
!) Loew, O., und Bokorny, Th., Die chemische Kraftquelle im lebenden
Protoplasma, München 1882,
den roten Salatrübe zwei gleich große Würfel heraus und lege
den einen sofort in ein Glas Wasser, den zweiten aber erst, nach-
dem er in einem Luftbad bei 60° C getötet wurde. In dem ersten
Gefäß, wo die lebende Rübe liegt, tritt der Farbstoff nicht aus,
das Wasser bleibt ganz farblos, in dem zweiten aber, wo sich die
abgetötete Rübe befindet, kommt der Farbstoff aus dem Gewebe
reichlich heraus und färbt das Wasser stark rot.
Auch diese Eigentümlichkeit des Plasmas, im lebenden Zu-
stande für gewisse Stoffe undurchlässig zu sein, kann man als
Lebensreaktion benützen.
Wenn man von keiner dieser Methoden einen allgemeinen
Gebrauch machen kann, so wird man trachten müssen, sich nicht
mit einer Lebensreaktion zu begnügen, sondern möglichst viele
heranzuziehen und miteinander zu kombinieren, um zu einer halb-
wegs sichern Entscheidung zu gelangen.
Die sicherste Probe auf Leben liegt wohl in der Feststellung
der Weiterentwicklung. Entwickelt sich eine Zelle, ein Gewebe
oder ein Keim weiter, dann kann an seinem Leben und seiner
Lebensfähigkeit nicht gezweifelt werden.
4. Vorkommen des Scheintodes.
Eines der bekanntesten Beispiele für Scheintod gibt das
Bärentierchen Macrobrotus Hufelandır! ab. Dieses milbenartige,
zu den Tardigraden gehörige Tier lebt gewöhnlich in Moosrasen
und da diese sich auch häufig auf Schindeldächern vorfinden, so
gelangen sie von dort auch in Dachrinnen, können hier zurück-
bleiben und in den eingetrockneten Resten des Staubes leicht ge-
funden werden. Diese Bärentierchen sind in der Natur häufig
dem Austrocknen ausgesetzt, stellen ihre Bewegungen mehr und
mehr ein und schrumpfen schließlich zu einem winzigen Klümp-
chen, das keine Lebenserscheinungen mehr verrät, zusammen. In
diesem Zustande, in diesem Scheintod kann das Tierchen lange
Zeit verharren; wenn es aber nach einem Regen wieder Grelegen-
heit hat, Wasser aufzunehmen, beginnt es sich zu strecken und
zu recken und nimmt seine gewöhnliche Lebenstätigkeit wieder auf.
Ähnlich wie die Bärentierchen verhalten sich auch die zu
den Würmern (Nematoden) gehörigen Kleisterälchen, die in kranken
Weizenkörnern leben, viele Infusorien, Flagellaten und zahlreiche
Rädertierchen.
— 136 —
Einen ganz besonders interessanten Fall von Scheintod stellen
gewisse Rädertierchen (Callıdına) dar, die in den Blattröhrchen
eines auf Baumstämmen häufig vorkommenden Lebermooses
Frullanıa dılatata leben. In den wie Kappen aussehenden Blatt-
öhrchen halten sich mit Vorliebe die Rädertierchen Calhdına
symbrotica und €. Zertgebri auf, wahrscheinlich weil sie hier günstige
Ernährungsbedingungen finden. Trocknet das Moos aus, so ver-
fallen die Tierchen in den Scheintod; sowie die Moosrasen aber
vom herabrieselnden Regenwasser befeuchtet werden, erwachen
die vorher geschrumpften Rädertierchen zu neuem Leben und
lassen gleich darauf ihre Räderorgane lebhaft spielen. Solche
Rädertierchen, die jahrelang mit dem Moos in einem Herbar
lagen, können nach Befeuchtung mit einem Tropfen Wasser aus
ihrem latenten Leben wieder zu aktivem zurückkehren. Das
Pflanzenleben bietet eine reiche Fülle von Scheintodbeispielen!),
von denen einige der wichtigsten und interessantesten hier be-
sprochen oder erwähnt werden sollen.
Lebermoose. Manche dem Austrocknen in der Natur häufig
unterworfene Lebermoose erhalten sich im trockenen Zustande
lange am Leben. Schröder beobachtete, daß Corsınıa marchan-
tıordes, das 7 Monate im Herbar aufbewahrt war, unter normale
Verhältnisse gebracht, wieder weiter wuchs.
Laubmoose. In weit höherem Grade als bei Lebermoosen
erscheint die Austrocknungsfähigkeit bei Laubmoosen ausgebildet.
Sie kommt hauptsächlich jenen Laubmoosen zu, die in der Natur
auf trockenen Standorten vorkommen. und die sich daher dem
Wechsel von Benetzung und Austrocknung angepaßt haben. Solche
Moose sind außerordentlich lebenszäh.. So ertrug eine auf einem
Stück Kalktuff gewachsene Darbula ungurculata über zwanzig
Wochen Lufttrockenheit und durch Schwefelsäure noch verstärkte
Trockenheit. Nach dem Anfeuchten erwiesen sich alle*Zellen als
lebend, und die Stämmchen wuchsen weiter.
Im allgemeinen kann man sagen, daß nach Schröder auch
die an extreme: Austrocknung gewöhnten Arten nach einigen
Jahren — die äußerste Grenze sind .; Jahre — abgesehen von
ihren Sporen absterben. Diese aber können noch viel länger im
!) Schröder, G., Über die Austrocknungsfähigkeit der Pflanzen. Arbeiten des
Tübinger Institutes, II. Bd., 1886, S. ı. Vgl. auch Irmscher, E., Über die Resistenz
der Laubmoose gegen Austrocknen und Kälte. Pringsheims Jahrb. f. wiss. Bot. 1912,
Bd:250, 52387.
— 187 23
Scheintod verharren. So fand W. Schimper, daß Moossporen,
die 5o Jahre im Herbar gelegen hatten, ebenso keimten, als wenn
sie von frischen Pflanzen genommen worden wären.
Algen. Während viele Algen das Austrocknen überhaupt
‚nicht vertragen, zeichnen sich andere gerade dadurch aus. Die
letzteren findet man besonders in der Familie der Palmellaceen.
Der den grünen Anflug an der Nordwestseite vieler Baumstämme
bildende Pleurococcus vulgarıs erwies sich nach 20 Wochen langem,
scharfem Trocknen als lebend. |
Pilze. Viele Bakterien ertragen das Austrocknen nicht,
andere in hohem Grade. Erstaunlich lange können gewisse: Erd-
bakterien in Trockenstarre verharren, um dann wieder zu neuem
Leben zu erwachen. -»
Nestler!), der in einwandfreier Weise aus einem sehr alten
Moosherbar der den Moosrasen anhaftenden Erde Bakterien ent-
nahm und auf ihre Lebensfähigkeit prüfte, kam zu dem interessanten
Ergebnis, „daß einige sporenbildende Bakterien — Bacıllus vul-
gatus, B. mycordes und B. subtılıs — eine jahrzehntelange Aus-
trocknung bei gewöhnlicher Temperatur vertragen und sich durch
mindestens 92 Jahre lebensfähig erhalten können.“
Die Austrocknung des Vegetationskörpers höherer Pilze ist
gerade nicht häufig, hingegen gibt es viele Sporen, die diese Eig-
nung in hohem Grade besitzen. Brefeld erhielt aus 6 Jahre
alten Sporen von dem Schimmelpilz Aspergıllus Aavus nach dem
Auskeimen neue Pflänzchen.
V. Liebenberg untersuchte die Sporen von Brandpilzen,
die verschieden lange im Herbar trocken aufbewahrt worden waren.
„Erhalten war die Keimkraft der Sporen noch bei Zzlletıa carıes
nach 8'/, bei Usiilago carbo nach 7'/, bei Usztilago Kolaczkıt,
Cramer! und destruens nach 53'/, bei Ustilago Tulasneı nach
61/, Jahren und scheint es nicht zweifelhaft zu sein, daß diese
Zeiträume noch verlängert werden können, ohne daß dadurch die
Keimkraft dieser Sporen wesentlich beeinträchtigt wird?).‘“
Samen. So wie die Austrocknungsfähigkeit bis zur völligen
Lufttrockenheit bei blütenlosen Pflanzen ohne Einbuße der Lebens-
fähigkeit ganz besonders bei Sporen zutage tritt, so findet sich
diese Eigenschaft bei den Blütenpflanzen nur mehr in ausgezeich-
I) Nestler, A., Zur Kenntnis der Lebensdauer der Bakterien. Ber. d. deutschen
bot. Ges. 1910, Bd.:28;:S._7:.:: ;
2) Zitiert nach-Schröder, ]. c., S. 35.
— 188 —
neter Weise ausgebildet bei den Samen. Diese verhalten sich aber
darin sehr verschieden.
So keimen nach den Untersuchungen von Hildebrand die
Samen von Sauerklee, Oxalis rubella und O.lancifolia und deren
Verwandten gleich nach dem Aufspringen der Frucht und werden
durch Austrocknen getötet.
Die Keimungsfähigkeit der Weidensamen bleibt nur wenige
Tage erhalten. Aber abgesehen von diesen und einigen anderen
Fällen behalten die meisten Samen ihre Keimfähigkeit jahrelang bei.
Genaue einschlägige Versuche über Getreidefrüchte ver-
danken wir Burgerstein!). Darnach keimen die Früchte von
Gerste, Weizen und Hafer nach zehnjähriger Aufbewahrung (mit
Papier umhüllt in einer Schublade) noch zu etwa 70—90°/,, während
beim Roggen die Keimkraft nach ıo Jahren erlischt. Andere
Samen bleiben noch viel länger keimungsfähig; es gehören hierher
die Samen vieler Schmetterlingsblütler (Papilionaceen), kürbisartiger
Pflanzen (Cucurbitaceen), ferner die vom Liebesapfel, Zichorie
und Raps.
Die längste Keimfähigkeitsdauer kommt, soweit bekannt, den
Samen der bekannten Sinnpflanze Mimosa pudıca zu. Diese
können noch nach sechzigjährigem Scheintod wieder aufleben und
keimen. Die Samen von Cassıa biapsularıs sogar noch nach
85 Jahren. |
Allerdings wird in der Literatur heute noch manchmal hervor-
gehoben, daß aus altägyptischen Mumiengräbern stammender
Weizen, dem also ein mehrtausendjähriges Alter zukommt, noch
keimfähig sei. Allein solche Angaben entbehren der tatsächlichen
Grundlagen und sind durch verschiedene Beobachtungen längst
widerlegt.
So teilte Münter?) am ıo. Mai 1847 in der Gesellschaf
naturforschender Freunde mit, daß Weizen und sechszeilige Gerste
aus ägyptischen Mumien ihre Keimkraft völlig eingebüßt hat.
„Ich brachte aus Theben“ — schreibt Unger?) über Mumien-
weizen — „in einer wohl verschlossenen Tonflasche eine ziemliche
!) Burgerstein, A., Beobachtungen über die Keimkraftdauer von ein- bis zehn-
jährigen Getreidesamen. Verhandlungen d. k. k. zool.-bot. Ges. in Wien, Jahrg. 1895.
2) Münter, Berliner Archiv 116, Regensburger Flora 30 (1847), S. 478. Zitiert
nach Kochs, siehe weiter unten.
3) Unger, F., Botanische Streifzüge auf dem Gebiete der Kulturgeschichte.
Sitzungsber. d. kais. Akad. d. Wissensch. in Wien, math.-naturw. Kl., Bd. 38, Jahrg.
1859, S. 99. ig
BE 89 _.
Menge nach Europa. Die am besten und vollsten erscheinenden
Körner hatte Herr Direktor Schott die Güte anzubauen, sie keimten
jedoch nicht, ungeachtet aller darauf verwendeten Sorgfalt.“ Und
an einer anderen Stelle!): „Ich schließe hieran noch die Bemerkung,
daß ich wie früher schon einmal mit Gerstenkörnern aus Mumien-
gräbern, nun abermals mit einigen dieser Samen, die mir am besten
erhalten schienen, den Versuch machte, sie auf ihre Keimfähigkeit
zu untersuchen. Es fand dies sowohl mit Weizen als mit Phalaris
paradoxa statt. Der Erfolg war derselbe: selbst unter die günstig-
sten Verhältnisse gebracht, trat statt der Entwicklung nur
Fäulnis ein.“
Schließlich sei noch auf die einschlägigen Erfahrungen Witt-
macks hingewiesen, über die er bemerkt: „Die Versuche, welche
ich mit Mumienweizen anstellte, der in einem Sarkophage aus der
griechischen Epoche im alten Memphis gefunden war und den
das landwirtschaftliche Museum vom Kommissär der ägyptischen
Regierung auf der Pariser Ausstellung ı876 Dr. Figar Bey, also
sicher echt, erhalten hatte, mißlangen trotz aller Vorsicht unter
den mannigfachsten Modifikationen vollständig. Die ursprünglich
schon braunen Samen, von mumienartigerın Geruch, zergingen zu-
letzt wie Lehm im Wasser. Ähnlich verhielt es sich mit den
Samen der Mumiengerste?).“
Die vorstehenden Angaben haben das alte, immer wieder
von neuem aufgetischte Märchen von der Keimung altägyptischen
Mumienweizens zunichte gemacht. Wenn derlei Experimente
wirklich glückten, so handelte es sich nicht um echten alten,
sondern um unterschobenen frischen Weizen, der den Reisenden
gegen gute Bezahlung von Betrügern auch heute noch ange-
boten wird. .
Es ist schon oft bemerkt worden, daß an einem bestimmten
Orte mit einer plötzlichen Veränderung der Bodenoberfläche sich
auch rasch die Zusammensetzung der Pflanzendecke ändert. Wenn
in einem Walde, auf Äckern oder Weiden eine tiefere Umgrabung
erfolgt, so erscheinen oft Pflanzen, die sich früher hier nicht oder
nicht in so großer Zahl befanden. Woher stammen sie’? Man
könnte der Meinung sein, daß die Samen durch Wind, Wasser,
Tiere oder den Menschen hierher verschleppt wurden oder daß
die Samen in der Erde ruhten und nun durch das Umgraben
) Derselbe: Ebenda, 54. Bd., I. Abt., Jahrg. 1866, S. 56.
?2) Wittmack, L., Gras- und Kleesamen. Berlin 1873, S. 15.
——. DO Zen
unter günstige Keimungsbedingungen gebracht wurden. Genaue
Versuche von Peter!) haben geiehrt, daß das letztere der Fall ist.
Er entnahm mitten im Walde unter besonderen Vorsichten einer
pflanzenlosen quadratischen Stelle von 30 cm Seitenlänge den
ganzen Boden bis 8 cm tief, dann eine ebenso tiefe Lage und
schließlich noch ein drittes Mal wieder so eine tiefe Schichte und
beobachtete im Gewächshause, ob und welche. Pflanzen auf den
drei Bodenschichten erschienen. Alle untersuchten Waldböden
enthielten verborgene lebende Pflanzenkeime, „ruhende“ Samen,
die, als der Boden gelockert, befeuchtet und belichtet wurde, sich _
oft bis zur Samenbildung weiter entwickelten. Bodenproben aus
Wäldern, die seit jeher Wald waren, lieferten nur Waldpflanzen
(Erdbeere, Himbeere, Tollkirsche usw.), Proben aus gepflanzten
Beständen, auf ehemaligem Acker- oder Weideland ergaben, von.
vereinzelten Waldpflanzen abgesehen, vorwiegend Acker- .oder.
Weidepflanzen (Täschelkraut, Hirtentasche, Ackersenf, Hartheu,
Wegerich usw.).
Solche Resultate wurden mit Böden aus gepflanzten Wäldern,
deren Ausforstung vor 20--46 Jahren erfolgt-war, gewonnen, und‘
daraus: schließt Peter, daß die noch keimfähigen Samen etwa
ebenso lange in der Erde ruhten und sich lebensfähig er-
hielten.
Über die Ursache dieses langen Scheintodes im Boden spricht
sich Peter nicht ‚aus, es erscheint mir aber möglich, daß der
Boden einen konservierenden Einfluß auf die Samen ausübt. Der
Gegenstand würde eine spezielle Untersuchung verdienen.
V. Die völlige, zeitweise Unterbrechung des Lebens.
Der Scheintod der Samen, Sporen, Bakterien und anderer
Einzelliger wird in der Regel durch Austrocknen herbeigeführt,
aber die Lebenserscheinungen können auch noch durch andere
Faktoren, z. B. durch niedere Temperatur unterbunden werden.
Viele Pflanzen können beinhart gefrieren, ja manche, wie unsere
hochalpinen Gewächse oder die Nadelhölzer Sibiriens, verbleiben
im vollständig gefrorenen Zustande monatelang, ohne daß sie
dabei ihr Leben einbüßen. Sobald die Temperatur genügend hoch
ansteigt, treten die Lebenserscheinungen wieder auf. Abgesehen
!) Peter, A., Kulturversuche mit ruhenden Samen. Nachrichten von der kgl.
Ges. d. Wissensch. zu Göttingen 1893, S._ 671.
— 191 —
davon, daß beim Gefrieren infolge der niederen Temperatur die
chemischen Vorgänge auf ein Minimum herabgesetzt werden, ist
mit der Eisbildung in der Pflanze auch ein kolossaler Wasserent-
zug verknüpft, der gleichfalls zu einer Hemmung des aktiven
Lebens -führt!).
Es entsteht nun die Frage, ob während des Scheintodes, sei
es durch Austrocknen, sei es durch Gefrieren, sei es durch beides,
die Lebenserscheinungen vollständig unterbrochen sind oder ob
eine Spur Leben, eine vita .minima übrig -bleibt.
Kochs?) hat diese Frage aufgeworfen und, um sie zu ent-
scheiden, sich bemüht, trockne keimfähige Samen an der Atmung
völlig zu behindern, indem er sie in luftleeren, mit Phosphorsäure-
anhydrid versetzten Röhren längere Zeit trocknete und dann in
einer zugeschmolzenen Vakuumröhre aufbewahrte, die mit einer
Geißlerschen Röhre verbunden war, wie sie zur spektroskopischen
Untersuchung der Gase benützt zu werden pflegt. Eine genaue
Prüfung ergab nun, daß nach Monaten keine Spur von Kohlen-
säure gebildet wurde. Und dennoch keimten die Samen, wenn
sie unter günstige Bedingungen gebracht worden waren. Daraus
schließt Kochs, „daß die so behandelten Samen bis auf etwaige
innere Umlagerungen scheintot waren“,
. Während er bei entwickelten Tieren und Pflanzen einen
wirklichen Scheintod leugnet, gibt er ihn für Sporen und Samen zu..
Von Wichtigkeit für unsere Frage erscheinen besonders die
neueren Untersuchungen von Becquerel®). Er trocknete, um die
Erhaltung der Keimfähigkeit bei Schimmelpilzsporen zu prüfen,
die Sporen von Mucor Mucedo, M. racemosus, Rhızopus niger,
‚Aspergillus glaucus u.a. zunächst in kleinen, sterilisierten Glas-
röhren bei Gegenwart von Ätzbaryt ı4 Tage lang. bei 350.6
Hierauf wurden die Röhren luftleer gemacht und zugeschmolzen.
Die Röhren wurden dann vom Februar 1908 bis Mai 1909 auf-,
bewahrt und im Februar 1909 3 Wochen der Temperatur der
flüssigen Luft (— 180° C) und hierauf 77 Stunden der Temperatur
des flüssigen Wasserstoffs (—235° C) ausgesetzt. Am g. Mai 1909
1) Molisch, %.]® c. S. 138
?2) Kochs, W., Kann die Kontinuität der Lebensvorgänge zeitweilig völlig unter-"
brochen werden? Biolog. Zbl. 1890, Bd. 10, S. 673. oe
®) Becquerel, P., Experimentaluntersuchungen über das latente Leben der Sporen
der Mucorineen und Ascomyceten. Comptes rendus 1910, t. 150, p. 1437—1439. Re
feriert in der Naturw. Rundschau 1910, S. 434.
=. 192 ——
wurden dann unter genauen Vorsichtsmaßregeln zur Verhinderung
des Anfliegens fremder Keime die Sporen herausgenommen und
auf sterile Nährmedien geimpft. Schon nach ı6 Stunden keimten
alle Sporen der Mucorineen und innerhalb dreier Tage auch die
Sporen der genannten anderen Schimmelpilze. Analoge Versuche!)
mit Samen führten zu ähnlichen Ergebnissen.
Becquerel schließt aus seinen Versuchen, daß bei Samen
und Sporen das Leben unter den von ihm geschaffenen Bedin-
gungen: Trockenheit, Luftleere und abnorm niedere Temperatur
nicht etwa bloß verlangsamt, sondern völlig unterbrochen ist.
Nach diesen Experimenten wird man wohl zugeben müssen,
daß unter künstlichen Bedingungen nahezu sicher bei ge-
wissen Samen und Sporen ein wirklicher, echter Schein-
tod eintritt, daß also das Leben vollständig unterbrochen
und nach längerer Zeit wieder in Gang gesetzt werden
kann.
Wenn es einmal gelingen sollte, Samen, Bakterien und Sporen
bis auf den absoluten Nullpunkt, d. h. auf —273° C abzukühlen,
wo jede Bewegung der Moleküle aufhört und damit auch jede
chemische Reaktion unterbrochen wird, so wird, vorausgesetzt,
daß auch dann die Sporen und Samen noch keimen, was mir sehr
wahrscheinlich ist, die eben gezogene Schlußfolgerung nur noch
an Sicherheit gewinnen.
Sowie eine Lokomotive durch eine einfache Hebelbewegung
zum vollständigen Stillstand und durch eine entgegengesetzte wieder
in Tätigkeit gebracht werden kann; sowie der Strahl eines Spring-
brunnens durch das Auf- und Absperren eines Hahnes momentan
losgelassen oder abgestellt wird; oder sowie eine Kerze durch
Anzünden zur Verbrennung, durch Auslöschen wieder zu chemischer
Ruhe gelangt, so kann auch das Lebensrad in gewissen Fällen
auf Monate, ja Jahre unterbrochen und dann wieder m Betrieb
gesetzt werden.
Vom aktiven Leben, von höchster Lebensfülle bis zum wirk-
lichen Scheintod gibt es tausende Übergänge. Der sprossende,
blühende und fruchtende Baum erscheint uns in vollem Leben,
allein wenn er im Herbste seine Blätter abgeworfen und den Win-
ter blattlos überdauert, macht er den Eindruck des Starren, Schein-
!) Becquerel, P., Sur la suspension momentane&e de la vie chez certaines graines.
Comptes rendus, Paris 1909, t. 148, p. 1052.
toten, und trotzdem ist der das Leben bildende Stoffwechsel nicht
unterbunden, sondern nur äußerst verlangsamt. Erst durch künst-
liche Eingriffe, wie wir sie eben geschildert haben, kann der
Stoffwechsel bei Samen, Sporen und anderen Zellen vollständig
unterbrochen und das Leben, wie die Bewegung einer Maschine
durch einen Hebelgriff, vollends aufgehalten werden.
In der Natur aber finden in der Bakterienzelle, in der Spore
und im Samen, wenn sie scheintot sind, doch kleine chemische
Veränderungen statt, die bei hinreichender Dauer sich summieren
und zu nicht mehr gutzumachenden Störungen und schließlich vom
bloßen Scheintod zum wirklichen Tode führen.
Welcher Art diese Änderungen sind, ist vorläufig unbekannt.
Man wird wohl kaum mit der Annahme fehlgehen, daß es sich
hier um chemische Vorgänge handelt und daß die Eiweißkörper
und Fermente, die im Lebewesen eine so vorherrschende Rolle
spielen, mit dem Alter der Zelle chemisch -physikalische Ände-
rungen erleiden, die es ihnen unmöglich machen, auch weiterhin
das Leben zu unterhalten.
Molisch, Populäre biologische Vorträge. 2. Aufl. 13
XI.
Die Verwertung des Abnormen
und Pathologischen in der Pflanzenkultur).
I. Einleitung.
Wer heute eine moderne Gartenbauausstellung durchwandert
und in kleinem Raume. die. herrlichen Blumen, die vielfarbigen
Blattpflanzen und die verschiedenen Gemüserassen in üppigster
Kultur vor sich sieht, der wird sich des Staunens kaum erwehren
können. Aber er wird nicht nur staunen, sondern er wird beim
Anblick vieler dieser Herrlichkeiten zweifellos auch einen ästhe-
tischen Genuß empfinden, obwohl zahlreiche Objekte, die unsere
Bewunderung und unser Gefallen erregen, abnormer oder sogar
pathologischer Natur sind. Daß es sich hier aber in vielen Fällen
um Abnormes und Krankhaftes handelt, kommt den meisten, die
über solche Dinge nicht unterrichtet sind und sich darüber nicht
den Kopf zerbrechen, gar nicht zum Bewußtsein.
In der Tat spielt die Verwertung des Abnormen und Patho-
logischen in der Pflanzenkultur eine sehr bedeutende Rolle. Dies
näher zu begründen, soll die Aufgabe meines heutigen Vor-
trages sein.
Bevor ich darauf näher eingehe, will ich zunächst ausein-
andersetzen, was man unter „abnorm“ und „pathologisch* wersteht.
Abnorm ist das, was von der Norm oder Regel ab-
weicht. Wenn wir auf einem Kleefelde unter vielen tausenden
dreiblättrigen Kleeblättern ein vierblättriges finden, so nennen
wir dieses ein abnormes Kleeblatt, weil es eben von den gewöhn-
lichen Kleeblättern abweicht.
I) Vortrag, gehalten am ı5. Dezember 1915 im Vereine zur Verbreitung natur-
wissenschaftlicher Kenntnisse in Wien. Im Verlage dieses Vereins 1916 zuerst er-
schienen.
Ist „abnorm“ und „pathologisch“ identisch? Nein. Etwas
Abnormes kann pathologisch, muß es aber nicht sein. Das Ab-
norme wird erst dann pathalogisch, wenn es der Pflanze
schadet, sei es ihrer Entwicklung, sei es ihren Leistungen, ihrer
Lebensdauer, ihrer Selbsterhaltung usw. Das vierblättrige Klee-
blatt betrachte ich als abnorm, aber nicht als pathologisch, denn
selbst wenn wir eine Kleerasse züchten, die nur Blätter mit je
4 Fiederblättchen erzeugt — und eine solche Rasse gibt es bereits —,
so werden wir keinerlei Schädigungen, die durch die Eigenschaft
„Vierblättrigkeit“ hervorgerufen werden, erweisen können. Ja man
könnte sich sogar vorstellen, daß die vierblättrige Rasse einen
Vorteil der normalen gegenüber voraus hat, weil die Blattober-
fläche des vierblättrigen Blattes größer ist und daher stärker assi-
milieren kann.
Die gefüllten Blüten aber sind nicht bloß abnorm, sondern
auch pathologisch.
Die Füllung der Blüten kann auf verschiedene Weise zustande
kommen, sehr häufig dadurch, daß die Staubblätter und mitunter
sogar auch die Fruchtblätter sich in Blumenblätter umwandeln.
Eine normale Rosenblüte hat nur 5 Blumenblätter, eine gefüllte
aber 20—30 und mehr. Bei manchen gefüllten Blüten, z. B. bei
Levkojen (Maithiola), sind alle Staubblätter und Fruchtblätter in
Blumenblätter umgewandelt, daher solche Blüten keine Früchte
und Samen hervorbringen können. Pflanzen dieser Art bleiben
unfruchtbar und würden, sich selbst überlassen, alsbald aussterben
müssen. . Die Füllung ist also nicht nur eine abnorme, sondern
auch eine pathologische Erscheinung, denn sie gefährdet, indem
sie zur Unfruchtbarkeit führt, die Erhaltung der Art.
Der Gegenstand wird noch viel klarer werden, wenn ich das
Gesagte durch eine Reihe von Beispielen näher ausführe und .
weiter begründe.
II. Beispiele für die Verwertung des Abnormen und Pathologischen.
ı. Die Panaschierung der Pflanze.
Unter unseren Kulturpflanzen gibt es zahlreiche, die nicht
rein grüne, sondern mehr oder minder gescheckte Blätter haben.
Die Blätter sind entweder weißgrün gebändert oder weiß gerändert
oder weißgrün oder gelbgrün gescheckt; in allen diesen Fällen
ist das Chlorophyll oder Blattgrün nicht gleichmäßig über die
ganze Fläche des Blattes verteilt, sondern stellenweise gar nicht
13*
ga
oder nur mangelhaft ausgebildet. Man nennt solche Pflanzen
panaschiert, und die Gärtner fügen ihrer Artbezeichnung noch die
Worte „Jollis varıegatıs‘“ bei.
Panaschierte Gewächse entstehen plötzlich als Varietäten aus
unbekannten Gründen aus den grünen Arten und können bisweilen
aus Samen oder gewöhnlich. durch Stecklinge fortgepflanzt
werden.
Wir besitzen bereits von zahlreichen Gehölzen (Ahorn, Buche,
Buchs, Kornelkirsche, Pfaffenhütchen, Holunder, Ulme, Aucuba usw.) .
und von vielen krautigen Pflanzen (Pelargonium, Panıcum, Phalarıs,
Aspıdistra, Abutilon, Tradescantıa, Selaginella usw.) panaschierte
Formen, und die Japaner und Chinesen haben seit jeher solche
Variationen mit Vorliebe kultiviert, ja ein nicht geringer Bruch-
teil panaschierter Formen, die gegenwärtig in Europa gezogen
werden, wurden uns aus dem „Lande der aufgehenden Sonne“
übermittelt.
Der grüne Farbstoff der Blätter, das Chlorophyll, spielt bei
der Ernährung der Pflanze, und zwar speziell bei der Assimilation
der Kohlensäure, eine ungemein wichtige Rolle. Nur das grüne
Blatt oder, genauer gesagt, nur die grüne, chlorophylihaltige Zelle
vermag im Sonnenlichte Kohlensäure aufzunehmen und daraus
unter Abscheidung von Sauerstoff organische Substanz gewöhn-
lich in Form von Zucker und Stärke zu bereiten. Hat ein Blatt
daher an mehr oder minder großen Stellen das Chlorophyll ein-
gebüßt, so wird es weniger assimilieren und daher für die Er-
nährung weniger beitragen als ein normal grünes. Das ist ja
auch der Grund, warum panaschierte Pflanzen im allgemeinen
viel langsamer wachsen als die grünen gleicher Art, von denen
sie abstammen. Es kommt auch vor, daß einzelne Sprosse
an panaschierten Gewächsen gar kein Chlorophyll enthalten und
daher rein weiß sind. Solche Zweige, als Stecklinge gezogen,
können sich wegen des fehlenden Blattgrüns nicht mehr selb-
‚ständig ernähren und gehen, sobald die Reservestoffe aufgebraucht
sind, zugrunde. Bei der Panaschüre müssen wir zwei Fälle unter-
scheiden, die voneinander wesentlich abweichen. Die eine Art,
welche wohl die meisten Panaschierungen umfaßt, beruht auf ganz
unbekannten Ursachen, ist meist samenbeständig und nicht in-
fektiös. Neben dieser Art gibt es eine andere, die nicht samen-
beständig ist und durch Pfropfung auf rein grüne, gesunde Pflanzen
übertragen werden kann. i
Eines der bekanntesten Beispiele der letzteren Art der Pana-
schierung geben die Malvaceen ab, insbesondere Abutılon Thompsoni.
Wenn auf eine rein grüne Adutrlon-Art ein Sproß oder auch
nur ein Blatt der gelbgrün gescheckten Form gepfropft wird, so
bleiben zwar die schon vorhandenen Blätter der Unterlage grün,
aber die nach eingetretener Verwachsung sich aus den Knospen
neu entwickelnden Blätter werden panaschiert.
Man nimmt heute allgemein an, daß in dem panaschierten
Abutılon ein Giftstoff, ein Virus, vorhanden ist, der auf die gesunde
Pflanze übertragen wird, sie ansteckt und panaschiert macht.
Die infektiöse Panaschüre wurde in letzter Zeit auch für
Cytisus laburnum, Sorbus, Ptelea, Fraxinus, Evonymus und Zıgus-
Zrum von E. Baur mit Sicherheit festgestellt?).
Der Gärtner züchtet daher durch Propfung eine ausgesprochene
Krankheit und auch, wenn er die nicht infektiöse Panaschierung
entweder durch Samen oder durch die Stecklinge weiter züchtet,
stellt er etwas Pathologisches, der Pflanze Schädliches in den
Dienst der Kultur.
2. Das Etiolement oder die Vergeilung der Pflanze.
Für die meisten grünen Pflanzen ist das Licht zur normalen
Entwicklung unbedingt notwendig. Kartoffelknollen, die im fin-
steren Keller austreiben, bilden bekanntlich überverlängerte, elfen-
beinweiße Triebe mit kleinen gelben Blättchen.
Zieht man Bohnen vergleichsweise im Lichte und im Finstern,
so bilden die Lichtkeimlinge normale, gedrungene Stengel und
große grüne Blätter, die Finsterkeimlinge hingegen entwickeln
überaus lange Triebe und verkümmerte, gelbe Blätter. Dadurch
erhalten die bei Abschluß von Licht gezogenen Pflanzen ein eigen-
artiges, unnatürliches Aussehen, das man mit dem Ausdruck
Etiolement oder Vergeilung bezeichnet.
Im Finstern bildet sich kein Chlorophyll. Da aber dieser
Farbstoff, wie wir vorhin gehört haben, für.die Ernährung der
Pflanze durch Kohlensäure von fundamentaler Bedeutung ist und
ohne Chlorophyll keine Neubildung von organischer Substanz statt-
findet, so zehrt die Pflanze im Finstern von ihren Reservestoffen
und geht, sobald diese aufgebraucht sind, langsam dem’ Hunger-
tode entgegen.
!) Baur, E., Pfropfbastarde. Biol. Zbl. 1910, S. 514; derselbe, Ber. der
deutsch. bot. Ges. I9O6, 1907, 1908.
IR. 198 ——
Trotzdem macht der Gärtner von dem Etiolement zum
Schaden der Pflanze und zu seinem eigenen Nutzen häufig Ge-
brauch, besonders in der Gemüsekultur. Verschiedene unserer
(remüsearten werden, beim Abschluß von Licht kultiviert, nicht
nur bleich, sondern auch äußerst zart, weich und schmackhaft und
das entspricht den Wünschen des kaufenden Publikums. Ich will
dies durch einige Beispiele näher begründen.
„Die im Frühjahr aus dem Boden kommenden Spargel-
sprosse (Asparagus offcınalıs) werden gleich nach ihrem Er-
scheinen mit Tonglocken bedeckt, um sie vor Licht zu schützen.
So kultiviert, etiolieren sie vollständig, werden lang, bleich und so
weich, daß man sie gekocht ganz verspeisen kann.
Bei dem Endiviensalat (Czchorum Endivia) wird ’ die
Blattmasse, sobald sie ziemlich entwickelt und das ‚Herz‘ gut aus-
gebildet ist, an zwei oder drei Stellen mit Bast fest zusammen-
gebunden. Hierdurch werden die inneren Blätter infolge des
Lichtmangels gebleicht, das Gewebe erreicht einen hohen Grad
von Zartheit und Weichheit und damit ist der Zweck der Prozedur
erreicht.
Ähnlich verfährt man auch mit dem Römersalat (Lactuca
satıva var. romana), ausgezeichnet durch längliche, stark gerippte,
sich meistens nicht zum Kopfe zusammenschließende Blätter und
mit den Blattstielen und Blattrippen der Cardy (Cymara Scolymus).
Von der Sellerie (Afrum graveolens) gebraucht man nicht
bloß die Wurzelknollen, sondern von gewissen Sorten auch die
langen und breiten Blattstiele, die wegen ihres milden, aromati-
schen Geschmackes geschätzt werden. Je fleischiger und zarter
diese Blattstiele sind, desto höher im Werte stehen sie. Indem
man die Blattstiele mit Stroh zusammenbindet und die Stauden
ı5—2o cm hoch behäufelt, erhält man durch Vergeilung Blattstiele
von den gewünschten Eigenschaften. In England bedient man
sich zu diesem Zwecke auch ı5 cm weiter und 30 cm langer
Drainröhren, die, sobald man sie im Boden befestigt und die
Blätter durchgezogen hat, mit Erde gefüllt werden.
Im Laufe der Zeit haben die Gärtner durch künsiehe Aus-
lese Rassen von Gemüse gezüchtet, die das Etiolement gewisser-
maßen an sich selbst normal vollziehen. Der Kopfsalat (Zaciuca
satıva var. capıtata), bekanntlich dadurch ausgezeichnet, daß die
Blätter, sich gegenseitig bedeckend, zu einem mehr oder minder
festen Kopfe (Häuptel) zusammenschließen, ist ein glänzendes Bei-
spiel dafür. Die den Kopf bildenden Blätter verdunkeln sich in-
folge ihrer Lage gegenseitig und werden hierdurch, weil halb
etioliert, zart und bleich. Ein anderes Beispiel ist der Kopfkohl
(Brassica oleracea var. capıtata) mit den verschiedenen Sorten des
Krautes. Die Züchtung hat es bei einzelnen Rassen so weit ge-
bracht, daß die den Kopf bildenden Blätter fast ganz weiß sind!).“
Die eigentümliche Lage der jüngeren Blätter beim Kopfkohl,
Kraut und Häuptelsalat ist ganz abnorm und widerspricht völlig
der Funktion der Blätter. Das Blatt ist als Ernährungsorgan auf
das Licht angewiesen. Nun verdunkeln sich die Blätter, soweit
sie den „Kopf“ bilden, gegenseitig so stark, daß sie ihrer natür-
lichen Aufgabe, Kohlensäure zu assimilieren, zum großen Teil ent-
zogen werden, und gerade wegen dieser Abnormität werden die
genannten Gemüsearten seit Jahrhunderten aufs eifrigste kultiviert.
3. Trauerbäume.
Jedermann weiß, daß die Hauptachse der Bäume gewöhnlich
lotrecht steht. Der Hauptstamm einer Fichte wendet sich kerzen-
gerade nach aufwärts und die Hauptwurzel nach abwärts; beide
stehen im Sinne des Lotes also vertikal. Dies gilt nicht bloß für
unsere Gegenden, sondern für jeden Punkt der Erdoberfläche.
Überall steht die Hauptachse der Bäume vertikal, und die Ursache
dieser zwar lange bekannten, aber erst vor etwa 100 Jahren auf-
geklärten Erscheinung ist die Schwerkraft.
Merkwürdigerweise sind unter unseren Bäumen im Laufe
der Zeit auch Varietäten aufgetreten, deren Zweige das Bestreben
haben, nicht nach aufwärts, sondern gegen alle Erwartung nach
abwärts zu wachsen. Dies ist bekanntlich bei den in Parkanlagen
und auf Friedhöfen so häufig verwendeten Trauerbäumen der Fall.
Man kennt solche Rassen von der Birke, Buche, Esche, Pappel,
Ulme, Sophore, Weide, Caragana und anderen.
Die Trauerformen entstehen als sprungweise auftretende Varia-
tionen der normal wachsenden Mutterarten, sei es, daß ein einzelner
Zweig am Baume, sei es, daß ein Sämling unter tausenden nor-
malen die Abweichung zeigt.
Obwohl die Trauerbäume ihren Hängewuchs manchmal auch
durch den Samen vererben, macht der Grärtner dennoch davon
!) Molisch, H., Pflanzenphysiologie als Theorie der Gärtnerei. 4. Aufl.
jenar 7927, 3.130,
= ie200,,—
keinen Gebrauch, sondern pfropft zum Zwecke der Fortpflanzung
ein Auge oder einen Sproß auf den Stamm einer normalen Form.
Wenn er nicht so vorgehen, sondern die Trauerform entweder aus
Samen oder aus Stecklingen ziehen würde, so bekäme er eine
niedrige Pflanze, deren Äste sich bald zur Erde beugen und dann
auf ihr liegend weiterwachsen würden. In einem solchen Falle
würde man deutlich erkennen, daß die Natur, die sonst in hohem
Grade zweckmäßig arbeitet, hier etwas sehr Unzweckmäßiges ge-
schaffen hat. Die
auf dem Boden
liegenden Zweige
würden bald von
anderen Pflanzen
überwuchert, be-
schattet werden und
so im Kampfe ums
Dasein unterliegen.
Trauerbäume müß-
ten, sich selbst über-
lassen, alsbald aus-
sterben und ver-
schwinden und
können nur durch
die Fürsorge des
Gärtners durch
Pfropfung erhalten
und vor dem Unter-
Fig. 37. gange gerettet wer-
den. Obwohl also
die Trauerbäume mit Rücksicht auf die Selbsterhaltung der Rasse
als etwas höchst Unzweckmäßiges angesehen werden milssen, ent-
sprechen sie doch dem Kulturzweck des Menschen. Er fühlt sich
bei ihrem Anblick auch ästhetisch befriedigt und sieht in ihnen
ein Symbol der Trauer.
4. Die japanischen Zwergbäumchen.
Die Gärtnerei, Land- und Forstwirtschaft arbeitet darauf
hinaus, die in Kultur befindlichen Pflanzen tunlichst gut zu er-
nähren, um möglichst üppig wachsende, reichblühende und stark
fruchtende Individuen zu gewinnen.
—u 0 1 —
Im Gegensatz hierzu strebt man bei den japanischen Zwerg-
bäumchen auffallenderweise das Gegenteil an; man sucht nicht
eine üppige, sondern eine recht ausgehungerte und wenn möglich
auch gleichzeitig verkrüppelte Pflanze zu erziehen.
Der Japaner ist ein großer Blumenfreund. Selbst der Ärmste
zieht auf kleinstem Raume, auf dem Fensterbrett oder in einer
Tonschale ein paar Gewächse, ja auf einem Quadratmeter Boden-
fläche wird oft ein Gärtchen en miniature mit Bäumchen, Beeten,
Bächen, Teichen, Brücken, Wegen und Laternen angelegt. Diese
Freude an Kleinem mag den Japaner
vielleicht auch dahin geführt haben,
Mittel und Wege zu ersinnen, eine
Pflanze zum Zwerge zu machen. So
haben die Japaner es dahin gebracht,
Kirsch-, Ahorn-, Pflaumen-, Eichen-,
Kaki- und Nadelholzbäumchen viele
Jahrzehnte in kleinen Blumentöpfen in
Zwergform zu ziehen; 100—200 Jahre
alte Zwergbäumchen von ı Meter Höhe
sind in Japan, wie ich mich selbst in
Kioto, Nikko und Yokohama über-
zeugte, etwas Grewöhnliches. Je älter
der Zwerg und je kleiner, desto wert-
voller erscheint er in den Augen der
Japaner.
Die Fig. 37 stellt das Zwergbäum-
chen einer Föhrenart, das ein sehr hohes
Alter erreicht hat, dar, obwohl es zeit-
lebens im Blumentopf stand und kaum
ı Meter Höhe erreicht hat.
Die Fig. 38 ist ein Beispiel eines
zwergigen und mißgestalteten Föhrenbäumchens. Die Wurzeln
wurden allmählich immer mehr von Erde entblößt, so daß das
Bäumchen schließlich wie auf Stelzen steht und von seinen eigenen
Wurzeln getragen wird. Einen groteskeren Krüppel in Baum-
gestalt kann man sich kaum vorstellen.
Um Zwergbäumchen heranzuziehen, pflanzt man möglichst
kleine Samen in winzige Blumentöpfe, die festgestampfte und nähr-
stoffarme Erde enthalten. Begossen wird nur gerade so viel, als
unbedingt notwendig ist. Nebenbei bedient man sich noch ver-
ii 202
schiedener Kunstgriffe,. um das Wachstum und die Entwicklung
tunlichst zu verlangsamen. Man entfernt die Hauptwurzel, köpft
die Hautachse, ersetzt sie durch eine Nebenachse, schneidet die
Zweige häufig zurück, biegt, dreht, ringelt sie, entblößt die Wurzeln
zum Teil von Erde und macht sie, wie dies auch aus der Fig. 38
zu ersehen ist, gewissermaßen zum Stamm.
Durch planmäßiges Hungernlassen gelangt man schließlich
zu den sonderbaren Zwergen, die das Auge des Japaners seit
Jahrhunderten erfreuen. Hunger und Durst werden hier zu Kultur-
faktoren, und das Pathologische wird hier zum Ziel gärtnerischer
Fertigkeit.
5. Die Fasziation oder Verbänderung.
Während wir im vorhergehenden Abschnitt eine Erscheinung
kennen lernten, die auf mangelhafter Ernährung beruht, soll nun-
mehr ein Phänomen besprochen werden, das durch Überernährung
begünstigt wird: die Verbänderung oder Fasziation.
Es kommt mitunter vor, daß ein unter normalen Verhältnissen
stets zylindrisch gebauter Stengel infolge mächtiger Verbreiterung
der Endknospe bandförmig ausgebildet ist. Blatt- und Blüten-
organe erscheinen dabei oft vermehrt und regellos verschoben.
Die Verbänderung wird verhältnismäßig oft bei Korbblütlern
z. B. beim Löwenzahn (7araxacum) und Chrysanthemum, ferner
beim Spargel, bei der Schachblume, bei verschiedenen Grehölzen,
z. B. bei Erlen, Weiden, Eschen, Holunder, Föhren und anderen
beobachtet. Der verbreiterte Zweig macht häufig den Eindruck,
als ob mehrere Zweige miteinander verwachsen wären, es handelt
sich aber in der Regel nicht um eine Verwachsung, sondern um
einen Zweig, dessen Spitze (Vegetationspunkt) nicht, wie dies ge-
wöhnlich der Fall ist, kegelförmig, sondern kammartig flach ist.
Die eigentliche Ursache der Verbänderung kennt man nicht,
doch dürfte die Überernährung dabei entweder als Ursache oder
als Begleiterscheinung eine Rolle spielen, denn es gelingt mit-
unter, aus Knospen durch plötzliche Zufuhr großer Mengen pla-
stischer Stoffe verbänderte Zweige zu erhalten. Wenn man bei
jungen Keimlingen der Feuerbohne (Phraseolus multiflorus) oder
der Saubohne (Vrera Faba) den Keimstengel (das Epikotyl) kappt,
so treiben die Achselknospen der Keimblätter aus und entwickeln
dann wenigstens die erste Zeit hindurch infolge der plötzlichen
Nahrungszufuhr verbänderte Sprosse.
Die Verbänderung läßt sich durch Pfropfen (Erle, Holunder
usw.) und bei dem Hahnenkamm, Celosia crıstata, sogar durch
Samen fortpflanzen.
Die Celos:a, eine einjährige Amarantacee aus Ostindien, zeigt
die Verbänderung, und zwar am Blütensproß in typischer Form,
und gerade wegen dieser Eigentümlichkeit wurde der Hahnen-
kamm zu einer beliebten Zierpflanze. Es gibt bereits zahlreiche
Spielarten davon; der hahnenkammartige Blütenstand ist bald flach,
gefaltet oder gekraust und seine Farbe bald blutrot, amarantrot,
purpurn, violett oder bunt. Wir sehen hier eine ausgesprochene
Mißbildung in den herrlichsten Farben prangend und diese haben
zweifellos beigetragen, diese Abnormität in Kultur zu nehmen.
6. Die Jungfernfrüchtigkeit oder Parthenokarpie.
Wenn aus einer Eizelle ein Embryo entstehen soll, so bedarf
es der Befruchtung. In seltenen Fällen kann aber auch ohne den
Einfluß einer männlichen Geschlechtszelle ein Embryo zustande
kommen — eine Erscheinung, die man als Jungferngeburt oder
Parthenogenese bezeichnet. Sie wurde bei Farnen, Marsilia-Arten,
Wickstroemia, Antennarıa, Alchemilla und noch anderen Pflanzen
beobachtet.
Es ist nun in hohem Grade interessant, daß sich auch
Früchte ohne vorhergehende Befruchtung zu normaler Größe ent-
wickeln können, allerdings ohne keimfähige Samen. Diese Er-
scheinung, die man bereits für Gurken, Bananen, manche Stachel-
beersorten, Birnen, Äpfel und die kernlose Mispel kennt, wird
Parthenokarpie oder Jungfernfrüchtigkeit genannt!).
Durch die Untersuchungen von H. Müller-Thurgau, insbe-
sondere aber von Ewert, der als erster das weitverbreitete Vor-
kommen der Jungfernfrüchtigkeit für verschiedene Äpfel- und
Birnensorten nachwies, wurde unsere Kenntnis parthenokarper
Pflanzen bedeutend vermehrt.
Bei manchen Birnen- und Apfelrassen besteht eine besondere
Neigung, auch ohne Befruchtung Früchte zu bilden. So ist es bei
der Apfelsorte „Cellini“ und der Birnensorte „Clairgeau“.
Die Fig. 39 zeigt den Apfel „Cellini“, rechts als Jungfern-
frucht, links als normale, durch Befruchtung gewonnene Frucht.
!) Vgl. darüber: Molisch, H., Pflanzenphysiologie, 1. c. S. 268. Hier auch
die einschlägige Literatur.
Der reife, kernlose Celliniapfel — die Jungfernfrucht — ist
im allgemeinen höher gebaut, hat eine tiefere Kelchhöhle und
eine verschmälerte Kernkammer im Vergleich zu dem normalen,
durch Befruchtung hervorgegangenen Apfel. \
Welche praktische Bedeutung hat nun die Erscheinung der
Parthenokarpie für die Obstkultur? Die Ansichten sind darüber
geteilt. Müller-Thurgau verspricht sich für den praktischen Obst-
bau nicht viel, Ewert hingegen hält die Sache für sehr aussichts-
un ig. 39. Apfel Cellini. I Normale Frucht, durch Befruchtung (Fremdbestäubung)
gewonnen. Kernhaus und Samen gut ausgebildet. II Jungfernfrucht, ohne Befruchtung
gewonnen. Kernhaus verengt, kernlos.. Nach Ewert. nv
reich. Ich selbst habe mich darüber folgendermaßen ausge-
sprochen: „Von vornherein würde es der Mensch freudig begrüßen,
wenn es gelänge, kernlose Kirschen, Mispeln, Trauben, Äpfel,
Birnen und andere Früchte zu züchten. Dies würde einen Triumph
der Obstkultur bedeuten. Bei der Banane ist dieses ideale Ziel
erreicht, denn abgesehen von der Fruchtschale ist die ganze.
Frucht genießbar, sie zerschmilzt förmlich zwischen Zunge und
Gaumen. Beim Apfel und der Birne aber sind wir vom Ideal
noch etwas weit entfernt. Die Amerikaner haben zwar die Kern-
losigkeit des „Spencerapfels“ geschäftlich auszunutzen versucht, allein
sie hatten doch nicht den gewünschten Erfolg, weil mit den Samen
noch nicht das bei dem Genuß unangenehme, pergamentartige
Kernhaus verschwunden ist. Bei der Birne steht die Sache schon
insofern günstiger, weil das Kernhaus weicher ist, weniger stört
und bei Jungfernfrüchten mitunter ganz fehlt. Ewert hofft bei
Birnen durch systematische Züchtung schließlich nicht nur zu kern-
losen, sondern auch zu kernhauslosen Früchten zu kommen und
durch Kreuzung von Rassen, die zur Jungfernfrüchtigkeit neigen,
schließlich die Kernlosigkeit dauernd zu fixieren.
Noch mehr wäre es natürlich zu begrüßen, auch beim Stein-
obst Kern und Stein allmählich zum Verschwinden zu bringen,
ein Ideal, das noch in weiter Ferne liegt. Die vom Amerikaner
Burbank gezüchtete sogenannte kernlose Pflaume enthält leider
noch einen weichen Stein mit einem gut entwickelten Samen.
Die Apfel- und Birnblüten würden, wenn das Wetter trüb
und regnerisch ist, der Bienenflug unterbleibt und die Bestäubung
daher nicht stattfindet, keine Früchte ansetzen. Sind die Sorten
aber jungfernfrüchtig, so bedarf es keiner Befruchtung und doch
entstehen Früchte. Das ist für die Obstzucht zweifellos ein
Vorteil!).“
Jedenfalls werden schon jetzt gewisse Obstsorten, die partheno-
karpische Neigungen bekunden, mit Vorliebe kultiviert. Für den
Menschen bedeuten sie einen Vorteil, obwohl die Jungfernfrüchtig-
keit für die Selbsterhaltung der Pflanze verderblich ist und ohne
die Hilfe des Züchters zum Aussterben der Sorte führen muß.
”
7. Die Durchwachsung.
Bei Rosen kann man zuweilen die Beobachtung machen,
daß aus der Mitte der Blüte eine zweite hervorwächst, indem sich
die Blütenachse fortsetzt. Diese Erscheinung — Durchwachsung
oder Prolifikation genannt — findet sich nicht nur bei der Rose,
sondern auch bei anderen Pflanzen vor, bei der Nelke, Ranunkel,
Primel u.a. ja es gibt sogar zwei Pflanzenrassen, die, weil sie
Durchwachsung regelmäßig zeigen, eben wegen dieser Eigentüm-
lichkeit in Kultur genommen worden sind. Es ist dies eine Rasse
von Arabis alpına?) und Reseda odorata.
1) Molisch, H., l.c. S. 272.
2) Gartenflora, Jahrg. 51.
— 206 —
Arabıs alpıina var. flore pleno zeichnet sich dadurch aus, daß
aus der Blüte regelmäßig noch eine zweite, ja mitunter eine dritte,
in seltenen Fällen sogar noch eine vierte hervorsproßt, so daß eine
kleine Kette von Blüten entsteht. Hand in Hand damit kann
auch eine Vermehrung der Blumenblätter und eine Entartung der
weiblichen und männlichen Organe erfolgen und dies ist der
Grund, warum diese Pflanze keine tauglichen Samen hervorbringt
und immer wieder durch Stecklinge vermehrt werden muß.
Etwas ganz ähnliches, nur noch in bedeutend verstärktem
Maße, hat man an einer Rasse der Reseda odorata festgestellt').
Diese Sorte, genannt Reseda odorata var.
prolifera ‚alba, trat plötzlich unter nor-
malen Sämlingen in einer englischen
Gärtnerei auf und fiel durch ihre mehr-
fach durchwachsenen Blüten auf. Die
Achsenspitze jeder Blüte wächst hier
zu einer neuen Blüte aus, und indem
sich dieser Vorgang mehrmals wieder-
holen kann, stehen die Blüten wie die
Perlen in einer Kette aneinander ge-
reiht. Dazu kommt, daß aus einer Blüte
oft zwei Sprosse entspringen, die regel-
mäßig wieder Blütendurchwachsungen
zeigen, und dieser Umstand führt schließ-
lich zur Ausbildung eines oft fußlangen,
rispenartigen Blütenstandes, von dem
ein Zweig in der nebenstehenden Fig. 40
abgebildet ist. Auch diese Pflanze bleibt
unfruchtbar und wird durch Stecklinge
vermehrt,
117.
Es wäre nicht schwer, die angeführten Beispiele noch be-
deutend zu vermehren, allein ich glaube, daß das Gesagte völlig
genügen wird, zu beweisen, daß das Abnorme und Pathologische
tatsächlich in der Pflanzenkultur eine große Rolle spielt. Zum
Schaden der Pflanze und zum Nutzen des Menschen. Bei unseren
!) Henslow, G., Note on a Proliferous Mignonette. The Journ. of the Linn.
Society, Botany, Vol. XIX, 1882, p. 214— 216. i
Betrachtungen muß man scharf unterscheiden zwischen den Be-
dürfnissen der Pflanze und denen des Menschen. Der Mensch
fragt bei der Kultur und Züchtung der Pflanzen nicht darnach,
ob die Heranzüchtung einer bestimmten Eigenschaft einer Pflanze
nützt oder schadet, denn in der Regel ist der rein egoistische
Standpunkt maßgebend.
Sein Vorteil entscheidet. Grenau so ist es ja auch bei der
Tierzucht. Ja hier geht der Egoismus so weit, daß der Mensch
selbst vor der Grausamkeit nicht zurückschreckt und die Tiere
verstümmelt, Funden Ohren und Schwanz abschneidet, die Tiere
durch Mästung krank macht, sie entmannt, Singvögel blendet oder
die Tiere sonstwie schädigt, alles nur, um seine egoistischen Ziele
zu befriedigen. — Merkwürdig ist, daß den meisten Menschen
das Abnorme und Krankhafte an vielen unserer Kultur- und Zier-
pflanzen gar nicht zum Bewußtsein kommt und daß sie das für
die Pflanze Pathologische sogar schön finden.
Man kann auch gar nicht behaupten, daß unsere in herr-
lichen Farben prangenden, köstlich duftenden Rosen wegen ihrer
Füllung unschön sind. Im Gegenteil, sie haben den Menschen
seit jeher entzückt. Das, was den Menschen an den Rosen ästhe-
tisch befriedigt, ist ja gerade bis zur höchsten Vollendung groß
gezüchtet worden. Goethe hatte nicht so ganz unrecht, als er,
gegen den Mißbrauch des Schlagwortes „krankhaft“ sich wendend,
voll Unmut ausrief: „Das ist Überspannung, krankhaftes Wesen,
heißt es da, als wenn Überspannung, Krankheit nicht auch ein
Zustand der Natur wäre.“
Die gefüllte Rose, der aromatisch duftende, saftfleischige
Calvilleapfel, der melancholisch wirkende Trauerbaum lehrt uns,
daß die Natur auch auf dem Wege des Pathologischen zum
Schönen gelangen kann.
Nicht nur das Schöne, sondern auch das Absonderliche, ja
Groteske kann Gegenstand der Kultur werden, wie die japanischen
Zwergbäumchen und Formbäume zeigen. Wenn auch die Zwerg-
bäumchen unserem Geschmacke nicht entsprechen, so dürfen wir
die Japaner deshalb nicht allzu scharf kritisieren, denn das Ab-
norme, Pathologische und Groteske hat in der Kultur, Kunst und
Literatur zu allen Zeiten bei allen Völkern sowohl bei den Wilden
als auch bei den höchststehenden Kulturvölkern eine sehr be-
deutende Rolle gespielt.
— 2089 —
Losgelöst vom Menschen, erscheint die Kulturpflanze in
vielen Fällen nicht veredelt in ihrem Sinne, sondern dekadent
und dem Aussterben näher gebracht. Und Unger hatte voll-
ständig recht, wenn er sagte: „Die Kulturpflanze ist also nur für
den Menschen ein veredeltes Wesen, an und für sich nicht, — im
Gegenteil von ihrer normalen, lebenskräftigen Höhe herunter-
gestiegen und unedler geworden. Wir verehren in ihr keineswegs
den großen Gesetzgeber der Natur, sondern das selbstgeschaffene
goldene Kalb!).“
I) Unger, Fr., Über die physiologische Bedeutung der Pflanzenkultur. Wien 1860.
XI.
Biologie des atmosphärischen Staubes
(Aöroplankton)).
Vor 53 Jahren hielt der berühmte österreichische Geologe
Eduard Suess in diesem Vereine einen gehaltvollen Vortrag
„Über den Staub Wiens und den sogenannten Wiener Sandstein®“).
Ihm war es dabei hauptsächlich darum zu tun, zu zeigen, daß
dieser Sandstein wegen seiner leichten Zersetzlichkeit die Haupt-
quelle des über Wien so reichlich fallenden Staubes ist und nicht
so sehr das Wiener Granitpflaster.
Ich habe mir heute eine andere Aufgabe gestellt. Nicht die
mineralischen Bestandteile, sondern das Leben im atmosphärischen
Staube, seine Keime und die Beziehungen zu den Menschen sollen
uns beschäftigen.
Wenn man durch ein kleines Loch eines Fensterladens ein
Bündel direkter Sonnenstrahlen in ein finsteres Zimmer leitet, so
sieht man im Strahle Millionen von Sonnenstäubchen, bei ruhiger
Luft sich langsam bewegend, bei bewegter in raschem Wirbeltanz.
Die weitaus überwiegende Mehrzahl dieser Stäubchen besteht nach
meinen Erfahrungen aus Nebeltröpfchen, eine sehr große Menge
aus mineralischen Teilchen, eine geringere aus Gewebeteilchen
von Pflanzen, Tierhaaren, Ruß, Stärkekörnchen und, was von
besonderer Wichtigkeit ist, aus Bakterien, Sproßpilzen, Kiesel-
algen oder Diatomeen und Pollenkörnern. So wie man die im
Wasser schwebenden Organismen als Hydroplankton bezeichnet,
!) Vortrag, gehalten den 6. Dezember 1916 im Vereine zur Verbreitung natur-
wissenschaftlicher Kenntnisse in Wien. Im Verlage dieses Vereins 1917 zuerst er-
schienen.
?) Suess, E., Verein z. Verbr. naturw. Kenntn. in Wien, Jahrg. 1863/64,
Wien 1865, S. 269.
Molisch, Populäre biologische Vorträge. 2. Aufl. 14
I ae —
so kann man die in der Luft schwebenden passend als A&öro-
plankton!) zusammenfassen.
Die Anwesenheit von niederen Lebewesen und Keimen von
solchen in der Luft hat man früher nicht gekannt, erst durch die
wichtigen Untersuchungen Pasteurs wurde die für die Frage der
Urzeugung und für die moderne Hygiene so wichtige Tatsache
festgestellt, daß in der atmosphärischen Luft sich stets Keime der
verschiedensten Art .vorfinden, die sich in eingetrocknetem Zu-
stande lange lebend erhalten und sich, wenn auf günstigen Boden
fallend, weiter entwickeln und ins Unendliche vermehren können.
Pasteur hat große Mengen Luft durch Schießbaumwolle
filtriert, diese in Äther gelöst und den Rückstand schließlich
mikroskopisch geprüft. In diesem Rest befanden sich neben
vielen mineralischen Stäubchen auch zahlreiche Mikroorganismen.
In sehr einfacher Weise kann man heute die Anwesenheit lebender
Keime in der Atmosphäre durch folgende Methode nachweisen.
Einfangen der Keime.
Man beschickt eine Reihe von übereinander klappbaren Doppel-
schalen, sogenannten Petrischalen, mit einem bei gewöhnlicher Tem-
peratur starren, für Bakterien, Schimmel- oder Hefepilze günstigen
Nährsubstrat und sorgt dafür, daß im Innern der Schale alles frei
von lebenden Keimen ist. Dann setzt man, indem man die Schale
öffnet, ihren Inhalt 5—ı5 Minuten lang der atmosphärischen Luft
aus, schließt hierauf die Schale und bringt sie schließlich an einen
für die Entwicklung günstigen, finsteren und warmen Ort. Nach
einigen Tagen beobachtet man, daß aus den eingefallenen Keimen
sich Kolonien gebildet haben, und aus ihrer Zahl und ihrem Aus- .
sehen kann man einen Schluß auf die Menge und die Art der in
der Luft vorhandenen Keime ziehen‘).
Es ist interessant, solche Versuche vergleichend zy machen,
z. B. mit der Luft in einem feuchten Gewächshaus, im Wohn-
zimmer, auf dem Dache eines Großstadthauses, im Walde, über
dem Meere, im Tale oder auf einem Bergesgipfel. Schon durch
solche rohen Versuche kann man sich, vorausgesetzt, daß man in
!) Molisch, H., Vortrag über „A&roplankton“. Mitteilungen des naturwissen-
schaftlichen Vereines der Universität Wien 1912, S. 8.
?) Nestler, A., Städtische Anlagen und Stadtluft. Sammlung gemeinnütziger
Vorträge des deutschen Vereines zur Verbreitung gemeinnütziger Kenntnisse in Prag,
Nov. 1905, S. I53.
—— ZI I
den vergleichenden Experimenten stets dasselbe Nährstoffmedium
verwendet und dieses gleichlange Zeit der atmosphärischen Luft,
am besten ruhiger Luft, aussetzt, eine beiläufige Vorstellung von
‘ dem Aöroplankton machen.
Die Fig. 4ı zeigt eine Petrischale, die 5 Minuten in der Luft
eines feuchten, warmen Gewächshauses im Wiener pflanzenphysio-
logischen Institut ausgesetzt wurde. Die Zahl der Kolonien, die
sich in diesem Versuche ausbildeten, ist eine auffallend geringe.
Dies darf nicht wundernehmen, da in einem solchen Gewächs-
hause der Fußboden,
die inneren Fenster-
teile, die Parapete
ungemein feucht sind
und ‘die Luft‘ mit
Wasserdampf ziem-
lich gesättigt' er-
scheint. In solcher
Luft gibt es sehr
wenig Staub und da-
her auch sehr wenig
Keime. Solche Luft
ist sehr rein.
DieFig.42 zeigt
denselben Versuch,
jedoch mit der Luft
eines Hörsaales des-
selben Institutes. Die
Zahl der hier aufge-
Fig. 41. Petrischale, die 5 Minuten der Luft eines
: Gewächshauses ausgesetzt worden war. Nachher haben sich
kommenen Kolonien 2 Bakterien- und 2 Schimmelpilzkolonien entwickelt. Orig.
erscheint viel größer,
weil die Luft in einem Hörsaale viel mehr Staub und daher auch
viel mehr Keime enthält.
Die Fig. 43 endlich zeigt eine Schale, die ebensolange wie
die Schalen ı und 2 der Luft in einer der verkehrsreichsten Straßen
Wiens, der Alserstraße, ausgesetzt wurde. In dieser Schale haben
.sich eine Unzahl von Kolonien entwickelt, ein Beweis, daß die
Straßenluft viele lebende Keime birgt.
Es muß jedoch bemerkt werden, daß sich nicht alle Keime,
die auffliegen, auch entwickeln, weil ein bestimmtes Nährsubstrat
nicht für alle Mikroorganismen taugt. Bakterien lieben im allge-
14*
A
meinen ein alkalisch reagierendes, Schimmel- und Hefepilze ein
saures Substrat. Auch die Zusammensetzung des Nährmediums
spielt eine wichtige Rolle. Arbeitet man mit Brühe von Kartoffeln,
gelben Rüben, Zitronen oder Fleisch, so erhält man oft sehr ver-
schiedene Pilze, weil es eben auf die Zusammensetzung des Mediums
sehr ankommt. Bonnier‘) und seine Mitarbeiter erhielten bei ver-
gleichenden Versuchen mit der Luft eines Hochwaldes auf Bouillon
der gelben Rübe 1804, der Zuckerrübe 336, der Topinambur 204
und der Zitrone o Kolonien von Schimmelpilzen.
Grenauer wer-
den die Versuche,
wenn man anstatt der
Petrischalen Röhren
verwendet, deren
Innenwand mit Nähr-
gelatine oder Nähr-
agar ausgekleidet ist
und durch die man
dann ein bestimm-
tes Luftvolum sehr
langsam durchsaugt
und die Kolonienzahl
stets auf dieselbe
Luftmenge bezieht.
Derlei Unter-
suchungen sind, ab-
gesehen vom rein
Fig. 42. Petrischale, die 5 Minuten der Luft eines Hör- : >
saales der Wiener Universität ausgesetzt worden war. Nach- wissenschaftlichen
her haben sich über 20 Bakterienkolonien gebildet. Orig. Gesichtspunkte, auch
von dem der prakti-
schen Hygiene, Medizin und der Gärungsindustrie von graßem Inter-
esse. Daher hat man schon frühzeitig dem atmosphärischen Staub
große Aufmerksamkeit geschenkt. Ehrenberg hat sich schon im
Jahre 1830 mit den im Staub von Berlin vorhandenen Organismen be-
schäftigt. Der Botaniker F. Unger‘) hat den Staub von Graz, P.Mi-
1) Bonnier, G., Matruchot, L., et Combes, R., Sur la dissemination des
germes de champignons dans l’atmosphere. Societe nation. d’agriculture de France, Paris
1911. Extrait du bulletin de seances, n° de Mars.
°®) Unger, F., Mikroskopische Untersuchung des Staubes von Graz. Sitzungs-
quel!) den von Montsouris und Paris, K. Saito?) den von Tokio in
Japan, A. Hansen?) den von Carlsberg’in Dänemark, Selander‘)
den der Festung Vaxholm, Nestler’) den von Prag und G. Bon-
nier den von verschiedenen Orten in Frankreich untersucht.
Meiner Meinung nach sollte jede größere Stadt nicht bloß
eine genaue biologische Prüfung des Trinkwassers, sondern auch
eine solche des atmosphärischen Staubes veranlassen, weil das in
mehrfacher Beziehung und nicht zuletzt auch in hygienischer von
Bedeutung ist.
Schon jetzt las-
sen sich einige inter-
essante Ergebnisse
aus solchen Studien
ableiten.
Zahl der Keime
in Abhängigkeit von
äußeren Umständen.
Die Menge der
in der atmosphäri-
schen Luft befind-
lichen Stäubchen ist
enorm. Nach Aitken
enthält ı ccm atmo-
sphärischer Luft nach
einem ergiebigen
Regen noch durch-
Fig. 43. Petrischale, die 5 Minuten in einer der verkehrs-
schnittlich 3200, bei reichstenStraßen Wiens exponiert worden war. Es haben sich
klarem Wetter aber nachher eine Unzahl von Bakterienkolonien gebildet. Orig.
130 000 Staubteil-
berichte der kais. Akademie der Wissenschaften in Wien, math.-naturw. Kl., 1849,
IN Bd.,S. 230.
!) Miquel, P., Les organismes vivants de l’atmosph£re, Paris 1883.
?2) Saito, K., Untersuchungen über die atmosphärischen Pilzkeime. Journ. of
the college of science university Tokyo, Japan, I. u. II. Mitteilungen 1904 und 1908.
®) Hansen, A., Recherches sur les organismes etc. Ref. im Bot. Zbl. 1882,
NE Sa7.
*) Selander, N. E., Luftuntersuchung bei der Festung Vaxholm. Sv. Vet. Ak.
Bih., Band 13, 1888, Nr. 9. Ref. in Just., Bot. Jahresber. 1888, I, S. 231.
°) H. Molisch, Vortrag über „Aeroplankton“. Mitteilungen des naturwissen-
schaftlichen Vereines der Universität Wien 1912, S. 8.
chen; aus der Mitte eines Zimmers entnommen, ergab ı. ccm
ı 860000 und aus der Deckenhöhe sogar 5420000 Teilchen.
Selbstverständlich machen die lebenden Keime unter dem Heer
der Staubpartikelchen nur einen sehr kleinen Bruchteil aus. Mac
Fadyen!)untersuchte die Londoner Luft auf Staub- und Bakterien-
gehalt und fand pro ı ccm 300000—500000 Staubteilchen. Auf
38300000 Staubpartikelchen im Freien und auf 184000000 in der
Zimmerluft kam erst ı Bakterium.
Die Zahl der Mikroben unterliegt je nach den äußeren Um-
ständen großen quantitativen und qualitativen Schwankungen.
Schon Miquels Untersuchungen haben für die Luft von Paris er-
geben, daß sowohl die Zahl der Individuen als auch die Zahl der
Arten in der Luft wechselt, so zwar, daß die Keimzahl der Schimmel-
pilze in warmen und feuchten Jahreszeiten am größten, in kalten
und trockenen hingegen am geringsten ist. Saito führte ein ganzes
Jahr statistische Untersuchungen über die in der Luft von Tokio
enthaltenen Schimmelpilzkeime und Bakterien aus und konnte
Miquels Ergebnisse mehrfach bestätigen. Gartenluft enthielt in den
warmen und feuchten Jahreszeiten, besonders im Juli, die zahl-
reichsten Schimmelpilzkeime, in den kalten und trockenen Zeiten
dagegen viel weniger, die wenigsten im März. Straßenluft verhält
sich ähnlich, doch kommen darin mehr lebende Schimmelpilzkeime
vor als in der Gartenluft. Bakterienkeime hingegen nehmen bei
kaltem und feuchtem Wetter ab.
Die Regenmenge beeinflußt bei sonst gleichen meteorolo-
gischen Verhältnissen die Monatsmittel der Keime. Starker Regen-
und Schneefall reinigt die Luft und vermindert die Keimzahl.
Wind bringt oft eine große Zahl von Keimen herbei.
Während die Luft am Meeresstrande noch viele Keime führt,
erreicht die Keimzahl über dem Meere ein Minimum.
Mit zunehmender Höhe nimmt die Zahl der Sftaubkörnchen
und Keime ab. Doch ist die Verteilung durchaus keine gleich-
mäßige, da sie vielfach durch auf- und absteigende Luftströmungen
beeinflußt wird. Da z.B. Luftströmungen im Sommer höher auf-
steigen als im Winter, ist auch die obere Keimgrenze im Sommer
höher. Sie liegt zu dieser Zeit bei etwa 3000 m Höhe, im Winter
hingegen bei 1700 m. Daß die Keimzahl mit der vertikalen Er-
hebung abnimmt, geht auch aus Bonniers Untersuchungen deutlich
!) Fadyen, A. Mac, Bakteria and dust in air. Transactions of prevent. medic.
I. ser. London 1897. p. 142. Ref. in Botan. Jahresber., Jahrg. 1898, I, S. 75.
hervor. Die Bakterien nehmen mit der Höhe rascher ab als die
Schimmelpilzkeime. So konnten pro 50 1 Luft bei schönem Wetter
im Monat August 1909 nachgewiesen werden in
Meter Höhe Schimmelpilze Bakterien
260 226 4ı
1020 184 2
1125 170 o
2190 64 o
Sogar in frisch fallendem Schnee, der unter allen Vorsichten auf dem
Pic du Midi der Pyrenäen 2860 m hoch aseptisch aufgefangen
wurde, konnten zahlreiche lebende Keime festgestellt werden.
Nach Bonnier beeinflußt auch die Art der Umgebung in hohem
Grade die Zahl der Keime in der Luft. So war die Waldluft stets
reicher an Mikroorganismen als die Luft an felsigen Orten, die
von Gehölzen nicht bedeckt waren.
So z.B. betrug die Zahl der Keime am 22. August ıg0g bei
trockenem Wetter pro 5o 1 Luft
Schimmelpilze Bakterien
Tem vome Walde tree. 55 4
am W.aldrander nn al. 88 8
mitten im Walde . . . & 3200 13
Dieses Resultat ist auffallend, weil gerade die Waldluft so viel
Keime enthält und wir besonders die Waldluft für relativ staub-
arm halten. Bonnier gibt keine Erklärung dafür. Seine Beobach-
tung, als richtig vorausgesetzt, könnte man sich so erklären,
daß zwar die absolute Staubmenge im Walde verhältnismäßig
gering, die Zahl der Keime aber relativ sehr groß ist. Dies
wäre aber auch begreiflich, wenn man bedenkt, daß in dem faulenden,
auf dem Waldboden liegenden Laub und in dem Waldhumus eine
Unmasse von Schimmelpilzen und Bakterien haust, die von hier
aus durch den Wind leicht in die Waldluft gelangen können.
Die Zahl der Arten von Mikroorganismen im atmo-
sphärischen Staube ist sehr groß. Am reichlichsten traten in Saitos
Untersuchungen von Schimmelpilzen ziemlich häufig auf: Clado-
sporium herbarum, Penıcıllum glaucum, Eptcoccum purpurascens,
darnach Asfergrllus glaucus, A. nıdulans, Catenularıa fulıginea,
Mucor racemosus, Rhızopus nıgrıcans, Macrosporium cladosporrordes,
Montha-Arten und seltener Mucor Mucedo, Dematıum pullans,
Botrytis cınerea, Verticıllium glaucum, Fusarium roseum u. a.
Von Bakterien konnten im ganzen 72 Arten aus dem Luft-
staub von Tokio isoliert werden, darunter sogar 18 neue.
— 216 —
Die häufigsten Bakterien waren: Dacıllus subtulıs, B. vulgatus,
B. mycoides, Sarcına candıda, S. aurantiaca, Mhrcrococcus luteus
und J/. roseus, ferner zahlreiche andere Arten, die roten und gelben
Farbstoff bilden.
Die meisten dieser Schimmelpilze und Bakterien sind wohl
unschädlich, denn wären sie für den Menschen gesundheitsschäd-
lich, so wäre das Menschengeschlecht schon längst ausgestorben.
Dennoch wissen wir nur zu genau, daß der lange Aufenthalt in
stauberfüllter Luft schädlich wirkt. Die scharfkantigen, splitterigen,
mineralischen Bestandteile des Staubes greifen die Lunge mecha-
nisch an, reizen die Schleimhäute und rufen Katarrhe und Husten
hervor. Derartig gereizte Schleimhäute können, besonders bei
sonstiger günstiger Disposition, einen gedeihlichen Boden für den
Tuberkelbazillus abgeben, der sich wohl häufig auch im atmo-
sphärischen Staube befindet. Daß noch andere krankheiterregende
Bakterien, z. B. Cholera und Typhus durch die Luft verbreitet
werden können, möchte wohl niemand bezweifeln.
Andere organisierte Bestandteile.
Abgesehen von Pilzkeimen gibt es aber noch andere zelluläre
Objekte im atmosphärischen Staub, die unser Interesse zu erregen
vermögen.. Von der Anwesenheit solcher Partikelchen kann man
sich leicht überzeugen, wenn man eine kleine Glasplatte mit einem
Glyzerintropfen versieht und dann der atmosphärischen Luft, sei
es im Zimmer, vor dem Fenster, in der Straße, im Garten oder
sonstwo, Minuten, Stunden oder Tage lang aussetzt. Das Glyzerin
hat die angenehme Eigenschaft, daß es nicht verdampft und alle
anfliegenden Staubkörnchen durch seine etwas klebrige Beschaffen-
heit festhält. In solchen Glyzerintropfen findet man oft, zumal
wenn man sie der Stadtluft aussetzt, nach einiger Zeit Rußteilchen,
Stücke von Baumwoll-, Leinen- und Schafwollfasern, die zumeist
von unseren Kleidern herrühren, ferner Stärkekörnchen, Fetzen
von Pflanzengeweben, Pflanzenhaare, Kieselalgen und, was ich be-
sonders hervorheben möchte, Blütenstaub.
Man betrachte die Fig. 44. Sie stellt einen Teil der Ober-
fläche eines Glyzerintropfens dar, der eine Stunde mitten in der
Stadt der atmosphärischen Luft ausgesetzt wurde. Er zeigt, welche
gröberen Staubpartikelchen eingefangen wurden:
r Rußteilchen. An solchen ist in der Stadtluft, wo tausende.
Rauchfänge und Fabrikschlote in Tätigkeit sind, kein Mangel.
Wieviel davon zu Boden fällt, läßt sich im Winter nach einem
Schneefall leicht beobachten. Der Schnee wird vom Ruß bald
grau und schwärzlich. Ferner sieht man in der Figur: d eine
Baumwollfaser, / eine Leinenfaser und s eine Schafwollfaser.
Diese Fasern rühren großenteils von unseren Kleidern her, die
im Gebrauche und beim Abbürsten beständig Fasern verlieren.
Überdies sehen wir Stärkekörnchen s, die aus der Küche, aus
Mühlen und aus mit Mehlsäcken beladenen Wagen, die durch die
Straßen fahren, herrühren mögen, » zeigt uns einen winzigen
Nadelholzfetzen und 7 ein Gewebefragment einer Getreidespelze,
vielleicht aus dem
zerstäubten Kot eines
Zugtieres her-
rührend, 5/ einen
Blattfetzen, £ ein
Nadelholzpollenkorn,
sp Sporen und s/einen
Mineralsplitter.
Blütenstaub
oder Pollen. Zu
gewissen Zeiten ent-
hält der Staub ge-
wisse Bestandteile in
bedeutenden Men-
gen! Um dies’ zu
veranschaulichen,
will ich hier ein
kleines Erlebnis ein- Fig. 44. Glyzerintropfen mit verschiedenen angeflogenen
Staubpartikelchen. Nach Nestler.
flechten, das zu einer
interessanten Beobachtung führte. Ich saß eines Tages — es
war am 25. Mai 1904 — im Gartenhäuschen meines Ver-
suchsgartens in Prag an einem Tische und bemerkte, daß die
Tischoberfläche mit einem äußerst feinen gelben Staubpulver be-
deckt war. Mit der Lupe erkannte ich sofort an der charakteri-
stischen Gestalt der gelben Stäubchen, daß es sich um den Blüten-
staub von Nadelhölzern handelte. Die mikroskopische Betrachtung
bestätigte den Lupenbefund. Der Pollen mußte, da ich wußte,
daß ich tags zuvor den Tisch sauber abgewischt hatte, kurz vorher
niedergefallen sein. Mich interessierte sofort die Frage, ob solcher
Pollenregen nur kurze Zeit, nur zu gewissen Tageszeiten, längere
— 218 —
Zeit oder nur bei bestimmter Windrichtung erfolgt, und ich be-
gann gleich darauf systematisch die gestellten Fragen zu ver-
folgen.
Schon der erste Glyzerintropfen, den ich der Luft im Garten
oder vor dem Fenster meines Arbeitszimmers aussetzte, zeigte,
daß sich schon nach ganz kurzer Zeit im Tropfen mehrere Pollen
von der Föhre und der Fichte nachweisen ließen. Bereits nach
5 Minuten konnte ich ı—ıo Pollenkörner einfangen. Die Fig. 45
zeigt einen Teil eines Tropfens, der mehrere Stunden zu dieser
Zeit vor dem Fenster der Luft exponiert war. Dieselben Resultate
erhielt ich auch in
der näheren und wei-
teren Umgebung von
Prag. Dieser Nadel-
holzpollen war in
größerer Menge bis
etwa 15. Juni nach-
zuweisen. Während
dieser Zeit muß die
Luft in und um Prag
— und dasselbe gilt,
wie ich später fest-
stellte, auch für die
Luft von Wien —
durch etwa 3 Wochen
buchstäblich von
Billionen Pollenkör-
Fig. 45. Glyzerintropfen mit angeflogenen Pollen- nern der Nadelhölzer
körnern von Nadelhölzern. Orig. erfüll. sen Bl reg-
nete förmlich Pollen. Das ist die Zeit der Blüte der Koniferen.
Die Nadelhölzer erzeugen bekanntlich wie viele ande?e Pflanzen
mit stäubendem Pollen überaus große Mengen Blütenstaub, der vom
Winde leicht fortgetragen wird und an fernen Orten später nieder-
fällt. Die Bauern sagen dann, es habe „Schwefel“ geregnet. Um
die Mitte Juni hört das Blühen der Nadelhölzer auf und damit
verschwindet der Nadelholzpollen auch in der Luft. An seine
Stelle tritt aber, sowie die Roggen- und Weizenfelder zu blühen
beginnen, der Pollen der Getreidearten; die Luft bleibt durch 2
bis 3 Wochen damit erfüllt, wird aber wieder davon gereinigt,
sobald das Getreide zu blühen aufgehört hat.
Er E
Heufieber. Zur Zeit, wenn die Luft mit dem Blütenstaub
der Gräser, insbesondere aber mit dem vom Roggen /‚Secale cereale)
erfüllt ist, leiden viele Menschen an einer mit Niesen, Husten und
reichlicher Absonderung von Nasenschleim verbundenen Krank-
heit, die als „Heufieber“, „Heuschnupfen“ oder als „Bostocksche
Krankheit“ bezeichnet wird, weil der Londoner Arzt Bostock!)
zuerst die Aufmerksamkeit darauf gelenkt hat.
Die Heufieberkranken haben ein Gefühl der Hitze und
leiden an einer Schwellung in den Augen, verbunden mit Rötung,
Jucken, Tränenträufeln, Niesanfällen, Nasenschleimabsonderung,
Brustbeklemmen,
Atembeschwerden,
profusen Schweißaus-
brüchen und großer
Mattigkeit.
Es ist dies eine
von jenen Krankhei-
ten, an der man zwar
nicht stirbt, die aber
trotzdem sehr lästigist.
Ich selbst leide seit
etwa 6 Jahren dar-
unter.
Regelmäßig gegen
Ende Mai stellt sich
die Krankheit ein; sie
hältetwa 2—3 Wochen
an, sie kann sich
aber auch später bemerkbar machen, wenn Gelegenheit zur Ein-
atmung von Graspollen geboten wird. So befiel mich das Heu-
fieber im August ıgı4 in Seeboden am Millstättersee, als ich
meine Sommerferien in einer Villa verbrachte, die an ein blühendes
Maisfeld grenzte.
Dunbar?), dem wir eine interessante Schrift über das Heu-
fieber verdanken, hat die bisherige Literatur einer kritischen
Prüfung unterzogen und auf Grund zahlreicher neuer Versuche
gezeigt, daß alle Umstände auf den Gräserblütenstaub als Ursache.
Fig. 46.
1) Bostock, J., Medico-chirurg. Transactions, Vol. X, I, S. 161.
2) Dunbar, Zur Ursache und spezifischen Heilung des Heufiebers. München
und Berlin 1903. Aus d. staatl. hygien. Institut in Hamburg.
u ZANDER
des Heufiebers hinweisen. Die Krankheit tritt gewöhnlich in der
Zeit von Ende Mai bis Mitte Juli auf, am häufigsten, wenn der
Patient sich in der Nähe von blühenden Kornfeldern bewegt.
Dunbar, der selbst an dem Heufieber litt, sagt von einer Eisen-
bahnfahrt: „Beim Durchfahren von Kornfeldern traten bei geöff-
netem Kupeefenster sofort die beschriebenen Symptome seitens
der Augen und der Nasenschleimhäute auf, die sich unter unauf-
hörlichem Niesen bald so weit steigerten, daß fieberhaftes Gefühl
und völlige Abgespanntheit eintrat. Sobald der Zug durch Wal-
dungen oder Heideflächen fuhr, trat eine Linderung der Sym-
ptome ein. Wenn man aber wieder in die Nähe von Kornfeldern
oder Wiesen kam,
verschlimmerte sich
der Zustand An
einzelnen Regen-
tagen wurden Anfälle
selbst beim Passieren
blühender Korn-
felder und Wiesen bei
geöffnetem Kupee-
fenster nicht aus-
gelöst. Sobald die
Sonne aber wieder
Fig. 497. Schwellung des linken Armes und der ” £ ich
linken Hand infolge von Einspritzung von Roggen- schien, zeigte sic
pollengift. Nach Dunbar. innerhalb weniger
Stunden die Luft mit
der irritierenden Substanz wieder erfüllt“ (S. 11 —ı2).
Ich selbst habe an mir ähnliche Erfahrungen gemacht. Stets
wurde mein Heuschnupfen heftiger, löste Tränen, intensives Niesen
und Nasenschleimabsonderung aus, sobald ich im Sonnenscheine
an blühenden Roggenfeldern oder Wiesen vorbeiging. "*
Dunbar hat, indem er bei Personen, die der Krankheit zu-
gänglich, also nicht immun waren, Roggenpollen entweder auf die
Augenbindehaut oder in die Nase brachte oder einatmen ließ, so-
fort alle charakteristischen Erscheinungen des Heufiebers hervor-
rufen können. Die Fig. 46 zeigt das Aussehen der Roggenpollen.
Das in den Roggenpollenkörnern vorhandene Heufiebergift läßt
sich mit physiologischer Kochsalzlösung oder mit Blutserum aus-
ziehen und mit Alkohol fällen. Wird dieser Niederschlag auf
Heufieberpatienten verimpft, z. B. unter die Haut des Armes ein-
==. 2217 —=
gespritzt, so löst er alsbald die charakteristischen Symptome des
Heufiebers aus und außerdem eine bedeutende Anschwellung und
Entstellung des betreffenden Armes (Fig. 47). Mit der Erkenntnis,
daß das Heufieber auf die Einwirkung des Roggenpollens zurück-
zuführen ist, steht auch die Tatsache im Einklang, daß man sich
vor dem Heuschnupfen dadurch bewahren oder ihn rasch loswerden
kann, indem man sich zur kritischen Zeit beständig in geschlossenem
Zimmer oder in einer Gegend aufhält, die frei von Graspollen ist,
z. B. auf Helgoland.
Von vornherein war auch mit der Möglichkeit zu rechnen,
daß nicht nur der Roggenpollen, sondern auch der anderer Gräser
und der noch anderer Familien Heufieber hervorrufen könnte.
Dunbar hat auch diese Frage geprüft. Von ı8 untersuchten
Gräserarten erwiesen sich alle ohne Ausnahme wirksam,
hingegen alle anderen, die nicht zu den Gramineen ge-
hören, als unwirksam.
Bei dieser Gelegenheit möchte ich auf eine Tatsache auf-
merksam machen, die vielleicht für den Mediziner von Wert ist.
Ich habe schon durch 7 Jahre die Beobachtung gemacht, daß ich
und auch andere Personen bereits um den ıo. Mai an Heu-
schnupfen litten, wenn die Getreidefelder der Umgebung noch
nicht blühten und Roggenpollen in der Luft noch fast gar nicht
nachweisbar war. Wohl war aber zu dieser Zeit die Luft mit dem
Pollen der Koniferen dicht erfüllt. Wenn das Heufieber auf die
Einwirkung des Grasblütenstaubes zurückzuführen ist — und daran
ist ja jetzt nicht mehr zu zweifeln —, so könnte im Mai der Pollen
der Frühjahrsgräser oder vielleicht auch der der Koniferen daran
schuld sein. Leider hat Dunbar gerade den Pollen der Nadel-
hölzerf nicht in seine Untersuchungen einbezogen. Ich möchte
daher diese Gelegenheit benützen, die Aufmerksamkeit der Ärzte
speziell auf den Koniferenpollen zu lenken, denn es wäre nicht
unmöglich, daß auch dieser Blütenstaub Heufieber veranlassen
könnte.
Dunbar stellt es als sehr wahrscheinlich hin, daß die in den
Pollenzellen des Roggens vorkommenden Stärkekörnchen das
Heufiebergift repräsentieren oder wenigstens enthalten. Dies er-
scheint mir nicht wahrscheinlich, da wir die Stärke, obwohl sie
zu den verbreitetsten Stoffen in der Planzenwelt zählt, niemals
als Gift kennen gelernt haben. Ferner gibt es, abgesehen von
den Gräsern, zahlreiche Pollen, die reichlich Stärke enthalten und
a
doch keinen Heuschnupfen hervorrufen. Da das Roggenpollen-
gift nicht kristallisiert und auch sonst keine charakteristischen
mikrochemischen Reaktionen gibt, so müssen wir uns vorläufig
damit bescheiden zu sagen: Wir kennen die Natur des Pollen-
giftes derzeit noch nicht.
Platanenhusten. In der Zeit von Mitte Mai bis Mitte
Juni trifft man im atmosphärischen Staub häufig sternartig ver-
zweigte Haare der Platane, die die Veranlassung zu Husten und
Augenentzündungen geben können. Ich will darüber einiges mit-
teilen, weil die Tatsache, obwohl seit langem sichergestellt, selbst
in Medizinerkreisen vielfach unbekannt geblieben ist und in Hand-
büchern der Hygiene nicht berührt wird.
Der „Schwäbische Merkur“ vom 24. Februar und 23. März
ı888 brachte mehrere Aufsätze, wonach die Schädlichkeit der
Platane schon den Ärzten des Altertums bekannt war. Diese
wurde in neuerer Zeit mehrfach bestätigt, ja in der Schweiz und
im Elsaß wurde sogar ein behördliches Verbot der Anpflanzung
in der Nähe von Schulen und Krankenhäusern erlassen. Als
Ursache der Schädlichkeit werden die auf den Blättern als feiner
Wollfilz (Platanenstaub) erzeugten Haare, nach einigen Angaben
auch die Fruchthaare bezeichnet.
Wie ich aus einem Artikel der „Gartenflora“!) entnehme,
soll der „Platanenhusten“ schon Dioscorides bekannt gewesen sein,
und Galenus sagt wörtlich: „Man hat sich zu hüten vor dem
Staube von den Platanenblättern, weil er, durch den Atem ein-
gezogen, die Luftröhre belästigt, indem er sie stark austrocknet
und rauh macht und die Stimme schädigt, wie er denn auch dem
Gesicht und Gehör schadet, wenn er in die Augen oder Ohren
hineingerät.“
Und Dioscorides sagt im 107. Kapitel seiner „Materia medica“
über die Platane: „Der Staub der Blätter und der KügelChen ver-
letzt, wenn er auffällt, Gehör und Gesicht.“ Die Blätter der
Platane, und zwar sowohl die von ?. orıentalıs als auch die von
P. occidentalıs, erzeugen ober- und unterseits einen rostfarbigen
Wollfilz, der sich aus sternartigen oder baumartig verzweigten
Haaren zusammensetzt (Fig. 48). Von diesem wolligen Überzug
bleiben die Blätter in ihrer Jugend bis etwa Mitte Mai bedeckt,
dann aber wird er nach und nach abgestoßen, wodurch eine große
!) Gartenflora, 27. Jahrg., S. 187, Berlin 1888.
7
— 223 —.
Menge dieses „Platanenstaubes“ in die Luft kommt. Die Haupt-
menge fällt in der zweiten Hälfte Mai bis etwa Mitte Juni ab.
Zweige, die zu dieser Zeit im Zimmer hingestellt werden, lassen
den Abfall besonders bei Erschütterung leicht erkennen. Wenn
nun diese Haare mit der atmosphärischen Luft eingeatmet werden,
so können sie, zumal sie mit zahlreichen Spitzen besetzt sind und
sich leicht zu kleinen Flöckchen zusammenballen, die Atmungs-
organe und Schleimhäute reizen und dadurch Husten und Ent-
zündungen hervorrufen.
Drude!) äußert sich über die Frage der Gesundheitsschäd-
lichkeit der Platane auf Grund seiner botanischen Untersuchungen
in folgender Weise:
„Fine wirkliche Ge-
fährdung der Ge-
sundheit kann aber
meiner Meinung naclı
nur dann eintreten,
wenn besonders emp-
findlichke Menschen
große Mengen dieses
‚Platanenstaubes‘ ein-
atmen oder sich, wie
es bei gärtnerischen
Arbeiten in Alleen
geschehen kann,
größere Ballen der
Sternhaarflöckchen
in die Augen reiben.
Es sollte daher das Fig. 48. Platanenhaare, miteinander verankert. Orig.
Arbeiten an Platanen
und unter dichten Platanengruppen in der genannten ‚Flugzeit der
Flöckchen‘ von gärtnerischer Seite eingestellt und auch sonst
dafür gesorgt werden, daß die Rolle der Platanen durch weise
Beschränkung auf günstige Plätze eine ungefährdete für Park-
anlagen und Stadtalleen bleibt.“ Die im Herbste reifenden Früchte,
die zu kugeligen Fruchtständen angeordnet sind, sind von Borsten-
haaren umhüllt, die sich im Frühjahr in großer Menge ablösen
und in die Luft gelangen. Ob auch diese Haare gesundheits-
l) Drude, O., Der Haarfilz der Platanenblätter und seine vermutete Gesund-
heitsschädlichkeit. Ebenda, 28. Jahrg. S. 393, Berlin 1889.
— 224 —
schädlich wirken, weiß ich nicht, doch scheint es mir mit Rücksicht mwf
ihre Größe nicht sehr wahrscheinlich, da sie alsbald zu Boden fallen.
Bei diesem Sachverhalt wird es sich in Zukunft empfehlen,
Platanen in Gärten und in Parkanlagen der Städte nicht anzu-
pflanzen, zumal ja an anderen schönen und ganz unschädlichen
Baumarten gerade kein Mangel ist.
Staubregen. Von Zeit zu Zeit fallen aus der Atmosphäre
größere Mengen von Staub, die zumeist eine rötliche Farbe haben.
Solche Staubregen hat besonders Ehrenberg!) von den ältesten
Zeiten bis zu den siebziger Jahren des vorigen Jahrhunderts re-
gistriert, auf ihre Zusammensetzung mikroskopisch geprüft und
darin eine Menge Mikroorganismen, insbesondere Kieselalgen und
Protozoön (Urtiere) verschiedener Art nachgewiesen. Woher diese
Staubregen kommen, weiß man nicht; die vielfach geäußerte Ver-
mutung, daß ein Teil kosmischen Ursprungs sei, erscheint nicht
wahrscheinlich.
Es sei erwähnt, daß sich am 14. Oktober 1885 in Klagenfurt
in Kärnten ein solcher Staubfall?) erreignete, über den F. Seeland
sich folgendermaßen äußert: „Es war ein Gußregen, der ganz
ähnlich prasselte wie bei einem Graupelfall und mich aus dem
Schlafe weckte. Der Türmer, welcher auf dem äußeren Gange
des Klagenfurter Stadtpfarrturmes die Feuerwache hält, hat ihn
beobachtet und mir über den Schlammregen zur Nachtzeit be-
richtet. Leider hat er am ı5. morgens den putzpulverähnlichen
Staub, der den Gang und das Gitter bedeckte, abgekehrt.
„Als ich auf den Turm kam, um mich von der Sache zu
überzeugen, war in den Eisenvertiefungen des Ganggitters und
in den Falznuten der Blechdächer Klagenfurts von dem gelben
Staub, ungeachtet des vielen nachfolgenden Regens, noch ziemlich
viel zu sehen. ... . Ich sammelte Muster des Staubes, der höchst
fein und von gelber, ockerähnlicher Farbe ist. Es ist.das genau
derselbe Staub, welchen uns am 253. Februar 1879 ein Südoststurm
über Lesina herauf, wo er auch beobachtet wurde, nach Klagen-
furt brachte und welcher damals den massenhaft fallenden Schnee
rot färbte. Seine Heimat ist vermutlich die Wüste Sahara.“
M. Schuster?) hat diesen Staub besonders nach der minera-
!) Ehrenberg, Übersicht der seit 1847 fortgesetzten Untersuchungen über das
von der Atmosphäre unsichtbar getragene, reiche organische Leben. Abhandl. der kgl.
Akad. d. Wissensch. zu Berlin 1871, S. ı.
?) Schuster, M., Resultate der Untersuchung des nach dem Schlammregen vom
logischen Seite genau untersucht und ich selbst konnte darin ver-
hältnismäßig häufig Diatomeen, Pflanzenhaare und vegetabilische
Gewebebruchstücke nachweisen.
Mitunter werden durch Orkane bei Gewitterregen ganz
sonderbare Objekte, z. B. die Wurzelknöllchen vom feigwurzeligen
Hahnenfuß, Ranunculus ficarıa, auf weite Strecken davongeführt
und dann irgendwo zum Staunen der Bevölkerung abgesetzt. Es
ist das der sogenannte „Kartoffelregen“. Zum besseren Verständnis
sei erwähnt, daß diese Frühlingspflanze nach dem Blühen ihre
Blätter alsbald vertrocknen und ihre Knöllchen, zumal bei trockenem
Wetter, über dem Erdboden erscheinen läßt, so daß sie vom Winde
leicht erfaßt werden können.
Als ich Gymnasiast in Brünn war, fielen nach einem heftigen,
vom Sturme begleiteten Gewitterregen in einem Teile der Stadt
ziemliche Mengen Samen vom Johannisbrot (Boxhörndeln), Cera-
fonıa 'sılıgua, nieder. Woher die Samen, die wohl zweifellos
irgendwo angehäuft waren und vom Sturme erfaßt wurden, her-
rührten, konnte nicht festgestellt werden.
Kosmische Keime. Die Astrophysiker schätzen die Dicke
der atmosphärischen Hülle auf 100—400 Kilometer. Wenn wir
auch wissen, daß die Zahl der Staubteilchen mit der vertikalen
Erhebung im allgemeinen abnimmt, so dürften doch aller Wahr-
scheinlichkeit nach Keime von der Größe der Bakterien durch
Luftströmungen bis zu der äußersten Grenze der Atmosphäre ge-
langen. Ob auch über diese Grenze hinaus in den Kosmos? Oder
sollte der Weltenraum vielleicht selbst von Keimen durchsetzt
sein? Sicheres wissen wir darüber nicht. Der schwedische Physiko-
chemiker S. Arrhenius!) nimmt, um die Frage nach der Herkunft
des Lebens auf unserem Planeten zu erklären, tatsächlich an, daß
der Kosmos seit Ewigkeit her von überaus kleinen schwebenden
Keimen durchsetzt sei, die, vom Strahlungsdruck des Lichtes ge-
trieben, zufällig auf einen Weltkörper gelangen und zum Aus-
gangspunkt einer neuen Lebewelt werden können. Ausführlicher
habe ich mich darüber in meinem Vortrag: „Über den Ursprung
des Lebens“?) geäußert und den ganz hypothetischen Charakter
der gemachten Annahme betont.
14. Oktober 1885 in Klagenfurt gesammelten Staubes. Sitzungsber. der kais. Akademie
d. Wissensch. in Wien, 1886, I. Abt., S. 81.
!) Arrhenius, S., Das Werden der Welten. Leipzig 1908, S. 191.
2) Molisch, H., Über den Ursprung des Lebens. Dieses Buch S. 130.
Molisch, Populäre biologische Vorträge. 2. Aufl. 15
— 226 —
So haben unsere Betrachtungen uns wieder gelehrt, daß das
Leben auch dort seinen Einzug gehalten hat, wo wir es von vorn-
herein gar nicht vermuten würden. So wie der Polarforscher
sogar in der Region des ewigen Eises eine Fülle von Leben ent-
deckte; so wie der Tiefseeforscher in den tiefsten Tiefen des
Ozeans, wo kein Lichtstrahl mehr eindringt und pechschwarze
Nacht herrscht, eine neue, eigenartige Tierwelt fand: so hat das
mit dem Mikroskop bewaffnete Auge des Biologen auch in der
Atmosphäre eine reiche Kleinwelt nachgewiesen, die in Form
von Keimen bis zu den äußersten Grenzen des Luftgürtels, ja
vielleicht sogar über diesen hinaus, den Raum durchsetzt.
XIV.
Die Wärmeentwicklung der Pflanze).
1. Die Atmung.
Der Schleier, der über dem Geheimnis des Lebens liegt, ist
noch ziemlich dicht. Aber je tiefer man in das Getriebe des Lebens
eindringt,. desto deutlicher zeigt sich immer mehr und mehr, daß
ein grundsätzlicher Unterschied zwischen Pflanze und Tier nicht
besteht — auch nicht in der Atmung. Wenn das Tier atmet, so
nimmt es Sauerstoff auf und verbrennt damit organische Substanz
zu Kohlensäure und Wasser. Heute kann man noch in manchen
Büchern lesen, daß der Pflanze angeblich eine umgekehrte Atmung
zukomme: während das Tier bei der Atmung Sauerstoff aufnimmt
und Kohlensäure abgibt, soll die Pflanze umgekehrt Kohlensäure
aufnehmen: und Sauerstoff entbinden. Dies beruht auf einem Irr-
tum. Die Pflanze atmet so wie das Tier, aber in der grünen
Pflanze geht während der Belichtung noch ein anderer Prozeß,
die Kohlensäure-Assimilation, vor sich und diese ist durch einen
der Atmung entgegengesetzten Gaswechsel charakterisiert. Die
Kohlensäure- Assimilation geht nur in den grünen Teilen der
Pflanze und nur im Lichte vor sich. Die Atmung hingegen spielt
sich in jedem Teil der Pflanze ab, gleichgültig ob beleuchtet oder
verdunkelt, gleichgültig ob grün oder nicht grün. Zwei einfache
Versuche sollen uns darüber belehren, daß die Pflanze bei der
Atmung Sauerstoff verbraucht und Kohlensäure entwickelt.
Versuch I. Ich nehme zwei Glaszylinder — Fig.4g — und
fülle den einen mit einer Handvoll keimender Erbsensamen, den
andern lasse ich leer. Beide werden durch gut eingeriebene Glas-
stöpsel von der äußeren atmosphärischen Luft abgeschlossen und
l) Vortrag, gehalten am ı2. Dezember 1917 im Vereine zur Verbreitung natur-
wissenschaftlicher Kenntnisse in Wien. Im Verlage dieses Vereines 1918 zuerst er-
schienen.
15*
— 228. —
in einem warmen Zimmer finster aufgestellt. Taucht man nach
etwa 24 Stunden in das Erbsengefäß ein brennendes Kerzchen,
so erlischt es sogleich, aber in den leeren Kontrollzylinder einge-
führt, brennt es dauernd weiter. Das Erlöschen des Kerzchens in
dem ersten erfolgt, weil die keimenden Erbsen den in dem ab-
gesperrten Luftraum vorhandenen Sauerstoff verbraucht haben.
Damit ist aber jenes Glas, das die Verbrennung unterhält, entfernt.
Versuch II. Um den Beweis zu liefern, daß bei der Atmung
Kohlensäure entwickelt wird, genügt es, wieder zwei gleiche Glas-
zylinder zu nehmen, beide mit etwas klarer Ätzkalklösung zu
füllen und den einen mit einem
lebenden, beblätterten Sproß, z.B.
des Flieders oder der Linde, so
zu versehen, daß der Sproß sich
über der Kalklösung befindet.
Der zweite Zylinder dient zur
Kontrolle. Schon nach einigen
Stunden, sicher nach einem Tage,
hat sich die früher klare Ätzkalk-
lösung in dem (sefäße mit dem
Sproß infolge der Bildung von
Kohlensäure, beziehungsweise
von kohlensaurem Kalk, getrübt,
während in dem Kontrollgefäß
ohne Zweig die Flüssigkeit sich
klar erhalten hat, da keine Kohlen-
säure gebildet wurde.
Fig. 49. Verbrauch des Sauerstoffs bei ä u a a
der Atmung. (Original.) ist bei verschiedenen Grewächsen
sehr verschieden. Kakteen, Haus-
wurz, überhaupt Pflanzen, die man wegen ihrer fleischigen oder
dicklichen Blätter oder Stämme als Fettpflanzen oder Sukkulente
bezeichnet, und Schattenpflanzen atmen schwach oder mäßig. Pilze,
Keimlinge und Blüten dagegen atmen stark. Nimmt man die Menge
der gebildeten Kohlensäure, bezogen auf das Frischgewicht, als
Maß für die Intensität der Atmung an, so läßt sich leicht erkennen,
daß keimende Samen oder rasch wachsende und sich vermehrende
Pilze ebenso oder noch intensiver atmen als der Mensch.
Wenn die Atmung einen Oxydationsvorgang, also eine Ver-
brennung darstellt, dann muß dabei Wärme entstehen. Dem
scheint aber die gewöhnliche Erfahrung zu widersprechen, denn
wenn man im Waldesschatten die Blätter berührt, so erscheinen
sie nicht wärmer als die Luft der Umgebung, sondern eher kühler.
Der Grund liegt darin, daß die durch die Atmung erzeugte Wärme
durch zwei Vorgänge wieder rasch entführt wird: durch die
Wärmeausstrahlung und die Transpiration.
Jeder Körper strahlt Wärme aus, und zwar um so mehr, je
größer seine Oberfläche ist. Die der Pflanze ist meistens sehr
groß, die Blätter sind ja zumeist flächenartig entwickelt und des-
halb geben sie die Wärme auch leicht ab.
Wärme entführend wirkt auch die Transpiration, d. i. die
Abgabe von Wasser in Form von Dampf durch die Oberfläche
der Pflanze. Legt man auf den Handteller einen Tropfen einer
rasch verdampfenden Flüssigkeit, z. B. Alkohol oder Äther, so hat
man sofort die Empfindung der Kälte. Zur Umwandlung von
Flüssigkeit in Dampf ist eben Wärme notwendig und diese liefert
die Hand, daher die Empfindung der Kälte. Wenn nun ein Blatt
Wasser verdampft, so wird ihm gleichfalls Wärme entzogen; es
bildet sich Verdunstungskälte und diese bewirkt zusammen mit
der Wärmeausstrahlung, daß die in der Pflanze erzeugte Atmungs-
wärme nicht zum Vorschein kommt. Ja die Verdunstungskälte
läßt die Pflanze sogar häufig kühler erscheinen als die Luft der
nächsten Umgebung. Sorgt man aber dafür, daß die beiden wärme-
entziehenden Erscheinungen nahezu oder völlig ausgeschlossen
werden, so ist es leicht, auch die Wärmeentwicklung der Pflanze
mit Sicherheit zu erweisen, Stark atmende Blüten, Keimlinge und
auch frische Laubblätter eignen sich ganz besonders zu Versuchen
über Selbsterwärmung.
2. Die Selbsterwärmung von Laubblättern.
Die Atmungsgröße der Blätter hat man lange Zeit unter-
schätzt, aber ich!) konnte mich überzeugen, daß gerade die Laub-
blätter vieler Gewächse sich stark zu erwärmen vermögen, wofern
die Versuche in folgender Weise angestellt werden:
Ein Weidenkorb. von etwa 4o cm Höhe und 30 cm mittlerer
Breite wird mit frisch gepflückten Blättern, z.B. von der Hain-
buche, Birne oder der falschen Akazie, gefüllt, was etwa einem
ı) Molisch, H., Über hochgradige Selbsterwärmung lebender Laubblätter.
Botanische Zeitung, 1908, S. 211.
— 230 —
Frischgewicht von 3—5 Kilogramm Blätter gleichkommt. Die
obere freie Korbfläche wird mit Pappendeckel bedeckt, ein Thermo-
meter mitten in die Blattmasse eingeführt, der Korb in eine Holz-
kiste gestellt und der Raum zwischen Kiste und Korb mit einem
schlechten Wärmeleiter, mit Holzwolle ausgefüllt. Um die Wärme-
ausstrahlung und Wärmeleitung möglichst zu verhindern, wird
das Granze noch mit einem Tuche mehrfach umhüllt.
Unter diesen Umständen erwärmen sich die Blätter vieler
Gehölze schon innerhalb eines Tages sehr bedeutend, oft bis zur
oberen Temperaturgrenze des Lebens, wie folgende Tabelle zeigt:
Tsıff- Temperatur-
Frisch gepflückte Blätter von temperatur Peg Be
nm 0C in dC
Pirus comMMmUnzSs: (Bine) Er. wn 15 59 27
Carpinus betulus (Hainbuche) . . . 23 51,5 15
Robinia pseudacacia (Akazie) . . . 24 5I 13
Tglen. sp ul Tändel... Ser Ver ait tor 18 50,8 27,5
Juglans vegia (Walnuß) . » .. >. 15 49,7 4355
Salixz capvrea (Sahlweid) . -. .... 15 47;1 22
Cytisus laburnum (Goldregen) . . . 18 45,6 18,5
Vitis vinifera (Weinstock). . . ... *7 4353 28
Einen genaueren Einblick in den Verlauf des Temperatur-
anstieges gibt der folgende mit den Blättern der Hainbuche an-
gestellte Versuch. (Siehe Tabelle auf nächster Seite.)
Beginn des Experiments am 27. Juni 1907, Ende am ı1. Juli
1907. Frischgewicht der Blätter 3,5 kg.
Die Tabellen zeigen, daß die Blätter sich schon innerhalb
verhältnismäßig kurzer Zeit, nämlich innerhalb 9 Stunden, von 22°
auf 43,9° und innerhalb ı5 Stunden auf 51,50 erwärmten; daß
dann während der nächsten 37 Stunden wieder ein langsames Ab-
fallen der Temperatur auf 33,70 zu verzeichnen war und daß hierauf
die Temperatur wieder zu einem zweiten, aber etwas kleineren
Maximum von 47,2° anstieg, um schließlich wieder nach und nach
fast bis zur Lufttemperatur zu sinken. Es kommt also zu zwei
Gipfelpunkten der Temperatur 51,5 und 47,2. Das erste Maxi-
mum ist auf Rechnung der Atmung der lebenden Blätter zu
setzen. Dabei erwärmen sich die Blätter so hochgradig, daß sie
in der von ihnen selbst erzeugten Wärme absterben. Nach dem
Eintritt des Todes hört die Atmung auf und die Temperatur sinkt.
a al,
Bel de 5#| 5°
Datum R = = Ö Datum s# | 8 Ö
l
|
27. VI.’ zhp.m 23.102 1. VII, 6hp.m. 24,5 | 46,9
Zr, 23 25 Io’, 24,5:| 47,2
+ 23 28 2. VII. 4h.a.m. 245 [47
Ga 23 30 Br 24,5 | 46,8
7 ” 23 33»7 10 ” 24,5 46,5
RER 23 35,5 ıh p. m. 24,5 | 46,2
BE 23 35»7 Ss 24,5 45,9
10 ” 23 41,4 9 ” 24,5 45,1
IR 23 43,9 BRIF, Zu a 24. 023,2
28.VI. 5ha.m. 22,5 | 51,5 NEE 24 41,9
ER 2251 598 ıh p. m. 24 41,6
Bei 22 50 Gr 23 40,7
N. 22 49,2 eccas 23 40
ro ' Aare DAS.B 10; 3% 23 39,8
1 I RE | 22 46,8 4 VERSCRa.m, 22 36
zh p. m. | 2 44,6 Fos. z 22 35
5 22 43 I2 „» 22 345
a 22 141,6 6h p. m. 22 32,2
Ehe 22 40,7 GABEL. ch’a-ım)n . A a ei
Ph 22 39,9 ıh p. m. 27,5 | 30,1
Re 22 38 RR 21,5 29,5,
29. VI. 5zha.m. 22 34,9 30: 21,5 | 29
Eu 22 34 6. VII. sh a. m. 23 29
Sn 22 34 24 &. 23 28,9
zo, 22 33:9 ıoh p. m. 23 29,3
ıh p.m. 226 6.33,7 7. VII. 6ha.m. 23,5 |. 29,3
Age 22.,5:.1438,3 6h p. m. 23,5 | 29
30. VI. ırLh a. m. 22,5 | 394 rose 23,5 | 28,8
Bay iz 22,5 | 39,6 8. VII. aha.m. 23 28,6
ıh p.m. 22,5 | 40,1 6h p. m. 23 26,9
Sa 22,5 12227 ONE 23 26,7
I. VII. ah a. m. 23,3 | 43:9 9. VII. sha.m. 23 26,7
60%, 23,37 1002,2 zb p.m. 23 26,4
83» 23,3 | 447 I 22, 26,3
ss 23,3 NAS2 10. VII. sha.m 22,5 28
KEN. 655 23,5 WARE zb p.m. 22,5 | 25,6
BALn . 23,5 | 46 SE VII. Se Sum. 22,5 | 25,6
2hp. m. 24,1 | 46,7 gEp.m 22,5 02553
5» 24,5 | 46,8
Auf der toten Blattmasse beginnen sich nun die Bakterien und
Schimmelpilzkeime, die auf den Blättern in spärlicher Zahl vor-
handen waren und auf der toten organischen Substanz außer-
ordentlich günstige Entwicklungsbedingungen finden, rasch zu ver-
mehren. Das Heer der neuentstandenen Kleinwesen atmet sehr
intensiv und entwickelt bei der Atmung so viel Wärme, daß die
Temperatur wieder zu steigen beginnt und sich schließlich bis
zum zweiten Maximum erhebt. Damit ist auch der Höhepunkt in
der Entwicklung der Mikroorganismen erreicht, und sowie diese
zurückzugehen beginnt, sinkt auch
wieder die Temperatur.
Steckt man in eine derartig er-
hitzte Blattmasse die Hand, so fühlt
man die Wärme sofort, und legt man
Kakaobutter, welche einen niedrigen
Schmelzpunkt hat, hinein, so schmilzt
sie alsbald. Die überaus große Selbst-
erhitzung lebender Blätter läßt sich
auch durch einen hübschen Schul-
versuch einem größeren Zuhörerkreis
veranschaulichen, indem man Äther
durch die Blattwärme zum Sieden
bringt. Man bedient sich zu diesem
Zwecke des in der nebenstehenden
Figur 5o abgebildeten go cm langen
Glasrohres, das unten geschlossen,
oben ballonartig aufgeblasen und zum
Fig. 50. Versuch: Das Sieden des Teil mit durch Alkannım gefarbremn
Äthers durch die von den Blättern oder Ather gefüllt ist. Wird die bis etwa
a name zu einem Drittel gefüllte Glasröhre
Glasrohr mit gefärbtem Äther. mit ihrem geschlossenen Ehde in die
Blattmasse, deren Temperatur etwa
45°—50° oder darüber ist, eingesenkt, so fängt der Äther, dessen
Siedepunkt bei 35,5° liegt, alsbald zu sieden an, was von einem
großen Auditorium auf ziemliche Entfernung hin deutlich gesehen
werden kann.
Die Blätter verschiedener Pflanzen verhalten sich bezüglich
der Selbsterwärmung recht verschieden. Stark erwärmen sich die
in der Tabelle auf Seite 230 genannten, schwach hingegen die von
Canna, Tradescantıa vırıdıs, Bergenia, die des Epheus, der Tanne
und des Krautkopfes.
Desgleichen zeigen auch die Knollen der
Kartoffel, die Birnen- und Ligusterfrüchte nur geringe Erwärmung.
3. Die Selbsterwärmung in Dewar-
Gefäßen.
Die vorher beschriebene Methode
des Nachweises der Wärmebildung von
Blättern in einem von schlechten Wärme-
leitern umgebenen Korbe läßt an Ein-
fachheit und Sicherheit nichts zu wün-
schen übrig. Sie hat aber auch eine
große Schattenseite: sie erfordert viel
Material. Um 3—5 Kilogramm frischer
Blätter zu beschaffen, benötigt man
schon ein ansehnliches Bäumchen oder
einen großen Strauch. Es sei daher
darauf aufmerksam gemacht, daß die
als Thermoflaschen so vielfach verwen-
deten Dewar-Gefäße ein ausgezeichnetes
Mittel an die Hand geben, um die Selbst-
erhitzung von wenig (100— 150 Gramm)
Blättern, Blüten oder Samen in eleganter
Weisezudemonstrierent). Ein Dewar-Ge-
fäß (Fig. 5 ı) ist ein doppelwandiges, zylin-
drisches Glasgefäß, dessen äußerer Hohl-
raum möglichst ausgepumpt ist. Seine in-
nere Oberfläche ist zur Verminderung der
Wärmeausstrahlung versilbert. Wird der
innere Hohlraum des Dewar-Gefäßes —
dasselbe wurde seinem Erfinder, dem
bekannten englischen Chemiker Dewar
zu Ehren benannt — mit einer heißen
oder kalten Substanz gefüllt, so behält
diese ihre Temperatur längere Zeit so
ziemlich bei, da durch den luftfreien
Mantel die Wärme fast nicht oder nur
äußerst langsam abgeleitet wird. Die
im Handel befindlichen Thermoflaschen,
Fig. 51. Dewar-Gefäß im Durch-
schnitt mit Vakuummantel a und
innerem Hohlraum. Stark ver-
kleinert.
Fig. 52. Dewar-Gefäß montiert,
um die Selbsterwärmung‘ von
Pflanzen zu zeigen. Stark ver-
kleinert. D Glasgefäß mit leerge-
pumptem Hohlmantel m, T Ther-
mometer, 5 Baumwolle, 7 Holz-
fuß. (Original.)
1) Molisch, H., Über die Selbsterwärmung von Pflanzen in Dewar-Gefäßen.
Zeitschrift für Botanik, 6. Jahrg., 1914, S. 305—335.
dazu bestimmt, Speisen und Getränke warm oder kalt zu erhalten,
sind im wesentlichen Dewar-(refäße.
Die von mir verwendeten Dewar-Gläser ruhen in einer Holz-
hülse. Unmittelbar vor Beginn des Versuchs werden die Pflanzen
gesammelt und frisch (nicht naß!) eingefüllt. Auf die Pflanzen
kommt eine kreisrunde, genau in das Gefäß passende Scheibe von
Glimmer, um die Transpiration möglichst zu verringern, und da-
rauf eine 2—4 cm hohe Schicht Baumwolle. Schließlich wird ein
feingeteiltes Thermometer so eingeführt, daß der Quecksilberbe-
hälter etwa in die Mitte der Pflanzenmasse zu liegen kommt:
Fig. 532». Ob man nun mit Laubblättern oder mit Blüten arbeitet,
stets tritt schon innerhalb eines Tages eine bedeutende Wärme-
entwicklung ein, und zwar ergeben sich, wie bei den früher ge-
schilderten Korbversuchen, wieder zwei Gipfelpunkte der Tempe-
ratur, wovon der eine wieder auf Rechnung der Atmung der
Blätter oder Blüten und der andere auf die Atmung der Bak-
terien und Schimmelpilze, die sich auf den schließlich in ihrer
hohen Eigenwärme abgestorbenen Pflanzenteilen entwickeln, zu
stellen ist. |
Die folgende Tabelle gibt die Endresultate verschiedener
Versuche mit Blüten in übersichtlicher Zusammenstellung:
I _ = A | oo 4 | J oO
ES |s28<| P<>|gäse
seta, |SE, sljeseega
Bass SEE W: Be Sa
Name EB % < v5 | Sa EZ Se =!
Se EUdsı „EHER ges
er anze =525 De a3 8 s’sE
„se. a|l32e2 . jee 22a
re Se HH (Ha | ge
TE. des. Bs55 Asse
25 Ms = mn"
Chrysanthemum leucanthemum . 47:3 29,5 56,6 39,6
DIAUCUSBCRTOR Fr ee 46,9 28,9 55 38,8
Trifolium pratense. . . . . 47 28 55 38
Achillea millefolium . . . . 43,6 25 52,8 337
Anthcmis IDemSis "I En 41,6 20,2 48 28,1
Pa ns, 2 208 45 24,5 — —
Philadelphus coronarius . . . 40,1 16,1 47 25
Rosa (Gartenhybrid) . . . . 40,4 18,5 37,6 15,5
Clematis vitalba . . » » . .» 45,4 23,4 50 29
Calendula offieinalis . ». .» - 36,4 15,4 40 18,5
INymp haea alba a Wa 27,4 8,3 —— —
4. Die Selbsterwärmung gewisser Blüten und Blütenstände.
Obwohl man gewöhnlich in der Natur von der Wärmeent-
wicklung höherer Pflanzen nichts merkt, gibt es doch einige Fälle,
in denen Pflanzen soviel Wärme bilden, daß man sie mit der
Hand direkt fühlt. Die erste Nachricht darüber verdanken wir
dem Zoologen und Naturphilosophen Lamarck, der bereits im
Jahre 1777 die Tatsache feststellte, daß sich die blühenden Kolben
von Arum ılalıcum warm anfühlen. Diese
höchst auffallende und interessante Erscheinung
ist aber nicht auf die erwähnte Aroidee be-
schränkt, sondern wurde später noch für Arun
maculatum, einein unseren Auen viel verbreitete
Pflanze, Colocasıa odora und Phulodendron
Pinnatıfıdum, nachgewiesen. Die ziemlich großen
Blütenstände der Pandanaceen, Scitamineen, Cy-
cadeen und die der Palmen entwickeln gleich-
falls bedeutende Wärmemengen. Durch die
Untersuchungen von G. Kraus!) wurde die Er-
scheinung genau studiert. Bei Arwn ztalicum
wurde im Vergleich zur umgebenden Luft eine
Temperaturhebung bis zu 17,6° C beobachtet,
und wenn fünf Kolben zusammengelegt und
mit einem Tuch umgeben werden, so kann die
Temperatur auf 51,3° ansteigen bei einer Luft-
temperatur von 15,4°.
Es gibt eine aus Indien stammende Aroidee,
Sauromatum guttatuwm, deren Knollen die merk-
würdige Eigenschaft besitzen, am Tische liegend, SE Ca eye
. ohne jede Zufuhr von Wasser, sich nicht bloß * Knollen, S Schei-
frisch zu erhalten, sondern auch den Blüten- een
kolben auszutreiben (Fig. 53). Dieser besteht Stark verkleinert.
auseinem auffallend gefärbten, purpurngefleckten reizen
Scheidenblatt und dem eigentlichen Blütenstand,
der in seiner unteren Hälfte die weiblichen, darüber die männlichen
Blüten trägt und in seiner oberen in ein etwa fingerdickes pur-
purnes Anhängsel übergeht. Wenn das Scheidenblatt sich öffnet,
kommt das Anhängsel zum Vorschein und erwärmt sich so be-
deutend, daß man es mit der Hand direkt fühlen kann. In einem
l) Kraus, G., Über die Blütenwärme bei Arum italicum. Abhandl. d. naturf.
Ges. zu Halle, Bd. 16, 1883— 1886, ı. Teil, S. 37—76, 2. Teil, S. 259—358.
„— 236 .
bestimmten Falle!) setzte die Erwärmung früh morgens um 6 Uhr
ein, erreichte gegen 8 Uhr oben am Anhängsel ein Maximum von
34° und fiel dann bis 7 Uhr abends auf die Lufttemperatur herab.
Am nächsten Tag war die Erwärmung ganz minimal, nur ı° über
der Temperatur der Luft. Bei anderen Aroideen läßt sich eine
scharf ausgeprägte Periodizität der Wärmebildung nachweisen.
So ist nach den Untersuchungen von Leick?) der Temperatur-
verlauf durch drei Maxima ausgezeichnet. Das am ersten Tage
sich einstellende Maximum ist das kleinste, das des zweiten Tages
ist das größte und das des dritten Tages pflegt das des ersten
Tages nur um ein geringes zu übertreffen.
Die mächtigen Blütenstände der Cycadeen, Palmen und die
große Blüte der durch ihre riesigen Schwimmblätter ausgezeichneten
Vıctoria regia zeigen gegenüber der l.uft eine Temperaturerhöhung
von 5—ıo° und darüber und bei der Vze/oria-Blüte gibt es sogar
bestimmte Blütenteile, die sich ganz besonders erwärmen und
ebenso wie. das Anhängsel des Blütenkolbens gewisser Araceen
geradezu als Heizkörper bezeichnet werden können.
Die hochgradige Selbsterwärmung der Araceen, Pandaneen-
und Palmenblütenstände muß auf den ersten Blick unsere Ver-
wunderung erregen, da sie im auffallenden Gegensatz zu der
Tatsache steht, daß die meisten Pflanzen unter gewöhnlichen Um-
ständen im Schatten keine höhere Temperatur als die Luft be-
sitzen, da die gebildete Wärme rasch entführt wird. Wie kommt
es nun, daß gerade gewisse Blütenstände von dieser Regel in so
auffallender Weise abweichen und daß hier eine Atmung von
ganz besonders starkem Stoff- und Kraftaufwand einsetzt?
Nach den Ausführungen von Delpino und Kraus kann es
wohl keinem Zweifel unterliegen, daß es sich hier um eine
blütenbiologische Sonderanpassung handelt, die der Begün-
stigung der Kreuzbefruchtung durch Anlockung von Insekten, ins-
besondere von Fliegen dient. So wie in anderen Fällen Duft- und
Farbstoffe der Lockung von Insekten angepaßt erscheinen, ist es
hier die Wärmebildung. Insekten gehen bekanntlich gerne der
Wärme nach, Fliegen setzen sich mit besonderer Vorliebe auf
warme, von der Sonne beschienene Flächen. Daher sehen wir
verschiedene Fliegenarten zunächst das warme Kolbenende der
!) Molisch, H., Pflanzenphysiologie als Theorie der Gärtnerei. Jena 1916, S. 116.
°) Leick, E., Untersuchungen über die Blütenwärme der Araceen. Greifswald
1910, S. 52. Hier auch ausführliche Literaturangaben.
Araceen aufsuchen, das dann wie eine Leitstange. die Insekten zu
den männlichen und weiblichen Blüten führt und sie auf diese
Weise durch Übertragung des Blütenstaubes die Befruchtung
vollziehen läßt. Kraus!) faßt diesen Gedanken in die Worte:
„Und so bin ich denn auch geneigt, in den vorstehenden Fällen
(es handelt sich um verschiedene Araceen, Cycadeen und Palmen)
‘die Erwärmung der Blütenstände, wenn nicht überall und ausschließ-
lich (Palmen?), so doch jedenfalls in hervorragendem Maße als ein
Anlockungsmittel für Tiere in Anspruch zu nehmen. An sich
genommen, muß es zweifellos für die Insektenwelt verlockend er-
scheinen, auffallend warme Stellen des Aufenthaltes zu finden,
zumal am Abend und Morgen, wo die Temperaturdifferenz zwischen
Luft und Blüte besonders hervortritt. Auch erscheint es für die
Pflanze gewiß keine kostspieligere Leistung und Arbeit, eine ge-
wisse Masse Leibessubstanz in kürzester Zeit einfach zu verbrennen,
als dieselbe zu ebenso vorübergehendem Gebrauch in höchst kom-
plizierte, morphologische Gebilde umzugestalten. Einrichtungen
letzterer Art erspart sich ja die Pflanze ohnehin gerade bei Blüten-
ständen mit Wärmebildung.“
5. Die Selbsterhitzung organischer Abfälle durch Bakterien und
Schimmelpilze.
Es ist in hohem Grade merkwürdig, daß die alltäglichsten
Dinge, die uns auf Schritt und Tritt begegnen und seit uralter
Zeit bekannt sind, erst verhältnismäßig spät die Aufmerksamkeit
erregen und aufgeklärt werden. Wie oft hat man gesehen, wie
Haufen von Pferdemist selbt an kalten Wintertagen so viel Wärme
entwickeln, daß sie förmlich dampfen! Um sich darüber Rechen-
schaft zu geben, begnügte man sich zu sagen, daß rein chemische
Umsetzungen, die im Pferdemist vor sich gehen, die Wärmebildung
veranlassen.
Baumwolle. Aufklärend hat bezüglich solcher Erscheinungen
F. Cohn gewirkt. Als ihm mitgeteilt wurde, daß zu Augsburg in
Greewächshäusern Beete, mit schmutzigen Baumwollabfällen gefüllt,
sich bedeutend erhitzen, machte er verschiedene Versuche, um
über diese Selbsterwärmung ins Klare zu kommen. Er füllte
einen Kasten mit 3—5 Pfund angefeuchteter schmutziger Baum-
!) Kraus, G., Physiologisches aus den Tropen. III. Über Blütenwärme bei
Cycadeen, Palmen und Araceen. — Ann. du jardin bot. de Buitenzorg, Bd. 13, 1896,
S. 217—275.
zum 238 —
wolle und beobachtete, daß, wenn die Wolle vorher durch heißen
Wasserdampf von lebenden Keimen befreit, d.h. sterilisiert wurde,
keine Erwärmung eintrat, hingegen eine sehr bedeutende, wofern
die Sterilisierung unterlassen wurde. Im letzteren Falle „stieg die
Temperatur sofort, erst langsam, stündlich o,ı°, dann rascher (0,2,
0,3° in der Stunde); nach 5—6 Stunden rapid (stündlich 2°, 3° bis
4°); 24—30 Stunden später war das Maximum (67,2% beobachtet)’
erreicht; von da ab sank die Temperatur langsam, aber stetig, so
daß nach etwa 6 Tagen die Masse wieder Lufttemperatur (21 bis
23°) zeigte.“ Bei der mikroskopischen Untersuchung solcher heiß-
gewordener Baumwolle zeigte es sich, daß sie ganz durchsetzt von
unzähligen Bakterien war, die hier auf der schmutzigen, noch mit
Samenresten und Schmierölen verunreinigten Baumwollmasse höchst
günstige Entwicklungsbedingungen fanden und infolge intensiver
Atmung reichlich Wärme erzeugten. Daß Bakterien tatsächlich
die starke Wärmeentwicklung veranlassen, kann leicht bewiesen
werden, denn wenn sterile Baumwolle, die keine Spur von Selbst-
erwärmung zeigte, mit schmutziger, nicht sterilisierter Wolle ge-
impft und so mit lebenden Bakterien angesteckt wurde, begann
die Temperatur bald auf etwa 67° zu steigen.
So sehen wir denn, daß die Selbsterhitzung organischer Ab-
fälle, z. B. der Baumwolle, nicht eine rein chemische, sondern eine
biologisch-chemische Erscheinung darstellt, hervorgerufen durch
Mikroorganismen.
Heu. Seit langem ist bekannt, daß sich gemähtes Gras, in
großen Haufen zusammengeschichtet, bald sehr stark erhitzen
kann. Genaue Angaben darüber verdanken wir Miehet). Er
zeigte, daß selbst in nicht sehr großen Heuhaufen die Temperatur
auf etwa 68° steigen kann. Auch hier handelt es sich wieder um
einen biologisch-chemischen Prozeß. Keimfreies, durch heißes
Wasser steril gemachtes Heu erhitzt sich nicht. Wird es aber
mit etwas keimführendem Heu versetzt, so tritt nach kurzer Zeit
normale Selbsterhitzung ein. Der genannte Forscher hat auch
die Pilze, die die Erwärmung bedingen, rein kultiviert und darunter
auch neue gefunden: eine Varietät des sonst im Darm lebenden
bacıllus coli, Bacıllus calfactor, Thermomyces lanugınosus, Actino-
myces monosporus, Thermordrum sulfureum und Thermoascus auran-
fracus. Alle diese Pilze können als wärmeliebende oder thermophile
!) Miehe, H., Die Selbsterhitzung des Heues. Jena 1907.
— 239 —
bezeichnet werden, denn sie leben bei relativ hoher Temperatur;
ja sie entwickeln sich vielfach erst bei so hohen Wärmegraden,
bei denen gewöhnliche Pilze oder grüne, saftreiche Pflanzen rasch
absterben.
Es ist dies von großem physiologischen Interesse, weil hier
eine wunderbare Anpassung an extrem hohe Temperaturen vor-
liegt, wie man sie kaum für möglich halten möchte. Ist hier ein
besonderes Eiweiß im Plasma vorhanden, das der Koagulation
oder sonstigen tiefgreifenderen Veränderungen widersteht, oder
sind hier besondere Schutzeinrichtungen für das Eiweiß getroffen,
so daß es sich trotz so hoher Temperatur unversehrt erhält?
Bevor wir die Selbsterhitzung des Heus verlassen, soll hier
auch ganz kurz der vielbesprochenen Frage nach der Selbstent-
zündung des Heus gedacht werden, da ja an der Richtigkeit der
Tatsache wohl nicht mehr zu zweifeln ist. :
Man hat zu wiederholten Malen die Beobachtung Seh
daß große Heuhaufen, die die Selbsterwärmung durchgemacht
haben und noch erhitzt sind, wenn sie plötzlich auseinandergerissen
. werden, an verschiedenen Stellen zu glimmen und schließlich zu
brennen anfangen. Die dabei sich abspielenden Vorgänge bedürfen
noch eines genaueren Studiums, vorläufig läßt sich nur folgendes
mit großer Wahrscheinlichkeit behaupten. Die Selbsterwärmung
des feuchten Heus erfolgt durch die Atmung der Mikroorganismen.
Dabei steigt die Temperatur auf etwa 70° und gleichzeitig erfährt
die Heumasse durch chemische Prozesse eine Veränderung in
eine kohlige, poröse Substanz, die beim Auseinanderreißen des
Heuhaufens, ähnlich wie Platinmoor, den nun reichlich zufließenden
Sauerstoff der Luft in großer Menge absorbiert, verdichtet ‘und
sich bis zum Entzünden erhitzt. Die Bakterien selbst haben direkt
mit dem Selbstentzündungsvorgang nichts zu tun, sie sind nur an
der Selbsterwärmung des Heus beteiligt, die zur Entzündung noch
lange nicht ausreicht, und an der Verwandlung des Heus in eine
kohlige, poröse Masse. Die Selbstentzündung aber beruht auf rein
physikalisch-chemischen Vorgängen, im besonderen aber auf der
raschen und intensiven Aufspeicherung von Luftsauerstoff.
Pferdemist und Gerberlohe. Ähnlich wie Heu verhält
sich auch Pferdemist. Es ist leicht festzustellen, daß größere
Pferdedüngerhaufen sich bis 70 und 80° erhitzen können. Auch
hier sind Kleinwesen, vornehmlich Bakterien und Schimmelpilze,
von maßgebender Bedeutung.
Ich habe mir oft Reinkulturen von Mistbakterien verschafft
und darüber gestaunt, wie solche thermophile Bakterien in dampfen-
den Nährlösungen, in die man den Finger höchstens nur einen
Augenblick halten könnte, sich wohl fühlten und in heißen dampfen-
den Wassertropfen unterm Mikroskop hin und her schossen.
Die Gärtner bedienen sich der organischen Abfälle, um Mist-
beete oder Warmbeete im Gewächshause zu heizen. Für die
letzteren verwenden sie auch mit Vorliebe Gerberlohe, die in den
Lederfabriken ihre Schuldigkeit bereits getan hat, um damit die
Beete !/,—ı Meter hoch zu füllen und tropische Pflanzen mit den
Töpfen einzusenken: Farne, Pandanus, Dracaena,, Freus, Ardısıa,
Palmen und andere. Die Lohe erhitzt sich infolge der reichlichen
Entwicklung von Bakterien und Hefen, teilt die Wärme der Blumen-
topferde und den Wurzeln mit und begünstigt durch diese Boden-
wärme in hohem ‘Grade das Pflanzenwachstum.
Ähnlich wie die erwähnten organischen Abfälle können sich
auch andere Pflanzenobjekte ziemlich erwärmen: Schnupftabak,
Tabakblätter im Zustande der Fermentation (Gärung), Preßrück-
stände verschiedenartiger pflanzlicher Objekte u. a.
Wenn wir die Temperaturen der Pflanze thermometrisch oder
thermoelektrisch messen, erhalten wir in jedem Falle nur ein Bild
über die Höhe der Temperatur, über die Wärmemenge aber
geben solche Beobachtungen keinen Aufschluß. Die bloße An-
gabe der Temperatur genügt eben nicht, um die Wärmeerschei-
nungen quantitativ beschreiben zu können. Daher muß es das
Ziel physiologischer Forschung sein, die Wärme auch der Menge
nach zu bestimmen. Man versteht bekanntlich unter der Wärme-
einheit oder einer Kalorie jene Wärmemenge, die notwendig ist,
ı kg Wasser von 14,5° auf 15,5°, also um ı° zu erwärmen.
Es hat einen großen Wert, wenn die von der Pflanze ge-
bildete Wärme in Wärmeeinheiten angegeben wird, Wenn erst
dann ergibt sich ziffernmäßig eine deutliche Anschauung von dem
durch das Lebewesen erzeugten Wärmequantum. Nur so läßt sich
zeigen, ob die in die Pflanze durch die Nahrung eingeführte
Energie ganz oder nur teilweise als Wärmeenergie erscheint und
wiesich verschiedene Pflanzen oder verschiedene biologische Gruppen
in der Wärmeerzeugung quantitativ unterscheiden.
Es soll nicht verschwiegen werden, daß derartige Beob-
achtungen erst in geringer Zahl vorliegen und daß sie mit großen
Schwierigkeiten und häufig auch mit Ungenauigkeiten verbunden
sind, so daß wir bezüglich der Wärmemessung der Pflanze noch
am Anfange stehen. Immerhin läßt sich schon jetzt sagen, daß
die von der rasch wachsenden Pflanze produzierte Wärmemenge
mit der des höheren Tieres, ja sogar des Menschen, wetteifern
kann, denn nach Bonniers mit ganz jungen Gerstenkeimlingen
durchgeführten Versuchen wurde bei ı6° pro Kilo Pflanzensub-
stanz und pro Stunde eine Wärmemenge von 3,72 Kalorien fest-
gestellt, während ein erwachsener Mensch unter denselben Ver-
hältnissen nur 1,4 Kalorien bildet.
Die Wärme der Pflanze resultiert wohl der Hauptsache nach
aus der Atmung, und daher dürfen wir uns nicht wundern, daß
alle jene Umstände, die die Atmung erhöhen oder verringern, wie
Temperatur, Gifte, Sauerstoff, Verletzung und anderes, auch dem-
entsprechend die Wärmebildung beeinflussen. Es sei ein in dieser
Beziehung ganz besonders interessantes Beispiel hier erwähnt.
Von Böhm!) wurde die Entdeckung gemacht, daß Ver-
letzungen der Kartoffel eine Steigerung der Atmung und eine
damit Hand in Hand gehende Steigerung der 'Wärmebildung
hervorrufen.: Die Atmung geschälter oder mit Einschnitten ver-
sehener Kartoffeln ist bedeutend intensiver als die unverletzter.
Ein Beispiel: Kartoffelknollen geben im unversehrten Zustande
pro Kilo und Stunde 7 mg Kohlensäure ab; werden sie in je vier
Stücke zerschnitten, so entwickeln sie am ersten Tage nach dem
Zerschneiden 63 mg, am zweiten Tage 46 mg, am vierten Tage
ıo mg und am sechsten Tage 7 mg Kohlensäure.
Später haben Stich und Richards die weite Verbreitung
dieser Erscheinung nachgewiesen und genauer untersucht.
Mit dieser Erhöhung der Atmung nach Verletzung geht nun
auch eine Steigerung der Wärmebildung Hand in Hand. Sie
kann leicht durch thermoelektrische Messung nachgewiesen
_ werden. :Die Zunahme beträgt bei der Kartoffel dicht hinter der
Schnittfläche etwa o,21°, in ıs mm Abstand aber nur 0,05° und
in 2o mm Entfernung war keine Temperaturerhöhung mehr wahr-
zunehmen. Dagegen macht sich bei der Küchenzwiebel der wärme-
steigernde Wundreiz auf viel weitere Strecken geltend. Wir haben
hier wieder ein schönes Beispiel dafür, wie gleiche Ursachen nicht
ı) Böhm, J., Über die Respiration der Kartoffel. Botanische Zeitung, 1887,S.671.
Molisch, Populäre biologische Vorträge. 2. Aufl. 16
bloß im Menschen und Tier, sondern auch in der Pflanze gleiche
Wirkungen auslösen, denn es ist ja seit langem bekannt, daß Ver-
wundung bei Tier und Mensch eine erhöhte Atmung und damit
zusammenhängend auch eine höhere Körpertemperatur veranlassen
kann. So hat das Wundfieber des Menschen auch sein Analogon
in der Pflanze gefunden.
Je weiter wir in der Geschichte der Biologie zurückblicken,
desto größer erscheint die Kluft, die zwischen Pflanzen- und Tier-
reich scheinbar bestand. Je mehr wir uns aber der (regenwart
nähern, desto mehr Brücken werden über diese Kluft geschlagen
und endlich werden beide Reiche des Lebens miteinander so ver-
knüpft, daß die Kluft schon an manchen Stellen verschwindet. Im
mikroskopischen Bau der Tier- und Pflanzenzelle erkennen wir
denselben Grundplan, die Grunderscheinungen des Lebens sind
hier wie dort die gleichen, die Reizbarkeit der lebenden Substanz
zeigt oft überraschende Ähnlichkeiten und auch der Verbrennungs-
prozeß, den wir Atmung nennen, ist im wesentlichen derselbe,
gleichgültig ob er sich im hochentwickelten Menschen, im win-
zigen Infusor oder in einer duftenden Rose abspielt.
m
Über die Herstellung von Photographien
in einem Laubblatte').
Einer der wichtigsten chemischen Vorgänge, der sich im
grünen, lebenden Laubblatte abspielt, ist die Kohlensäureassimila-
tion. Im grünen Blatte entsteht aus der Kohlensäure der Luft
und aus Wasser im Lichte organische Substanz, zumeist in Form
von Stärke.
Macht man durch ein Laubblatt, z. B. durch ein Buchen-
blatt, einen Querschnitt und betrachtet ihn mikroskopisch, so er-
kennt man, daß die grüne Farbe des Blattes von kleinen grünen
Körnchen, den Chlorphylikörnern herrührt, die einen großen Teil
der Blattzellen erfüllen. Die Chlorophylikörner sind für die Er-
nährung der Pflanzen von größter Wichtigkeit, denn nur in ihnen
spielt sich die Kohlensäureassimilation ab. Und nur in den be-
lichteten Chlorophylikörnern entsteht Stärke.
Das Chlorophylikorn ist — von wenigen Ausnahmen abge-
sehen — der einzige Ort, wo in der Natur aus rein mineralischer
Substanz, aus Kohlensäure und Wasser, organische Körper ent-
stehen. Von diesen leiten sich alle anderen organischen Stoffe
aus denen die Pflanze besteht, ab; alle nicht grünen Pflanzen und
Pflanzenteile, alle Tiere und der Mensch sind in ihrer Ernährung
von dem Kohlensäureassimilationsprozeß abhängig, weil sie ins-
gesamt wegen Mangel an Chlorophyll nicht imstande sind, orga-
nische Substanz zu erzeugen.
Wenn man ein grünes Blatt durch Einhüllen mit schwarzem
Papier verfinstert, so verschwindet innerhalb ı—2 Tagen alle vor-
handene Stärke, das Blatt wird entstärkt. Im Lichte bildet es
1) Vortrag, gehalten in der Plenarversammlung der k. k. Photographischen Gesell-
schaft in Wien am 10. November 1914. Erschienen in der „Photographischen Korrespon-
denz“. Wien u. Leipzig. Dez. 1914.
16*
wieder Stärke. Legt man auf ein stärkefreies Blatt ein kleines
Stückchen schwarzes Papier oder Stanniol, setzt das ganze dem
direkten Sonnenlichte aus, am besten vom Morgen bis Abend, und
unterwirft man dann das abgeschnittene Blatt der Jodprobe — Stärke
färbt sich mit Jodlösung blau —, so erscheint das Blatt nach einiger
Zeit an der Stelle, wo das Papier lag, hell-, an allen übrigen Stellen
dunkelblau.
Auf diese Weise läßt sich leicht zeigen, daß nur dort, wo
das Blatt beleuchtet war, Stärke entsteht, an den unbelichteten
Stellen aber nicht. Es läßt sich dies noch in anschaulicherer Weise
demonstrieren, wenn man den eben beschriebenen Versuch mit der
Abänderung ausführt, daß man das Blatt anstatt mit schwarzem
Papier mit einer Blechschablone bedeckt, in der Buchstaben, z.B.
in Form des Wortes „Stärke“, ausgestanzt sind. Das Licht dringt
dann da, wo die Buchstaben sind, in
das Blatt ein, nur hier wird Stärke er-
zeugt, und nach Ausführung der Jod-
probe erscheint das Wort „Stärke“ in
blauer Schrift.
Die Stärkeprobe wird zweckmäßig
in folgender Weise ausgeführt: Das
Blatt, in dem die Stärke nachgewiesen
werden soll, wird abgeschnitten, rasch
ı—2 Minuten in siedendem Wasser ab-
Fig. 34. gebrüht, in warmen Alkohol zur Ent-
fernung des Chlorophylifarbstoffes ein-
gelegt und dann in verdünnter, bierbrauner Jodtinktur unter-
getaucht. Wo Stärke war, färbt sich das Blatt blau, und zwar
entsprechend der Stärkemenge schwarzblau, blau, violett oder lila.
Ich habe mich vor längerer Zeit überzeugt, daß man zu dem
eben beschriebenen Versuch einer Blechschablone gar nicht bedarf,
sondern daß schon ein grobbedrucktes Zeitungspapier genügt, um
zu zeigen, daß nur im Lichte Stärke entsteht. Die Fig. 54 zeigt
ein Blatt von. der indianischen Kapuzinerkresse, 7ropaeolum majus,
auf das ein Stückchen weißes Papier gelegt wurde, auf dem das
Wort „Hauptfach“ in schwarzen Lettern gedruckt war. Nachdem
das Blatt mehrere Stunden dem direkten Sonnenlichte ausgesetzt
war, wurde es vom Mutterstocke abgeschnitten, und als es gleich
darauf der Jodprobe unterworfen wurde, erschien das Wort „Haupt-
fach“ hell auf dunklem Grunde.
Als ich die Buchstaben bei diesem Experimente so überaus
scharf hervorkommen sah, kam mir der Gedanke, es könnte durch
passende Versuchsanstellung viel-
leicht sogar erreichbar sein, im
Laubblatte mit der Stärkereaktion
Photographien zu erzeugen.
Obwohl ich anfangs mit ver-
schiedenen Schwierigkeiten zu
kämpfen hatte, waren meine Be-
mühungen nach Ausmerzung ver-
schiedener hindernder Umstände
schließlich von ausgezeichnetem
Erfolge gekrönt.
Ein für unser Experiment
sehr geeignetes Blatt ist das der
indianischen Kapuzinerkresse,
Tropaeolum majus. Das Blatt ist
Fig. 55.
eben, fast kahl, dünn und eignet sich, weil es nach Entfernung
des Chlorophylis ganz weiß wird, ausgezeichnet für die Jodprobe.
Um in einem grünen
Blatte eine Photographie zu
erzeugen, verfährt man in fol-
gender Weise‘): Man legt
auf ein stärkefreies 77o-
peeolum-Blatt ein kontrast-
reiches Negativ dicht auf,
sorgt dafür, daß das Blatt
mat den? „Negativ (nicht
verschoben wird und setzt
das ganze bei wolken-
losem Himmel von früh
bisabend oder wenigstens
mehrere Stunden dem di-
rekten Sonnenlichte aus.
Nachher wird das Blatt
abgeschnitten und in der
angegebenen Weise der
Fig. 56.
Photographien im Blatte von der Ka-
puzinerkresse, Tropaeolum majus. Her-
vorgerufen durch die Jodstärkereaktion.
Fig. 56 zwei Knaben, Fig. 55 das Bild des
Verfassers.
‘) Genaueres über das ganze Verfahren findet man in meiner Abhandlung: „Über
die Herstellung von Photographien im Laubblatte“.
Sitzungsberichte der kaiserlichen
Akademie der Wissenschaften in Wien, 1914.
er 246 _—
Jodprobe unterworfen. Schon wenige Minuten nach der
Behandlung mit Jod taucht, falls der Versuch gelungen ist,
das Positiv des angewandten Negativs oft mit einer ganz
überraschenden Schärfe im Blatte auf. Die Figuren 55
und 56 stellen auf diese Weise hergestellte Photographien dar.
Eigentlich dient hier das Blatt, falls das Bild mit Hilfe eines
Negativs hergestellt wurde, als Kopierpapier, allein es ist klar,
daß im Blatte, wenn es an Stelle einer photographischen Platte in
der Kamera befestigt wird und von den Strahlen eines beleuch-
teten Außenobjektes längere Zeit getroffen wird, nach der Ent-
wicklung mit Jod gleichfalls das entsprechende Bild erscheinen
würde. Ich bediente mich jedoch lieber gleich des Negativs, da
das Verfahren bequemer ist und im Blatte gleich das entsprechende
Positiv erzeugt wird.
Von vornherein war die Wahrscheinlichkeit, daß Photo-
graphien von solcher Schärfe im Blatte herauskommen werden,
nicht sonderlich groß, da ja eine Reihe von Umständen der Klar-
heit des Bildes entgegenarbeiten: Das Geäder (die Nervatur) des
Blattes, die verschiedenen Inhaltsstoffe, die Luft zwischen den
Zellen, die Zerstreuung des Lichtes durch die Blattzellen und
einiges andere. Trotz dieser im Wege stehenden Hindernisse
erscheint das Bild doch so deutlich, daß man an dem Bilde sofort
die zugehörige Person erkennt.
Derartige Photographien verdienen ein großes wissenschaft-
liches Interesse, weil sie zeigen, mit welcher Genauigkeit der
Sonnenstrahl im lebenden Chlorophyllapparat chemisch
arbeitet, und weil sie ad oculos deutlich dartun, daß die
Stärke entsprechend der Intensität des Lichtstrahles
quantitativ entsteht. Denn nur so ist es möglich, daß die
Lichter und Schatten in ihren Kontrasten und feinen und feinsten
Übergängen, wie sie eine Photographie erfordert, im Blatte zu-
tage treten.
Nach dem Gesagten kann man das Blatt bis zu einem ge-
wissen Grade als eine photographische Platte auffassen: dem
empfindlichen Silbersalz entspricht der sensible Chiorophyllapparat,
dem Silberkorn das Stärkekorn und dem Entwickler das Jod.
NS:
Über die Kunst, das Leben der Pflanze
zu verlängern’).
I. Die Lebensdauer der Pflanze.
Von allen Lebewesen weiß nur der Mensch allein, daß ihm
der Tod bevorsteht. Alle Menschen müssen sterben. Da den
meisten der Tod als etwas Unwillkommenes, ja vielen geradezu
als etwas Furchtbares und Schreckliches erscheint, so hat man
sich bereits von alters her bis auf die neueste Zeit bemüht, Mittel
und Wege zu finden, das menschliche Leben zu verlängern, um
den Tod möglichst hinauszuschieben. Der mythische Unsterblich-
keitstrank der Chinesen, die Lebenselixiere berühmter Zauberer
und Ärzte, die auf allemeinen und ärztlichen Erfahrungen be-
ruhende Makrobiotik Hufelands?) und die auf biologische Tat-
sachen sich stützenden Vorschläge E. Metschnikoffs?) gehören
hierher. Der Mensch hängt eben an dem Leben, und von dieser
Sehnsucht nach dem Leben war auch der Dichter und große
Lebenskünstler Goethe erfüllt, wenn er sagt:
„Süßes Leben! Schöne freundliche Gewohnheit des Daseins
und Wirkens! — von dir soll ich scheiden?“
Das Problem der Lebensverlängerung des Menschen ist
also praktisch in Angriff genommen und in neuerer Zeit auch
wissenschaftlich erörtert worden.
Merkwürdigerweise wurde aber die Lebensverlängerung der
Pflanze bisher im Zusammenhange ausführlicher noch nicht be-
!) Vortrag, gehalten am 15. Januar 1919 im Vereine zur Verbreitung naturwissen-
schaftlicher Kenntnisse in Wien. Im Verlage dieses Vereines I9gIg zuerst erschienen.
®) Hufeland, C. W., Makrobiotik oder die Kunst, das menschliche Leben zu
verlängern. 5. Aufl. Wien 1832.
®) Metschnikoff, E., Beiträge zu einer optimistischen Weltauffassung.
München 1908.
— 243 —
handelt, in den größeren Werken über Pflanzenphysiologie nimmt
dieses in allgemein biologischer Hinsicht so wichtige Problem nur
einen auffallend geringen Raum ein, obwohl darüber bereits
mancherlei Beobachtungen vorliegen. Bei dieser Sachlage schien
es mir wünschenswert, dieses interessante Problem auf Grund bisher
bekannter Tatsachen und eigener Erfahrungen für sich allein in
einem Vortrage darzustellen und vielleicht der allgemeinen Biologie
einen kleinen Dienst zu leisten.
Die Lebensdauer der Pflanze ist, abgesehen von den Ein-
zelligen, stets beschränkt. Eine Bakterie, die nur aus einer Zelle
besteht, teilt sich in zwei Hälften, jede Hälfte wächst dann zur
Größe der ursprünglichen Mutterzelle heran, teilt sich wieder und
so schreitet die Fortpflanzung unbegrenzt fort, ohne daß eine
Leiche zurückbleibt. Die Bakterie ist also, um mit Weismann!)
zu sprechen, unsterblich.
Anders liegt aber die Sache bei der mehr- und vielzelligen
oder sagen wir bei der höheren Pflanze, denn ihre Lebensdauer
erscheint beschränkt und schließlich verfällt sie dem Tode, die eine
früher, die andere später. Wie in den meisten Erscheinungen des
Lebens zeigt sich auch in der Länge der Lebensdauer eine große
Verschiedenheit. Zu den leicht vergänglichen Gewächsen gehören
viele Pilze. Wird Pferdekot mit einer Glasglocke bedeckt, so
überzieht er sich schon nach kurzer Zeit mit einem Wald eines
Schimmelpilzes, der Gattung Mucor, der rasch Fruchtträger er-
zeugt und dann abstirbt. Ihm folgt alsbald ein anderer höchst
zierlicher Schimmelpilz, der Pilobolus, der die merkwürdige Eigen-
schaft hat, seine Sporenbehälter auf viele Zentimeter weit abzu-
schleudern, und dann zugrunde geht. Die Lebensdauer beider
Schimmelpilze beträgt nur einige wenige Tage.
Die Sonnenrose, das Springkraut, das Stiefmütterghen und
andere sogenannte einjährige Pflanzen leben nur eine Vegetations-
periode hindurch, andere leben zwei Jahre und endlich gibt es
(rewächse, die viele, hundert, tausend, ja sogar mehrere tausend
Jahre leben, mithin ein Alter erreichen, das das des Menschen und
der langlebigsten Tiere weit übertrifft.
Als die ersten Forschungsreisenden die Kanarischen Inseln
im ı5. Jahrhundert entdeckten, fanden sie auf Teneriffa einen
!) Weismann, A., Über die Dauer des Lebens. Vortrag. Jena 1882. Über
Leben und Tod. Jena 1884.
— 249 =
Drachenblutbaum, den die Eingeborenen wegen seiner Größe und
seines hohen Alters bewunderten und als Schutzgeist verehrten.
Diesen Baum sah A. v. Humboldt gegen Ende des ı8. Jahr-
hunderts. Zu dieser Zeit betrug der Stammumfang ı5 m (Fig. 57).
Fig. 57. Dracaena draco, der angeblich etwa 6000 Jahre alte Drachenblutbaum
von Orotava auf Teneriffa.
(Nach einer Originalzeichnung von J. Selleny.)
Im Jahre 1868 wurde dieser Baum durch einen heftigen Sturm
niedergeworfen und für immer vernichtet; da er zu den Einkeim-
blätterigen oder Monokotylen gehört und daher keine Jahresringe
besitzt, so ließ sich sein Alter nicht genau bestimmen, er wird
aber auf mehrere tausend, von einzelnen auf 6000 Jahre geschätzt.
Um die Mitte des vorigen Jahrhunderts wurden in Nord-
amerika die im Yellowstone-Park und in Kalifornien vorkommen-
den Mammutbäume (Sequoia oder Wellingtonia) entdeckt, die
wegen ihres Alters und ihrer Größe allgemeine Bewunderung er-
Fig. 58. Sequoia sempervirens, Mammutbaum, etwa 9 m im Durchmesser und 90 m hoch.
Der Stamm ist unten hohl und gestattet einem Wagen bequem die Durchfahrt.
regten. Als ich im Jahre 1898 in Kalifornien weilte, versäumte
ich nicht, die in der Nähe von Santa Cruz wachsenden Mammut-
bäume zu besuchen. Da.es sich um eine Sehenswürdigkeit ersten
Ranges handelt, veranstaltet man in Amerika Ausflüge dahin. Man
erreicht von San Francisco aus in 31, Eisenbahnstunden die Station
’
„Big Trees“ (Riesenbäume) und betritt nach Zahlung eines Ein-
trittsgeldes von 25 Zent. einen Wald von Sequoia sempervirens.
Ich werde, obwohl ich mich an die Baumriesen tropischer Ur-
wälder bereits vorher gewöhnt hatte, niemals den erhabenen Ein-
druck vergessen, den der Anblick dieser Baumgiganten auf mich
ausübte. Man gerät in ein andächtiges Staunen und glaubt
einen Blick in vorsündflutliche Zeiten zu machen. Die beiden
Figuren 58 und 59 geben eine beiläufige Vorstellung von den
Fig. 59. Seguoia sempervirens, Mammutbaum-Querscheibe, etwa 7 m im Durchmesser.
gewaltigen Dimensionen dieser Baumriesen. Einer von diesen,
„Greneral Fermont“ genannt, erhebt sich kerzengerade etwa 100 m;
der unterste Teil des Stammes ist hohl, so daß zehn Personen
bequem in der Stammhöhle Platz finden. Gleich daneben steht
noch ein größeres Exemplar, noch höher und breiter, sein Umfang
mißt 20 m. Durch einzelne solcher hohler Bäume können mit
Pferden bespannte Wagen bequem durchfahren. Das sind aber
keineswegs die größten unter diesen Riesengestalten, denn es gibt
solche, die bis ı4a2 m hoch werden und ein Älter von mehreren
tausend Jahren erreicht haben.
Sequoia gigantea wurde im Jahre 1850 von dem englischen
Botaniker Lobb 5000’ über dem Meere in dem sogenannten
Mammuthaine im Quellgebiete des Stanislaus und St. Antonio
(38%.n. Br) entdeckt. Der Stamm mißt durchschnittlich 2 50'— 330’
Höhe, bei einem Durchmesser von ı5—30’. Einer, der „Vater
des Waldes“, war 450’ hoch und hatte am Grunde ı10’ Umfang
und eine 22 Zoll dicke Rinde. In seinem gestürzten Stamme
konnte man ı80’ weit hineinreiten und durch ein Astloch wieder
hervorsteigen.
Wenn vielleicht die Angabe, daß solche Bäume bis 6000
Jahre alt werden können, übertrieben sein dürfte, so kann es
doch auf Grund der Zählung der Jahresringe keinem Zweifel unter-
worfen sein, daß sie sicher 2000—4000 Jahre ausdauern können.
In der Größe werden die Sequoien noch von den in Australien
vorkommenden Eucalyptus-Bäumen übertroffen, denn E.amygdalina
kann ı5o m Höhe und 30o m Umfang erreichen.
Vor einem solchen Baumriesen stehend, dürfen wir aber
nicht glauben, daß alles an ihm so alt ist wie das Individuum
selbst. Die Vergänglichkeit der Blätter und Blüten spricht schon
dagegen. Mit Hilfe des Mikroskops läßt sich auch leicht zeigen,
daß nur ein Bruchteil der Gewebe noch aus. lebenden Zellen
besteht. Der größte Teil des Holzes setzt sich aus toten Zellen
zusammen und diese bilden die Hauptmasse des Stammes. Nur
die äußersten Lagen des Holzes bestehen aus lebenden Zellen.
Während das Holz allmählich von innen nach außen abstirbt, ist
es bei der Rinde gerade umgekehrt. Die ältesten Teile befinden
sich hier außen, die jüngsten innen; von außen schuppt sich die
Rinde oder die Borke ab und so entledigt sich der Baum des
alten, unnütz gewordenen Gewebes, während es von innen wieder
durch neues ersetzt wird. Der alte Baum ist mit einer Ruine
zu vergleichen, in der nur verhältnismäßig kleine Räume
bewirtschaftet werden, denn nur ein geringer Bruchteil
besteht noch aus lebender Masse, der größte Teil ist
bereits’tot.
Schließlich stirbt die Pflanze, nachdem sie ein gewisses Alter
erreicht hat, vollends ab; ob aus inneren Ursachen oder, wie die
meisten Biologen annehmen, nur aus äußeren, sei an diesem Orte
nicht weiter berührt. g
Nach dieser kurzen Abschweifung kehren wir nun wieder
zum Ausgangspunkt unserer Betrachtungen zurück und fragen:
Ist es möglich, die Lebensdauer einer Pflanze zu verlängern? Die
Antwort auf diese Frage lautet bejahend, denn es gibt sehr ver-
schiedene Mittel, die eine Lebensverlängerung ermöglichen, und
diese Mittel sind die folgenden.
II. Die Verlängerung der Lebensdauer.
ı. Die möglichste Abhaltung aller Schädigungen.
Wenn von der Lebensverlängerung der Pflanze die Rede
ist, so kann zweierlei gemeint sein: entweder es handelt sich um
eine möglichste Hinausschiebung des Todes innerhalb der normalen
Lebenszeit oder um eine Verlängerung über die normale Dauer
hinaus.
Der erste Fall ist von geringerem Interesse, denn es versteht
sich eigentlich von selbst, daß durch sorgfältige Abwehr von
Schäden, also durch Gesunderhalten das Leben der Pflanze bis
zum normalen Ende erhalten werden kann. Schädigungen, die
die Lebensdauer der Pflanze zu verkürzen geeignet sind, gibt es
genug. Ich erinnere nur an den Mangel an Nahrung, Licht,
Wasser, reiner Luft, an die zahllosen Parasiten aus dem Pflanzen-
und Tierreiche, extreme Kälte und Hitze, an Blitzschlag, Orkane,
Überschwemmungen und vieles andere. Alle diese Umstände
können die Lebensdauer verkürzen und ihre Fernhaltung kann sie
verlängern. In diesem Sinne kann man ebensogut von einer
Makrobiotik der Pflanze sprechen, wie man seit Hufeland von
einer Makrobiotik des Menschen redet.
Aber neben dieser Kunst, die Pflanze innerhalb ihrer normalen
Lebenszeit bis zu ihrem natürlichen Ende gesund zu erhalten,
interessiert uns bei weitem mehr diejenige, die darauf abzielt, das
Leben über die gewöhnliche Dauer auszudehnen, da sie geeignet
ist, einen tieferen Einblick in verschiedene Erscheinungen des
Pflanzenlebens, unter anderen auch in den Prozeß des Alterns und
der Altersschwäche zu gewähren.
2. Die zeitweise Entziehung unumgänglich notwendiger
Lebensbedingungen.
Das aktive Leben vollzieht sich nur dann, wenn bestimmte
äußere Bedingungen erfüllt sind: Sauerstoff, eine gewisse Tem-
peratur und Nährstoffe. Fehlt eines dieser Lebenserfordernisse,
so steht das aktive Leben still und die Pflanze fällt, falls sie diesen
abnormen Zustand längere Zeit zu überdauern vermag, in den
Scheintod!). Ein lufttrocken gewordenes Getreidekorn wächst
nicht, assimiliert nicht, bewegt sich nicht und zeigt auch sonst
kein Lebenszeichen. Wird es aber in feuchte Erde gesteckt und
hat es Gelegenheit, bei günstiger Temperatur Wasser aufzunehmen,
so keimt es, wächst, die daraus entstehende Pflanze blüht, fruchtet
und stirbt noch im selben Jahre ab. Hätte ich das Korn länger,
vielleicht mehrere Jahre vor Zufuhr von Wasser behütet, so hätte
ich das Leben dieses im Samen befindlichen Embryo dement-
sprechend um Jahre verlängert. Die Keimfähigkeit des Samens
dauert nur eine gewisse Zeit. So keimen Früchte von Gerste, Hafer
und Weizen nach ıojähriger trockener Aufbewahrung noch zu
70 bis go Prozent und die Samen der Sinnpflanze, Mimosa pudica,
sogar noch nach 60 Jahren. Unter normalen Verhältnissen würde
der Embryo des Getreidesamens im feuchten Boden seine Ent-
wicklung alsbald beginnen, im selben Jahre vollenden und als In-
dividuum sterben. Durch die Verhinderung der Keimung aber
infolge von Wasserentzug kann die Entwicklung auf Jahre hinaus-
geschoben und das latente Leben des Embryos um ein Bedeutendes
verlängert werden. So wie der Gang der Uhr durch Stillhalten
des Pendels unterbrochen werden kann, ohne daß die Uhr dabei
zerbricht, so kann auch das Leben fast vollständig sistiert und
nach längerer Zeit wieder durch Einwirkenlassen der notwendigen
Lebensbedingungen in Gang gesetzt werden.
So ist es auch bei zahlreichen Bakterien, Pilzsporen, Moosen,
Zwiebeln, Brutknospen und Wurzelstöcken. Sie alle können das
Austrocknen Monate, ja oft viele Jahre vertragen und dann, unter
günstige Lebensbedingungen versetzt, aus dem Scheintod erwachen
und ihre Lebensbahn vollenden.
‚Nach Nestlers?) Untersuchungen können einige sporen-
bildende Bakterien, Bacillus vulgatus, B. mycoides und B. subtilis,
eine jahrzehntelange Austrocknung überdauern und sich durch
mindestens 92 Jahre lebensfähig erhalten.
So wie durch Wasserentzug kann auch durch Ausschluß
anderer Grundbedingungen des Lebens die Entwicklung hinaus-
!) Molisch, H., Der Scheintod der Pflanze. Dieses Buch S. 181.
®) Nestler, A., Zur Kenntnis der Lebensdauer der Bakterien. Ber. d. deutsch.
bot. Ges. 1910, Bd. 28, S. 7.
geschoben werden, z. B. durch Kälte, Sauerstoff- oder Nährstoff-
mangel.
Wenn ein Fliederbäumchen im Herbste nach dem Laubfall
in einen Eiskeller eingestellt und hier bei niederer, knapp über
dem Eispunkt liegender Temperatur ein ganzes Jahr aufbewahrt
wird, so wird das Austreiben verhindert, die Vegetation künstlich
zurückgehalten und die Lebensdauer der in den Knospen einge-
schlossenen Blütenanlagen, die sich unter normalen Verhältnissen
schon im Frühjahr entwickelt hätten und nach der Blütezeit in
einzelnen Teilen wie Blumenkronen und Staubgefäße abgestorben
wären, bis zu der Zeit verlängert, in der ich das Austreiben durch
Überführung der Pilanze in günstige Temperatur gestatte.
In allen diesen Fällen handelt es sich um eine Einschaltung
einer latenten Lebensperiode in den Entwicklungskreis der Pflanze,
wodurch das Leben der Pflanze oder einzelner ihrer Teile verlän-
gert wird.
3. Die Verhinderung des Blühens und Fruchtens.
In unseren Gewächshäusern wird häufig eine Pflanze ge-
zogen, der man den Namen „die hundertjährige Alo&‘ gegeben hat.
Mit Unrecht, denn sie ist keine Aloe, sondern heißt richtig Agave
americana und wird gewöhnlich auch nicht 100 Jahre alt. Sie spielt
in ihrer Heimat Mexiko eine wichtige Rolle, weil sie nach dem
Ausschneiden der ganz jungen Blütenstandsanlage massenhaft süßen
Saft aus der Wunde. ausscheidet, der nach durchgemachter Gärung
das Nationalgetränk der Mexikaner, die „Pulque“, liefert. In
Mexiko wird die Pflanze nach 8 bis ıo Jahren blühreif, fruchtet
und stirbt dann ab. In einem für sie ungünstigen Klima aber,
z.B. an der italienischen, französischen Riviera oder an der dalmati-
nischen Küste, wo die Pflanze sich akklimatisiert hat, oder in
unseren mehr nördlichen Gewächshäusern benötigt sie, je nach der
ihr gebotenen Licht- und Wärmesumme 20, yo bis 50, ja vielleicht
bis 100 Jahre, bis sie sich anschickt, ihren gewaltigen Blütenstand
zu entwickeln, zu fruchten und dann abzusterben. Dies ist wohl
der Grund, warum man ihr den Namen der „ıoojährigen“ ge-
geben hat.
Es gibt bekanntlich Pflanzen, die nur einmal in ihrem Leben
blühen und fruchten und dann ihren Lebenslauf abschließen: Vogel-
miere, Stellaria media, Ehrenpreis, Veronica hederifolia, Bingel-
kraut, Mercurialis annua, und dann solche, die zweimal, mehrmals -
Ze 256 sc
oder vielmals fruchten, bevor sie dem Tode anheimfallen, wie die
meisten Gehölze. Die ersteren hat Hildebrand!) die einmal fruch-
tenden (monokarpischen), die letzteren die mehrmals fruchtenden
(polykarpischen) genannt.
Bei den monokarpischen Gewächsen — und dazu gehört auch
die Agave — tritt nach der Blüten- und Fruchtbildung eine totale
Erschöpfung ein. In der vor der Blüte der Agave ablaufenden
Periode werden durch die mächtigen Blätter beständig Baustoffe
erzeugt, die, sobald die Pflanze ihre endgültige Größe erreicht hat,
als Reservestoffe für den künftigen, gewaltigen Blütenstand aufge-
stapelt werden. Bevor nicht die dazu nötige Menge einmagaziniert
ist, blüht die Pflanze nicht. In ihrer Heimat wird dieses Ziel schon
verhältnismäßig früh, schon nach 8 bis ıo Jahren, in unseren Ge-
wächshäusern erst viele Jahre später erreicht, da unter den hier
obwaltenden ungünstigeren klimatischen Verhältnissen die Assimila-
tion viel langsamer vor sich geht und daher die für den Blüten-
und Fruchtstand erforderliche Baustoffmenge erst in viel längerer
Zeit beschafft werden kann. Mit dem Hinausschieben der
Blütezeit geht aber Hand in Hand auch die Verlängerung
des Lebens dieser Pflanze, denn ihr Lebensende ist ja an die
Fruchtbildung und die damit verbundene gänzliche Erschöpfung
der Vegetationsorgane geknüpft. Alle jene Umstände, die die
Blütenbildung hinausziehen, helfen auch mit, das Leben der Agave
zu verlängern.
Die in unseren Gärtnereien so häufig gezogene Reseda
odorata schließt unter den dargebotenen Bedingungen innerhalb
einer Vegetationsperiode ihren Entwicklungskreis ab. Wird sie
zeitlich im Frühjahr ausgesät, so kommt sie im Sommer zur Blüte
und Frucht und stirbt im Herbste ab. Unterdrückt man aber
die Blütenbildung, so kann man die Pflanze als«Kronen-
bäumchen 2—3 Jahre am Leben erhalten. Um dies zu be-
werkstelligen, werden schon bei dem jungen Sämling alle Seiten-
triebe und eventuell auftauchende Blütenanlagen sofort entfernt.
Infolgedessen wird der Hauptstengel viel länger als gewöhnlich,
er kann je nach Wunsch 1/,—2 Meter hoch werden; sobald er
die gewünschte Höhe erreicht hat, kneipt man den Endsproß ab,
läßt die Seitentriebe, aber nicht die Blüten, zur Entwicklung
1) Hildebrand, F., Die Lebensdauer und Vegetationsweise der Pflanzen, ihre
Ursachen und ihre Entwicklung. Englers Botan. Jahrbuch f. Systematik, Pflanzengeschichte
*" und Pflanzengeographie. 1882, II. Bd., S. 56 f.
kommen und fährt damit so lange fort, bis sich eine dicht ver-
zweigte Krone gebildet hat. Es hängt nun ganz von dem Ex-
perimentator ab, ob er die Pflanze zur Blüte kommen lassen will
oder nicht, unterdrückt er die Blütenbildung durch fortgesetztes
Auskneipen der erscheinenden Knöspchen, so kann das Leben der
gewöhnlich einjährigen Pflanze auf mehrere Jahre ausgedehnt
werden. Bei dieser Art der Kultur, die ich oft selbst durchgeführt
habe, wächst der Stamm beträchtlich in die Dicke, er verholzt
und paßt sich seiner Aufgabe, die immerhin beträchtliche Krone
mit Wasser und Nährsalzen zu versehen, nach Möglichkeit an.
Fig. 60. Lobelia erinus. Verlängerung der Lebensdauer durch Verhinde-
rung des Blühens. Die Pflanze links starb im August nach dem Blühen vollends
ab, die Pflanze rechts wurde, um das Blühen zu verhindern, während des Sommers
zweimal mit der Schere kurz geschoren und war im Dezember noch am Leben.
Um eine schöne Rasenfläche durch mehrere Jahre zu erhalten,
ohne neue Samen auszusäen, wird der Rasen bekanntlich mehr-
mals im Jahre geschoren. Dadurch werden die Gräser, z. B. das
Raigras, am Blühen verhindert, zum Austreiben neuer Seiten-
sprosse gezwungen, die wieder, bevor sie zur Blüte gelangen, durch
Scheren beseitigt werden, und durch dieses fortgesetzte Verfahren
erreicht man ein viel längeres, mehrjähriges Vegetieren des Rasens.
Auf ähnliche Weise konnte ich das Leben von Drabda verna,
Veronica arvensıs, Petunia und Lobelia erinus verlängern.
Die genannte Lobelia ist eine wegen ihrer massenhaft er-
zeugten blauen Blüten sehr beliebte Teppichpflanze. Wird die als
„Kaiser Wilhelm“ bekannte Spielart im Januar gesät, im März
pikiert und dann ins Freiland übertragen, so blüht sie im Juni bis
Molisch, Populäre biologische Vorträge. 2. Aufl. 17
en 258 se
Juli, wird dann gelb und stirbt ab. Wird sie aber vor der ersten
Blüte geschoren, so macht sie neue Sprosse, und wenn diese vor
ihrer Blüte neuerdings geschoren werden, so halten sich solche
Pflanzen blühend bis zum Herbst. Bei gewissen Lobeliasorten
läßt sich das Leben auf diese Weise sogar bis über den Winter
verlängern. Ebenso verhält sich nach meinen Erfahrungen Petunia
und ich zweifle nicht, daß noch andere einjährige Gewächse durch
Unterdrückung der Blütenbildung mit der Schere und entsprechende
Kultur zu zwei- und sogar zu mehrjährigen Pflanzen umgemodelt
werden könnten.
In dem zwar alten, aber an Erfahrungen reichen Buche von
Reichart!) finde ich folgende auf den Wiener Goldlack bezug-
nehmende Stelle: „Wenn man einen Stock, der von Natur nicht
zu Seitentrieben geneigt ist, im zweiten Jahre nicht zur Blüte
kommen läßt, sondern diese immer wieder ausschneidet: so treibt
er an der Spitze beblätterte Seitenzweige. Läßt man von diesen
bloß die stärksten stehen und schneidet die Blüte, in die er treiben
will, ebenfalls aus, indem man bloß den stärksten Trieb an der
Spitze. fortwachsen läßt, so kann man auf diese Weise einen an-
sehnlichen Baum ziehen, dem, wenn er im dritten Jahre oder noch
später blühen soll, die Seitentriebe gelassen werden müssen, welche
dann mehrere schöne Blütentrauben liefern.“
Es gibt eine Reihe von Pflanzen, die gewöhnlich in einer
Vegetationsperiode ihre Entwicklung abschließen und dann ab-
sterben. Säet man sie aber im Herbst aus und überwintert sie,
so blühen sie erst im Jahre nach der Aussaat und werden auf
diese Weise zu sogenannten zweijährigen Gewächsen. Die Sommer-
Levkoje (Matthrola), Cinerarıa cruenta, Calceolarıa-Arten und andere
gehören hierher.
Also: in all den angeführten Fällen wird durch dig Verzöge-
rung der Blütenbildung auch das Absterben hintangehalten und
dadurch das lL.eben verlängert.
4. Die Verhinderung der Bestäubung und Befruchtung.
Im Vorhergehenden war stets die Rede von der Lebensver-
längerung ganzer Individuen, es läßt sich aber leicht zeigen, daß
auch die Lebensdauer einzelner Organe verkürzt oder verlängert
werden kann. Durch die Befruchtung .treten an der Blüte Ver-
t) Reichart, Chr., Land- und Gartenschatz. 6. Aufl., Grätz, 1821, 5. Teil, S. 114.
änderungen auf, die schließlich zur Ausbildung der Frucht führen.
Die Eizelle entwickelt sich zum Embryo, die Samenanlage zum
Samen und das anschwellende Fruchtknotengehäuse zur Frucht-
wandung.
Sobald die Blüten ein gewisses Alter. erreicht haben, welken
sie oder sie werfen Blumenblätter und Staubgefäße ab. Bei den
Blüten gewisser Pflanzen treten diese Erscheinungen sehr rasch,
ja manchmal in überraschend kurzer Zeit nach der Bestäubung
oder Befruchtung ein. Die Dauer der Blüte kann also eine sehr
verschiedene sein, durch die Bestäubung kann sie verkürzt,
durch Hinausschiebung der Bestäubung aber verlängert
werden.
Oft bemerkt wurde diese Erscheinung bei gewissen Orchideen.
Cattleya-Blüten welken schon einen Tag nach der Bestäubung
und trocknen dann ab. Es tritt dies besonders bei solchen Orchi-
deen auffallend hervor, deren Blüten eine lange Lebensdauer
haben, wie bei Phalenopsis und anderen. Während unbestäubte
Blüten ı—2 Monate frisch bleiben, welken bestäubte schon nach
ı—2 Tagen. Lehrreiche Beispiele fand Fitting!)., Empfängnis-
fähige Blüten vom Storchschnabel, Geranium pyrenaicum, ent-
blätterten sich infolge der Bestäubung nach der überraschend
kurzen Zeit von durchschnittlich ı—ı!/, Stunden, die von Ero-
dium Manescavi sogar nach 40—60 Minuten. Blüten vom
Boretsch, Borago, sah Fitting 2!/,—7 Stunden nach der Be-
stäubung abfallen.
Andererseits kann aber durch die Befruchtung die Lebens-.
dauer mancher Organe verlängert werden, so die der Fruchtknoten,
der Samenanlagen und der Blütenstielee Denn wenn die Blüten
nicht bestäubt und befruchtet werden, fallen die ganzen Blüten ab.
5. Die längere Funktionsdauer.
In manchen Fällen gelingt es, ein Organ über die gewöhn-
liche Zeit hinaus in Funktion und eben dadurch viel länger am
Leben zu erhalten, als dies normal der Fall wäre.
Das Blatt von Begonia rex wird in unseren Gewächshäusern
gewöhnlich nicht älter als ein Jahr. Es ist mir aber mehrmals
gelungen, den Blattstiel 2—3 Jahre in folgender Weise vor dem
Absterben zu bewahren. Ein entwickeltes Blatt mit möglichst
) Fitting, H., Untersuchungen über die vorzeitige Entblätterung von Blüten.
Jahrb. f. wissensch. Botanik, 49. Bd. (1g11), S. 187.
17°
— 260 —
langem Blattstiel wird mit der Basis des Stiels in feuchten Sand
gesteckt und so lange darin belassen, bis er sich bewurzelt hat.
Sodann wird der Blattsteckling in einen Blumentopf gepflanzt,
der Blattstiel an einem aufrechten Stäbchen befestigt und dann
sorgfältig weiter kultiviert. Nach einiger Zeit bilden sich aus der
Blattspreite Sprosse, einer davon, am besten der, der in der Nähe
der Einmündung des Blattstiels hervorbricht und gewissermaßen
den Blattstiel fortsetzt, wird für die weitere Entwicklung aus-
gewählt, die anderen aber werden entfernt. Unter diesen Ver-
hältnissen übernimmt der Stiel des Mutterblattes die Rolle des
Stammes. Der junge Sproß saugt Wasser und Nährsalze empor,
diese müssen den Blattstiel durchwandern, der Blattstiel wird da-
durch gut ernährt, leistungsfähig erhalten und bleibt infolgedessen
viel länger am Leben, als wenn er nur Träger der Blattspreite
geblieben wäre. Auch Knyt!) hat schon bei derselben Pflanze
den Stiel eines isolierten Blattes zum Träger eines beblätterten
Individuums gemacht und überdies gefunden, daß die Leitbündel
dieses Stieles im Vergleich zu einem normalen Blattstiel wesentlich
an Umfang zugenommen hatten.
Derselbe Versuch gelang Winkler?) mit der Scrophulariacee
Torenia asiatica. Die Blätter dieser beliebten Gewächshauspflanze
bilden, wenn sie mit ihrem Stiel in feuchten Sand gesteckt werden,
nach der Bewurzelung alsbald mehrere bis viele Sprosse, die ent-
weder an der Basis des Blattstiels, an diesem selbst oder an be-
liebigen Punkten der Blattspreite entstehen können. Werden nun
alle vorhandenen Sprosse bis auf einen einzigen, auf der Blatt-
lamina befindlichen entfernt, so gelingt es leicht, den Blattstiel in
das Verzweigungssystem so einzuschalten, daß er als basales
Achsenstück des Triebes dient.
Bei geeigneter Kultur konnte Winkler auf dem Blatte
dichtbeblätterte buschige Exemplare von 30—4o cm erziehen. Ein
Individuum trug an Haupt- und Seitenachsen im ganzen 36 wohl-
ausgebildete Blattpaare und viele Blüten, von denen viele
mit zahlreichen, gut keimfähigen Samen lieferten.
Diese interessante Kultur einer verhältnismäßig mächtigen
Pflanze mit Blüten und Früchten auf einem Blattstiel als Basis
) Kny, H., Über die Einschaltung des Blattes in das Verzweigungssystem der -
Pflanze. Naturw. Wochenschr. N. F. Bd. 3, 1904, S. 369— 374.
2) Winkler, H., Über die Umwandlung des Blattstiels zum Stengel. Jahrb. f.
wissensch. Botanik. 45. Bd. (1907), Heft ı.
— 261 —
führt zu zwei wichtigen Folgeerscheinungen: der Blattstiel erfährt
weil er in dauernder Funktion erhalten bleibt, eine höchst auf-
fallende anatomische Umwandlung, er wird zum Stamm, und seine
Lebensdauer wird weit über das Normale hinaus verlängert.
Winkler erblickt in der erhöhten Inanspruchnahme der Gefäße
durch die Wasserleitung die Ursache der vermehrten Kambium-
tätigkeit und der übernormalen Lebensdauer der benachbarten
Zellen.
Wir behandelten :jetzt zwei :Beispiele, an denen Blätter von
ihrer Blattspreite aus Sprosse zu entwickeln vermögen. Solche
Fälle sind ziemlich selten. Häufig kommt es aber vor, daß sich
Blätter bloß bewurzeln, aber keine Sprosse treiben können. Blätter
von Efeu, Aucuba, Camellia, Piper und anderen entwickeln ein
starkes Wurzelsystem und, da sie fortwährend assimilieren, die
Assimilate aber nicht ganz aufbrauchen, so werden sie auffallend
- dick und werden auch älter, als sie an ihrem natürlichen Orte,
d. h. im Verbande mit dem Mutterstocke, geworden wären.
Knight pflanzte Kartoffelblätter im Juli und August in Töpfe
unter Glas. Sie bildeten Knollen und lebten bis zum Winter.
Mer konnte Blattstecklinge vom Efeu 4—5z Jahre und Carriere
ein Blatt der Wachsblume, Hoja carnosa, 7 Jahre am Leben er-
halten.
Einen interessanten Fall von verlängerter Lebensdauer be-
schrieb de Vries!). Ein Blütenstandstiel von Pelargonium zonale
entwickelte ausnahmsweise an seinem Gipfel eine Laubknospe und
wurde, obwohl sonst einjährig, dazu bestimmt, jahrelang weiter zu
leben und ein kräftiges Dickenwachstum zu zeigen. Zu diesem
Zwecke schnitt de Vries den Stamm unmittelbar über dem An-.
satz des Stieles ab, kultivierte ihn weiter und konnte ihn 3 Jahre
am Leben erhalten, also dreimal solange, als er unter nor-
malen Verhältnissen gelebt hätte. Während dieser ver-
längerten Lebensdauer wurde der Stiel viel dicker, umgab sich
ringsum mit Kork und erlitt auch sonst anatomische Veränderungen,
die es ihm ermöglichten, die Rolle eines Stammes zu spielen. —
Derselbe Forscher hat auch darauf aufmerksam gemacht, daß
Gallen, die auf Blütenständen und Blättern vorkommen, infolge _
des Nahrungsstromes, dessen sie zu ihrer Entwicklung bedürfen
!) Vries, H. de, Über abnormale Entstehung sekundärer Gewebe. Jahrb. f.
wissensch. Botanik. 22. Bd. (1891), S. 35.
— 262 —
und den sie aus den benachbarten Teilen an sich reißen, die be-
fallenen Organe zu erhöhter Tätigkeit und stärkerem Dicken-
wachstum zwingen.
Die männlichen Kätzchen der Stieleiche fallen nach dem
Verblühen alsbald ab. Enthalten die Kätzchen aber Gallen von
Andricus-Arten (Gallwespen), so bleiben sie viel länger am Leben.
An den männlichen Kätzchen der Weide (Salix alba) treten
häufig infolge der Einstiche von Blattläusen und Milben Miß-
bildungen in Form von Vergrünungen ein. Solche vergrünte
Kätzchen werden oft ıo cm lang, tragen dicht behaarte Blätter
und ihre Spindeln, die stark verholzen, fallen nicht ab.
Die Spindeln männlicher Blütenstände verschiedener Pflanzen
bleiben, wenn sich zufällig darin auch einzelne weibliche Blüten
entwickeln und diese befruchtet werden, viel länger am Leben,
nämlich so lange als die weiblichen Blütenstände, während die
Achsen normaler männlicher Blütenstände gleich nach der Ver-
stäubung absterben. So bei Carex, Hopfen, Brennessel, Mais u.a.
Über einen Sommer reicht die Dauer des Lebens allerdings nicht
hinaus.
6. Verschiedenes.
Schließlich sei angeführt, daß noch durch folgende Kunst-
griffe das Absterben mancher Pflanzenteile oder ganzer Pflanzen
einige Zeit hinausgeschoben werden kann. Es gibt Obstbäume,
die zwar oft blühen und auch mitunter kleine Früchte ansetzen,
die aber vor der Zeit Blüten und Früchte abwerfen. Werden
solche Bäume geringelt, d.h. wird am Stamm oder Ast die Rinde
in Form eines Ringes abgetragen, so werden die in den Blättern
gebildeten organischen Stoffe bei ihrem Herabwandern an der
Ringelwunde gestaut, sie können nicht weiter und häufen sich
daher oberhalb der Wunde an. Dies führt zu einer überaus
günstigen Ernährung der Blüten und jungen Früchte und ver-
hindert ihr Abfallen. Hier wirkt die gute Ernährung lebens-
verlängernd.
Auch die Pfropfung kann von Einfluß auf die Lebensdauer
werden. Die Pistazie, Prstacıa vera, erreicht als Sämling ein Alter
von höchstens ı50 Jahren, auf P. Terebinthus veredelt, ein Alter
von 200 und auf lentiscus nur eines von etwa 4o Jahren.
Ein normaler Apfelbaum, Pirus malus, kann 200 Jahre, auf
Malus paradisiaca gepfropft aber nur ı5— 25 Jahre alt. werden.
— 263 =
Durch Versuche von Lindemuth!) wurde auch dargetan,
daß einjährige Sprosse von Stauden und einjährigen Pflanzen
durch Verwachsung mit Gehölzen länger lebensfähig erhalten
werden können. Besonders interessant in dieser Hinsicht war der
Versuch, .indem er auf den einjährigen, krautigen Stengel der
Malvacee Modiola caroliniana einen Sproß des ausdauernden
Abutilon Thompsoni veredelte. Das Abutilon-Reis trieb nach der
Verwachsung so üppig, daß es bald an die Glasscheiben des Ge-
wächshauses stieß und wiederholt gekürzt werden mußte. Der
strauchartige Abutilon lebte im Verbande mit der Modiola, dem
für gewöhnlich einjährigen Kraute, 3 Jahre und 5 Monate! Die
Lebensdauer der einjährigen Modiola wurde also um
etwa 2!/, Jahre erhöht! Es wäre wünschenswert, daß dieser
Versuch in größerer Zahl wiederholt würde, um festzustellen, ob
Hand in Hand mit: dieser Verlängerung der Lebenszeit auch ana-
tomische Veränderungen des Stengels vor sich gehen und ob es
bei vorsichtiger Kultur nicht gelänge, die einjährige Modiola als
Pfropfunterlage noch länger am Leben zu erhalten, als es in dem
geschilderten Versuche der Fali war.
i III. Rückblick.
Aus unseren bisherigen Betrachtungen geht zweifellos her-
vor, daß sich: das Leben der Pflanze und auch das ihrer einzelnen
Teile in vielen Fällen durch verschiedene Mittel verlängern läßt.
Und nun wollen wir. uns fragen, welche Ursachen eigentlich zu
einer Verlängerung des Lebens führen und ob die auf so ver-
schiedene Weise erzielte Lebensverlängerung sich nicht in letzter
Linie nur auf einige wenige Ursachen zurückführen läßt.
Bei. der Ausdehnung des Lebens durch Unterbindung des
aktiven Lebens, ‚wie sie bei der Versetzung der Pflanze in den
:Scheintod gegeben ist, liegt wohl die Sache klar; hier wird das
Leben einfach..auf einige Zeit unterbrochen und durch Wieder-
'einführung der ausgeschalteten Lebensnotwendigkeit wieder in
Gang gesetzt. Die aktiv lebende Pflanze gleicht einer gehenden,
-die scheintote einer aufgezogenen, aber arretierten Uhr.
Bei nur einmal fruchtenden Pflanzen hängt das Alter, das
die Pflanze schließlich erreicht, mit der Blütezeit auf das innigste
') Lindemuth, H., Das Verhalten durch Kopulation verbundener Pflanzen-
arten. Ber. d.-deutsch.. botan. Ges. - 19. Bd. (1901), S. 526.
te
zusammen. Unter normalen Verhältnissen schiebt ein solches Ge-
wächs die Blüten- und Fruchtbildung so lange hinaus, bis es durch
die Tätigkeit seiner Blätter einen genügenden Vorrat an plastischen
Stoffen erzeugt und aufgespeichert hat. Nach der Fruchtbildung
geht es durch Aufbrauch dieser Reservestoffe zugrunde.
Wenn man aber die Blütenbildung durch irgendwelche Ein-
griffe, sei es durch mangelhafte Belichtung, durch bestimmte
Temperatur, sei es durch größere Feuchtigkeit des Bodens und
der Luft verhindert, bewahrt man die Pflanze vor dem Tode und
schiebt ihn hinaus. Sobald sie aber blüht und fruchtet, werden
die organischen Speicher vollständig ausgeleert und aufgebraucht,
oft ist damit auch eine Vergilbung der Blätter oder der ganzen
Pflanze verknüpft, die Chlorophylikörner werden zerstört und ihr
Eiweiß wandert nach den Samen aus. Der Chlorophylikörner
nunmehr beraubt, kann das gelbgewordene Blatt nicht mehr normal
fungieren und als Ernährungsorgan dienen, und daher geht die
Pflanze nach der Reife der Samen zugrunde.
Der Fall, daß ein funktionslos gewordenes Organ dem Tode
verfällt, läßt sich ja auf Schritt und Tritt beobachten. Ein Blatt-
stiel seiner Spreite beraubt, ein Blütenstiel von seiner Blüte ge-
trennt, stirbt oder fällt ab; eine Ranke, der es nicht glückt, eine
Stütze zu fassen, verkümmert, Blätter, die nicht beleuchtet und
ihrer natürlichen Bestimmung entzogen werden, gehen zugrunde,
mit anderen Worten: Organe, die ihrer natürlichen Bestimmung
nicht nachgehen können, sterben früher ab. Wenn aber ihre
Funktionsdauer durch künstliche Eingriffe über das Normale aus-
gedehnt oder sogar gesteigert wird, so wird, worauf auch schon
de Vries aufmerksam gemacht hat, ihr Leben verlängert. So ist
es bei dem in das Zweigsystem eingeschobenen Blütenstiel, be-
ziehungsweise Blattstiel von Pelargonium, Begonia, Torenia, bei
den knospenlosen Blattstecklingen und bei den gallentfagenden
männlichen Blütenspindeln der Brennessel, des Hopfens und des
Mais. Und wenn in manchen Fällen mit der Pfropfung einer
mehrjährigen Pflanze auf eine einjährige (Abutilon auf Modiola)
die einjährige mehrjährig wird, so handelt es sich auch hier um
eine dem einjährigen Modiolastengel aufgezwungene Funktions-
dauer. Das Abutilonreis zieht durch den Stengel der Modiola das
Wasser und die darin gelösten Mineralsalze hindurch und zwingt.
ihn, seine Aufgabe länger als gewöhnlich fortzusetzen.
Mit dieser Steigerung und Verlängerung der Funktion ist
Pa 265 pen
auch eine reichlichere Ernährung verknüpft. Eine solche wird
auch beim Ringeln oberhalb der Ringelwunde in dem Greäste
erzielt, und durch die Anhäufung von wertvollem plastischen
Material wird das vorzeitige Abfallen der Früchte verhindert.
Schlechte Ernährung hingegen verkürzt das Leben, denn
hungernde Blätter vergilben bald und verfallen einem früh-
zeitigen Tode.
In der Kunst, das Leben der Pflanze zu verlängern, stehen
wir, obwohl bereits mannigfache Erfahrungen vorliegen, allerdings
erst am Anfange. Je mehr aber die Wissenschaft vorschreitet,
desto mehr lernen wir durch das Experiment die Pflanze be-
herrschen, und somit ist begründete Aussicht vorhanden, daß auch
die Makrobiotik der Gewächse große Fortschritte, aber nur bis
zu einem bestimmten Grade, machen wird, denn schließlich ver-
nichtet, abgesehen von den Einzelligen, der Tod auch jedes Pflanzen-
leben, mag es sich nur um eine nur einen Tag währende Blüte,
um ein einjähriges Kraut oder um einen mehrtausendjährigen
Baumriesen handeln. In der auf- und absteigenden Entwicklung
stellt auch der Tod nur einen Abschnitt dar: Das Ende. Die
Worte Jakob Grimms in seiner gedankenreichen Rede über
das Alter: „Alles was begonnen hat, muß auch aufhören, der
Stab, den du oben fassest, unten geht er zu Ende“, gelten auch
für die Pflanze.
XVIL
Botanische Paradoxa’).
Ein Säugetier, das einen Entenschnabel hat und Eier legt,
wie das in Australien einheimische Schnabeltier, in
paradoxus, erscheint uns sonderbar.
Ein Kugelkaktus, der keine Blätter bildet und, die Form eines
runden® Kuchens besitzt, erscheint unter normalen beblätterten
Pflanzen wie ein Sonderling.
Wenn Gefäße von verschiedener Gestalt, aber gleicher Höhe
und gleichgroßem Boden, vollends mit Flüssigkeit gefüllt, trotz
der ungleichgroßen Flüssigkeitsmengen einen gleichgroßen Boden-
druck erleiden, so kommt uns dies scheinbar widersinnig vor. —
In all diesen Fällen beobachten wir Erscheinungen, die von (dem
Normalen, Grewohnten abweichen oder wider Erwarten aus-
fallen und die wir als paradox zu bezeichnen pflegen.
Eine Naturerscheinung restlos aufzuklären, ruft im Forscher
einen hohen Grad von Befriedigung hervor. Dies ist schon bei
nach der Norm verlaufenden Phänomenen der Fall, noch mehr
aber bei den wider die Erwartung ausfallenden, und daher haben
die paradoxen Dinge seit jeher die Aufmerksamkeit auf sich gelenkt.
Vor mir liegt W. Hampsons°) Buch „Paradoxes of nature
and science“, das sich die Aufgabe stellt, jene Erscheinungen, die
mit der täglichen Erfahrung im Widerspruch zu stehen scheinen
und die dem Gebiete der Physik, Chemie, Biologie und Physiologie
angehören, zusammenfassend darzustellen. Botanische Paradoxa
habe ich aber darin nicht vorgefunden, und so könnte man vielleicht
auf den Gedanken kommen, daß es in der Botanik überhaupt
keine Paradoxa gebe. Es ist meines Wissens bisher niemals der
1) Vortrag, gehalten am Io. Dezember 1919 im Vereine zur Verbreitung natur-
wissenschaftlicher Kenntnisse in Wien.
?®, Natur-Paradoxa, bearbeitet von C. Schäffer, 2. Aufl. Leipzig, Berlin ıgıı,
N 267 —
Versuch unternommen worden, botanische Versuche vom Stand-
punkte des Paradoxen zu behandeln. Ich habe mir daher vorge-
nommen, heute an einer Reihe von Beispielen zu zeigen, daß
ebenso, wie in der Physik und Chemie, sich auch in.der' Botanik
Paradoxa finden, die unser größtes Interesse zu erregen im-
stande sind.
I. Ist es möglich, durch mehrere Zentimeter dickes Holz das Licht
der Sonne oder einer Lampe zu sehen ?
Als im Jahre 1895 Röntgen die nach ihm benannten un-
sichtbaren Strahlen entdeckte, die das Vermögen haben, undurch-
sichtige Körper zu durchdringen und auf die photographische
Platte zu wirken, machte dies, wie nicht anders zu erwarten war,
allgemeines. Aufsehen. Damals kam ein Physiker zu mir, teilte
mir, ganz begeistert von der großartigen Entdeckung, die Er-
gebnisse der Forschungen Röntgens mit und fügte hinzu: „Ja,
wer hätte gedacht, daß es Strahlen gibt, die dickes Holz, Leder,
Kleiderstoffe, ja sogar den menschlichen Körper durchsetzen und
dann noch die photographische Platte beeinflussen.“ Darauf :be-
merkte ich scherzend: „Nun, was das Holz anbelangt, so zeige ich
schon seit Jahren in meinen Vorlesungen einen einfachen Schul-
versuch, der beweist, daß durch 3—8 cm dickes Holz Lichtstrahlen
durchtreten, ja daß man durch dieses das Licht der Sonne oder
einer Kerze direkt sehen kann.“ Um meinen etwas erstaunten
Kollegen von der Richtigkeit des Gesagten zu überzeugen,
empfahl ich ihm folgenden Versuch: Nimm ein 3—8cm langes
Stück von einem spanischen Rohr, halte es vor das
Auge und blicke der Länge nach durch dasselbe nach
der Sonne oder einer starken künstlichen Lichtquelle.
Du wirst dann gegen alle Erwartungen eine Art Sieb sehen, durch
welches das Licht einfällt.
Der Laie, der den anatomischen Bau des verwendeten Holz-
stückes nicht kennt, wird von dem Ausfall dieses 'einfachen Ver-
suches aufs höchste überrascht sein, etwas weniger schon der, der
mit dem Bau des Objektes vertraut ist. Das spanische Rohr ist
bekanntlich der Stamm einer Palme (Calamus Rotang) und ist
von verhältnismäßig breiten Röhrchen, den sogenannten Holz-
gefäßen auf weite Strecken in gerader Linie durchzogen, so daß
das Licht ungehindert hindurchtreten und direkt ins Auge ge-
langen kann. Ein dünner Querschnitt durch das spanische Rohr
— 268 —
erscheint, gegen das Licht gehalten, wie ein Sieb, in dem die
hellen Maschen die Querschnitte der Holzröhren darstellen.
II. Durch dickes Holz läßt sich Leuchtgas und Tabakrauch
leicht hindurchblasen.
Obwohl es bekannt ist, daß die vorhin erwähnten Holzgefäße
dem Holz eine gewisse Porosität verleihen, muß es doch in hohem
Grade auffallen, daß man durch dickes Holz Leuchtgas und Rauch
schon bei schwachem Druck hindurchpressen kann. Verbindet
Fig. 61. Leuchtgas läßt sich durch ein 20 cm langes spanisches Rohr leiten und
am Ende des Rohres anzünden. (Original.)
man einen Gashahn durch ein kurzes Stückchen Kautschuk-
schlauch luftdicht mit einem ı0—20 cm langen spanischen Rohr
und öffnet man den Gashahn, so tritt das Leuchtgas durch
die Holzröhren rasch hindurch und läßt sich am Ende
des Rohres anzünden. Oder wenn man durch ein ı—2 m
%
Fig. 62. Tabakrauch läßt sich durch ein I—2 m langes spanisches Rohr blasen.
(Original.)
nn
langes spanisches Rohr mit den Backen gewaltsam
Tabakrauch einbläst, so kommt dieser am anderen Ende
in Wolken hervor. (Fig. 61 und 62.) Für das Gelingen aller
dieser Versuche ist es notwendig, die Querenden des Rohres mit
einem sehr scharfen Messer glatt und eben zuzuschneiden. Der
Versuch mit Tabakrauch gelingt auch sehr gut mit Eichenholz.
Ich konnte noch durch einen zylindrisch zugehobelten Eichenholz-
stab von 2 cm Durchmesser und 10—4o cm Länge Rauch von
Zigarettentabak der Länge nach mit den Backen durchblasen, ein
Ergebnis, das die Porosität des Holzes und Offensein der Holz-
— 269 —
gefäße in ganz besonderem Grade darlegt, da ja der Tabakrauch,
d. h. das, was wir am Rauche sehen und was uns den Rauch
sichtbar macht, aus Flüssigkeitströpfchen besteht. Wären die
Holzröhren in gewissen Zwischenräumen durch geschlossene Quer-
wände unterbrochen, dann würde weder Leuchtglas noch Rauch
hindurchtreten, da durch geschlossene Pflanzenhäute sich Gase
nicht durchpressen lassen und in der Luft schwebende Wasser-
tröpfchen schon gar nicht.
All die angeführten Versuche liefern den deutlichen Beweis,
daß die das Holz durchsetzenden Holzgefäße verhältnismäßig
weite Röhrchen darstellen, die auf viele Zentimeter offen sind.
III. Ein im Wasser untergetauchter Sproßgipfel wird welk.
Jedermann weiß, daß gepflückte, beblätterte Zweige, an der
Luft liegend, bald welken, mit ihrer Basis aber ins Wasser gestellt,
lange frisch bleiben. Wenn der Zweig mit seinem unteren Ende
in Wasser eintaucht, so saugen die in die Luft ragenden Blätter,
weil sie fortwährend Wasser in Form von Dampf abgeben (trans-
pirieren), das Wasser nach und erhalten sich auf diese Weise frisch.
Es muß daher in hohem Grade auffallen, daß unter Umständen
ein Sproßgipfel, wenn er gezwungen wird, unter Wasser zu
bleiben, ganz schlaff wird. j
Sehr schön und sicher gelingt der Versuch nach Wiesner
mit einem etwa ı—2 m langen, beblätterten Sproß der Weinrebe,
der Jungfernrebe, der Georgine oder der Kürbispflanze, der vom
Mutterstocke abgeschnitten wird und dann mit Ausnahme des etwa
ıo cm langen Sproßgipfels, der ins Wasser taucht, an der Luft
verbleibt. Bei warmem Wetter, insbesondere im Sonnenschein,
transpirieren die an der Luft befindlichen Blätter sehr
stark, saugen Wasser an, entnehmen es, da sie von der
Wurzel abgetrennt sind, aus dem Stengel und schließlich
ausdem Sproßgipfelin so starkem Grade, daß auch dieser,
obwohl unter Wasser befindlich, ganz schlaff und welk
wird. Er gibt sein Wasser an die transpirierenden Blätter ab,
kann es aber aus dem ihn umgebenden Wasser nicht ersetzen, da
seine Oberhaut für eine genügende Wasseraufnahme ungeeignet
ist. So muß das Sproßende, trotzdem es vom Wasser all-
seitig umgeben ist, erschlaffen.
Für gewöhnlich bewegt sich das Wasser im Stamm von
unten nach aufwärts. Unser Experiment aber zeigt, daß auch das
Umgekehrte, also ein umgekehrter Saftstrom stattfinden kann, und
dieser entzieht dem Sproßgipfel das Wasser und macht ihn schlaff.
IV. Trockenblüter oder „Wunderpflanzen“, die ohne Wurzeln und
ohne Wasserzufuhr doch blühen.
In den „Fliegenden Blättern“ erschien im Inseratenteile viele
Jahre. hindurch eine sonderbare Ankündigung. Sie zeigte eine
sitzende Buddha-Figur, die in den gefalteten
Händen eine Knolle hielt, von der berichtet wird,
daß sie ohne Erde und ohne Wasserzufuhr zu
treiben und einen mächtigen Blütenstand zu ent-
wickeln vermag. In der Tat, auf den ersten
Blick sehr merkwürdig und anscheinend ganz
rätselhaft, denn man betrachtet es ja als selbst-
verständlich, daß eine Pflanze, die wachsen und
zur Blüte gelangen soll, mit Wurzeln versehen
sein muß oder doch wenigstens von außen mit
Wasser versehen wird.
Es handelt sich bei dieser „Wunderpflanze“
um die Knolle einer aus dem Himalayagebiete
stammenden Aroidee, Sauromatum guttatum.
Die Knolle wird etwa so groß wie eine Kartoffel,
ist kreisrund, aber unten und oben abgeflacht
und sanft gewölbt. In der Mitte der oberen
Knollenfläche ragt eine kegelförmige Knospe
(Keim) hervor.
g Im Winter werden die Knollen von Gärt-
a nern häufig in den Handel gebracht, so daß
k Knollen, S Sche- man sich mit den Eigentümlichkeiten dieser in
ee vieler Hinsicht höchst interessanten Pflanze
Stark verkleinert. vertraut machen kann. in
an Wird eine solche Knolle X während der
Wintermonate auf den Schreibtisch eines
warmen Zimmers gelegt, so entwickelt sich nach und nach aus
der vorher erwähnten Knospe ein ganz eigenartiger, etwa
3o cm langer Blütenstand, der dem unseres einheimischen
Aronstabes in manchen Punkten ähnelt, aber noch viel auf-
fallender erscheint (Fig. 63). Er besteht aus einem Kolben und
einem eigenartig gefärbten, purpurgefleckten Scheidenblatt s. Der
Kolben trägt an seiner von der Scheide dütenartig umschlossenen
Basis die weiblichen, in einiger Entfernung darüber die männ-
lichen Blüten und läuft in einen purpurgefärbten, zylindrischen,
langen Anhang a aus, der sich am Tage des Öffnens der Scheide
infolge intensiver Atmung bis auf 34°, also so stark erwärmt, daß
man die Selbsterwärmung schon durch Berührung mit der Hand
deutlich merkt. (rleichzeitig entwickelt der Blütenstand einen aas-
artigen Geruch. Diese beiden Umstände, die Wärme und der Ge-
stank, locken am natürlichen Standorte Kot- und Schmeißfliegen
an, den Blütenstand zu besuchen, wobei sie, begünstigt von be-
stimmten Blüteneinrichtungen, auf die hier nicht eingegangen
werden soll, in die Lage kommen, die Kreuzbefruchtung zu ver-
mitteln.
Da ein so ausgiebiges Wachstum, wie es für die Entwicklung
eines so großen Blütenstandes nötig ist, ohne Wasser kaum möglich
erscheint, so wird jeder den ganzen Vorgang höchst auffallend
finden. Die Sache klärt sich aber sofort auf, wenn ich mitteile,
daß die Knolle nicht bloß ein Stärke-, sondern auch ein
Wasserreservoir darstellt, aus dem die treibende Pflanze
ihren Bedarf an Nährstoffen und Wasser deckt. Das die
Knolle aufbauende Gewebe besteht aus sehr saftreichen Zellen,
unter anderem gefüllt mit Stärke und Wasser. Der Wassergehalt
macht ungefähr 80 Prozent aus. Während sich der Blütenstand
entwickelt, wird der Knolle beständig Wasser entnommen; man
sieht ihr das auch schon äußerlich an, da sie etwas zusammen-
schrumpft.
Bringt man die Knolle nach dem Abblühen in feuchte Erde,
so bildet sie oben. in der Umgebung des Blütenschaftansatzes
rasch Wurzeln und entwickelt in der Regel ein einziges großes,
geteilt schirmartiges Blatt, dessen Stiel eidechsenartig gefleckt er-
scheint, weshalb die Pflanze auch „Eidechsenpflanze“ genannt wird.
Das Blatt verbleibt bis zum Herbste, vergilbt, fällt zusammen, und
die zurückbleibende Knolle vermag im nächsten Winter wieder
einen neuen Blütenstand zu bilden, vorausgesetzt, daß die Pflanze
gut ernährt wurde und reichlich direktes Sonnenlicht genossen
hatte. | |
Die Tatsache, daß aus einem unterirdischen Organ, sei es
Knolle oder Zwiebel, ohne äußere Zufuhr von Wasser, Blätter oder
sogar Blüten hervorkommen, steht nicht vereinzelt da. So ent-
wickelt der mit Sauromatum. verwandte Amorphophallus Rivieri
aus der Knolle, an der Luft liegend, einen meterhohen Blüten-
kolben, die Herbstzeitlose, Colchicum autumnale, manche Liliaceen
bilden Blüten, die Kartoffelknolle (Solanum tuberosum), der Sauer-
klee, Oxalis lasiandra, und die Meerzwiebel, Scilla maritima, er-
zeugen, in der Luft hängend, Blätter und Sprosse.
V. Einleitung von Wachstum durch Kälte.
Die alltägliche Erfahrung lehrt, daß das Wachstum durch
Wärme gefördert wird. Wenn im Frühjahr die Knospen auf-
brechen und sich zu belaubten Sprossen oder Blüten entwickeln,
so hängt dies in erster Linie mit der zunehmenden Temperatur in
dieser Jahreszeit zusammen. Wenn der Gärtner gewisse Pflanzen
früher zum Blühen oder Fruchten bringen will, so bedient er sich
dazu warmer Mistbeete oder Gewächshäuser, weil er eben weiß,
daß die Wärme das Wachstum begünstigt. Nach dieser Sachlage
erscheint es geradezu paradox, wenn jemand sich anschicken
würde, das Wachstum der Pflanzen durch Kälte anzuregen. Und
dennoch ist. dies möglich. Es gibt Gewächse, die ununterbrochen
wachsen. Die in Gemüse- und Weingärten als lästiges und un-
ausrottbares Unkraut vorkommende Sternmiere (.Siellarıa medıa)
gehört hierher. Die aus dem Samen erwachsende Pflanze blüht,
fruchtet, der aus der Frucht entfallende Same keimt sogleich
wieder, der Keimling entwickelt sich weiter zur blühenden und
fruchtenden Pflanze, und käme nicht der Winter, so würde sich
dieses rhythmische Spiel ununterbrochen fortsetzen. Das ist aber
nicht bei allen Pflanzen der Fall, denn es gibt viele, die nach
einer Periode des aktiven Lebens im Wachstum innehalten und
eine Art Ruhezeit eingehen. Dies gilt z. B. von der Kartoffel.
Wird im Herbst die erntereife Knolle ausgegraben und sofort unter sehr
günstige Wachstumsbedingungen gebracht, so keimt sie gewöhn-
lich nicht, auch nicht im Oktober, vielleicht — es ist dies, bei ver-
schiedenen Sorten nicht gleich — auch nicht im Dezember; erst
im Januar und später erfolgt glattes Treiben. Unter normalen
Verhältnissen geht also die Kartoffelknolle im Herbste eine Ruhe-
periode ein und erst, wenn diese ausgeklungen ist, stellt sich wieder
Wachstum ein. — Ganz gegen alle Erwartung ist es aber
gelungen, die Ruheperiode dadurch aufzuheben, daß
man die im Herbste ausgegrabenen Kartoffelknollen so-
fort in einen Eiskeller bringt, wo sie durch ı4 Tage bei
einer Temperatur von etwa + ı bis 3° C verbleiben.
Werden sie dann eingepflanzt und ins Warmhaus ge-
bracht, so treiben sie alsbald aus und, wenn man das-eben
besprochene Experiment mit Frühkartoffeln macht, so kann man
durch Auslöschung der Ruheperiode sogar zwei Ernten innerhalb
eines Jahres gewinnen.
Wie ist es zu erklären, daß die niedere Temperatur im Keller
das Wachstum anregt? Die Antwort, die Hermann Müller
(Thurgau) auf diese Frage gab, lautet ungefähr folgendermaßen:
In der Kartoffelknolle laufen zwei Vorgänge nebeneinander ab,
die Atmung und die Verzuckerung der Stärke durch das Ferment
Diastase. Ist die Temperatur niedrig, so ist die Atmung sehr
gering, die Zuckerbildung geht aber trotzdem ziemlich rege vor
sich. Bei der Atmung wird hauptsächlich Zucker verbrannt; wenn
nun die Atmung infolge der niederen Temperatur herabgesetzt
wird, so wird zwar Zucker gebildet, aber nur wenig davon ver-
atmet. Der Zucker häuft sich daher so an, daß die Kartoffel süß
wird. Mit der Aufnahme des Zuckers wird ein wichtiger Baustoff
verfügbar und daher vermag die Kartoffel wieder zu keimen und
Sprosse zu bilden. h
Auch unsere Holzgewächse sind einer Ruheperiode unter-
worfen. Unmittelbar nach dem herbstlichen Laubfall treibt eine
Linde, ein Weinstock oder Kirschbaum unter günstigen Wachs-
tumsbedingungen nicht. Erst nach einer gewissen Ruheperiode,
die sich bei manchen Holzgewächsen (Buche) bis zum Februar
erstrecken kann, erfolgt neues Wachstum. Je länger der Baum
oder Strauch der Winterkälte ausgesetzt war, desto williger und
rascher treibt er hernach. Wird ein eingetopftes Fliederbäumchen
nach dem Laubfall in ein Zimmer gestellt und vor Frost geschützt,
ein sonst gleiches aber bis etwa Mitte Dezember im Freien be-
lassen, wo es eine Reihe von Frösten oder noch besser schon
länger andauernde Kälte genießt, und werden dann beide ins
Warmhaus gestellt, so treibt der der Kälte ausg’esetzt ge-
wesene Stock viel früher und gleichmäßiger als der, der
sich in verhältnismäßig warmem Raume befand.
Noch viel beweiskräftiger und anschaulicher wird der Versuch,
wenn er mit einem Grabelzweig zur Zeit des Vorwinters in der
Weise gemacht wird, daß der eine Ast ins Freie, der andere aber
ins Gewächshaus reicht. Wenn, sobald der ins Freie ragende
Zweig reichlich Kälte genossen hat, der ganze Gabelzweig in die '
Wärme gebracht wird, dann eilt der Kältezweig dem Wärme-
zweig im Austreiben und Wachstum weit voraus.
Molisch, Populäre biologische Vorträge. 2. Aufl. 13
VI. Eine Pflanze, die erst im Tode duftet.
Zu den bekanntesten Teppichpflanzen unserer Gärten und
Parkanlagen gehört die aus Texas stammende, wegen ihrer blauen
Blüten überaus beliebte Komposite, Ageratum mexicanum. — So-
lange diese Pflanze lebt, besitzt sie keinen besonderen
Duft. Wenn sie aber getötet wird, sei es, daß sie vollständig
vertrocknet oder gefriert, oder in einem Luftbade von etwa 60° C
kurze Zeit erhitzt wird, so entwickelt sie einen ungemein
angenehmen Duft nach Kumarin, jenem Stoff, der auch dem
Waldmeister, Asperulad odorata, dem Ruchgras, Anthoxanthum
odoratum und dem Weichselrohr, Prunus cerasus, seinen charak-
teristischen Geruch verleiht.
Die lebenden Blätter des Ageratum enthalten kein Kumarin,
sondern dieses entsteht erst nach ihrem Tode. Stoffe, die in der
lebenden Pflanze räumlich getrennt sind, prallen im Momente des
Todes und nachher aufeinander und geben zur Bildung neuer Stoffe
und hier bei Ageratum zur Entstehung von K.umarin Veranlassung,
Es ist wie mit verschiedenen Säuren und Alkalien, die in
einem chemischen Laboratorium auf einem Tische stehen. Solange
die Flüssigkeiten getrennt aufbewahrt werden, bleiben sie als solche
erhalten; werden sie aber miteinander vermengt, so entstehen
durch gegenseitige Einwirkung aufeinander neue Reaktionen und
damit neue Körper. Ähnliches geschieht beim Übergang der Zelle
vom Leben zum Tode und so können neue Stoffe sich bilden,
die früher nicht vorhanden waren. Der Fall von Ageratum steht
nicht vereinzelt da. Ich erinnere daran, daß die ihres köstlichen
Aromas wegen so hochgeschätzte Vanillefrucht, die ihren Duft
dem Vanillin verdankt, in erntereifem Zustande, . wie ich mich in
Vanilleplantagen Javas selbst überzeugt habe, nur einen schwachen,
kaum bemerkbaren Geruch besitzt, den wunderbaren Vanilleduft
aber erst nach dem Absterben erhält, indem sich aus einer bisher
unbekannten Muttersubstanz erst nach dem Tode das köstlich
duftende Vanillin bildet. — Nun wird man auch verstehen, wie
es kommt, daß das Heu einen Duft aushaucht, der dem frischen
Grase noch fehlt oder wenigstens nicht in dem Grade eigentümlich
ist. Es beruht dies gleichfalls darauf, daß sich in den abgestorbenen
Gräsern früher voneinander getrennte Stoffe nunmehr mischen,
neue Reaktionen einleiten und dadurch zur Bildung neuer Stoffe,
wie Kumarin und anderer, dem Heu eigentümlicher Duftstoffe,
Veranlassung geben.
VII. Schneckenkleefrüchte, stundenlang gekocht, keimen teilweise noch.
Die Früchtchen: vieler Schneckenkleearten (Medicago) bleiben
mit Hilfe zahlreicher, oft hakenartig gekrümmter Stachelchen in
* der Wolle vorbeistreifender Schafe hängen. Diese als „Wollkletten“
bekannten Früchte verfilzen sich derart mit den Wollfäden, daß
sie nach der Schafschur mit der exportierten Schafwolle in den
Handel kommen und dann in der Wollweberei dadurch zu un-
liebsamen Betriebsstörungen Anlaß geben, daß sie oft ein Zer-
reißen des Wollfadens verursachen. Die Textilindustrie hat sich
mit diesem Umstande viel beschäftigt und ist schließlich, um die
Wolle von den Wollkletten zu befreien, auf das Karbonisierungs-
verfahren gekommen, das bekanntlich darin besteht, die Wolle
mit verdünnter Schwefelsäure zu behandeln und die Wollkletten
dadurch zu zerstören, ohne die Wolle zu schädigen.
Namentlich die überseeische Wolle enthält viel Wollkletten
und wird schon nach ihrer Ankunft in Hamburg einer vorläufigen
Reinigung unterworfen, indem sie mit einer Sodalösung behandelt
und dann getrocknet wird. Nachher wird sie in der Fabrik ge-
färbt, wobei sie durch mehr als ı!/, Stunden in siedendem Wasser,
dem nach und nach größere Mengen von Salmiakgeist, Essig-
säure, Alizarin-Chromfarben, Schwefelsäure und Chromnatron zu-
gesetzt werden, verbleibt. Die auf diese Weise gereinigte und
gefärbte Wolle wird dann getrocknet. — Da geschah es eines
Tages, daß die Wolle nicht gleich getrocknet wurde, sondern einige
Tage feucht liegen blieb und — siehe da — die darin verfilzten
Medicagofrüchtchen keimten, obwohl sie so lange kochten und
mit verschiedenen Chemikalien behandelt worden waren, massen-
haft und die jungen Keimlinge hoben sich durch ihre helle Farbe
von der schwarzgefärbten Wolle in auffallender Weise ab.
Dieser sonderbare Fall von eigenartiger l.ebenszähigkeit
bewog den Botaniker Schneider-Orellit), die Widerstandsfähig-
keit der Medicagosamen gegen Kochhitze zu untersuchen. — Daß
Samen verschiedener Art eine Temperatur von 100° C in
trockenem Zustande aushalten, ist lange bekannt und bietet nach
all unseren Erfahrungen nichts Besonderes. Das Überraschende
bei den Wollkletten liegt aber darin, daß sie der Siedehitze im
Wasser widerstehen und daß ihnen auch die dem Wasser zuge:
I) Schneider-Orelli, D., Versuche über die Widerstandsfähigkeit gewisser
Nledicago-Samen (Wollkletten) gegen hohe Temperaturen. Flora 1910, S. 305.
18*
— 276 —
setzten Chemikalien nicht schadeten. Der Grund dieser paradoxen
Erscheinung liegt im Bau der Samenschale, die einem für Wasser
undurchdringlichen Panzer gleicht. Während andere Samen, z.B.
die von Erbsen, Bohnen, Roggen, ins Wasser gelegt, dieses rasch
aufnehmen und quellen, verhalten sich zahlreiche Samen von
Hülsenfrüchtlern nicht so. Sie quellen häufig nur vereinzelt und
manche können jahre-, ja manchmal jahrzehntelang im Wasser
liegen, bevor sie endlich dem Wasser den Eintritt gestatten und
aufquellen. Ich nenne als Beispiele die Samen der falschen Akazie
(Robinia pseudacacia), den Christusdorn (Gleditschia triacanthos),
die Acacia lophanta, den Hornklee (Tetragonobolus siliquosus) u. a.
Werden solche Samen vorsichtig angefeilt oder verletzt, wie.
dies beim Rotklee im großen mit Ritzmaschinen geschieht, so
wird dadurch das Quellungshindernis beseitigt, das Wasser dringt
durch die verletzte Stelle ein, der Same quillt und keimt. Auch
durch Behandlung mit heißem Wasser kann der Quellungswider-
stand beseitigt werden. Beim Stechginster (Ulex europaeus) genügt
schon eine ı—5 Sekunden währende Einwirkung siedenden
Wassers, um die Quellung zu ermöglichen.
Bei Medicagosamen aber ist die Widerstandsfähigkeit gegen
hohe Wassertemperatur infolge der Härte der Samenschale nach
Schneider-Orelli eine ganz unerwartete. Es handelt sich um
die Samen von Medicago hispida, M. arabica und M. minimä. In
einem bestimmten Versuch wurden ı00 solcher Samen in Wasser
7‘/, Stunden gekocht. Nach dieser Zeit war ein großer Teil voll-
ständig verkleistert, also zerstört, etwa 5o waren nur gequollen
und ein einziger war unverändert. Bei keinem trat Keimung ein.
Als aber der unveränderte hierauf angefeilt und ins
Wasser gelegt wurde, keimte er. Die Samen behalten also,
solange sie ihre Hartschaligkeit bewahren und dem Eindringen
des heißen Wassers widerstehen, ihre Lebensfähigkeit. Das war
bei dem einen Samen trotz des 7!/,stündigen Kochens der Fall
und dieser liefert den Beweis, daß die Natur mit der harten, eigen-
artig gebauten Schale einen Verschluß des lebenden Samens
erzielt, der fast ans Wunderbare grenzt.
VII. Scheinbare Urzeugung.
Seit den ältesten Zeiten hat die Menschheit die Frage be-
schäftigt: Wie ist das Leben auf unserer Erde entstanden? Ist es
durch eine höhere Intelligenz, durch Gott auf der Erde geschaffen
277
worden? Oder ist es durch Meteorite von anderen Weltkörpern
übertragen worden? Oder ist es von selbst aus leblosem Stoff,
also durch Urzeugung entstanden oder ist es überhaupt nirgends
und niemals entstanden, sondern von Ewigkeit her gewesen?
Insbesondere hat die Frage nach der Urzeugung die Natur-
forscher lange beschäftigt und namentlich die ebenso genauen wie
einfachen Versuche Pasteurs haben es höchstwahrscheinlich
gemacht, daß eine Urzeugung derzeit wohl nicht nachweisbar ist.
Lebendes entwickelt sich nur aus Lebendem. Wo Lebendes ent-
steht, waren auch früher die dazu gehörigen lebenden Keime schon
vorhanden. Das geflügelte Wort „omne vivum ex vivo“ kennt
bisher keine Ausnahme. z
Diesem Gesetze scheint nun folgender Versuch zu wider-
sprechen. Werden Glaskölbchen mit Nährlösungen, die sich für
die Entwicklung von Bakterien, Hefen, Schimmelpilzen oder Infu-
sorien eignen, beschickt, mit Wattepfropfen verschlossen und ı bis
2 Stunden gekocht, so entwickeln sich, weil etwa vorhandene
Keime in der Siedehitze getötet werden, keine Lebewesen und die
Flüssigkeit bleibt jahrelang steril. Wird aber der Wattepfropf
auf etwa ı Stunde von dem Kölbchen abgehoben, so daß aus
dem atmosphärischen Staub lebende Keime hineinfallen können,
und dann wieder mit der Watte verschlossen, so beginnt sich die
Nährlösung infolge massenhafter niederer Lebewesen zu trüben.
Wird dieser Versuch aber mit einem Heuinfus gemacht, d.h.
wird Heu abgekocht, der Extrakt in Kolben gefüllt und dieser
mit Watte verschlossen, durch ı Stunde im Sieden erhalten und
dann bei etwa 30° aufgestellt, so bildet sich nach einigen
Tagen eine weiße Haut, die aus einer Reinkultur einer
Bakterie, nämlich des Heubazillus, Bacillus subtilis,
besteht.
Dieses von Pouchet herrührende Experiment machte seiner-
zeit großes Aufsehen, denn es schien auf den ersten Blick nicht
bloß der Pasteurschen Ansicht zu widersprechen, sondern geradezu
einen Fall von Urzeugung darzustellen. Es wurde ja der Heu-
extrakt samt den darin vorhandenen Keimen gekocht und doch
entwickelte sich darin der Heubazillus.. Durch eine gründliche
Erforschung der Lebensgeschichte der genannten Bakterie hat
sich das Rätsel befriedigend aufgeklärt. Der Heubazillus pflanzt
sich auf zweierlei Weise fort, durch Teilung, wie alle anderen
Bakterien und durch Dauersporen. Wenn der Heubazillus an
— 2738 —
Nahrungsmangel zu leiden beginnt oder dem Austrocknen entgegen-
geht, so verdichtet sich an einem Ende der Bakterie das Proto-
plasma zu einem stark lichtbrechenden Kügelchen, zu einer
Dauerspore und diese ist es, die aus unbekannten
Gründen eine einstündige Kochhitze erträgt, ohne abge-
tötet zu werden. Eine solche Widerstandsfähigkeit, die übrigens
nicht bloß den Dauersporen der Heubakterie, sondern auch denen
verschiedener anderer Bakterien zukommt, war von vornherein
nicht wahrscheinlich, weil ja alle unsere Erfahrungen, abgesehen
von dem schon erwähnten, die Schneckenkleesamen betreffenden
Fall, dafür sprachen, daß längere Kochhitze alles Lebende ver-
nichtet. Eine Ausnahme aber bilden die Dauersporen gewisser
Bakterien, doch ist auch ihre Widerstandsfähigkeit gegen Hitze
beschränkt, denn bei einer Erhitzung von 1ı50°C finden auch sie
den Tod.
Rückblick.
Alle die angeführten Beispiele liefern den Beweis, daß es
auch in der Botanik nicht an Paradoxen fehlt; ich behalte mir
vor, an anderer Stelle noch mehr davon bekanntzumachen. Sie
alle haben für den Naturfreund etwas ungemein Anziehendes, da
sie auf den ersten Blick widersinnig erscheinen, bei genauerer
Betrachtung aber sich den anderen Erfahrungen und Naturgesetzen
vollends einfügen. Darauf beruht ihr eigentümlicher Reiz, der
die Aufmerksamkeit immer von neuem auf die Paradoxa lenkt.
Hätte sich wohl sonst (der paradoxe Trugschluß des griechischen
Philosophen Zeno „Achilles holt die Schildkröte bei einem Wett-
lauf nicht ein“, den er 5oo Jahre vor Christus ersonnen hat, bis
auf den heutigen Tag erhalten können? Und wenn der von
spielenden Knaben gepeitschte Kreisel nicht umfällt und sich, auf
seiner Spitze stehend, dreht, als ob es keine Schwerkraft gebe;
wenn der vom Australneger geworfene Bumerang in weiter
Schleife zum Ausgangspunkt wieder zurückkehrt; oder wenn der
einbeinige Invalide Schmerzen im Fuß zu spüren glaubt, den er
gar nicht mehr besitzt: was verblüfft uns da so gewaltig? Es
ist der Reiz des Wunderbaren, der jedes Paradoxon umgibt.
XVII.
Goethe, Darwin und die Spiraltendenz
im Pflanzenreiche!).
Die letzte botanische Arbeit, die Goethe etwa ı Jahr vor
seinem Tode veröffentlichte, führte den Titel: „Über die Spiral-
tendenz der Vegetation‘“?). Sie reicht in ihrer Bedeutung keines-
wegs an seine Schrift „Die Metamorphose der Pflanze“ heran, aber
sie liefert uns den Beweis, wie Goethe fast bis zu seinem Lebens-
‚ende Botanik getrieben?) und wie die bedeutenden Ideen, die
damals in der Morphologie der Pflanze auftauchten, ihn fesselten
und ihn zu eigenen Untersuchungen anspornten. Wieder war es
die Morphologie, die ihn anzog. er
Damals machte die Aufdeckung der geometrischen Verhält-
nisse der Blattstellung in der Blüte durch v. Martius‘) großes Auit-
sehen, ja man kann sagen, die schraubige Anordnung der Blätter
stand damals und kurz nach Goethes Tode im Brennpunkte der
botanischen Forschung. Da dieser Gegenstand mit unserem Vor-
tragsthema innig zusammenhängt, muß hier darauf kurz einge-
gangen werden.
Bei der Versammlung deutscher Naturforscher und Ärzte in
München (1827) und Berlin (1828) hat der ausgezeichnete Pflanzen-
systematiker v. Martius je einen Vortrag über die Architektonik
der Blüten gehalten, in denen er unter anderem nachdrücklichst .
auf die spirale Anordnung der Blütenblätter hinweist.
!) Auszug eines populären Vortrags, gehalten im Wiener Goethe-Verein am
17. Mai 1920.
?) Goethes Werke, II. Abt., 7. Bd. Weimar 1892, Naturw. Schriften 7. Bd.
Zur Morphologie I. Teil.
- 3) H.Molisch, Goethe als Naturforscher. Populäre biologische Vorträge. 2. Aufl.
Jena 1922. S. dieses Buch, S. 1.
4) v. Martius, Über die Architektonik der Blüten. Isis, Jahrg. 1828, S. 522
und Jahrg. 1829, S. 333.
— 280 —
Die schraubige Anordnung läßt sich unter anderem an den
Blütenblättern der Polycarpicae beobachten, ja diese Ordnung von
Blütenpflanzen scheint geradezu durch dieses Merkmal ausgezeich-
net zu sein. An den großen Blüten der Seerosen (Nymphaeaceen),
der Magnolien, Ranunculaceen und anderen fällt die einer Schrauben-
linie folgende Stellung der Perianth-, Staub- und Fruchtblätter
besonders auf.
v. Martius hielt diese Verteilung fälschlich für ein sek,
also für allgemein verbreitet, allein dies war ein Irrtum, denn die
Stellung der Blütenblätter kann auch sehr oft in Kreisen erfolgen,
mithin wirtelig sein. Er erläuterte seine Ansicht auch durch ein
Modell, „worin er auf der Achse mehrere Umläufe befestigt hatte
und womit er nach den verschiedenen Stellungen und Reduktionen,
welche er mit den Blättern der Umläufe vornahm, verschiedene
Pflanzenfamilien darstellt“ (S. 529 d. Jg. 1828). Ein solches Modell
machte v. Martius Goethe zum Geschenk, es ist dasselbe, das
sich derzeit im Besitze des Wiener Goethe-Vereins befindet und
das in einem interessanten Artikel Prof. Zellners!) eingehend be-
sprochen und auch abgebildet ist.
Goethe nahm an den einschlägigen Forschungen des Münchener
Botanikers lebhaften Anteil, er erwähnte auch, daß v. Martius,
von Berlin kommend, ihm die Spiralstellung der Blütenblätter durch
Wort und Zeichnungen erläuterte und fügte hinzu: „Die in der
Isis, Jahrgang 1828 und 1829 abgedruckten Aufsätze wurden mir
zugänglicher, und die Nachbildung eines an jenem Orte vorge-
wiesenen Modells ward mir durch die Geneigtheit des Forschers
und zeigte sich zur Versinnlichung, wie Kelch, Krone und die
Befruchtungswerkzeuge entstehen, höchst dienlich?).“
Wie Goethe über die schraubige Anordnung der Blätter einer
Blüte, die windenden Pflanzen und den schraubigen, Verlauf
mancher Pflanzenteile dachte, sei mit seinen eigenen Worten ge-
geben: „Hat man den Begriff der Metamorphose vollkommen
gefaßt, so achtet man ferner, um die Ausbildung der Pflanze näher
zu erkennen, zuerst auf die vertikale Tendenz. Diese ist anzu-
sehen wie ein geistiger Stab, welcher das Dasein begründet und
solches auf lange Zeit zu erhalten fähig ist. Dieses Lebensprinzip
!) J. Zellner, Zur Spiraltendenz der Vegetation. (Mit einem ungedruckten
Briefe von K. v. Martius an Goethe.) Chronik d. Wiener Goethe -Vereins. 26. Bd
(1912), S. qı.
2) Goethes Werke, 1. c. S. 38.
— 281 —
manifestiert sich in den Längsfasern, die wir als biegsame Fäden
zu dem mannigfaltigsten Gebrauch benutzen; es ist dasjenige, was
bei den Bäumen das Holz macht, was die einjährigen, zweijährigen
aufrechterhält, ja selbst in rankenden, kriechenden Gewächsen die
Ausdehnung von Knoten zu Knoten bewirkt.
Sodann aber haben wir die Spiralrichtung zu beobachten,
welche sich um jene herumschlingt. Das vertikal aufsteigende
System bewirkt bei vegetabilischer Bildung das Bestehende, seiner
Zeit Solideszierende, Verharrende; die Faden bei vorübergehenden
Pflanzen, den größten Anteil am Holz bei dauernden.
Das Spiralsystem ist das Fortbildende, Vermehrende, Fr-
nährende, als solches vorübergehend, sich von jenem gleichsam
isolierend. Im Übermaß fortwirkend, ist es sehr bald hinfällig, dem
Verderben ausgesetzt; an jenes angeschlossen, verwachsen beide
zu einer dauernden Einheit als Holz oder sonstiges Solide!).“
Diese Stelle zeigt so recht, wie sehr Goethe im Banne der
Naturphilosophie Hegels und Schellings stand, und wie hier
das Tatsächliche in ein rein spekulatives Gewand gekleidet wird,
das nicht mehr fern von Mystik liegt und im einzelnen auch an
Unklarheit grenzt.
Den Gipfelpunkt des Phantastischen erreicht wohl die luftige
Spekulation, wenn er das vertikal- und spiralstrebende System in
der lebendigen Pflanze innig verbunden erklärt, jenes als männlich
und dieses als weiblich ansieht und noch hinzufügt: „So können
wir uns die ganze Vegetation von der Wurzel auf androgynisch
insgeheim verbunden vorstellen; worauf denn im Verfolg der Wand-
lungen des Wachstums die beiden Symptome sich im offenbaren
Gegensatz auseinander sondern und sich entschieden gegeneinander
überstellen, um sich in einem höheren Sinne wieder zu vereinigen?).“
Mit solchen Gedanken vermag die Wissenschaft nichts an-
zufangen. Hätte Goethe einfach gesagt, der Stengel wächst verti-
kal aufwärts und zeigt häufig eine spiralige Anordnung der Blätter
und nicht selten einen schraubigen Verlauf, so wäre dem Tatsäch-
lichen Genüge getan, alles andere aber ist Phantasie.
Ob Goethe unter Spiraltendenz, wie es im Worte liegt,
ein Streben, also etwas Psychisches gemeint hat, geht aus seiner
Schrift nicht mit Sicherheit hervor. Hansen?), der sich jahrelang
1) Goethes Werke, 1. c. S. 39.
2) Goethes Werke, 1. c. S. 68.
3) A.Hansen, Goethes Metamorphose der Pflanzen. Gießen 1907, I. Teil(Text), S.319.
— 282 —
in Goethes botanische Untersuchungen am meisten liebevoll vertieft
hat, glaubt bestimmt, daß Goethe unter Tendenz Richtung ver-
standen hat, in ähnlicher Weise, wie auch der Physiker von dem
Bestreben der Körper zu fallen oder von ihrer Trägheit spricht,
ohne an psychische Vorgänge zu denken. So aufgefaßt, können
wir mit Gooethe tatsächlich von einer Spiraltendenz sprechen, denn
diese ist in der organischen Natur häufig verwirklicht und darauf
hat auch Goethe in zahlreichen Beispielen, in denen er sich auf
einschlägige Angaben von Don, Lindley, Dutrochet, von
v. Martius und seine eigenen Beobachtungen stützt, hingewiesen.
So auf die im Stranggewebe der höheren Pflanzen vorhandenen,
durch schraubige Verdickung ausgezeichneten Spiralgefäße, auf
die in Schraubenlinien schwingenden Algen (Öscillarien), auf den
die Stütze schraubig umschlingenden Windling (Convolvulus), auf
die sich korkzieherartig einrollenden Ranken, auf den Drehwuchs
der Bäume, auf die schraubige Deckung der Blütenblätter in der
Knospe, auf die Spiralstellung der Blätter von Pandanus, auf die
durch Drehung zustande kommende Einseitswendigkeit der Blüten
von Ophrys spiralis u.a. Er erwähnt ferner die spiralige Drehung der
Hülsen von Bohnen und Platterbsen beim Austrocknen, die Drehung
der Fruchtschnäbel vom Storchschnabel, Erodium gruinum, und die
schraubige Einrollung des weiblichen Blütenstiels der bekannten
Aquariumpflanze Vallisneria spiralis.
Wenn Goethe heute die Ergebnisse botanischer Forschung
in dieser Richtung überblicken könnte, würde er angenehm über-
rascht sein über das große Tatsachenmaterial, das über die
Schraubenlinie im Pflanzenreiche vorliegt. Siehe Fig. 64.
Von den niedersten Gewächsen aufwärts bis zu den höchsten,
von der einfachen Zelle bis zu kompliziertesten Organen kennen
wir bereits eine Fülle von Beispielen spiraliger Anordngpg und
Bewegungen.
Schon unter den niedersten und kleinsten Pflanzen, unter
den Bakterien, finden wir solche, die einem schraubig gewundenen
Faden gleichen. Spirillum und Spirochäte sind solche Schräub-
chen. Die Samenfäden der Farne, der Cycadeen und die Sperma-
tozoiden des japanischen Gingkobaums zeigen gleichfalls schrau-
bige Windungen, obwohl sie ebenfalls nur aus einer Zelle bestehen.
Die aus Zellfäden bestehende Blaualge Spirulina, die einer Acht
gleichende Kieselalge Surirella spiralis, das aus schraubig ange-
ordneten Zellen bestehende Desmidium Swartzii und die gleich
einer Wendeltreppe
gestaltete Rotalge
Vidalia
verkörpern 'gleich-
falls die Schrauben-
linie. Selbst inner-
halb der Zelle kön-
nen einzelne Or-
gane schraubigen
Verlauf aufweisen
wie die Chlorophyli-
körper der Algen
Spirogyra und Spi-
rotaenia.
Es sei ferner an
die Drehung vieler
Blätter, wie man sie
in jedem Gretreide-
volubilis
feld leicht beob-
achten kann, er-
innert. Zahlreiche
Grasblätter sind 2-
bis 3mal gedreht.
Auch die Blätter
des . Rohrkolbens
(Typha), des Kal-
mus (Acorus), der
Schwertlilie (Iris)
u. a. sind häufig
ı—amal ı80° um
ihre Achse gedreht.
Auf eine Fülle
von Beispielen hat
Goebel!) in neue-
sterZeitaufmerksam
gemacht. Es geht
daraus hervor, daß
!) RK. Goebel, Die Ent-
faltungsbewegungen der
Pflanzen usw. Jena 1920.
Fig. 64. Beispiele für das Vorkommen der Schraubenlinie
im Pfianzenreiche. ı. Spirillum undula, eine Schraubenbak-
terie. 2. Spirochaete pallida, die Syphilisbakterie. 3. Sperma-
tozoide eines Farnkrauts. 4. Spermatozoid einer Alge (Chara).
5. Frucht von Erodium “eicutarium, dem Storchschnabel.
6. Streifung der Membran von Holzzellen. 7. Chiorophyll-
band einer Spirogyrazelle. 8. Elaterenzelle aus einer Leber-
mooskapsel (Marchantia). 9. Spermatozoid einer Cycadee
(Zamia floridana). 10. Diagramm der ?/, Blattstellung. Die
Blätter ihrer genetischen Aufeinanderfolge nach mit Zahlen
versehen. II. Spore von Equisetum mit schraubigen Elateren.
12. Euglena tripteris. 13. Phacus longicaudus. 14. Schrauben-
gefäß von Impatiens balsamina. Vergrößerungen bei (I) 1500,
(2) 2000, (4) 1000, (6) 460, (7) 300, (8) 400, (9) 140, (14) 120
gezeichnet und dann verkleinert. Die Abb. 3, II, 12, 13
stark vergrößert. Die Abb. 4, 9, IO frei nach Straßburger,
ı2 und 13 frei nach France, die übrigen original.
us 284 au:
Drehungen und schraubiger Wuchs in der Pflanzenwelt viel häufiger
vorkommen als man bisher angenommen hat. Er zeigt auch, daß
diese Drehungen auf einen von vornherein asymmetrischen Bau
zurückzuführen sind, der dann entweder von selbst oder infolge
äußerer Kräfte die Drehung oder die Schraube bedingt. Diese
asymmetrische Struktur spielt bei den Entfaltungsbewegungen der
Pflanzenorgane eine große Rolle und liegt, wie Goebel mit
Recht betont, den noch später zu erwähnenden Zirkumnutationen
zugrunde (S. 233). Kurz nach Goethes. Tode eröffneten die glän-
zenden Forschungen K.F. Schimpers und Alex. Brauns einen
tiefen Einblick in die schraubige Anordnung der Blätter an den
Laubsprossen und schufen damit eine neue Stütze für Goethes
Ideen von der Spiraltendenz.
Schon Caesalpin und Bonnet beobachteten, daß die Blätter
am Stengel in bestimmter Weise angeordnet sind, aber erst K.F.
Schimper und Alex. Braun blieb es vorbehalten, die gesetz-
mäßige Verteilung der Blättter in allgemeiner, umfassender Weise
darzutun.
Die Blätter stehen am Stengelknoten entweder einzeln, zu
zweien oder zu mehreren. Im ersteren Falle spricht‘ man von
wechselständiger, im zweiten von gegenständiger und im letzten
Falle von wirteliger Blattstellung.
Die wechselständige Blattstellung zeigt uns die Blätter nicht
regellos, sondern nach ganz bestimmten Gesetzen angeordnet.
Man kann sich davon leicht überzeugen, wenn man die Anord-
nung der Blätter an einem aufrechten Sproß mit allseitig ausge-
breiteten Blättern in einem Grundriß schematisch einzeichnet, wie
dies die Abb. 64 (10) versinnlicht.
In diesem Diagramm entspricht jeder Kreis einem Stengel-
knoten, an dem je ein Blatt befestigt ist. Bezeichnet "aan das
Blatt, von dem man ausgeht, mit ı und die gegen den Stamm-
scheitel folgenden mit 2, 3, 4, 5, 6 usw., so zeigt sich, daß das
6. Blatt schon wieder über den ersten steht, und daß jedes Blatt
von dem nächsten um ?/, des Stammumfanges entfernt ist. Dieser
Winkel, der die Entfernung zweier unmittelbar aufeinander folgen-
der Blätter angibt, heißt der Divergenzwinkel oder kurz die
Divergenz. |
Untersucht man in der freien Natur die Divergenzen verschiede-
ner Pflanzen, so findet man, daß es deren sehr zahlreiche gibt, am
häufigsten ‚aber die Reihe 1), 1, °/:®/. hs Zope
nee ee ee Be
PSeNEN| 285 RATES
Sie stehen in einem sehr merkwürdigen Verhältnisse zu-
einander; denn die Zähler und Nenner jedes dieser Brüche werden
durch die Summierung der Zähler und Nenner der beiden vorher-
gehenden gewonnen oder mit anderen Worten: die einzelnen
Divergenzbrüche entsprechen den Partialwerten eines unendlichen
Kettenbruches von der Formel
Werden die Ansatzstellen der im Alter aufeinander folgen-
den Blätter auf dem kürzesten Wege durch eine Linie miteinander
verbunden, so erscheinen die Blätter in einer Schraubenlinie
oder sog. Grundspirale angeordnet.
Will man wissen, welche Blattstellung an einem Sproß vor-
kommt, so geht man zweckmäßig von einem bestimmten Blatte
aus, bezeichnet es mit Null und zählt der Grundspirale folgend,
bis man zu dem genau über dem Null-Blatt stehenden Blatte ge-
langt. Die Zahl der Blätter, die man auf diesem Wege begegnet,
geben den Nenner und die Zahl der dabei vollführten Umläufe
den Zähler des Divergenzbruches. Die genau übereinander stehen-
den Blätter stehen in geraden Reihen, Orthostichen genannt.
Bei !/, Stellung treten 2, bei 13 3 Orthostichen auf, der Nenner
der Divergenz gibt also auch die Zahl der Orthostichen an.
Stehen die Blätter sehr dicht nebeneinander, wie die Blätter
der Hauswurz (Sempervivum), die Blüten der Sonnenrose oder
die Schuppen des Tannen- oder Föhrenzapfens, so erscheinen
anstatt der Orthostichen Schraubenlinien, die als Parastichen oder
Schrägzeilen bezeichnet werden.
Müssen wir die Ursachen der Schraube in letzter Linie in
die Struktur der Pflanze und des Plasmas verlegen und damit
auch zugeben, daß wir eine kausale Erklärung darüber nicht
geben können, so ist es immerhin möglich, die Bedeutung der
Spiralrichtung für die Pflanze festzustellen. In vielen Fällen
bleibt auch dies ein Rätsel, in einigen läßt sich aber doch, ohne
sich gewagten Spekulationen hinzugeben, der „Zweck“ ermessen.
Daß die geometrische Anordnung der Bätter in einer
Schraubenlinie, wie sie in der Hauptreihe der Blattstellung ver-
wirklicht erscheint, es ermöglicht, unter möglichst geringem Auf-
wand von Material den Stengel gleichmäßig zu belasten und die
— 286 —
Blätter günstigster Beleuchtung auszusetzen, leuchtet wohl ohne
weiteres ein. Das durch die spiralige Stellung der Blätter am
Stamme zustande kommende Blattmosaik läßt, namentlich von
oben betrachtet, die überaus vorteilhafte Verteilung der Blätter,
die gleichzeitig dem Beschauer einen A Genuß gewährt,
mit einem Blick erkennen.
Der Nutzen, den windende il durch das schraubige
Umwachsen einer Stütze genießen (Fig. 65), liegt auf der Hand.
Ihr schlaffer Stengel würde ohne Stütze am Boden
verbleiben, so aber vermag er durch die Schrauben-
bewegung sich an der Stütze emporzustrecken und
dem günstigsten Lichte zuzuwenden. Oder wenn die
Ranke des Weinstocks mit ihrer Spitze kreisende
Bewegungen vollführt, wächst in hohem Grade die
Wahrscheinlichkeit, eine Stütze zu erfassen.
Die Zellhaut einer Pflanzenfaser, die aus
schraubig angeordneten Fibrillen besteht, wird eine
größere Festigkeit aufweisen, als eine mit geraden
Fibrillen, ebenso wie ein gedrehtes Blatt fester sein
wird als ein ebenso gebautes, aber gerades.
Daneben gibt es eine Reihe von Fällen, wo.die
Zweckmäßigkeit der Drehung nicht ohne weiteres
einleuchtet. Dient z. B. die Einröllung der Schnecken-
kleefrüchte der besseren Verbreitung oder der Ver-
ringerung der Oberfläche, oder soll die Öffnung der
Hülse erschwert werden, wer könnte heute diese
ee Frage exakt beantworten?
der Trichter- Im Jahre 1880 bescherte uns Charles Darwin
winde, Ipomoca cin insbesondere die Pflanzenphysiologen inter-
purpurea. R
essierendes Werk: „Das Bewegungsvermäügen der
Pflanze“!). Diesem Buche liegt eine Idee zugrunde, die die Spiral-
linie in der Natur wieder von einer neuen Seite beleuchtet.
Seit langem kennt man eine physiologische Gruppe von
Pflanzen, die einen aufrechten Stab in einer Schraubenlinie um-
wachsen und die man als windende bezeichnet. Der Windling,
die Feuerbohne und der Hopfen gehören hierher. Das Ende des
wachsenden Sprosses erscheint nach der Seite geneigt und wendet
sich aus inneren, uns unbekannten Gründen, indem stets eine
1) Ch. Darwin, The power of movement in plants. London 1880. Deutsche
Übersetzung von J. V. Carus, Das Bewegungsvermögen der Pflanze. Stuttgart 1881.
in A —
De es A re he u ee
ee A eher ee ee ee Zee ee. a Te
Zn 287 =
äußere, aber fortwährend wechselnde Kante stärker wächst als
die ihr gegenüberliegende im Kreise, oder besser gesagt, weil die
Spitze sich ja auch verlängert, in einer Schraubenlinie um die
Stütze herum (Abb. 65). Die Mehrzahl der windenden Pflanzen
windet nach links, die wenigsten nach rechts (Hopfen) oder bald
nach rechts oder links. Man spricht von Linkswindern, wenn der
Sproßgipfel sich im umgekehrten Sinne des Uhrzeigers bewegt,
im entgegengesetzten Falle von Rechtswindern.
In Darwins Denkweise spielte der Entwicklungsgedanke
eine führende Rolle. So auch hier. Er fragte sich, wie ist es
zu dieser für die windenden Pflanzen so nützlichen, von ihm als
Zirkumnutation genannten Bewegung gekommen? Trat sie plötz-
lich in dieser Gruppe von Gewächsen auf oder ist sie nicht viel-
leicht bei den anderen nicht windenden Pflanzen auch, wenngleich
mehr versteckt und verschleiert, vorhanden ? Diese Frage wird
auf Grund zahlreicher und umfassender Versuche von Darwin
bejaht. Nach ihm zirkumnutiert jeder wachsende Pflanzenteil
beständig, wenn auch im geringen Maße. Die Wurzel,
der Stengel und das Blatt vollführen beständig
kreisende oder schraubige Bewegungen. Gewöhnlich
sind sie so klein, daß es feinerer Beobachtung bedarf, um sie
wahrzunehmen.
Wenn man z. B. an der Spitze eines Kohlkeimlings einen
Glasfaden schief anklebt und die mit Lack geschwärzte Spitze
dieses Zeigers, der nun die Bewegung des Stengelchens ziemlich
vergrößert wiedergibt, beobachtet, auf einer über den Keimling
horizontal befestigten Glasplatte die jeweilige Lage der Zeiger-
spitze durch Tuschepunkte markiert und die aufeinander folgen-
den Punkte durch gerade Linien verbindet, so läßt sich aus dem
so gewonnenen Diagramm (Fig. 66) erkennen, daß die Stengel-
spitze unregelmäßige Kreise, Ellipsen oder Spiralen beschreibt,
also im Sinne von Darwin zirkumnutiert. So wie sich der
Stengel dieses Kohlkeimlings verhält, so verhält sich jedes
wachsende Organ. Stellt man sich diese Bewegung an den
Tausenden von Sprossen, Blättern und Wurzelspitzen eines großen
Baumes im vergrößerten Maßstab und daher in stärkerer Ge-
schwindigkeit vor, etwa im Geiste gesehen durch das Mikroskop,
so gewährt uns ein solcher Baum ein höchst interessantes Bild,
das weit entfernt ist von jener Ruhe und Starrheit, die der Laie
der Pflanze im allgemeinen zuzuschreiben geneigt ist.
— 283 —
Die Zirkumnutation faßt Darwin als eine der Pflanze in-
härente Urbewegung auf, von der die anderen als Tropismen und
Nastien bekannten Bewegungen sich ableiten und durch Modi-
fikation entstanden sind.
Schon ein Jahr nach dem Erscheinen von Darwins Werk
erschien eine kritische Studie Wiesners!), in dem er sich unter
anderem gegen Darwins Ansicht von der allgemeinen Verbreitung
der Zirkumnutation als Urbewegung im Pflanzenreiche wendete.
Nach Wiesner ist, abgesehen von den windenden Pflanzen, die
von Darwin als
Zirkumnutation auf-
gefaßte Bewegung
eigentlich keine krei-
sende, sondern eine
ganz unregelmäßige,
durch Störungen
im Längenwachstum
oder durch kombi-
nierte . Bewegungen
verschiedener Art
hervorgerufen. Essei
von vornherein nicht
sehr wahrscheinlich,
daß die Stamm- oder
Fig. 66. Quercus (Amerikanische Sp.): Zirkumnutation Wurzelspitze mit
eines jungen Stammes, an einer horizontalen Glasplatte von mathematischer Ge-
12,50 p. m., 22. Febr., bis 12,50 p. m., am 24., aufge- nauigkeit in einer
zeichnet. Bewegung des Lacktropfens zuerst bedeutend, gegen
Greraden wachse, son-
dern viel wahrschein-
licher,daßsieunregel-
mäßig im Raume um-
hertaumele, da sich ja das Wachstum eines solchen Organes aus ver-
schieden großen und eigenartig gebauten Zellen zusammensetzt,
die, weil fest miteinander verwachsen, beim Wachstum Spannungen
hervorrufen. Diese werden ruckweise ausgelöst und führen zu
unregelmäßigen Bewegungen. Auch durch kombinierte Wirkung
von zwei spontanen und durch äußere Kräfte hervorgerufene
Bewegungen kann nach Wiesner Zirkumnutation vorgetäuscht
werden. In vielen Fällen mag die Zirkumnutation, wie Wiesner
das Ende der Beobachtung nur unbedeutend, im Mittel un-
gefähr 1omal vergrößert. Nach Darwin.
!) J. Wiesner, Das Bewegungsvermögen der Pflanzen. Wien 1881.
— 289 —
es sich denkt, zustande kommen, und seine Versuche haben cs
wohl sehr zweifelhaft gemacht, daß die Zirkumnutation eine
allgemein verbreitete Urbewegung ist. Er hat aber meiner Mei-
nung nach auch über das Ziel geschossen, wenn er die Zirkum-
nutation im Sinne Darwins nur den windenden Pflanzen zuschreibt
und anderen Organen überhaupt nicht.
Ist es doch bekannt, daß die Ranken vieler Gewächse (Wein-
stock usw.) echte Zirkumnutation zeigen und habe ich mich doch
wiederholt überzeugt, daß auch die kreisenden Bewegungen der
Keimstengel mancher Pflanzen, die in der Natur keine Stütze um-
fassen und einen geraden Stamm entwickeln, wie z. B. die Sonnen-
rose, so auffallend sind, daß man sie nicht gut auf bloße Störungen
des Wachstums zurückführen kann.
Ob die verschiedenen Bewegungen der Pflanze sich aus der
Zirkumnutation entwickelt haben, was Darwin behauptet, Wiesner
aber entschieden bestreitet, soll hier nicht erörtert werden; hier
sei nur betont, daß die Zirkumnutation, d.h. das Wachstum in einer
Schraubenlinie im Pflanzenreiche, wenn auch nicht allgemein ver-
breitet, so doch recht häufig ist.
So sehen wir denn, daß die Schraube in der Natur tatsächlich
von den niedersten bis zu den höchsten Gewächsen in der ver-
schiedensten Art verwirklicht ist.
Wenn die Geißel einer Bakterie einer Schiffsschraube
gleich um ihre Achse wirbelt und der Bakterie das Schwimmen
ermöglicht; wenn die Wimpern eines Gingko-Spermatozoids in
einer Spirale befestigt erscheinen und eine Schwimmbewegung
veranlassen; wenn in einer Bastzelle die Zelluloseteilchen der
Wand in Schraubenlinien angeordnet wurden und dadurch die
schief verlaufende Streifung veranlassen oder der Hopfen-
stengel um seine Stütze windet — — immer tritt uns die
Schraubenlinie in eigenartiger, wechselnder Form von neuem
entgegen.
Und so wie die Drehung der Polarisationsebene des Licht-
strahles durch die Natur und den Bau des Kristalls begründet
ist, so liegt auch die letzte Ursache all der erwähnten Schrauben
in der Konstitution der lebenden Substanz und nicht in äußeren
Verhältnissen.
Der Goethesche Gedanke von einer Tendenz im Sinne
eines Strebens zur Spirale kann allerdings nicht angenommen
Molisch, Populäre biologische Vorträge. 2. Aufl. 18)
werden, aber sein Hinweis auf das häufige “Vorkommen der
Spirale in der Vegetation im Sinne einer bestimmten Richtung
hat in der weiteren Entwicklung der Botanik und durch Dar-
wins Werk über das Bewegungsvermögen der Pflanze eine
vielfache Erweiterung erfahren. Und so hat sich wieder gezeigt,
daß der gottbegnadete Dichter hier noch kurz vor seinem Tode
seinen Blick auf eine Erscheinung des Pflanzenreichs gelenkt
hat, die die Botanik noch weiter beschäftigt hat und auch noch
ferner beschäftigen wird.
ER.
Das lebende Reagens’).
Das Lebewesen, gleichgültig ob Pflanze oder Tier,
steht als Chemiker noch immer unerreicht da. Daher
dürfen wir uns nicht wundern, wenn die Organismen,
als lebende Reagentien verwendet, oft empfindlicher
reagieren als die leblosen Stoffe der Chemie.
Ein Rückblick auf die Geschichte der Naturwissenschaften
lehrt, daß die Forschung zwar unaufhaltsam, aber im allgemeinen
langsam vorschreitet. Zwar scheint es oft, als ob die Entdeckungen
Schlag auf Schlag kämen und sich zu gewissen Zeiten häufen
würden, allein wenn man die geschichtliche Entwicklung einer
bestimmten Frage für sich betrachtet, so sieht man alsbald, daß
die Wissenschaft nicht rennt, sondern kriecht. Ihr Fortschritt be-
ruht hauptsächlich auf guten Hypothesen, Theorien, auf neuen
Entdeckungen und nicht zuletzt auf neuen Methoden. Die exakten
Wissenschaften, allen voran die Astronomie, Physik und Chemie
haben uns im Laufe der Zeit eine so fein ausgearbeitete Methodik
beschert, daß wir ihr unsere Bewunderung nicht versagen können.
So, wenn der Physiker uns mit Hilfe der Spektralanalyse lehrt,
daß die meisten irdischen Elemente auch in der Sonne vorkommen,
oder wenn er die Temperatur der Sonne, die Lichtgeschwindigkeit,
die Wellenlänge für Rot, Grün oder Blau mißt oder wenn er
mit Hilfe elektrischer Wellen drahtlos seine Gedanken mit den
Antipoden tauscht. So, wenn der Chemiker die stoffliche Zu-
sammensetzung der Körper bis in die feinsten Einzelheiten er-
kennt oder wenn er, über das Sichtbare hinaus, die Zahl der
Atome im Molekel, ihre gegenseitige Bindung, ja sogar ihre
Stellung im Raume erschließt. Oder wenn er, dem Beispiele
Wöhlers folgend, organische Substanzen, die das Lebewesen
erzeugt, aus anorganischen Stoffen aufbaut und Körper wie Indigo,
!) Vortrag gehalten in der dtatutenmäßigen Jahressitzung der Akademie der
Wissenschaften in Wien am I. Juni 1921.
19*
— 292 —
Alizarin, Kautschuk, Alkaloide, Flechtenfarbstoffe, Gerbstoffe und
als Krone des Ganzen die Vorstufen des Eiweißes, die Polypeptide,
im Glase darstellt.
Die Glanzleistungen eines Emil Fischer lassen die Hoffnung
aufkommen, daß selbst die Synthese der Eiweißkörper nur eine
Frage der Zeit ist, also jener Körper, von denen wir annehmen,
daß sie einen wesentlichen Teil der lebendigen Substanz aus-
machen.
Das modern eingerichtete Laboratorium des Chemikers mit
seinen verschiedenen Hilfsmitteln und Leistungen flößt uns Be-
wunderung ein, aber selbst wenn es von dem Geiste eines
Lavoisier oder Liebig in Bewegung gesetzt und geleitet würde,
steht es doch weit zurück hinter dem Laboratorium, das uns das
Lebewesen verkörpert, gleichgültig ob Pflanze, Tier oder Mensch.
Was der Chemiker oft nur mit Gewaltmitteln, mit starken
Säuren, Alkalien, unter hohem Druck, bei hoher Temperatur und
auf mannigfachen Umwegen mühsam zustande bringt, das voll-
führt ‘das Lebewesen gleich einem Zauberer in verblüffend ein-
facher Weise. So wird es verständlich, wenn die Physiologie
uns von Tag zu Tag neue Beweise schafft, daß das Lebewesen
der Chemie ein wertvoller Helfer geworden ist, dadurch, daß der
Biologe die Pflanze und das Tier als Mittel zum Nachweis oder
zur Erzeugung von Stoffen benützt. Es ist keine Übertreibung,
sondern eine leicht zu beweisende Tatsache, daß die biologische
Methode in: der chemischen Analyse häufig mit den besten ge-
wöhnlichen chemischen und physikalischen nicht nur zu wetteifern
vermag, sondern sie nicht selten an Genauigkeit und Empfindlich-
keit sogar übertrifft. An Beispielen ist kein Mangel.
Jede grüne Pflanze zerlegt im Sonnenlichte Kohlensäure,
bildet daraus organische Substanz, Zucker, Stärke und scheidet
dabei Sauerstoff aus. Macht man den Versuch mit einer Hand-
voll Wasserpflanzen in kohlensäurehaltigem Wasser, so sieht man
die entbundenen Sauerstoffblasen mit freiem Auge aus den Pflanzen
herausperlen. Man kann das Gas auffangen und einen glimmen-
den Span darin entzünden. Wenn wir aber den von einer einzigen
Zelle im Lichte entbundenen Sauerstoff nachweisen wollen, dann
reichen selbst die besten chemischen Sauerstoffreaktionen nicht
aus, den aus der Zelle hervorspringenden Sauerstoff zu ‚erkennen.
Engelmann aber hat uns einen biologischen Weg gewiesen,
der uns den Nachweis so fabelhaft kleiner Sauerstoffmengen, wie
Da 45 We
sie eine einzige grüne Zelle, ja sogar ein einziges Chlorophylikorn
im Sonnenlichte erzeugt, ermöglicht. Er erinnerte sich, daß es
bewegliche Bakterien gibt, die mit der merkwürdigen Fähigkeit
ausgestattet sind, zwischen sauerstoffreichen und sauerstoffarmen
Orten zu unterscheiden. Erzeugt man unterm Deckglas in einem
Bakterientropfen ein mikroskopisch kleines Luftbläschen, so sam-
meln sich die früher gleichmäßig zerstreuten Bakterien alsbald
um das Bläschen in so dichten Massen an, daß man die
Ansammlung oft schon mit freiem Auge wahrnimmt. Sobald die
Bakterien den in der Luftblase vorhandenen Sauerstoff veratmet
haben, verlassen sie sie und
schwimmen wieder zu sauer-
stoffreicheren Orten. Ver-
wendet man in demselben
Versuch anstatt des Luft-
bläschens eine lebende
chlorophylihaltige Zelle, so
wandern die Bakterien, so-
bald die Zelle belichtet wird,
sofort zu ihr, weil sie im
Lichte Sauerstoff entbindet
\ ; : Fig. 67. Cocconema sp., eine Kieselalge,
(Fig. 67). Wird die Zelle entwickelt im Lichte Sauerstoff und dieser lockt
schwimmendeBakterien (Spirillum Undula) in großer
verfinstert, so hört die Sauer-
Menge an. (Vergr. 300.)
stofferzeugung auf und die
Bakterien zerstreuen sich. „Die Empfindlichkeit des Reagens“, sagt
Engelmann, „ist so groß, daß Sauerstoffmengen von zuverlässig
weit weniger als einem Hundertbillionstel Milligramm noch bequem
nachgewiesen werden können, Es ist selbst nicht unwahrschein-
lich, daß die kleinsten mit Sicherheit nachweisbaren Sauerstoff-
mengen innerhalb der Grenzen liegen, welche die theoretische
Physik auf verschiedenen Wegen für das Gewicht des Sauerstoff-
moleküls zu berechnen gestattet“ (S. 441).
Annähernd von derselben Feinheit für den biologischen Nach-
weis geringer Sauerstoffspuren sind die Leuchtbakterien. Sie
haben als die einzigen unter den Bakterien die Fähigkeit, Licht
zu entwickeln, jedoch nur bei Gegenwart von Wasser und Sauer-
stoff. Schon die geringsten Mengen dieses Gases genügen, wie
insbesondere die Versuche Beijerincks und Molischs bewiesen
haben, dazu. Füllt man in eine etwa ı m lange, unten geschlossene
Glasröhre eine Nährlösung mit Leuchtbakterien, so erscheint die
— 294 ,—
ganze Flüssigkeitssäule in der Dunkelkammer leuchtend. Einige
Zeit darauf erlischt das licht, da die Bakterien den in der Flüssig-
keit gelösten Sauerstoff veratmen. Kehrt man die Röhre nun
um und sorgt man dafür, daß ein kleines Luftbläschen, sich auf-
wärts bewegend, die Bakterien wieder mit Sauerstoff versorgt, so -
beginnt die ganze Flüssigkeit wieder zu leuchten; man glaubt,
während die Luftblase sich erhebt, eine im Finstern ans auf-
steigende Rakete zu sehen.
Oder wenn man eine Glasröhre mit leuchtender Bakterien-
bouillon füllt, etwas von dem Grereibsel, das man durch Zerquetschen
eines frischen Kleeblattes mit Wasser erhält, hinzufügt und in der
Dunkelkammer stehen läßt, o erlischt gleichfalls die anfangs
leuchtende Flüssigkeitssäule. Zündet man jetzt ein Zündhölz-
chen an, so beginnen die in der Röhre vorhandenen noch unver-
sehrten Chlorophylikörner im Licht sofort Sauerstoff zu entbinden
und dieser freigewordene Sauerstoff, obwohl nur in Spuren vor-
handen, genügt, um die Leuchtbakterien wieder zur Licht-
entwicklung zu befähigen.
An die Seite dieser Beispiele darf auch der biologische Nach-
weis des Arsens gestellt werden. Gewisse Schimmelpilze und
Spaltpilze haben, wenn sie auf einer Unterlage wachsen, die ar-
senige Säure, Arsensäure oder deren Alkalisalze und ein freies
Kohlehydrat enthält, die auffallende Fähigkeit, nach Knoblauch
riechende Gase zu entwickeln, darunter eine organische Verbin-
dung, die sich als Diäthylarsin As H (C,H,), entpuppt hat.
Gosio hat sich mit Vorteil der Schimmelpilze Penicillium
crustaceum, Aspergillus glaucus und Mucor mucedo bedient, spätere
Beobachter erkannten in dem Penicillium brevicaule eine für. den
Arsennachweis besonders geeignete Art. Zieht man diesen Pilz
auf Brotscheiben und bringt man in den üppig wachsenden Pilz- |
rasen ein kleines Stückchen einer arsenhaltigen Tapete, so gibt
sich schon nach einigen Stunden, spätestens am nächsten Tage,
ein deutlicher Knoblauchgeruch kund. Diese Probe ist empfind-
licher als alle anderen Arsenproben, sie gibt noch sichere Ergeb-
nisse, wo andere im Stich lassen, und läßt noch 0,0001 mg Arsen
erkennen.
“In mehrfacher Richtung von großem Interesse sind jene Er-
scheinungen, die der Botaniker v. Nägeli entdeckte und die er
als oligodynamische bezeichnete. Wird ein Stück blankes Kupfer
in ein Glas Wasser, das die lebende Alge Spirogyra enthält,
gelegt, so stirbt die Alge in kurzer Zeit ab. Diese höchst auffallende
Tatsache brachte den genannten Forscher auf den Gedanken, nach
einer noch unbekannten Kraft zu suchen, die vielleicht hier im
Spiele sein könnte, allein eine planmäßige Verfolgung der in
Betracht kommenden Umstände führte schließlich zu einer voll-
ständig befriedigenden Erklärung. Das in reines Wasser, welches
etwas Sauerstoff und Kohlensäure enthält, gelegte Kupferstück
ist nicht, wie man erwarten möchte, völlig unlöslich, sondern löst
sich in außerordentlich kleinen Spuren. Kupfermolekel trennen
sich von dem Kupferstück ab, wandern in das Wasser, in die
Alge, endlich zur Glaswand, werden hier festgehalten, und dieser
Vorgang dauert so lange, bis eine gewisse Sättigung eingetreten
ist. Die Kupfermengen, um die es sich hier handelt und die die Alge
töten, sind außerordentlich klein; schon ein Teil Kupfer in 1000
Millionen Teilen Wasser schadet oder tötet.
Wie groß die Empfindlichkeit der lebenden Zelle gegen
Spuren von Kupfer ist, geht wohl schlagend daraus hervor, daß
ein Glas, in dem eine Kupfermünze einige Zeit lag, seine Gift-
wirkung noch beibehält, weil Spuren von Kupfer an der Glasfläche
haften bleiben, die sich dann ablösen und in die Zelle eindringen.
Nägelis Befunde sind später nicht nur für Kupfer, sondern
auch für verschiedene andere Metallspuren wie Quecksilber, Silber
und Blei, sowie für Pflanzen verschiedener Art nachgewiesen worden,
und ich selbst konnte mich überzeugen, daß Algen bei Kultur in
Nickelgefäßen sich nicht entwickeln, weil Spuren von Nickel in
Lösung gehen und die Zellen töten.
Pasteur gebührt das Verdienst, als erster die biologische
Methode zur Sonderung schwer trennbarer isomerer Verbindungen
eingeführt zu haben. Die Weinsäure existiert bekanntlich in vier
Abarten, von denen die Rechts- und Linksweinsäure optisch aktiv,
die Traubensäure und Mesoweinsäure aber optisch inaktiv sind.
Die Traubensäure entsteht unter anderem durch Vermischen von
Rechts- und Linksweinsäure und kann, wie Pasteur gezeigt hat,
durch die vegetative Tätigkeit des Pinselschimmels Penicillium glau-
cum wieder optisch aktiv und gespalten werden, weil der Pilz
hauptsächlich die Rechtsweinsäure als Nahrung verbraucht, assi-
miliert, dadurch zum Verschwinden bringt und die Linksweinsäure
übrig: läßt.
Auch von der Milchsäure gibt es isomere Formen, die in ihrem
chemischen Verhalten vollständig übereinstimmen, sich physikalisch
zen 296 BER
sehr ähneln, aber optisch unterscheiden: die Rechts- und die Links-
milchsäure, die die Polarisationsebene ihrem Namen entsprechend
drehen, und die aus diesen beiden bestehende optisch inaktive
Gärungsmilchsäure. Penicillium assimiliert, wenn ihm diese geboten
wird, die Linksmilchsäure und läßt die Rechtsmilchsäure zurück:
gewisse Bakterien machen es
umgekehrt.
Spätere Untersuchungen ver-
schiedener Forscher zeigten, daß
nicht bloß Penicillium, sondern
auch Aspergillus niger und A.
flavus die Rechtsform der Wein-
säure mehr angreifen als die
Linksform und inzwischen wurde
das ‚biologische Verfahren der
Spaltung auch für zahlreiche
andere organische Stoffe mit
Erfolg benützt, und zwar nicht
bloß mit Schimmelpilzen, son-
dern auch mit Hefe- und Spalt-
pilzen. Die bakteriologische Me-
thode spielt überhaupt bereits
eine sehr bedeutungsvolle Rolle
in der Chemie, wie aus Ome-
lianskys Schrift deutlich her-
vorgeht.
Eine ganz überraschende
Empfindlichkeit bekundet die
Fig. 68. Einfluß des Tabakrauches
auf Bohnenkeimlinge. ( Phaseolus
vulgaris.) Rechts in reiner Luft; links in
Luft, der am Beginn des Versuches einmal
Tabakrauch (3 Zigarettenzüge pro 41% Liter
Luft) beigemischt wurde. Versuchsdauer II
Tage. Man beachte die Längen- und Dicken-
unterschiede der Stengel und die Längen-
unterschiede der Wurzeln. Der Versuch er-
folgte bei Abschluß von Licht.
Pflanze gegenüber Tabakrauch.
Er übt auf viele Pflanzen einen
höchst auffallenden schädigen-
den Einfluß aus. Keimlinge der
Wicke, Erbse, Bohne, des Kürbis
und anderer (rewächse nehmen im Tabakrauch ein abnormes Aus-
sehen an (Fig. 68). Wickenkeimlinge geben darin bei Lichtabschluß
ihre normale Wachstumsrichtung auf, ihre Stengel wachsen hori-
zontal oder schief, bleiben kurz, verdicken sich aber bedeutend.
Die Versuche wurden in der Weise ausgeführt, daß zu den
unter einer Glasglocke befindlichen Keimlingen (Wasserkulturen)
einmal etwa drei Züge Tabakrauch eingeblasen wurden. Es genügt
— 297 —
auch ein einziger. Ja, noch mehr! Wenn man die Glocke mit
einer Tabakrauchwolke füllt, mit Wasser absperrt, einen halben
Tag stehen läßt, dann die Glocke mit reiner Luft füllt und nun
über die Keimlinge der Wicke stülpt, so genügen die Abdun-
stungen der auf der inneren Oberfläche des (Glases befindlichen,
flüchtigen Kondensationsprodukte des Rauches, um den ge-
schilderten Einfluß in zwar schwacher, aber doch noch deutlich
merkbarer Form hervorzurufen.
Aber nicht nur Keimpflanzen, sondern auch viele erwachsene
Pflanzen werden vom Tabakrauch bedeutend geschädigt. Die krank-
hafte Entwicklung äußert sich in Verkrümmungen der Blätter, den
Wucherungen der Rindenporen, in dem oft schon nach 2—3 Tagen
eintretenden Laubfall und der verminderten Ausbildung des roten
Farbstoffs.
Mikroorganismen antworten auf Tabakrauch noch viel auf-
fallender als höhere Pflanzen, denn Bakterien, Amöben, Flagel-
laten und Infusorien werden nicht bloß geschädigt, sondern häufig
schon nach verhältnismäßig kurzer Zeit getötet. Empfindliche
Amöben sterben schon nach einer halben Stunde, manche Bak-
terien nach einer Stunde. Die auffallende, vielleicht narkotisierende
Wirkung des Tabakrauchs läßt sich in besonders auffälliger Weise
durch folgenden Versuch mit Leuchtbakterien veranschaulichen.
Ein auf Filtrierpapier ausgebreiteter Tropfen von Leuchtbouillon
mit Pseudomonas lucifera erlischt, in Tabakrauch gebracht, binnen
einer 1/,—ı Minute, leuchtet aber gleich darauf, in reines Meer-
wasser gebracht, nach zwei Minuten wieder auf. Mit der schäd-
lichen Wirkung des Tabakrauchs hängen auch die bösen Erfah-
rungen zusammen, die man mit der Kultur von Pflanzen in ver-
unreinigter Luft, besonders in der sogenannten „Laboratoriumsluft“
gemacht hat. (Richter.)
Die darin als Verunreinigung vorkommenden Gase und Dämpfe,
wie Spuren von Leuchtgas und verschiedenen Chemikalien, wirken
ganz ähnlich wie Tabakrauch, und die darüber gemachten Erfah-
rungen machen es dem Pflanzenphysiologen zur gebieterischen
Pflicht, seine Versuche in möglichst reiner Luft zu machen, um
sich vor Irrtümern zu bewahren. Darauf wurde in früherer Zeit
viel zu wenig geachtet, weil man die Empfindlichkeit des leben-
den Reagens stark unterschätzt hat.
Indes nicht nur die Botaniker, auch die Tierphysiologen,
Pharmakologen und Ärzte machen bereits vielfach Gebrauch von
— 298 —
dem biologischen Verfahren, und es ist keinem Zweifel unter-
worfen, daß das lebende Reagens in den einschlägigen Wissens-
zweigen in Zukunft noch eine viel bedeutendere Rolle spielen
wird als jetzt. Fühner hat in einem wertvollen Buche die ein-
schlägigen Erfahrungen insbesondere darüber, wie das Tier und
sogar der Mensch als Versuchsobjekt zum Nachweis von Giften
herangezogen werden kann, gesammelt, bereichert und die Brauch-
barkeit der biologischen Methode auf diesem Gebiete dargetan.
Für gewisse Pflanzenstoffe kennen wir überhaupt keine
chemischen Nachweise; hier setzt das biologische Verfahren mit
Erfolg ein. Solche Körper sind: das in den Samen von Ricinus
communis vorkommende höchst giftige Ricin, das in den Pater-
nostersamen (Abrus precatorius) befindliche Abrin, das Crotin der
Crotonsamen und das Robin in der Rinde der falschen Akazie.
Alle haben das Vermögen, die Blutkörperchen bestimmter Tiere
zu agglutinieren, das heißt zu verkleben oder zusammenzuballen.
Nach Stillmark wird durch Ricin Kaninchenblut in einer Kon-
zentration von 1:40000 vollständig, in einer Verdünnung von
ı:160000 nur noch wenig, Meerschweinchenblut in einer Kon-
zentration von 1:160000 völlig und in einer von 1:600000 noch
schwach zusammengeballt.e. Die genannten Gifte zeigen unter-
einander abgestufte oder besondere Unterschiede, indem sie sich -
entweder durch die Stärke der Agglutinationswirkung unter-
scheiden oder nur auf das Blut bestimmter Tiere wirken.
Manche Gifte rufen Hämolyse der Blutkörperchen hervor,
das heißt sie verursachen das Austreten des Blutfarbstoffs aus den
Blutzellen, und diese Erscheinung kann zur Erkennung gewisser
Blutgifte herangezogen werden. Sie eignet sich besonders zum
Nachweis der Saponine. Wird die hämolytische Methode unter
dem Mikroskop ausgeführt, so genügen natürlich schon außer-
ordentlich kleine Mengen von Saponin zur Hämolyse; gibt die
Probe ein positives Ergebnis, dann ist zur weiteren Kennzeichnung
als Saponin seine Entgiftung durch Cholesterin festzustellen.
Santonin, der wirksame Stoff einer Artemisiaart, der „flores
cinae“, vertreibt die Spulwürmer aus dem Darm des Menschen, ohne
die Würmer zu töten. Eines der gebräuchlichsten Bandwurmmittel
ist ein Auszug aus dem Wurzelstock des Wurmfarns (Aspidium filix
mas), und zu seiner Wertbestimmung kann mit Vorteil der leicht be-
schaffbare Regenwurm verwendet werden. Er stirbt schon nach 6
/
bis 8 Stunden, auch wenn ihm nur !/,, mg Filixsäure eingespritzt wird.
Granz besonders charakteristisch erscheint das Vergiftungsbild,
das der Frosch nach Vergiftung mit dem zentral erregenden
Strychnin, Pikrotoxin und Nikotin darbietet.
Wird der Frosch mit Strychnin vergiftet, so streckt er in-
folge hervorgerufener Krämpfe seine Hinterbeine gerade in der
Richtung seiner Längsachse aus. (Fig. 69.)
Erfolgt die Vergiftung durch Pikrotoxin, so streckt der
Frosch Vorder- und Hinterbeine mehr oder minder senkrecht zur
Längsachse von sich. Das Tier stützt sich nicht
mehr auf seine Vorderbeine und hält seine Hinter-
„beine vornehmlich in Beugestellung. (Fig. 70.)
Vergiftet man durch Einspritzung mit Nikotin-
lösung, so zieht der Frosch schon nach wenigen
Minuten in sitzender Stellung die Hinterbeine über
den Rücken in die Höhe, wobei er die Fersen ein-
ander manchmal bis zur Berührung nähert und die
Hinterbeine sogar über dem Rücken kreuzt. Keinem
anderen nahestehenden Gifte kommt eine solche
Wirkung zu: (Fig. 71.)
Hier gibt uns das biologische Verfahren durch
die charakteristischen Stellungen des Frosches Er-
kennungsmittel für Gifte an die Hand, die selbst-
verständlich den leblosen Reagentien versagt sind.
Zahlreiche ähnliche Beispiele könnten noch an-
geführt werden: So das biologische Verfahren zur _ x
Wertbestimmung der Digitalisblätter und Digitalis- rn
präparate am Froschherzen, der Nachweis des über- stellung. Nach
aus giftigen Aconitins durch Hervorrufung von Herz- ur
.krämpfen beim Frosche, durch Verkürzung und Starre des Muskels
und vieles andere.
Im Grunde genommen beruht ja die ganze Arzneimittellehre
und die experimentelle Pharmakologie im weitesten Sinne auf
Reaktionen der Lebewesen gegenüber gewissen Stoffen. Ja, die
alltägliche Erfahrung bringt es uns gar nicht mehr so recht zum
Bewußtsein, daß wir selbst auf Schritt und Tritt als lebende Rea-
gentien wirken. Werden uns doch oft gerade die wichtigsten und
charakteristischen Eigenschaften der Körper erst bekannt, wenn
wir sie am eigenen Leibe prüfen. Erst mit Hilfe unseres Ge-
schmacksinnes stellen wir fest, daß der Zucker, das Glyzerin und
das Saccharin süß, der Essig sauer, das Strychnin bitter und das
Kochsalz salzig schmeckt. Der Geruchsinn belehrt uns, daß die
Rose nach Rosenöl, der Waldmeister nach Cumarin und die Va-
nillefrucht nach Vanillin
duftet.
Der Naturmensch
hat seine Umgebung,
die Steine, Pflanzen
und Tiere mit einem
förmlichen Raffinement
mit Hilfe seiner Sinne
untersucht und so unse-
re wichtigsten und er-
probtesten Arzneimittel,
Rio. 707° Erosch, Pikrotoxinstellung. Gifte und Nahrungs-
; A mittel entdeckt. Hier
kam die biologische Methode in ihrer ursprünglichsten Form zu
allgemeiner Anwendung. Die Umwelt war das Agens, der Mensch
als Lebewesen das Reagens.
Einen wahren Triumph feier-
te das biologische Verfahren auf
dem (Grebiete der Immunitäts-
forschung, denn sie beruht in
letzter Linie auf der prompten
Reaktion des Lebewesens auf die
Einführung gewisser Gifte.
Wird einem für ein Bakterien-
gift empfänglichen Säugetier eine
kleine‘ Menge des Giftes (Toxin)
in die Blutbahn eingespritzt, so-
erzeugt es ein Gegengift (Anti-
toxin), und wenn die Impfung
Fig. 71. Frosch, Nikotinstellung. mehrmals wiederholt wird, so
Nach Fühner. vermag das Tier schließlich
Giftmengen schadlos zu ertragen, die am Beginne des Ver-
suchs tödlich gewesen wären. Das Tier wird auf diese Weise
künstlich immunisiert. Die Einführung eines pflanzlichen oder
tierischen körperfremden Stoffes ruft überhaupt die Bildung
spezifischer Reaktionsprodukte hervor, die derzeit chemisch
nicht definierbar und vorläufig als Antikörper bezeichnet werden.
Dazu gehören die Antitoxine, Hämolysine, Agglutinine, Präzi-
pitine u. a.
Von besonderer Bedeutung für die Erkennung der Verwandt-
schaft von Pflanzen und Tieren sind die Präzipitine geworden.
Wird das Eiweiß einer Pflanze, zum Beispiel einer Erbse, in die
Blutbahn eines Kaninchens eingeführt, so erhält nach wieder-
holter Einspritzung das Serum dieses Blutes die besondere Eigen-
schaft, nur mit dem Erbseneiweiß und seinen nächsten Verwandten,
den Leguminosen, einen Niederschlag (Präzipitin) zu geben, nicht
aber mit den im System fernstehenden Pflanzen, den Gräsern.
Besonders haben Magnus, Friedenthal, Mez und seine
Schüler die biologische Verwandtschaftsreaktion in den Dienst der
phylogenetischen Forschung gestellt und man kann wohl, unter
der Voraussetzung, daß die mit dem neuen Verfahren verbundenen
Fehlerquellen sorgfältig berücksichtigt werden, jetzt schon sagen,
daß der serumdiagnostische Versuch bei der Feststellung der Ver-
wandtschaft der Pflanzen gute Dienste geleistet hat und leisten
wird, insbesondere auch da, wo die Morphologie infolge von An-
passung der Gewächse an sehr verschiedene Lebensbedingungen
oder infolge ‘von Konvergenz bei der Erkennung der Verwandt-
schaft im Stiche läßt.
Dasselbe gilt auch vom Tierreich. Auf diesem (rebiete hat
Uhlenhuth die ersten grundlegenden Versuche gemacht, indem
er zunächst einen spezifischen Nachweis von Eiereiweiß auf bio-
logischem Wege erbrachte. Spritzt man Hühnereiereiweiß in die
Bauchhöhle eines Kaninchens ein, so bilden sich in dem Serum des
Tieres Stoffe, die bei Zusatz zu Hühnereiereiweiß eine Trübung
oder einen Niederschlag erzeugen. Diese Reaktion tritt nur mit
Eieralbumin ein, nicht aber mit den zahlreichen anderen geprüften
Eiweißarten. Selbst bei einer so großen Verdünnung von ı g
Eiweiß auf ıoo Liter Wasser fällt die Probe noch positiv aus,
während die gebräuchlichen chemischen Eiweißreaktionen bei
einer Verdünnung von ı g Eiweiß auf ı Liter Wasser in der
Regel schon im Stiche lassen. Demselben Forscher gelang es
auch, die Eiweißstoffe der verschiedenen Vogeleier — abgesehen
von denen ganz nah verwandter Vogelarten — voneinander zu
unterscheiden.
Noch bedeutungsvoller gestaltete sich die Heranziehung der
serumdiagnostischen Methode zum experimentellen Nachweis der
Blutsverwandtschaft zwischen Menschen- und Affengeschlecht.
Die Abstammung höherer Lebewesen aus niederen gilt wohl
unter Naturforschern als eine feststehende Tatsache, wenngleich
auch die Ansichten über das „Wie“ dieser Entwicklung noch
vielfach geteilt sind. Auch darüber, daß der Mensch als letztes
Glied der Entwicklungsreihe an die Spitze der Säugetiere zu
stellen ist und daß er den Affen am nächsten steht, herrscht
wohl kaum ein Zweifel, denn die Anatomie, Morphologie, Ent-
wicklungsgeschichte, Paläontologie und Phylogenie weisen alle
darauf hin.
Es ist nun von höchstem Interesse, daß durch Uhlenhuth
ein neuer biologisch-chemischer Beweis für die nahe Verwandt-
schaft zwischen Menschen und Affen erbracht wurde, der an
Feinheit wohl nichts zu wünschen übrig läßt. Er geht dabei von
einem Versuche aus, in dem das Blut eines Kaninchens, dem
mehrmals Hühnerblut einverleibt wurde, bei Zusatz zu einer
Hühnerblutlösung einen starken Niederschlag gibt, während alle
zur Kontrolle verwendeten Blutlösungen der verschiedensten Tiere
nach Hinzumischen dieses Serums völlig klar blieben. So kann
man Hühnerblut von allen anderen Blutarten unterscheiden, und
in analoger Form konnte Schweine-, Hunde-, Katzen- und auch
Menschenblut erkannt werden — eine Methode, die von ver-
schiedenen Kulturstaaten in die gerichtsärztliche Praxis eingeführt
und in der Kriminalistik bereits wertvolle Aufschlüsse gegeben hat.
Mit diesem Verfahren wurde schließlich von Uhlenhuth der
wichtige Nachweis geliefert, „daß das Serum eines mit Menschen-
blut vorbehandelten Kaninchens auch im Affenblut, sonst aber in
keiner anderen Blutart einen Niederschlag erzeugt“ (S. 84). Damit
war die Blutsverwandtschaft zwischen Menschen und Affen er-
wiesen und, wenn man bei Versuchen mit verschiedenen Affen
die Mengen des Niederschlags in Betracht zieht, so ergibt sich,
daß der Mensch den Menschenaffen (Orang-Utang, Gorilla, Schim-
panse) näher steht als den Hundeaffen, Meerkatzen und den Affen
der neuen Welt, was ja auch sonst mit den auf ganz anderem
Wege gewonnenen Auffassungen übereinstimmt.
Zum Schlusse noch die Frage: Wie kommt es, daß uns das
Lebewesen als chemisches Reagens oft wertvollere Aufschlüsse
für die chemische Analyse gibt als das leblose Reagens der
Chemie?
Betrachten wir zunächst den einfachsten Fall, das einzellige
Lebewesen, so zeigt eine nähere Überlegung, wie außerordentlich
— 3053 _—
günstig schon hier die Verhältnisse für chemische Reaktionen
liegen. Schon in dem mikroskopisch kleinen Raume der dem
freiem Auge unsichtbaren Zelle liegt eine große Summe ver-
schiedener Stoffe bereit, nicht etwa kunterbunt durcheinander
gemischt, sondern räumlich gesondert, aber doch auf dem Wege
der Diffusion und Osmose einander zugänglich. Lösungen ver-
schiedener anorganischer Körper, Säuren, Alkalien, Glykoside,
Fette, Eiweißkörper, Fermente und noch viele andere Stoffe liegen
auf einem mikroskopisch kleinen Punkt zusammengedrängt bei-
sammen und überdies noch durch den kolloidalen Charakter der
Zelle mit einer riesigen Oberfläche ausgestattet. So wie in einem -
unsichtbaren Radiumatom eine gewaltige Energiemenge aufge-
speichert ist, so erscheint hier in dem Mikrokosmos der lebenden
Zelle ein mikrochemisches Laboratorium von wunderbarer Zu-
sammensetzung .und Leistungsfähigkeit gegeben.
Bei dem höheren Organismus kommt noch die chemische
und Hand in Hand damit die physiologische Arbeitsteilung in
Betracht; beim Tier treten spezifische Gewebe, Muskel, Nerven
und Organe auf, die ihrerseits wieder mit so eigenartigen Reiz-
barkeiten ausgestattet sind, daß das lebende Reagens die Natur
der Stoffe durch ganz neue, dem leblosen Reagens fehlende
Ausdrucksmittel verrät: zum Beispiel, wenn der Frosch auf ge-
wisse Gifte durch ganz bestimmte Stellungen seiner Glieder ant-
wortet und so ein höchst eigenartiges Vergiftungsbild darbietet;
wenn das pulsierende Froschherz nach Einführung von Herzgiften,
wie Digitalin urid Strophantin, stillesteht; wenn das Koffein den
Skelettmuskel des Frosches in den Zustand der Verkürzung und
Starre versetzt oder wenn das Atropin, in kleinster Menge
angewendet, die Pupille des Katzen- und Menschenauges auf-
fallend erweitert und das Physostigmin, Muskarin und Nikotin
es verengt.
In allen diesen Fällen spielt die Reizbarkeit der lebenden
Substanz eine wichtige Rolle und sie ist es unter anderem, die
dem Lebewesen in seiner chemischen Reaktionsfähigkeit gegen-
über der Außenwelt einen so gewaltigen Vorsprung gewährt, daß
es. die leblosen Reaktionsmittel in vielen Fällen nicht nur über-
trifft, sondern sogar noch Aufschluß gibt, wo diese völlig ver-
sagen.
17
[977
in
6.
-
IO.
II.
ee
Literatur.
. Fischer, E., Untersuchungen über Aminosäuren, Polypeptide und Proteine (1899
— 1906). Julius Springer, Berlin 1906. Vgl. auch Oppenheim, €.: Handbuch
d. Biochemie, I. Bd., S. 406.
. Engelmann, Th. W., Neue Methode zur Untersuchung der Sauerstoffausscheidung
pflanzlicher und tierischer Organismen. Bot. Ztg., 1881, S. 441.
. Beijerinck, M. W., Les bacteries lumineuses dans leur rapports avec l’oxygene.
Extrait des Archives Neerlandaises. T. XXIII, S. 416—427 (1889).
. Molisch, H., Leuchtende Pflanzen. 2. Aufl.,, Jena ıgı2, S. 125—126.
— Über Kohlensäure-Assimilationsversuche mittels der Leuchtbakterienmethode.
Bot. Ztg., 1904.
. Gosio, B., Arch. Ital. de Biologie, 1892. Bd. ı8, S. 253. Die übrige Literatur
in F. Lafar’s Handbuch der technischen Mykologie, I. Bd., S. 294—295.
Nägeli, C. v., Über oligodynamische Erscheinungen in lebenden Zellen. Denk-
“schrift d. schweizer. naturforschenden Ges. Bd. XXXIH. I. 1893. S. auch Bot.
Ztor, LIEGT
. Czapek, F., Biochemie der Pflanzen. 2. Aufl., 1913, Bd. I, S. 178 ff.
Molisch, H., Die Ernährung der Algen. I. Abhand. Sitzber. d. k. Akad. d.
Wissensch. in Wien. Mathem.-naturw. Kl. Bd. CIV, Abt. I, 1895, S. 789.
. Pasteur, L., Compt. rend. de l’Acad. 1858, Bd. 46, S. 615; 1860, Bd. 51, S. 298.
Vgl. auch Lafar, F.: Handbuch d. techn. Mykologie. I. Bd., S. 430, Jena
1904— 1907.
Omeliansky, W., De la methode bacteriologique dans les recherches de chimie,
Extrait des „Archives des sciences biologiques“. T. XII, Nr. 3, 1906.
Molisch, H., Über den Einfluß des Tabakrauches auf die Pflanze. I. Teil.
Sitzber. d. kais. Akad. d. Wissensch. in Wien. Bd. CXX. Abt. I. ıgı1.
S. 3. I. Teil ebenda, S. 813.
‚ Richter, ©., Über den Einfluß verunreinigter Luft auf Heliotropismus und Geo-
tropismus. Ebenda 1906. Bd. 115, S. 265 und ıgı2, Bd. 121, S. 1183.
. Fühner, H., Nachweis und Bestimmung von Giften auf biologischem Wege.
Berlin, Wien 1911.
. Mez,C. u. Gohlke, K., Physiologisch-systematische Untersuchungen über die Ver-
wandtschaften der Angiospermen. Beitr. z. Biologie d. Pflanzen. XI. Bd.,
1914, S. 155. Vgl. auch das Referat darüber von Magnus, W., Zeitschr. f.
Botan., 1914. S. 849.
;: Uhlenhuth, Das biologische Verfahren zur Erkennung und Unterscheidung von
Menschen- und Tierblut usw. Jena 1905.
- Autoren-Verzeichnis.
Abbe 94.
Apelt 127, 129.
Aristoteles 130.
Arrhenius, S. 140, I4I, 225.
Aschkinaß 146.
Balthasard 146.
Bardeleben, K. v. 8.
Bartels 169.
Bartetzko 127, 129.
Bary, de 106.
"Baumann 146.
Baur, E. 94, 197.
Becquerel, P. 142, I9I, 192.
Beijerink 293.
Bernard, C. 74.
Boehm, J. 241.
Bokorny, Th. 184.
Bonnet 284.
Bonnier, G. 212, 213, 241.
Bostock, J. 219.
Bouchard 146.
Braun, A. 284.
Brücke, E. v. 102.
Bruyn, de 103.
Burbank 205.
Burgerstein, A. 188.
Caesalpin 284.
Camerarius 175.
Carriere 261.
Caspari 146.
Caspary 125.
Gohn, ER. 16,105, 237:
Combes, R. 212.
Collon, A. 9ı.
Curie 144.
Czapek 304.
Danysz 146.
Darwin, Ch.
bis 289.
102, 279, 286
Molisch, Populäre biologische Vorträge.
Dauphin 147.
Delpino 236.
Detmer 121.
Dioscorides 222.
Dixon 146.
Dan 232.
Dorn 146.
Dove 130.
Drude 223.
Dubois, R. 62.
Du Bois-Reymond 143.
Dunbar 219.
Dusch 132.
Dutrochet 282.
Ehrenberg 104, 105, 212, 224.
Engelmann 292—293.
Errera, L. 99, 100.
Ewert 203, 204, 205.
Fayden, A. Mac 214.
Fischer, H. W. 129.
Fischer, E. -292.
Fitting, H. 259.
Flammarion 137.
Friedberger 146.
Friedenthal 301.
Frosch 93, 94.
Fühner 298.
Gager 148.
Gaidukov, N. 96, 97, 103,
104.
Goebel 283, 284..
Goethe, W.v. I, 279.
Göppert 12I, 125.
Goldberg 146.
Goring 87.
Gosio 294.
2. Aufl.
Grimm, J. 265.
Gruner, P. 144.
Häckel, E. 100, 135.
Hampson, W. 266.
Hansen, A. 213. 281.
Harvey, N. E. 62.
Hegel 281.
Heidenhain, M. 102.
Helmholtz, H. v. 4, 138,
140.
Hellriegel 178.
Helmont, v. 131.
Henslov, G. 206.
Hertwig, ©. 102.
Hildebrand 188, 256. -
Hoffmann 146.
Hooke, R. 131.
Hufeland, C. W. 247, 253.
Humboldt, A. v. 64, 249.
Hunger 95.
Irmscher 186.
Jäger 103.
Jansen 150.
Johannsen, W. 74, 75, 84.
Junghuhn 173.
Kalvin 138, 140.
Knight 261.
Kny, L. 260.
Koch, R. 10.
Kochs, 191
Körnicke 146, 147.
Krausı@r 235, 236,237.
Kreidl, A. 108.
Kubialko 182.
Lamarck 235.
Lavoisier 292.
Leeuwenhoek 99, I31, 132.
20
Leick, E. 236.
Liebenberg, V. v. 187.
Liebig 292.
Lindley 282.
Lindemuth 94, 263.
Lobb 252.
Loew, O. 184.
Löffler 93, 94-
Löwenthal 146.
London 146.
Magnus 301.
Martius, v. 279,-280, 282.
Matruchot, L. 212.
Matsamura 47.
Metschnikoff, E. 247.
Mer 261.
Meyer, O.C. 103.
Mez 127, 128, 301.
Miehe, H. 238.
Migula 106.
Miquel, P. 213.
Mohnike 174.
Molisch, H. 20, 69, 75, 84,
92, 128, 142, 150, 158,
162,072, 278,182, 101,
199, 203, 205, 210, 225,
229, 233, 236, 245, 254,
279, 293:
Mouton, H. 91.
Müller, HB. 74,
203,0720441273.
Müller, J. 11.
Münter 188.
Myioshi 47.
1220126,
Nägeli, C. v. 100—-104, 125,
135, 136 294, 295.
Needham 132,
Nestler, A. 187, 210, 213,
237 254.
Neumann, A. 108,
306
Newton, J. 9, IO.
Nocard 93.
Omeliansky 146, 296.
Pasteur 133—135, 210,277,
295.
Peter, A. 190,
Pfeffer, W. 126, 128.
Pfeiffer 93, 146.
Pflüger 136.
Pouchet 277.
Preyer, W. 139, ı81, 182.
Pritchard 87.
Pütter, A. 182,
Queckett, J. 87.
Radziszewski 61.
Raehlmann, E. 96, 97.
Reichart, Chr. 258.
Reichert, K. 88, 105, 106.
Treinke,j.2137-
Richards 241.
Richter, H.E, 137, 140.
Richter, ©. 297.
Röntgen 267.
Rutherford 145.
Roux 93, IO2.
Sachs, J. v- III, 120, 125.
Saito, K. 213.
Sales-Guyon de Montliveult
137:
Schaffnit 126, 127, 129.
Schelling 281. |
Schimper, K. F. 284.
Schneider-Orelli, D. 275,
276.
Schröder, G. 186, 187.
Schröder 132.
Schultz-Lupitz 178.
.————o
Schulze 132.
Schuster, M. 224.
Schwann 132.
Selander, N. E. 213.
Siedentopf, H., 86—88, 96.
Soddy 145.
Spalanzani 132.
Spencer 102.
Stich 241.
Stillmark 298.
Stöhr, A. 130.
Stoklasa 155, 156.
Sueß, E. 109.
Theophrast 131.
Tieghem, v. 106,
Tschirch, A. 169.
Uhlenhuth 301, 302.
Unger, F. 188, 208, 212.
Valentiner 146.
Verworn 140, 182,
Virchow, R. 9.
Voigtländer 127, 129.
Vries, H. de 102, 261.
Wallace, A.R. 21.
Warming 105.
Weismann, A. Io2, 248.
Wiesner, J. [102—104, 143,
170, 238, 269, 289.
Wigham 146,
Wilfarth 178.
Winkler, F. 155.
Winkler, H. 260.
Wittmack, L. 189.
Woronin 178.
Zellner 280.
Zeno 278,
Zsigmondy, R. 86, 96.
Seite 4,
”
9,
18,
19,
Berichtigungen.
Zeile ı9 von oben: statt Meta lies Meta-
13
4
“
16
„
et
,
„
unten:
statt Meterologie lies Meteorologie
statt Mammuth lies Mammut
statt schöner Blüten lies: an schönen
Blüten
statt Kopfhaare, wie dies sonst in China
allgemein üblich ist, nicht rasieren, lies:
Kopfhaare nicht, wie diessonst in China -
allgemein üblich ist, rasieren.
statt weise lies weiße
statt nnd lies und
statt zadica lies zudıca
statt Eis lies Wasser
statt trockne lies trockene
Im
3 5185
B EB RHR RE ; ERBERE
gr If:
AnRRERET
ANtriSHRH h :
ae
Aue Fehr
Alecat
ft
E
ar
De
a
kei HERR ! x } i AH '
ai E Bi Bir r { : Pak ir Kr
Bil
HRE
Hu
Ki
HE
Ka
ni ze .
AHEHIR
HE
HERE Hi
A East
_
ir! }
; HH
Kt
Ey
i
Han Hr
Kir Hareintgin Bil
[%
i EHE Hi
er
ee
rt
nenne ET,
IH
ie
5
He
Aaragıger
Ana!
PART
eh hen